Ausgabe 
10.2.1923
 
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ein Ultimatum gestellt, das die Eröffnung von Verhandlungen zur allgemeinen Erhöhung der Löhne und zur Einbeziehung der Teue rungszulagen in die Löhne fordert.

s Die Schweizer Note.

Die schweize rische Note an Frankreich und Deutschland, in der der Bundes rat in freundlicher Weise auf die ernsten Folgen wegen 5 der Einstellung des Zugverkehrs hinweist, ist durch die Schweizer 5 Gesandtschaften in Berlin und Paris übergeben worden.

71 Nach der Nationalzeitung hat der französische Gesandte in Bern 75 vor Absendung der Note sich beeilt, offiziell mündlich mitzuteilen, daß 2 die Lage mit den französischen Maßnahmen nicht zusammenhänge, 8 175 auf die passive Resistenz der deutschen 1 isenbahner zurückzuführen sei.

7 Wenn diese Lesart richtig ist, beweist es nur aufs Neue, daß es 8 mit der vielgerühmten Unabhängigkeit derfreien Schweizer nicht . weit her ist. Sie scheinen nicht wissen zu wollen, daß die deutschen 5 Eisenbahner in dem schweizerischen Nationalheros Wilhelm Tell ihr i Vorbild sehen und sie, gleich wie er, gegen eine fremde Tyrannei im 8 Kampf stehen.

3 Neues vom Tage. Dass Ultimatum von Smyrna.

Der Gouverneur von Swyrna hat der Besatzung der

Kriegsschiffe der Entente mitgeteilt, daß er die Abzugsfrist

aller über 1000 Tonnen großen alliierten Schiffe um 24

Stunden verlängere. Es verlautet, daß sich Bonar Law und

Poincaré darüber verständigt haben, irgendwelche türkische

Feindseligkeiten gemeinsam abzuwehren. Eut⸗

4 sprechende Vorbereitungen sind bereits getroffen. Zwei

3 englische Schlachtschiffe sollen nach Smyrna

unterwegs sein, ebenso wird behauptet, daß sich im

125 von Smyrna zwei englische Kreuzer ein

französischer Kreuzer, ein französisches

Torpedoboot, ein Kanonenboot und vier amerikanische Torpedoboote befinden.

8 Der Zwischenfall von Smyrna. . In der Angelegenheit von Smyrna besagt die neueste Meldung, f bie in Paris aus Konstantinopel vorliegt, der Gouverneur von Au⸗ gora soll den französischen Konsul verständigt haben, daß für die Ab⸗ reise der Kriegsschiffe aus dem Hafen eine Fristverlängerung von 24 Stunden bewilligt worden sel, damit der Gouverneur die Mög⸗ lichkeit erhält, Weisungen aus Angora abzuwarten. Dem Temps zu⸗ folge sind die bisherigen Schritte in dieser Frage folgendermaßen verlaufen: Die türkische Regie rung hat zunächst die Entfernung der 2 französischen und italienischen Kriegsschiffe bis zur 0 rnacht des 7. Februar verlangt, dann die beschleunigte Ent⸗ ferung vor Einbruch der Nacht gefordert. Gleichzeitig mit diesem Ultimatum, das an den Kommandanten und die Oberkommissäre in ee gerichtet wurde, sandte die Angorgreglerung eine schriftliche Note des gleichen Inhalts nach Paris und Rom, dagegen nicht nach London, angeblich, weil sie dort keinen Vertreter hat. Auf diese tilrkische Note hat Frankreich, wie bereits gemeldet, ablehnend geantwortet, nach dem es sich mit England über den Wortlaut der Antwortnote geeinigt hätte. Inzwischen hat die Angoraregierung die Frist in der oben mitgeteilten Form verlängert, andererseits aber die B von Smyrna mit versperrt und die alliferten Re⸗ gierungen davon verständigt. Frankreich steht auf dem Standpunkt, daß es diese Sperre nicht anerkennt und ihre Aufhebung verlangen Die Pariser Prsse bezeichnet den Zirischenfal von Smmprma als Heine Sensation, die ihr als Ablenkung vom Lausanner Miß⸗ nicht ganz unwillkommen sein scheint. Das Journal de Debats setzt seine antitürkische itik fort, in dem es die Angora⸗ als eine Verletzung bes Waffenstillstandes von Mudros

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g nalistis bolschewistischen und über dies eise Zusam⸗ menstellung, die hier nicht zum ersten Male auftritt alldeutschen

N Einflusses bezeichnet. Dem genannten Blatte zufolge hätten deutsche Industrie⸗ und Finanzleute in Anatolien Fuß gefaßt und sie be⸗ 5 nutzen die jetzige Situation, um Frankreich zu schädigen. Deutsche ö Offiztere sollen in Angora mit dem kemalistischen Generalstab zusam⸗

1 menarbeiten. Den Deutschen zuliebe hätte man die Armenier und 6 Griechen vertrieben und erschwere man jetzt den Engländern und Franzosen das Leben. In ähnlichem Sinne schreibt der Temps, daß N ein orientälischer Konflikt der deutschen Regierung, da diese angeblich

7 0 A 18 ei f. 2 malen und die ngoraregie rung ein In trunent natio⸗

willkommen sein muß. Deutschland habe auf bisher unbekanntem

diplomatischen Wege Einfluß in der Türkei gewonnen. Alle Kriegs⸗

gefahren, so schreibt der Temps mit einer pathetischen zwen⸗

dung haben im gegenwärtigen Augenblick ihr Zentrum in Berlin. Die Auffassung in London.

Aus London wird dem Temps berichtet: Das Ultimatum der Angoraregierung an die alliierten Kriegsschiffe wird in London als ein Versuch zur Einschichterung der Verbündeten angesehen. Dasselbe glaubt man von der Einberufung türkischer Offiziere. Man hält es auch für möglich, daß man es in Smyrna mit einem Fehlschritt des Platzkommandanten zu tun hat, der auf die Mel⸗ dung vom Abbruch der Lausanner Verhandlungen etwas unter⸗ nehmen wollte. Diese Auffassung vertritt der Angoravertreter in Konstantinopel, Abnan Bey, der dem Daily Telegraph ein Inter⸗ view gab Abnan Bey hat erklärt, daß der Zwischenfall von Smyrna ohne große Bedeutung sei und bald beigelegt werden würde. Die angebliche Einberufung türkischer Offiziere habe nur den Zweck, die Bezahlung der Offiziere zu regeln. Man glaubt allgemein, daß der Befehl von Smyrna von der Angoraregierung widerrufen werden wird. In der Note der alliierten Kommissare an Abnan Ben stellten sich die alliierten Regierungen auf den Standpunkt des Waffenstillstandsablommens, das ihnen das Recht gibt, ihre Schiffe und Soldaten überall hinzuschicken.

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Protest der Memelländer.

Die maßgebenden Körperschaften und Vereine des Memelgebiets haben an die in Memel weilende Sonder- kommission der Botschafterkonferenz zur Prüfung der durch den Einfall der Litauer geschaffenen Lage zwei Eingaben gerichtet. In der ersten wird protestiert gegen den Einfall bewaffneter Banden und Litauer und erklärt, daß die unter Verletzung der Autorität der alliierten Mächte und unter dem Schutz der bewaffneten Eindringlinge gebildete Re⸗ gierung als widerrechtlich anzusehen ist. Es wird erwartet, daß die alliierten Mächte den Rechtszustand wieder her⸗ stellen, die bewaffneten Eindringluge sofort entfernen, die sogenannte memelländische Armee auflösen und die volle persönliche Freiheit verbürgen soll. In der zweiten Eingabe wird festgestellt, daß Frankreich, dem das Mandat und damit der Schutz über das Memelgebiet von der Botschafter⸗ konferenz übertragen war, die wehrlose Bevölkerung der Vergewaltigung preisgegeben hat und daß auch nach dem Eintreffen der Sonderkommission in diesem Zustande keine Aenderung eingetreten ist.

Tie neuen Kohlenpreise.

Die nötig gewordenen Lohnerhöhungen im Bergbau und die gestiegenen Materialpreise ergaben die Notwendigkeit einer weiteren Erhöhung der Kohlenpreise. Die Organisation der Kohlenwirtschaft beschloß gestern ab heute folgende Preiserhöhungen eintreten zu lassen: Ruhrfettförderkohle 36622, Sachsen: Durchschnitt 34 272, Niederschlesien: 29 804, Aachen⸗Eschweiler 43 046, Aachen⸗Nordstern: 48 648, Niedersachsen⸗Werninghausen: 30 872, desgleichen Ibben⸗ büren: 29 240, reine Rohbraunkohle 6494, desgleichen Brikett 22 828, mitteldeutsche Rohbraunkohle 9176, desgleichen Brikett 25 395, alles netto je Tonne. Die Preiserhöhungen halten sich prozentual in den einzelnen Revieren an das Ausmaß der bewilligten. Lohner⸗ höhungen. Einschließlich der Steuern usw. stellt sich der Preis für die Tonne Ruhrfettförderkohle durch die gestrigen Beschlüsse von 68 411 auf 123 355 Mark.

Politische uebersicht. Die Stützen der bayerischen Reaktion.

Die Hitler Ludendorff⸗ Garde.

Vor einigen Tagen teilten wir mit, daß der unter dem dringenden Verdacht des Landesverrats stehende national sozialistische Sturmtruppführer Lüdecke verhaftet worden ist. Diesernationale Held hat sich bekanntlich als fran zösischer Spitzel betätigt und mit den so verdienten Franken einen Hitlerschen Sturmtrupp zur Niederzwingung allesUndeutschen und derNovember Verbrecher ge

g

6 nicht mehr lange mit dem Widerstand im Ruhrgeblet rechnen könne, N. 2 8

Der Deserteur. 5

Roman von Robert Buchanan.

Lächelnd ordnete sie ihr Haar und schlich Zehenspitzen zu ihrem Bette. Ueber demselben gewöhnliches Oeldruckbild der Madonna mit dem Jesus kindlein. Mareelle kniete davor nieder, faltete andächtig die Hände und betete:Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen!

Sie dankte für seine Gnade, bat ihn, ihr ihre Sünden zu vergeben, alle ihre Lieben in seinen besonderen Schutz zu nehmen, sich der Seele ihres Vaters im Himmel zu er barmen, sowie ihrer Mutter, dem Korporal, ihren vier Brüdern und ihr selbst auch weiter gnädig zu sein.

Dann hielt sie einen Augenblick inne, ehe sie zitternd fortfuhr:Ich bitte Dich, heilige Jungfrau, segne meine Liebe zu Rohan und schenke mir Deine Gnade, damit ich nie mehr gegen Dich sündige. Ist es eine Sünde, daß ich Rohan so sehr liebe? Mach', daß er mir ewig treu bleibe! Sie bekreuzigte sich fromm und wollte sich erheben, doch plötzlich fiel ihr ein, daß sie etwas vergessen. Sie erhob ihre Augen, aber jetzt nicht mehr zu dem Bilde der Mutter Gottes, sondern zu dem eines Mannes in Uniform, der auf einer Anhöhe stand und auf ein rotes Licht herunterblickte, das von einer brennenden Stadt unten im Tal heraufzu lodern schien. Sein Antlitz war weiß wie Marmor, zu seinen Füßen kauerten einige Grenadiere mit gezücktem Bajonett.

Der Jungfrau Augen hafteten mit ebensolcher Ehrfurcht und Liebe darauf wie auf jenem ersten. Sie spitzte die Lippen wie zum Kusse, ehe sie ihr Antlitz mit den Händen bedeckte und mit halbleiser Stimme betete:Um Jesu, der heiligen Jungfrau und aller Heiligen willen erhalte, o Gott, unseren großen Kaiser, verleihe ihm den Sieg über alle seine Jeinde und schmettere die Bösen nieder, die ihn vernichten wollen. Segne ihn und lasse ihm Deine Gnade, 9 er- barmungsvoller Gott angedeihen um der Segnungen willen, die er uns angedeihen ließ. Amen! Amen!

Mit diesem innigen Gebet für den heiligen Napoleon ging Marcelle zu Bette und schlief nach einigen Minuten

auf den hing ein

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fest ein. um am nächsten Morgen etwas später als sonst zu

erwachen. . SBiebentes Kapitel. Am Brunnen.

Vor der Haustüre der Mutter Gwenfern standen Meister Arfoll und Rohan, in ein ernstes Gespräch vertieft. Es war eine ruhige und windstille Nacht. Der Mond wurde oft von leichten Wolken verdunkelt; wenn diese sich ver⸗ zogen, beleuchtete er eine eigentümlich phantastische Szene unten am Strande. Schattenhafte Frauengestalten neigten sich über verborgene Wassertümpel, rings um diese herum lag blendend weiße Wäsche auf dem Kiese, ab und zu flackerte das Licht einer Laterne auf oder bewegte sich, wie von unsichtbaren Händen getragen. Um den geisterhaften Eindruck noch zu erhöhen, erklang dumpf und melancholisch das schreckliche Lied von denWäscherinnen der Nachl durch die Luft.

Diese gefürchtetenWäscherinnen der Nacht sind nicht etwa liebliche Nixen, sondern entsetzliche, totbringende Ge⸗ spenster, vor denen die abergläubischen Frauen eine Heiden⸗ angst haben. Wer dieKannerez-noz im Dunkel der Nacht mit leiblichem Auge erblickt, ist nach dem Volksmunde dem Tode geweiht. Sie waschen Nacht für Nacht; ihre Arbeit endet nie, denn die Reihe der Toten ist endlos. Am liebsten suchen sie verborgene Stellen auf, wo sie ungestört waschen und die Wäsche guswinden können.

In stillen Mondscheinnächten pflegten die fleißigen Frauen von Kromlaix eine am Strande befindliche Buchtung aufzusuchen in welcher von einer tief in der Erde ver borgenen Quelle ein Süßwasserbrunnen entstanden war. Dort spülten sie ihre Wäsche gemeinsam, melancholische Lieder singend, welche die gefürchtetenWäscherinnen der Nacht fernhalten soslten. oder Neuigkeiten austauschend. während sie ihre Krüge für den nächsten Tag füllten. Bei Tag und Nacht, am liebsten aber zur Zeit der Ebbe, ver⸗ sammelte sich alt und jung amBrunnen. Dieser bildete den Mittelpunkt oller Tratsch⸗ und Sfandalgeschichten des Dorfes.

(Fortsetzung folgt.)

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gründet. Wie sehr gerade Lüdecke dazu berufen war, diesen Kampf zu rüsten, zeigt seine Vergangenheit. 8 Mann ist geborener Deutscher, wanderte in Iriedens eit nach Argentinien aus, betätigte sich dort als Journalist u arbeitete während des Krieges als Entente-⸗Agent im Solde der englischen Gesandtschaft in Argen. tinien. Nach Friedensschluß kam er nach Danzig, wo er kurze Zeit als Redakteur tätig war. Als seine argentinise Vergangenheit bekannt wurde, gab er diese Stellung und gründete mit Unterstützung rechtsradikaler Kreise ei nationalistisch-antisemitische Wochenschrift. Schließlich wurde bekannt, daß er im Auftrage Frankreichs und Polens a g Agent provocateur tätig war. Jetzt wurde, ihm der Boden in Danzig zu heiß, er zog nach Berlin und landete endlich bei Hitler, wodas reinste und edelste Deutschtum züchtet wird. K l

Ein anderer nationalistischer Führertyp aus dem Lag Hitlers wurde dieser Tage in München wegen widernatür⸗ licher Unzucht zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt. Au hier handelt es sich um einen Slurmtruppführer, einen g wissen Franz Kirschtaler, der sich nicht schämte, die Notlage eines obdachlosen jungen Menschen schamlos auszunutzen. In der Verhandlung wurde übrigens sestgestellt,! taler, der früher der Eisernen Division der Brigade Eh hardt als Vizefeldwebel angebört hatte, im letzten Jahre. schon wegen Diebstahls bestraft worden ist. 3

8 Nationalistische Laus bübereien.

In Stettin traf am Mittwoch in einem Sonderzug, bestehend aus 14 Personenwagen und einem Gepäckwagen, ein Trupp Abe teurer in Stärke von 335 Mann ein, der von Schwerin aus Marsch gesetzt war. Sie waren militärisch organistert, kompagnie⸗ weise eingeteilt, die Führer waren bewaffnet. Der Beförderungs⸗ schein, der in Strasburg(U.⸗M.) ausgestellt war, lautete auf10 Kinder über 10 Jahre. Zahlung ist zu stunden. Die Verwaltung der Reichsbahn hielt es nicht für nötig, den Behörden von der An⸗ kunft dieses Transporles Mitteilung zu machen. Vom Bekriebsrat wurde das Polizeipräsidium benachrichtigt. Eine halbe Hundertschaft nahm die Abenteurer in Empfang. Der Zug wurde von mehreren Kriminalbeamten durchsucht. Es stollte sich heraus, daß es sich un eine Abteilung der berüchtigten Nationalsozialisten handelte. Die 4 Führer wurden auf dem Polizeipräsidium vernommen und gaben an, daß der Trupp nach Ostpreußen unterwegs sei, um angeblich von dort aus eine kriegerische Bewegung einzuleiten. 500 000 W seien auf drei verschiedenen Heerstraßen zu demselben Zweck mobil emacht. Während des Aufenthalts auf dem Hauptgüterbahnhof stellten die Herrschaften ein Ultimatum, die Führer bis J Uhr entlassen. Nach einem Hornsignal formierten sie sich militärisch r dem Zuge und stimmten ein Hurra⸗Gebrülle an. Als darauf de anwesende Poligeioffizier energische Maßregeln androhte, besti. sie die Wagenabteile. Wie polizeiliche Ermittelungen weiter 90 handelt es sich um jene Leute, die bereits seit einigen Wochen im Lande umherspuken und in Berlin vom Reichswehrministerk Einstellung in die Reichswehr verlangten. Im verschlossenen Zuge murden sie umter polizeilicher Bewachung nach dem Munsterlager abgeschoben. In Pasewalk versuchten sie den Zug zu verlassen, sodaß von dort und von Anklam polizeiliche Verstärkung herangeholt wer⸗ den mußte. 3

Die neue Abgabe zur Förderunn des Wohnungsbaues. i

Die Reichsregierung hat dem Reichstag eine Abänderung des Wohnungsabgabegesetzes unterbreitet. Dieser Entwurf fo 5 daß die Abgabe, ab 1. Januar ds. Is. von den Nutzungsberech⸗ tigten solcher Gebäude und Gebäudeteile, die vor dem 1. Juli 1918 fertiggestellt sind, um das 15fache erhöht werden soll. Ferner soll

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die Reichsregierung ermächtigt werden, de Höhe der Abgabe mit 5 Zustimmung des Reichsrats abzuändern. Diese neue Belastung der Mieter, die insbesondere die Lohn- und Gehaltsempfänger

trifft, wird eine starke Beunruhigung hervorrufen. Würden wir aber unsere Stellung zu der Vorlage nur von dem einen Gesichts⸗ punkt abhängig machen, ob die neue Belastung bei dem jetzigen Einkommen der Mieter getragen werden könne, so würden wir dex Bedeutung der Wohnungsfrage und den in Neubildung be⸗ griffenen Wohnrechtsfragen nicht gerecht. 8

Die Wohnung⸗ und die Mietzinsbildung ist»der einzige be⸗ deutende Wirtschaftszweig, für den die Kriegszwangswirtschaft fortentwickelt ist und in der versucht wird, ein neues Mietzi 0 bildungs⸗ und Wohnrecht zu stabilisieren. Das Reichsmieten⸗ gesetz beseitigt die Alleinherrschaft der Hauseigentümer bei der Festsetzung der Miete. Ohne die Zwangsbewirtschaftung und ohne die Wirksamkeit dieses Gesetzes hätten wir heute sicher den 1000 fachen Betrag der Friedensmiete zu entrichten. Die Grund⸗ rente der Hausbesitzer und die Werte der Hypothekengläubigern wären im gleichen Maße emporgeschnellt. Der Wohnungsaus⸗ schuß des Reichstags hat das vorgelegte Mieterschutzgesetz in erster Lesung fertiggestellt. Dieses Gesetz wird jedem Vesitzer einer Wohnung ein gesetzliches Wohnrecht sichern, und die Kündigung der Wohnung wird hiernach nur auf dem Wege einer Klage beim ordentlichen Gericht erfolgen können. Das bedeutet eine wöllige Veränderung des Rechtszustandes gegenüber den bisherigen

Verhältnissen. Die Entscheidung darüber, ob der Mieter aus seiner Wohnung durch Kündigung entfernt werden kann, wird aus den Händen des interessierten Hausbesitzers genommen und

einer ohsektiveren Stelle zur Entscheidung unterbreitet. Das ist der Anfang eines demokratischen Wohnrechts und einer Mietzins⸗ bildung, die eine unrechtnäßige Bereicherung der Hauswirte und der Hypothekare verhindern kann. Diese geringen Errungen⸗

schaften werden allerdings von den meisten bürgerlichen Parteien und den materiell interessterten Kreisen mit allem Nachdruck be⸗ kämpft und wenn es nach deren Wunsch geht, so werden diefe Ein⸗ richtungen nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben, und an deren Stelle wird recht bald die freie Wirtschoft treten. Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die freie Wirtschaft für alle Mieterkreise eine sehr große Gefahr bedeutet. Der beste Schutz hiergegen ist 1) Die Erhaltung des alten Wohnbestandes, damit keine Wohnung vorzeitig dem Verfall anheimfällt und damit ein weitere Steigerung des Wohnraummangels eintritt. 2) Durch eine möglichst umfangreiche Wohnungsneubautätigkeit durch die Erfassung allen verfügbaren Wohnraumes und Ausnützung aller Baulichkeiten, die zu Wohnzwecken um- und ausgebaut werden können, eine möglichst hohe Anzahl neuer Wohnungen zu errichten. Wenn dieses Ziel erreicht werden soll, so werden wir uns ent⸗ schließen müssen, auch die hierfür erforderlichen Mittel aufzu⸗ bringen. Würden in diesem Falle die Mieterkreise versagen, so muß die Nachfrage nach Wohnungen und die Wohnungsnot selbst in einem Umfange steigen, daß die Not alle Dämme der organ sierten Wohnungsbewirtschaftung durchbricht und die Mietzins⸗ bildung und das in Bildung begriffen Wohnrecht mit in den Ab grund reißt.Die Folgen sind leicht zu übersehen. 5 Die Fortführung der Wohnungsbautätigkeit i tigen Baukosten nur möglich, wenn für jede heblicher Zuschuß aus öffentlichen Mitteln dessen Höhe mit der weiteren Geldentwertung anteil dieser Kosten aber muß aus der Wohn genommen werden, wie jeder, vermag, zugeben muß. politischen Parteien.

b fa n ohnungswirschaft selbst leder, der velkswirtschaftlich zu denken Darüber sind auch die Verkreter die wirtschaftlickhen Oraauisatjenen der A