Oberhes
Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
—
Aedaktion: Gießen Bahuboffraße 22 dtrnpehtr 2b.
0
0
kitung
bpebitlen: Sleßes Bahnhofstraße 22 ötrusprecher 2008.
Die Oberh. Volkszeitung erscheint jeden Werttag vormittag in Gießen. Der ae mit den Beilagen, Das Blatt der Frau“ und„Land⸗ wirtschaflliche Beilage“ beträgt monatlich 780.— Pet. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezogen 780.— Me. einschl. Bestellgeld. Einzelnumm. 20.— Mt,
Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters. Für den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Verlag von Hermann Neumann& Cie., sämtlich in Gießen. Druckt: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M.
Der Anzeigenpreis beträgt für die Millimeterzeile(5 mm breit) oder deren Raum lokal 7.— Met., auswärts 10.— Mt, die Retlamemillim 80.— Mk. Bei größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird entspre
der Rabatt gewährt— Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends.
Nr. 38
Gießen, Donnerstag, den 11. Januar 1923
18. Jahrgang
Die Besetzung der Nuhr.
Die Feststellung der„absichtlichen“ Verfehlung.
Die Reparationskommission stellte am Dienstag in dreistündiger Sitzung mit drei Stimmen gegen eine die absichtliche Verfehlung Deutschlands in der Frage der Kohlenlieferungen fest. Bradbury stimmte da⸗ gegen. Vor der Abstimmung machten der Direktor des deutschen Kohlensyndikats, Lübsen und Geheim⸗ rat Ruppel vor der Kommission längere Aus⸗
führungen. Der Vormarschbeschluß des Pariser Kabinetts.
Der Chicago Tribune zufolge hat der Kabinettsrat in
Paris beschlossen, mit dem Vormarsch ins Ruhrrevier am
Mittwoch morgen vor Tagesanbruch zu beginnen. Falls Marschall Foch sowie seine Mitarbeiter im Arbeits- und Finanzministerium bis dahin noch nicht bereit sein sollten, soll der Vormarsch bis spätestens Donnerstag morgen hin⸗ ausgeschoben werden. Bei diesem Kabinettsrat sollen mehrere Stimmen dafür abgegeben worden sein, mit dem Vormarsch bis nach dem 15. Januar als dem Fälligkeitstage der nächsten deutschen Barzahlung zu warten. Die Mehrheit beschloß jedoch, daß die deutschen Verfehlungen in den Kohlen. und Holzlieferungen als Grundlage für den Vormarsch genügen.
Der Befehl an die Truppen lautet auf die Besetzung don Essen und Mühlheim. Bochum und Gelsenkirchen sollen besetzt werden, falls die Lage die Notwendigkeit dazu er⸗ geben sollte.
Die französischen Vorbereitungen.
Der kommandierende General des von Belgiern be— setzten Brückenkopfes Düsseldorf hat alle Besitzer von Kraft⸗ wagen, sowohl Lastkraftwagen wie Personenkraftwagen, so⸗ weit ihnen schon ein Requisitionsbefebl zugegangen ist, auf⸗ gefordert, diese Kraftwagen sofort an der Kaserne Napoleon in der Tannenstraße vorzuführen. Der Oberbürgermeister oder ein von ihm bestimmter Vertreter müssen bei der Vor⸗ führung der Kraftwagen zugegen sein. Wer diesem Be⸗ fehl nicht Folge leistet, wird neben der Beschlagnahme der Wagen mit der Aburteilung vor einem Kriegsgericht bedroht. Für die Requisitionszeit dürfen Kraftwagen das Gebiet des Brückenkopfes Düsseldorf nur mit besonderen Erlaubnis⸗ scheinen der Besatzungsbehörden verlassen.
Die Folge dieser Anordnung war, daß sich sofort lange Kolonnen von Kraftwagen vor der Kommandantur bildeten, deren Führer Erlaubnis zum Verlassen des Gebietes des Brückenkopfes Düsseldorf einholen wollten.
In Duisburg haben die französischen Behörden außer dem Lyzeum und dem staatlichen Gymnasium noch acht
weitere Volksschulen für Truppenkasernierung beschlag⸗ nahmt. Damit ist Duisburg fast ohne Schulgebäude für
Unterrichtszwecke, weil die Besatzungstruppen schon bisher eine Reihe von Schulgebäuden für ihre Bedürfnisse beschlag⸗ nahmt hatten. Das Hotel„Berliner Hof“ ist von den Be⸗ satzungstruppen als Generalswohnung beschlagnahmt. Der Duisburger Bahnhof steht voll französischer Truppen. Nach einer Mitteilung der Eisenbahndirektion Elberfeld fordert die Interalliierte Kommission die Gestellung einer
großen Anzahl von Zügen für militärische Transporte. Die
internationalen Züge, die Kohlenzüge für die Internationale Kommission, Arbeiterzüge, möglichst auch die Personenzüge sollen beibehalten werden.
Aufruf des Neichspräsidenten.
Reichspräsident Ebert hat an die Bevölkerung des von der neuen Besetzung bedrohten Gebietes durch öffentlichen
Anschlag folgenden öffentlichen Aufruf gerichtet:
Mitbürger! Gestützt auf militärische Gewalt schickt sich fremde Willkür an, erneut das Selbstbestim⸗ mungs recht des deutschen Volkes zu verletzen; abermals erfolgt ein Einbruch unserer Gegner in deutsches Land. Die
Politik der Gewalt, die seit dem Friedensschlust die Verträge
verletzt und die Menschenrechte mit Füßen tritt, bedroht das Kerngebiet der deutschen Wirtschaft, die Hauptquesle unserer Arbeit, das Brot der deutschen Indu- strie und der gesamten Arbeiterschaft. Die Ausführung des Friedensvertrages wird so zur absoluten Unmöglichkeit. Zugleich werden die Lebensbedingungen des schwerleidenden deutschen Volkes noch weiterhin zerrüttet. N
Der Vertrag von Versailles sollte den Völkern den er⸗ sehnten Frieden bringen. Was hier geschieht, ist aber eine
f Fortsctzung des Uẽrechts und der Gewalt: es ist Vertrags
bruch, angetan einem entwaffneten, wehrlosen Volke. Deutsch⸗ land war bereit, zu leisten, soweit seine Kraft reicht. Trotz⸗ dem wird es nun überfallen. 8 Diesen Gewaltakt klagen wir vor Europa und der ganzen Welt an; laut erheben wir unsere Stimme, daß hier eine fremde Macht das heilige Recht des deutschen Volkes am eigenen Boden und sein Recht zum Leben vergewaltigt.
Nun sollt Ihr für das ganze deutsche Vaterland das harte Los der Fremdͤherrschaft erleiden! Harrt aus in duldender Treue, bleibt fest, bleibt ruhig und bleibt be⸗ sonnen! Tretet im Gefühle unseres guten Rechts in ernster Würde den fremden Gewalthabern entgegen, bis der Morgen tagt, der dem Recht seinen Platz und Euch die Frei⸗ heit gibt. Wir aber geloben Euch treue Hilfe; unsere rast⸗ lose Sorge wird sein, nichts ungeschehen zu lassen, um die Dauer der Fremdherrschaft abzukürzen, Eure Not zu lindern und den Weg zum wahren Frieden zu finden. An deutschem Gemeinsinn und an opferfreudiger Vaterlands⸗ liebe werden die fremden Machtpläne zerschellen! Haltet alle Zeit hoch die deutsche Einheit und unser gutes Recht!
Reichspräsident: Ebert.— Reichskanzler: Cuno.“
Die Stellung der Reichsregierung.
Aus Berlin wird uns gemeldet:
Die Reichsregierung hat die am Montag abgebrochene Beratung über die Maßnahmen gegen die französische Aktion im Ruhrgebiet am Dienstag fortgesetzt und vorläufig abgeschlossen. Die ausgearbeiteten und als moralische Gegenaktion gedachten Pläne tragen naturgemäß solange provisorischen Charakter, als die Besetzung Essens oder anderer Gebietsteile nicht Tatsache geworden ist. U. a. spricht man in politischen Kreisen auch von der Abberufung des deutschen Botschafters in Paris, sobald Essen besetzt ist. Wir sind der Auffassung, daß die Reichsregierung sich hüten sollte diesen Schritt zu machen, da durch eine Berufung des Herrn v. Mayer nach Berlin die Situation nicht gebessert wird und wir der moralischen Geste, die im Augenblick vielleicht für Deutschland spricht, nach vier Wochen notge⸗ drungen eine moralische Niederlage werden folgen lassen müssen, indem wir unsern Botschafter wieder nach Paris zurückschicken.
Die Arbeiterschaft Essens denkt nicht daran, die neue Gewalttat Poincarés ohne weiteres hinzunehmen. Sie beab⸗ sichtigt andererseits aber auch nicht, den Franzosen durch irgendwelche Handlungen Anlaß zum Eingreifen zu geben. Soweit wir unterrichtet sind, soll bald nach der Besetzung Essens ein halbstündiger Proteststreik proklamiert werden, der den Franzosen zu verstehen geben wird, daß sie auf Sym⸗ pathien bei der Arbeiterschaft nicht zu rechnen haben.
Rückkehr Dr. Luthers nach Essen.
Laut Berliner Tageblatt wird Reichsernährungsminister Dr. Luther angesichts der schweren Bedrohung, der die Stadt Essen aus⸗ gesetzt ist, einen längeren Urlaub antreten und sein früheres Amt als Oberbürgermeister der Stadt Essen vorübergehend wieder über⸗
nehmen. Das französische Aufgebot.
Ueber die militärischen Vorbereitungen Frankreichs bringt die Liberte ausführliche Meldungen, denen folgendes entnommen sei: Die Besetzung von Essen soll morgen früh beendet sein. Es ist die ganze Rheinarmee, bestehend aus dem 30., 32. und 35. Armeekorps, in Alarmzustand. An der Spitze der ins Ruhrgebiet einrückenden Truppen wird die 510. Tankgruppe marschieren. Ferner gehören zu der Armee eine Kavalleriedivision und 6 Feldartillerieregimenter sowie 3 Regimenter schwerer Artillerie. Auch eine große Abteilung Flieger ist aufgeboten worden. Es sind ferner alle Vor- kehrungen getroffen, daß der Eisenbahndienst und der Schiffahrtsdienst von französischen Beamten kontrolliert und aufrechterhalten wird. Die Techniker, die den deutschen Bergwerken beigegeben werden, sind bei dem Generalstab in Düsseldorf vereinigt.
Sitzung des englischen Kabinetts.
Das englische Kabinett ist für Donnerstag einberufen worden. Bonar Law wird einen Bericht erstatten über die Pariser Konferenz. Das englische Kabinett wird sich in dieser Sitzung auch mit der durch den französischen Vor⸗ marsch in das Ruhrgebiet geschaffenen veränderten Lage befassen.
Die Londoner Börse zur drohenden Ruhr⸗
besetzung.
Aus London wird gemeldet: Als Folge der Unsicherheit in der politischen Lage zeigte sich gestern an der hiesigen Börse ein
scharfer Fall der Continentalen Wechsel⸗Raten. Die deutsche Mark erlitt bei Eröffnung der Börse einen neuen Rekorttiefstand von 50 000 für 1 Pfund Sterling. Später erholte sie sich jedoch wieder etwas und notierte bei Schluß der Vörse 46000. Auch der fran⸗ zösische Franken erlitt eine ähnliche Abschwächung. Er notierte anfangs 70 für 1 Pfund Sterling und erholte sich später eben⸗ falls um weniges. Die belgische und italtenische Währung be⸗ wegte sich in den gleichen Linien und waren zum Schiuß der Börse wesentlich schwächer als vorgestern. Die englische Nate auf New⸗Jork wurde von den starken Schwankungen der Con⸗ tinentalen Währungen nicht beeinfußt. Das Pfund Sterling zeigte zu Beginn der Börse eine kleine Gedrücktheit.
Italien und die Ruhrbesetzung.
Auf einen Antrag des Abgeordneten Cianfarra, von der Partei der Popolarie, faßte die Kommission für das Auswärtige Amt einen Beschluß, gegen die Beteiligung Italiens an den franzö chen Ope⸗ rationen im Ruhrgebiet. In der Begründung wird nsbesondere darauf hingewiesen, daß die Frage der Reparationen auf das engste mit den interolliierten Schulden verknüpft sei. Während der anglo⸗ amerikanischen Verhandlungen soll man also Deutschland ein kurzes Moratorium gewähren. Weiter wird gemeldet, wenn der amerika⸗ nische Standpunkt über alle anderen den Sieg davon trage, so werde auch Italien diese Politik aufgreifen und alle einschlägigen Probleme von neuem betrachten. Die Kommission ist der Ueberzeugung, daß die französische Aktion an der Ruhr für den europäischen Frieden ge⸗ jährlich ist, weil sie die Gefahr vergrößert, daß sich die deutsch⸗russische Annäherung nur noch 7— vollzieht, besonders angesichts der französisch⸗englischen Entsernung.. 5
Auf diesen Beschluß ist wohl auch die Meldung der Kölnischen Zeitung zurückzuführen, wonach Vorstellungen Italiens Poincarẽ veranlaßt hätten, seine Absicht, das Vorgehen im Ruhrgebiet gleich nach der Erklärung der Verfehlung Deutschlands in der Kohlenfrage zu beginnen, aufzugeben und bis zum 15. Jannar zu verschieben.
Neues vom Tage.
Die neuen Löhne der Staatsarbeiter.
Die Verhandlungen im Reichs finanzminifterium mit den Spitzenorganisationen über die Erhöhung der Dohne der Reichsarbeiter haben damit abgeschlossen, daß in der ersten Ortsklasse der angelernte Arbeiter für die erste Hälfte Januar eine Stundenlohnerhöhung von 50 Mark, für die zweite Hälfte von 100 Mark gegenüber den Löhnen der zweiten Dezemberhälfte erhalten soll. Es steht zu erwarten, daß die heute zusammentretenden Vorstände der Gewerk⸗ schaften dem Ergebnis zustimmen. Das Reichskabinett wird sich unmittelbar nach dem Abschluß der Verhandlungen nit den Beamten und Angestelltenorganisationen über die Regelung der Bezüge der Beamten und Angestellten mit der Gesamtfrage befassen.
Die dringende Säuberung.
Der Reichssportkommissar Dr. Saemisch beabsichtigt jetzt endgültig, das Reichspensionsamt als selbständige Behörde aufzulösen. Dieses Amt hat tatsächlich nicht nur keine sach⸗ liche Berechtigung im verarmten Deutschland, sondern war auch bei seiner Zusammensetzung aus altpreußischen Beamten und Offizieren bisher der Herd wildester Agitation gegen die Republik. Zurzeit schweben nicht weniger als fünf Disziplinarverfahren gegen höhere Beamte An wegen herabsetzender Aeußerungen gegen die republikanische Staatsform. Wenn also hier der Besen des Sparkommissars zuerst ansetzt, so ist es an einer Stelle, die dringend der Säuberung bedarf. Schade, daß sie nicht schon unter dem Kabinett Wirth geschah.
Deutschvölkische Umtriebe in Oberschlesien.
In Deutsch⸗Oberschlesten macht sich in den letzten Tagen das deutschwölkische Unwesen in besonders auffälliger Weise bemerk⸗ bar. In verschiedenen Orten ist es zu Umzügen von rechts n Gruppen gekommen, die mit Knsippeln und Gewehren bewaffnet waren. Auch die Organisationen der rechtsradikalen Gruppen, besonders die in verschleierter Form auftretenden Werkturnver⸗ eine, Militärvereine usw., breiten sich in den letzten Wochen in auffälliger Weise aus. Bemerkenswert ist, daß zahlreiche bayerische Agitatoren zurzeit in Deutsch⸗Oberschlesien weilen. Der Oberpräsident von Oberschlesten, Geheimrat Bitta, der übrigens die Altersgrenze schon lange überschritten hat, hat bisher in keinem einzigen Falle von seinen besonderen Vollmachten zur Unterdrückung dieses Unwesens, das auch außenpolitische Ge fahren bringen kann, da es in der polnischen Presse in über · triebener Weise dargestellt wird, Gebrauch gemacht. Auch der Re⸗ gierungspräsident von Oberschlesien scheint seine Polizei nicht vollständig in der Hand zu haben, da sonst ein Einschreiten ber mehr als einer Gelegenheit schon selbstverständlich gewesen wäre. Die Verordnungen Severings gegen die rechtsradikalen Gruppen werden zwar in den oberschlesischen Zeitungen abgedruckt. nehmen sich aber angesichts dieser Vorgänge als rein akade mische Erörterungen aus.
Politische Uebersicht. Republik und Reichswehr.
In der letzten Sitzung des Reichstagsausschusses zur Prüfung der Vorwürfe gegen die Reichswehr befaßte won 9
dieses Amtes
8
7
5 N
3 982
N
——.—
U 1 8


