Ausgabe 
6.3.1923
 
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zu welchem Preise die Waren übernommen wurden,

Bahnhofstraße 23 Ferusprechet 200d.

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Wale a Organ für die Interessen des werktätigen Volkes der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.

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Expedition: Gießen Bahuhosstraße 22 Ferusprecher 2008.

ie Oberh. Volksseitung erscheint jeden Werktag vormittag in Gießen. 9 Wbonnementspreis mit den BeilagenDas Blaft der! Aan And 1 90 swirtschaftliche Beilage, beträgt monatlich 3000. Mek. einschl. Bringerlohn. Durch die Post bezog. 3000.

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e dee Redakteur: F. Vetters.

Jür den Inseratenteil verantwortlich: R. Strohwig. Verlag von Sfera Neumann& Cie. sämtlich in Gießen.

Druck: Verlag Offenbacher Abendblatt G. m. b. H. Offenbach a. M.

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Raum lokal 30. Mk, auswärts Mk., die Reklamemillimeterzeile

125. Mk, Bei größeren Aufträgen oder Wiederholungen wird N der Rabatt gewährt Anzeigen⸗Annahme bis 6 Uhr abends.

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Nr. 54

Gießen, Dienstag, den 6. März 1923

ö 18. Jahrgang

Der deutsche Außenhandel im Jahre 1922.

Das Statistische Reichsamt veröffentlicht jetzt die voll ständigen Ergebnisse über den Außenhandel im Jahre 1922. Da uns für das Jahr 1921 die Angaben für die ersten fünf Monate fehlen, so gewinnt der Abschluß für das zurück⸗ liegende Jahr eimer Vollständigkeit wegen eine besondere Bedeutung.

Das statistische Amt hat die Wertberechnung der Waren in Goldmark vorgenommen; eine Methode, deren Richtigkeit⸗ sehr angezweifelt werden muß, da so eine sichere Schätzung, nicht vorhanden ist. Besonders gilt dies von der Einfuhr; aber selbst in der Ausfuhr werden die Angaben mit Vorsicht zu

bewerten sein, da Industrie und Handel interessiert sind,

möglichst niedere Preise anzugeben. Diese Zurückhaltung

wird verständlich, wenn man erwägt, daß die Außenhandels⸗ abgabe prozentual vom Preise der Waren erhoben wird. Man

berechnet, daß wir ihm Jahre 1922 eine Mehreinfuhr von 2,2 Milliarden Goldmark hatten, die, in Papiermark umge⸗ rechnet, nahezu an eine Billion herankommen. Dieses Defi⸗

zit wäre nur zu decken, indem wir eine Billion Papiermark nach dem Ausland geben, um damit Devisen und Noten vom

Ausland aufzunehmen. Nach unserem Papiergeldumlauf ist das nicht anzunehmen; die Summe erscheint zu hoch.

Aber uns interessiert mehr die Menge der einzelnen Warengruppen. Hier haben wir volkswirtschaftlich einen sicheren Maßstab. Sehen wir uns die Gruppe der Lebens⸗ mittel an, so hatten wir im Jahre 1913 einen Einfuhrüber⸗ schuß von 6 708 207 Tonnen, der im Jahre 1922 auf 4631951 Tonnen zurückgeht. Es ist bei diesem Vergleich der ziemlich hohe Posten Salz herauszulassen, der für die Ausfuhr 1922 sehr hoch ist und damit die Vergleichszahlen an Wert ver⸗ lieren würden. Wir haben also nahezu ein Drittel weniger Lebensmittel eingeführt als vor dem Kriege; das bedeutet eine Einbuße der Lebenshaltung des deutschen Volkes, die durch den geringeren Ernteertrag auf deutschem Boden sich noch weiter ungünstig gestaltet. Allerdings ist die jetzt zu ernährende Bevölkerung im Vergleich zur Vorkriegszeit um ungefähr 6 Millionen Köpfe zurückgegangen.

Betrachtet man die Versorgung mit Brotgetreide, so hatten wir an Weizen und Roggen im Jahre 1913 einen Einfuhrüberschuß vo 1425717 Tonnen. Rechnet man hiervon ab 634098 Tonnen Mehl, die mit einer Ausmahlung von 75 Prozent angesetzt werden, so blieben aus der Einfuhr

791619 Tonnen Brotgetreide für den Konsum der Be⸗

bölkerung. 5 Im Jahre 1922 hatten wir bei der gleichen Be⸗ rechnung einen Einfuhrüberschuß von 1910 022 Tonnen.

Das könnte vom Standpunkt der Ernährung relativ günstig

erscheinen. Aber nach der amtlichen Statistik ist der Ausfall der Brotgetreideernte gegenüber 1918 um 50 Prozent zu⸗ zrückgeblieben. Wir hatten eine Ernte von 7 305 100 Tonnen Brotgetreide im Jahre 1922, die, mit allem Mißtrauen be⸗

trachtet, wer weiß, ob die Landwirte richtige Angaben

machten den Schluß zuläßt, daß unser Brotkonsum eine starke Einbuse erlitten hat. 1 f

Die Gruppe der Rohstoffe und Halbfabrikate weist im

Jahre 1922 einen Einfuhrüberschuß von 24604 872 Tonnen

zauf gegenüber 775 450 Tonnen im Jahre 1913. Durch diese Zahlen wird der Jammer unserer Volkswirtschaft gekenn⸗ beichnet. Wir verschulden immer mehr an das Ausland, kweil wir die Einfuhr der Nohstoffe nicht durch vermehrte Ausfuhr ausgleichen können. Die Stärke der deutschen Ausfuhr bestand mehr in der Abgabe von Fertigfabrikaten. Aber auch hier haben wir einen Rückgang zu verzeichnen, der in folgenden Zahlen zum Ausdruck kommt: 1913 betrug ider Ausfuhrüberschuß 8 068 730 Tonnen, während er im Jahre 1922 nur 3 941 542 Tonnen erreichte.

Die Außenhandelsstatistik läßt deutlich erkennen, daß

für die Gesundung der deutschen Wirtschaft entscheidend ist,

ob es uns gelingt, die Ausfuhr erheblich zu steigern und die Einfuhr von solchen Waren zu mindern, für die wir im Lande Produktionsmöglichkeiten haben. Aber alle diese Be⸗ rachtungen werden jetzt über den Haufen geworfen, wo die Gesetzung des Ruhrgebiets eine Warenzirkulation unmög. ich macht. N

Der neue Gewaltakt im Süden.

Neben Darmstadt und Mannheim auch Karlsruhe.

Ohne jede vorherige Mitteilung an die Reichsregierung sind französische Truppen, darunter Schwarze, am Samstag vormittag gleichzeitig an drei Stellen in bisher unbesetztes Gebiet widerrechtlich eingedrungen. Dieser neue Gewaltakt sollte auch denjenigen, die fortgesetzt nach Verhandlungen rufen, die Sinnlosigkeit ihres Beginnens zeigen. Der neue Vorstoß der Franzosen auf das rechte Rheinufer ist haupt⸗ sächlich als wirtschaftspolitische Maßnahme zu werten. Frantreich trachtet danach, alle Rheinhäfen restlos in die Zollgrenze einzubeziehen. Von diesem Gesichtspunkt aus wurden auch vor fast vier Wochen Appenweiler und Offen⸗ burg besetzt und es bleibt nur eine Heuchelei, daß man diesen Gewaltakt unter dem Vorwand der Unterbindung des inter⸗ nationalen Schlafwagenverkehrs ausführte. Heute kann kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß die Besetzung der genannten Städte nur als Vorbereitung für die Aktion diente, die am Samstag gegen Mannheim und Karls ruhe unternommen wurde und die gleichzeitig vervoll⸗ kommnet worden ist durch einen Vormarsch auf Darm⸗ st a dt.

In Mannheim wurde der Hafen und dessen Küsten⸗ gebiet besetzt. Es handelt sich um den größten Binnenhafen Europas, der kurz vor dem Kriege, was den Umschlag be⸗ trifft, nur durch den Kohlenversand⸗Hafen Duisburg⸗Ruhr⸗ ort überflügelt worden war. 110 Hektar Wasserfläche sind hier als staatlicher Rheinhafen nutzbar gemacht, und die Gesamtfläche dieser größten der Mannheimer Hafenanlagen umfaßt sogar 266 Hektar mit 110 Kilometer Gleisanlagen, 20 Kilometer Verladerampen und 20 Kilometer Zu- und Abfahrtsstraßen. In der Unzahl der verschiedenen Hafen⸗ becken und Verbindungskanäle hat sich im letzten Vorkriegs⸗ jahr der Verkehr auf 5,52 Millionen Tonnen belaufen. Ober⸗ halb Mannheims ist eine weitere private Hafenanlage für die in dem Vorort Rheinau angestellte Industrie. Hier sind drei Hafenanlagen vorhanden mit 12,1 Kilometer Uferlänge und hier betrug selbst im Kriegsjahr 1916 der Güterumschlag noch 2,09 Millionen Tonnen. Als dritte Hafenanlage besitzt Mannheim noch den städtischen Industriehafen, der/ neu er⸗ baut, in erster Linie für die an der Neckarmündung ange siedelte Industrie etwa 140 Unternehmen in Frage kommt. Im Jahre 1920 betrug hier der Eisenbahngüter⸗ verkehr bereits 1,3 Millionen Tonnen.

Diese Zahlen geben ein Bild von der doppelten Bedeutung Mannheims als ssddeutsche Handels- und Schiffahrtszentrale und als Industriestadt. In den Mann- heimer Rheinhafenanlagen vollzieht sich der Umschlag all der Güter, die auf dem Wasserwege des Rheins aus Uebersee, aus Holland, auf dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet für die süddeutschen Länder, Baden Württemberg und Bayern mit der Pfalz zugeführt werden, vor allem Getreide, Petroleum, Kohle, Eisen usw. Andererseits strömen hier die Fertigfabrikate aus dem Süden des Reiches zusammen, Maschinen, Tabak, Holz usw., um den Reiseweg in die Welt anzutreten. Diese Verkehrslage begünstigte aber auch das Emporblühen als Industriestadt, die selbst eine Reihe von Firmen von Weltruf beherbergt: die Maschinenfabriken von Benz, Lanz, Brown Boveri u. Co., die Zellstoffabrik Wald⸗ hof, große Walz⸗ und Oelmühlen, Tabakfabriken usw.

Jünger als Hafenstadt ist Karlsruhe', das seinen jetzt besetzten Rheinhafen eine starke Stunde außerhalb des Zentrums der Stadt, erst vor rund 25 Jahren gebaut hat. Auch hier hat in dieser kurzen Zeit der Verkehr einen starken Aufschwung genommen und manche Industrie sich die günstige Gelegenheit des direkten Wasserweges durch An lage neuer Werke nutzbar gemacht. Kein Wunder also, wenn die Franzosen, auf dem bisherigen Wege der Gewaltpolitik fortfahrend, die wichtigen Rheinhafenanlagen dieser beiden Städte dem von ihnen besetzten Gebfete einverleiben.

Raubzug der Franzosen. Deutsche als Helsershelfer.

Die Franzosen, die im Laufe des Samstag den Essener Hauptbahnhof besetzten, haben bis Samstag Abend das ge samte vorhandene rollende Material fortgeschafft. Diese Tat⸗ sache gibt zweifelsfrei zu erkennen, daß deutsche Helfershelfer an dem Raub beteiligt sind und daß sie vor allem während des Raubes die Maschinerie des Stellwerkes bedienten. Es ist ausgeschlossen, daß ohne dies die schwierigen Rangierarbeiten, die zur Fortschaffung des rollenden Materials notwendig waren, möglich gewesen wären. Infolgedessen begrüßt man hier die Verordnung des Reichspräsidenten, die jeden Spion an der Sache des deutschen Abwehrkampfes schwer bestraft.

Die Besetzung in Darmstadt unterscheidet sich von der der Mannheimer und Karlsruher Häfen. Hierbei handelt es sich um einen rechtswidrigen Ueberfall in die neutrale Zone, also um eine weitere Verletzung des Vertrages von Versailles. Die Besetzung des Güterbahnhofs Darmstadt vollzieht sich hingegen im Rahmen des Friedensvertrages, denn der im Westen der Stadt gelegene Verschiebebahnhof fällt noch in das Brückenkopfgebiet von Mainz und war bis⸗ her mehrmals besetzt. Zweifellos will man hier eine Kon⸗ trolle über den Güterverkehr ausüben. der auf der Bahn von Frankfurt nach Süden und vom nördlichen Bagern nach dem Westen geht und in Darmstadt kreuzt. Die Möglichkeit, den allgemeinen Verkehr von Frankfurt südwärts zu unter⸗ binden, haben die Franzosen schon immer gehabt, da die vor Darmstadt gelegene Station Arheiligen, ebenfalls innerhalb der Zone des Brückenkopfes liegt. Dagegen bedeutete eine Ausdehnung der Besetzung Mannheims selbst, die bisher unterblieb, auf den nahe der Rheinbrücke liegenden Haupt⸗ bahnhof nur eine Verkehrsabschnürung der Stadt Mann⸗

Richtung nach Karlsruhe und Stuttgart. da hier zwei

Mannheim nicht berührende Hauptstrecken noch vorhanden

sind, die östliche über Heidelberg Bruchsal, die westliche

über Friedrichsfeld Schwetzingen. g *

In dem neubesetzten Gebiet Süddeutschlands hat fich im

Laufe des Sonntag die Lage im allgemeinen nicht verändert.

bahnhof unterbunden ist, können Güter bis jetzt weder ab⸗ geholt noch aufgegeben werden. Im Mannheimer Haupt- zollhafen sind alle Güter beschlagnahmt. Dem Gütervor⸗ steher im Güterbahnhof Karlsruhe⸗Rheinhafen wurde von der französischen Besatzung mitgeteilt, daß 1. die Ausfahrt jedes Schiffes aus dem e dem Führer des Hafenkommandos zu melden ist, 2. alle Züge, die aus dem Hafen ausfahren, zwecks Kon⸗ trolle zu halten haben und daß 1 3. die Ausfuhr von Kohlen, Kohlenerzeugnissen und metallurgischen Produkten aus der Hafenzone ber⸗ boten ist. 5

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Die Franzosen hatten mit der Besetzung des Güterbahn⸗ hofes und der Eisenbahnwerkstätten in Darmstadt auf Beute gerechnet. Sie haben sich getäuscht. denn infolge des fort⸗ gesetzten Durchsickerns von Besetzungsnachrichten hatte man

Die Posten wurden Sonntag noch vom Güterbahnhof und Lokomotivschuppen wieder zurückgezogen und nach der Straße von Griesheim gehracht. Dagegen blieben noch das Elektrizitätswerk und die Betriebswerkstätte besetzt. In die Stadt selbst waren keinerlei Truppen eingerückt. Der Ver⸗ kehr im Hauptbahnhof ist ohne Beschränkung wieder auf⸗ genommen. Die französische Begründung der neuen Besetzungen.

Die französische Regierung hat sich darauf beschränkt, an den deutschen Geschäftsträger in Paris nach Vollziehung der neuen gegen Mannheim, Karlsruhe und Darmstadt gerichteten Gewalt⸗ akte am 3. d. Mts., abends 8.45 Uhr, folgende Note übergeben zu lassen:

Der Rhein⸗Herne⸗Kanal, dessen infolge schädigten Schleusen durch die Bemühungen der französischen und belgischen Behörden wieder in Ordnung gebracht worder sind, ist durch absichtliche Versenkung von Kähnen gesperrt worden. Die fran sische Regierung hat beschlossen, als Vergeltungsmaßfnahme die Häfen von Mannheim und Karlsruhe und die Eisenbahnwerk⸗ stätten von Darmstadt zu besetzen. wärtigen Angelegenheiten hat die Ehre, die deutsche Botschaft hier⸗ von für alle Fälle in Kenntnis zu setzen..

Auch in diesem Falle also gibt sich die, französische Regierung nicht die Mühe, ihre Gewaltakte zu verschleiern.

von Sabotage be⸗

N haben die Franzosen zwei vollkommene D. Züge über

Werden weggeschafft. Ferner fiel ihnen eine große Beute an Personenwagen, die über die militarisierten Strecken wegge⸗ schafft wurden, in die Hände.

Weitere Taten.

Die Düsseldorfer Besatzung hat von der Stadtverwaltung die Bereitstellung von Küchen und Speisesälen an vier Stellen der Stadt zur Einrichtung von Kasinos verlangt. Diese Kasinos sollen außer für die Truppen auch für die Eisen⸗ bahner und Zollbeamten eingerichtet werden. Die Stadtver⸗ waltung hat dieses Ansinnen abgelehnt.

Der Kommandant des Brückenkopfes Kehl hat angeord-

net, daß die Gendarmerie in Offenburg und Appenweier entwaffnet und aufgelöst wird.

heim selbst, nicht aber eine Abdrosselung des Verkehrs in der

Da der Stadtverkehr in Mannheim mit dem Zentralgüter⸗

Hafen rechtzeitig

fürsorglich alles wertvolle Material in Sicherheit gebracht.

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Das Ministerium der aus⸗

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