zullin: Gießen Fahnbeffraße 23
Organ für die Interessen des werktätigen Volles ie n der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
2 Frpedition: Gießen Bahnhofftraße 23 Ferusprecher 2008.
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Nr. 78
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Gießen, Freitag, den 6. April 1923
183. Jahrgang
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Ein Aufruf der deutschen Gewerkschaften!
Der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund, der Afa⸗Bund, der Deutsche Gewerkschaftsbund und der Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-, Ange⸗ stellten⸗ und Beamtenverbände erlassen folgenden
Aufruf: N 8 „An die Arbeiter der Welt!
Deer völkerrechtswidrige Einbruch des französischen Mili⸗ larismus ins Ruhrgebiet mitten im Frieden forderte meue blutige Opfer. Gestützt auf das unveräußerliche echt, die Freiheit ihrer Arbeit zu verteidigen, und aus freiem Entschluß, unbeeinflußt von der Werksleitung oder der Regierung, demonstrierten un bewaffnete Arbeiter auf den Krupp⸗Werken in Essen gegen die Vesetzung der Werke durch die Franzosen. Die Antwort darauf waren dreizehn Tote und eine weit größere Zahl von Ver⸗ wundeten. Alle Greuel des Krieges leben wieder auf, mur zügelloser noch und häßlicher, des letzten Scheins von Recht entkleidet. Was will der französische Militarismus im Ruhrgebiet? Angeblich Reparationen und produktive Pfänder! Wieder und wieder be⸗ kundeten das deutsche Volk und seine berufenen Vertreter, ünsbesondere auch die deutschen Gewerkschaften, die Bereitwilligkeit zur Reparation Rahmen der Leistungsfähigkeit durch Wort und Tat. eutsche Vorschläge lagen in London und Paris vor ud hätten bei allseitigem guten Willen zur Verhandlungs⸗ ö 5 Was geschieht statt dessen?
ö trat an die Stelle der deutschen don Beamten und Organen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit wurden verhaftet, mißhandelt und ausgewiesen. Verkehrsmittel, Kohle, Geld, Arbeiter⸗ lähne und Unterstützungen der Erwerbslosen wurden wahl⸗ los beschlagnahmt; 1. täglich werden neue Tausende von deutschen Arbeitern 1 und Angestellten erwerbslos; tungezählte von ihnen wurden eingekerkert und mit Frau und Kindern aus den Wohnungen gejagt, andere ohne jeden Anlaß getötet oder verwundet. Das Massaker von Essen stellt den neuesten, furcht⸗ barsten, aber keineswegs einzigen Fall der Hinschlachtung unbewaffneter Arbeiter durch den französischen Militarismus dar. Die Freiheit der Arbeit, die Achtung des Arbeiters als vollwertigen, für sich selbst verantwortlichen und aus freiem Willen handelnden Menschen— sie wird im Ruhr⸗ gebiet und im besetzten Deutschlang durch die militärische Diktatur mißachtet und unterdrückt! Das französische Volk werkündete vor über hundert Jahren die Menschen⸗ und Bürgerrechte; ö die heutigen Gewalthaber Frankreichs wollen die freie Arbeit in Sklaverei verwandeln! N Die kostbare Errungenschaft jahrhundertelanger, sozialer kämpfe, die Vorbedingung jeder wahren Kultur, ist in Gefahr! „Arbeiter der Welt, öffnet, Augen und Ohren! Diese Ge⸗ lahr besteht nicht für die deutschen Arbeiter allein. Sie droht uch allen, wenn die Gewalt über das Recht triumphiert! Arbeiter der Welt, seid gewarnt und ö schützt Freiheit und Arbeit, ehe es zu spät ist!“
Die Proleftnote der Reichs regierung. Von Paris aus wird weiterhin der Versuch unternommen, die
Oeffentlichkeit des Auslandes dahingehend irrezuführen, daß die Fumpparbeiter an den blutigen Zwischenfällen am Karsamstag selost Schult tragen. Die jetzt von der Reichsregierung an die Adresse Frankreichs gerichtete, gleichzeitig er den übrigen Hauptmächten des Verfailler Vertrages übergebene Protestnote wird diese Versuche im wesentlichen vereiteln. Die Note gibt eine ausführliche Schilderung über den bekannten Verlauf der Ereignisse an Hand amtlichen Mate⸗ Besonders wird betont, daß der französische Offizier ohne jede Herausforderung durch die Arbeiter und ohne jede Warnung plötzlich das Feuer eröffnete, die Menge nach dem ersten Schuß auseinander⸗ fie, er trogdem auch auf der Flucht noch weiter beschossen warde.
Versuch, biesen Tatbestand zu fälschen, wird dann in der Note
gebührend gekennzeichnet Zum Schluß des Protestes heißt es, daß die Verantwortung für die unheilvolle Tat nicht allein auf die franzö⸗ sishen Truppen, sondern auch auf die französische Regierung selbst fällt, die auf das gewalttätige Vorgehen der Truppen im Ruhrgebiet zumer wieder aufmerksam gemacht wurde, ohne ledoch entsprechende
0 ahmen zu treffen. Deutschland fordert ür die Opfer und ihre 0 aan der 5 1 und verlangt, daß die zur Bemän⸗
An die Arbeiter der Welt!
Was die Arbeiterschaft(ssens sagt und denkt.
Das Verhalten des kommunistischen Ruhr⸗Echos gegenüber der französischen Ostertat ist erbärmlich. Noch am Sonntag hatte das kommumistische Blatt, das auch sonst manchmal schon Töne angeschla⸗ gen hat, die denen der Nationalsozialisten verflucht ähnlich klingen, den Lärm der Sirenen des Kruppwerkes, durch den die Arbeiter von dem Eindringen der Franzosen benachrichtigt wurden, anerkennend gebilligt. Zwei Tage später aber pfiff der Wind auf einmal aus einem anderen Loche und die Hetzartikel des kommunistischen Blatles wurden eine Fundgrube für die Reinwaschungsversuche des Herrn Poincaré.
Demgegenüber genügt es auf den ruhigen und sachlichen Bericht des Vetriebsrates der Kruppwerke hinzuweisen. Dieser Bericht stellt u. a. fest, daß der Offizier, der das französische Kommando befehligte, wiederholt Verhandlungen mit dem Betriebs cat ablehnte, und daß er seine Leute ohne vorherige Warnung schießen ließ
Wenn jetzt die französischen Gewalthaber wieder einmal den rech!
sie im Gegensatz zu dem Buerer Falle die feierliche Beerdigung zu⸗ lassen wollen, weil„nicht die Kruppschen Arbeiter, sondern die Hetze des Kruppschen Kapitalismus“ die Schuld an dem Blutbade tragen, so werden sie bei der Essener Arbeiterschaft höchstens ein mitleidiges Lächeln erwecken. Die Essener Arbeiter sind die letzten, die sich von ihren Kapitalisten beeinflussen lassen würden. Wie die bekanntlich sehr radikal gerichteten Metallarbeiter Essens in Wirklichkeit denken, das zeigt der Verlauf einer sehr stark besuchten Versammlung dieser Arbeiter, die sich mit der Franzosen⸗Bluttat beschäftigt hat. Die Essner Arbeiterzeitung schreibt über diese Versammlung:
Mit tiefster Empörung wurde die Stellungnahme des Ruhr⸗Echo aufgenommen. Die Versammlung stimmte einstim⸗ mig der Entschließung des Kruppschen Betriebsrates zu und er⸗ klärte noch insbesondere ihr Einverständnis mit der Haltung der sozialdemokratischen Betriebsratsmitglieder.
Bedauerlich ist es, daß auch einige unserer eigenen Parteiblätter auf den kommunistischen Leim des Ruhr⸗Echos gekrochen sind, u. a. sogar die sonst so erfreulich 5bjektive Leipziger Volksztg. Vielleicht lassen sich diese Genossen belehren, wenn sie lesen, was die Essener Arbeiterzeitung, unser auf dem linken Flügel der Partei, also der Leipz. Volksztg. nahestehendes Parteiblatt, schreibt. Sie sagt, daß die Haltung des Ruhr⸗Echos den Stempel der schamlosesten e ee an der Stirn trage und fällt folgendes i „Wie das Unglück geschah, ist heute schon restlos aufgeklärt. Alle Lügen und Verdrehungskünste der Schuldigen vermögen nicht mehr die Wahrheit zu verdunkeln, und wenn tausend Flugmaschinen Millionen Flugblätter vom Himmel flattern lassen— Wahrheit bleibt Wahrhaft. Schuldig sind jene, die den Befehl gaben, auf die wehrlosen Arbeiter todbringendes Eisen zu schleudern. Wir klagen nicht die Soldaten an. die nur blinde Werkzeuge des mor⸗ denden Militarismus sind. Um so lauter aber klagen wir sene Gewaltmenschen an, die widerrechtlich in unser Heimatland einge⸗ drungen sind und die allein die Verantwortung zu tragen haben für alles Blut, das seit der Besetzung durch deutschen Boden sickerte.
schen Militarismus stärken könnte, dann ist es das furchtbore Un⸗ gliick unserer Arbeitsbrüder, und wir schwören an ihrer Bahre, daß wir nun erst recht im Kampf gegen den Militarismus aus harren werden, bis der Geist über die Gewalt gesiegt hat.“
C. G. T. ruft den Völker v. day. Die französische Gewerkschaftszentrale, die C. G. T., ver⸗
öffentlicht in ihrem Gewerkschaftsorgan folgenden Aufruf:„An⸗ gesichts der schmerzlichen Zwischenfälle, die sich im Innern der Kruppschen Werke abgespielt haben, betrachtet der Allgemeine Ge⸗ werkschaftsbund es als seine Pflicht, die Politik der militärischen Vesetzung des Ruhr⸗Beckens wieder einmal zu brandmarken. Diese Gewaltpolitik kann nur die ungesunde Aufrefzung der deutschen Nationalisten begünstigen. Eveignisse wie diejenigen, die sich so⸗ eben abgespielt haben, vernichten jede gesunde Reparatsonspolitik und erschüttern den ohndies auf schwachen Füßen ruhenden Frie⸗ den. Der Allgemeine Gewerkschaftsbund protestiert gegen die Er⸗ schießungen von Essen und ruft das Gewissen aller Arbeiter an, damit so schnell wie möglich mit einem Abenteuer aufgehört werde, das sowohl für die Reparationen wie auch ffir den Weltfrieden schädlich ist. Das einzige Mittel, die Wiederkehr solcher Zwischen⸗ fälle zu verhindern, ist die Anrufung der Intervention des Völker⸗ bundes. Diese Lösung, die schon einmal von dem Allgemeinen Gewerkschaftsbund gefordert wurde, drängt sich hente noch mehr als gestern auf, durch die Lage, die aus den tragischen Ereignissen von Essen hervorgeht.“
Zurückhaltung in England.
Unterrichtete englische Kreise sprechen über die Vorfälle in Essen ihr Bedauern aus, bewahren aber im übrigen ihre übliche Zurück⸗ haltung. Zu einer amtlichen Aeußerung könnten die Exeignisse, so beklagenswert sie auch seien, angesichts der englischen Neutralität keine Veranlassung bieten.
Amerika und die Ruhrbesetzung.
Der amerikanische Handelssekretär, Hover, erklärte mit Bezug auf die Rückwirkungen der Ruhrbesetzung für Amerika, daß bis jetzt dadurch die industrielle Tätigkeit Amerikas eher gefördert als gehindert werde. Das sei besonders für die Eisen⸗ und Stahl⸗ industrie der Fall. Es sei aber schwer zu sagen, wie lange dieser Zustand andauern werde. Auf der anderen Seite sei aber die Ruhrbesetzung mit Bezug auf den Absatz der ameritanischen land⸗ wirlschaftlichen Produkte an Deutschland sehr nachteilig. Deutsch⸗ land habe bis zur neuen Ernte noch 2 Millionen Tonnen ameri⸗ kanisches Getreide nötig. Es liege aber die Gefahr nahe, daß Deutschland die nötigen Kredite hierfür nicht aufbringen könne.
bel 15 1 frangösischen Schuld verhafteten Personen sofort in Frei⸗ heit gesetzt werden. 5 i In allgemeinen stützt sich die Protestnote der Reichs regierung e Talsachen. 5
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In diesem Falle sei in Amerisa ein Preissturz für Getreide unver⸗ meidlich.
plumpen Verfsuch machen, die Essener Arbeiter dadurch zu ködern, daß
Wenn uns eines im berechtigten Abwehrkampf gegen den französi⸗
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Neue Besetzungen. ö
Die Franzosen sind am Mittwoch im Mittelpunkt des Industrie⸗ gebiets abermals zur Besetzung von Bahnhöfen geschritten. U. a. wurde auch der Essener Nordbahnhof besetzt, später aber wieder freigegeben, um dann abermals beschlagnahmt zu werden. Die Hauptaktion richteten die Franzosen gegen den Bahnhof Kray⸗Nord. Infolge der Militarisierung großer Eisenbahnstrecken und die bereits erfolgte Besetzung von Bahnhösen, die unsere Eisenbahner zu Verkehrsumstellungen veranlaßten, hat sich der Bahnhof Kray⸗ Nord gewissermaßen zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt des Industriegebiets entwickelt. Schon deshalb werden die Franzosen hier die Schienen aufgerissen haben. Sie wollen den Verkehr zwischen Essen⸗Bochum⸗Dortmund, sowie über Essen⸗Gelsenkirchen⸗ Dortmund verhindern. Gleichzeitig führte die Besatzung eine Aktion gegen Herne durch, dessen Bahnhof am Mittwoch ebenfalls besetzt wurde. Dem Bahnhofsvorsteher wurde befohlen, ab 2 Uhr eine Kontrollstation einzurichten. Die deutschen Beamten lehnten zunächst ab, erklärten sich jedosch später bereit, Güteranzüge anzu⸗ 11 nachdem die Franzosen die Erklärung abgegeben hatten, daß
er Personenverkehr unbehindert weitergehen soll.
Das englisch⸗französische Eisenbahnabkommen für die eng⸗ lische Zone des rheinischen Gebietes hat am Mittwoch zum ersten Mal funktioniert Es passierte aber nur ein französtscher Militär⸗ zug die englische Besatzungszone. i
Meuternde Marokkaner. f
Die Deutsche Zeitung erfährt aus Jülich: Wie erst letzt be⸗ kannt wird, haben in der vergangenen Woche die auf der Station Elsdorf bei Jülich stationierten Marokkaner gemeutert und ihren französischen Kommandanten erschossen. Daraufhin wurden 11 1 55 1 Wache erschossen. Die Stimmumg unter den Farbigen
st gereizt.
Politische uebersicht.
3 7 Die Feigheit des Bürgertums. Stresemanns Selbstkritik. 9 Bei einer Bismarcks⸗ Geburtstagsfeier der Deutschen Volkspartei in Jena hielt der Führer der Deutschen Volks⸗ partei, Herr Dr. Stresemann, eine Rede, in der nach dem Bericht der Zeit folgendes sagte: 28 „Hätte der Enkel des großen Kaisers es ebenso verstanden, große Männer anstatt Byzantinismus um sich zu dulden, wäre manches anders gekommen, was nachher als Ergebnis der von ihm entfachten Zeit des Matertalismus, der wirtschaftlichen Hoch⸗ konkunktur und der hierdurch bedingten seelischen Not des Nolkes zwangsläufig herauswachsen mußte. Bismarck hatte angesichts dieser Erscheinungen iamer gemahnt und geforbect, daß das Volk sich mehr mit den politischen Fragen beschäftigen müsse, aber keiner hatte die Stimme des Waxners in sich aufge iommen, noch nach ihr gehandelt. So mußte der 9. November 1918 kommen, nicht weil das Werk Bismarcks schlecht oder morsch geworden wäre, nein, iwefl das Bürgertum zu feige geweien war für die polftische Tat, die es damals und früher schon hälte tun müssen.
Tarum gilt es leute, den Worten Bismarcs zu folgen und sich einzustellen auf die polis cker Notwendigkeiten.“
Serr Dr. Stresemann berührte damit ein dunkles Kapitel aus der Geschichte seiner eigenen, der vormals
Nationalliberalen Partei. In den Kreisen dieser Partei wußte man sehr genau, was Deutschland an Wilhelm II. besaß, aber der Mut, dies auch offen auszusprechen, fehlte vollständig. So kam eines Tages Bebel ganz aufgeregt im Reichstag zu einem kleinen Kreis von Fraktionsfreunden, um ihnen zu berichten:„Bassermann sprach eben mit mir; er sagt, oben ginge alles drüber und drunter und Ed? sei wieder einmal ganz aus dem Häuschen.“ Bei einer anderen Gelegenheit meinte ein anderer nationalliberaler Führer im Gespräch, die Sozialdemokraten müßten noch schärfer gegen den Kaiser vorgehen, und er gebrauchte dabei über die geistigen und sittlichen Qualitäten dieses Mannes Ausdrücke, die so ziemlich das Aeußerste der Verurteilung darstellen.
Wenn aber öffentlich die Rede auf den Kaiser kam, waren die Nationalliberalen und die übrigen bürgerlichen Parteien ganz Untertänigkeit. Darum vermochte auch der sogenannte„Novembersturm“ von 1908 das persönliche Regi⸗ ment nicht zu erschüttern. Als Scheidemann im Jahre
1912 mit Hilfe der Nationalliberalen zum Vigepräsidenten
des Reichstags gewählt worden war, entfesselten die Konser⸗
vativen einen Entrüstungssturm gegen die National⸗ liberalen, weil diese einem„Hohenzollernbeleidiger“ ihre
Stimmen gegeben hatten, und lichtig fielen die National⸗ liberalen um und wählten sechs Wochen später Scheidemann aus dem Präsidium wieder hinaus.
So recht also Herr Dr. Stresemann hat, wenn er die Feigheit des Bürgertums für den Zusammenbruch verant⸗ wortlich macht, so wenig trägt er durch die unkritische Ver⸗ herrlichung Bismarcks der geschichtlichen Wahrheit Rech⸗ nung. Denn so hoch auch Bismarck seine politischen Nach⸗ fahren überragte, so war doch gerade er ein Träger des starren Autoritätsprinzips, und unter seinem Regiment sind alle Regungen bürgerlich-politischer Selbst⸗ ständigkeit systematisch ausgerottet worden. Das Bürger- tum, das vor Wilhelm II. kuschte, war in Bismarcks Schule erzogen; es hatte sich in ihr freilich so willsährig gezeigt, daß die Schuld mehr den Schüler als den Lehrer trifft. Die Ur⸗


