8 a Beilage zur Ob
erhessischen Volkszeitung Nr. 102
Gießen, Samstag, den 5. Mai 1923.
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Gießen und Umgebung. Stadtverordneten⸗Versammlung.
Der am Donnerstag abgehaltenen Sitzung lagen im Ganzen 46 Beratungsgegenstände vor, wovon 26 in öffent⸗ licher Sitzung erledigt wurden. Zu einer Debatte führten nur wenige, doch wurden diese zu ausgiebig behandelt. Das war zum Beispiel bei Bewilligung eines Zuschusses zur Volkshochschule der Fall, worüber eine ganze Stunde debattiert wurde. Dabei handelt es sich hier um verhältnis⸗ mäßig geringe Summen. In dem vorgelegten Antrag des f Finanzausschusses, der für Heizung und Beleuchtung 285 000 Mark sordert, ist ausgesprochen, daß damit die für die näch⸗ sten Jahre von der Stadt zu gewährenden Zuschüsse vorweg genommen sind, daß also keine mehr geleistet werden sollen. Damit wurde der Volkshochschule unter Umständen die Existenzmöglichkeit genommen. Von unserer Fraktion wurde 8 1 5 beantragt, diesen Passus zu streichen. Von demo⸗ kratischer Seite wurde beantragt, den zweiten Teil des An⸗ trages 3 eben diesen Zusatz— an den Finanzausschuß zu⸗ rückzuweisen. Damit erklärten sich auch unsere Genossen einverstanden, doch lehnten die Rechtsparteien den Antrag ab.— Bei diser Gelegenheit muß bemerkt werden, daß die Gewerkschaften sich der Volkshochschule mit aller Energie annehmen sollten, um das Institut, daß für die Arbeiter ⸗ schaft überaus nützlich wirken kann, zu erhalten und auszu⸗ bauen.— In dieser Sitzung wurden unter anderem erheb⸗ liche Mittel für Baukostenvorschüsse an die Baugenossenschaft sowie zur Verlegung von Gas-, Wasser⸗ und Stromleitungen in der Straße„Am Kugelberg“(die Häuser der Bauge⸗ mossenschaft) bewilligt.— Weiter wurde der Beitritt gur Gemeinwirtschaft Oberhessen ohne De⸗ batte beschlossen.— Haupt und Genossen hatten beantragt, eine Volksküche zu errichten. Vom Finanzausschuß wird Ablehnung beantragt. Von allen drei Mitgliedern der kom⸗ munistischen Fraktion wird der Antrag begründet und auf die wahrscheinlich eintretende Notlage weiter Kreise hinge⸗ wiesen. Sie ändern ihren Antrag dahin ab, daß die Frage an den Finanzausschuß zurückgewiesen werden soll und in dieser Form wird er einstimmig angenommen.—
5 Mehrere Anleihen wurden in der nichtöffeutlichest Sitzung genehmigt. Eine solche von 30 Millionen bei der Kommunalen Landesbank und eine von 100 Millionen, die einem hiesigen Bankkonsortium unter Führung der Mittel⸗ deutschen Kreditbank übertragen werden soll.
Die Verhältnisse in der Gießener Oberrealschule
von denen in unserem Blatte schon öfter die Rede war, wer heute in einem Prozeß vor der Strafkammer in Darm⸗ t eine Rolle spielen. Angeklagt ist ein Redakteur der utschnationalen Hessischen Landeszeitung, der sich mit den ßnahmen der Regierung in dieser Angelegenheit beschäf⸗ Ugte und dabei den Prof. Michel beschimpfte. Von Seiten der Staatsanwaltschaft wurde deshalb gegen den Redakteur Klage erhoben, Prof. Michel tritt als Nebenkläger auf. Zahlreiche Zeugen sind dazu geladen. Vertreter des Neben⸗ klägers ist Rechtsanwalt Dr. Aaron⸗Gießen und Prof. Sinzheimer⸗Frankfurt. 5
Deutsch völkische Agitation. Der auf Agitation be. findliche Dr. Stadtler, hält im Licher Schlosse natio⸗
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nalpolitische Kurse ab, zu denen Studenten aus Gießen und Lich sich einfinden. Wie uns mitgeteilt wird, werden zu den Kursen nur bestimmte Personen zugelassen, die Sache über⸗ haupt sehr geheim behandelt. Stadtler soll politisch unge⸗ fähr auf dem Standpunkt von Wulle und Genossen stehen. Es könnte nichts schaden, wenn die Behörde sich für diese Sache interessierte.
— Republikanischer Lehrerbund Gießen. abends 8¼½ Uhr im Sinasaal des Realgymnasiums Herrn Geheimrat Prof. Dr Mittermaier über: bürgerliche Erziehung und Bildung.“ — Im Kunstverein sind morgen, Sonntag mehrere 100 Originalvadierungen Mlinchener Künstler sowie eine schöne Kollek⸗ tion Oelgemälde aursgestellt. Geöffnet von 11—1 Uhr. 5 n. Klein⸗Linden. In einer hier vom Sozialdemokratischen Wahlverein einberufenen öffentlichen Versammlung am Abend des 1. Maj sprach Parteisekretär Häuser am Stelle des erkrank⸗ ten Gen. Lehrer Schmidt⸗ Gießen. Für Genosse Häuser war der 1. Maf jedenfalls kein besonderer Festtag; er mußte am späten Abend nachdem er kurs zuvor von auswärts heimgekehrt war und auf der Liebigshöbe in Gießen einige frohe Stunden genießen wollte, plötzlich nach hier um die hiesigen Genossen nicht im Stiche zu lassen. Diese Pflichttreue hätte allerdings mit einem besseren Versammlungbesuch belohnt werden müssen. In klaren, sachlichen, aber desto eindringlicheren Worten sprach Gen. Häuser über dle Bedeutung des 1. Mai. um am Schlusse wohlverdienten Beifall zu ernten. Eine sich in uneigennütziger Weise in den Dienst der guten Sache; stellende Musikkapelle berestete nach Schluß der Ver⸗ sammlung den Erschienenen noch manche frohe Stunde, so daß auch hier das Sprichwort wieder zur Geltung kam:„Ende gut,
alles gut“!
— utphe. Am 1. Maj fand hier eine für jeden Teilnehmer eindrucksvolle Kundgebung für Völkerfrieden und gegen kapitali⸗ stische Ausbeutung statt. Um 2 Uhr bewegte sich durch Utphe ein recht imposan ter Festzug unter Musikklängen und sazialistischen Kampfliedern. Auf dem Festplatz wieder angekommen, scharten sich die proletarsschen Massen um die Rednertribüne, wo Partei⸗ sekretär Häuser die Festrede hielt. Genosse Häuser schilderte in kurzen tressenden Worten die innen⸗ und außenpolitische Lage, geißelte scharf den brutalen Rechtsbruch der Einbruchsmächte, die Lapitalistisch⸗zmperialistischen Ziele der Schmeider, Crenzort, De Wendel end Konsorten, als deren Sach⸗ und Konkursverwalter ein Poincaré zut gelten hat. Redner streifte weiter Deutschlands Recht auf den passtwen Widerstand. dessen Hauptlast die Eisenbahner und Vergleute zu tragen haben, verlangte aber. unter Beifall der Massen, daß die Kreise um Helfferich endlich mal etwas, wenig⸗ stens 25 Prozent von dem vorsprochenen Gut und Blut(letzteres sef ihnen gerne erlassen) dem Vaterland zum Opfer bringen. Auch der bei der Feier anwesende Landtagsabgeondnete Genosse Henzel hielt eine kurze Ansprache und fand scharfe Worte gegen den Teil der Lohn⸗ und Gehaltsempfänger. die sich schämen, an den prole⸗ tarischen Festem teilzunehmen, abends aber, wenn es dunkel wird, scheu und geduckt zum Festplatz schreiten.— Auch forderte er inten⸗ sivere Mitarbeit der Frauen und schloß mit einem Hoch auf die internationale pölkerbefreiende Sozialdemokratie. Nach einigen humoristischen Worten des 1. Vorsitzenden, Genossen Filsingec, vom Ortsverein Utphe, trat der fidele Teil der Feier in sein Recht. Bezüglich der Veranstaltung deg Festes wäre es am Platze, wenn dec Unterbezirk diese in Zukunft finanziell selbst in die Hand nehmen würde: dazu gehört aber, daß der Unterbezirk organisa⸗ torisch besser in Zusammenhana stünde, denn es geht auf keimen Fall so welter, daß die Veranstaltung der Maifeser nur die einzige Tätigkeit des Unterbezirks sein soll. r.
Kreis Alsfeld⸗Lauterbach.
r. Schlitz. Hier wurde der Maifeiertag am Dienstag zum ersten Mal mit einem Umzug begangen. Für den⸗ jenigen, der die hiesigen Verhältnisse und besonders die Rückständigkeit der Arbeiterschaft unserer Gegend kennt, war die Beteiligung daran immerhin anerkennenswert. Die Versammlung fand im Lokale von Habermehl statt, wo Ge⸗ nosse Gutberlet aus Fulda über die Bedeutung des Weltfeiertags sprach. Seine Ausführungen wurden mit
Montag, den 7. Mai, Vortrag des
„Stgats⸗
Aufmerksamkeit angehört und mit lebhaftem Beifall aufge⸗ nommen. In Ganzen nahm die Maifeier, die abends noch einige Stunden gemütlicher Unterhaltung brachte, einen
guten Verlauf.
Kreis Wetzlar. 931 — Die Maifeier in Wetzlar hatte eine außerordentlich zahlreiche Beteiligung aufzuweisen und aus der Bevölkerung wurde dem Weltfeiertag mehr Sympathie entgegengebracht, als man das hier früher beobachten konnte. Mehr und mehr, findet der Gedanke des Völkerfriedens Eingang trotz der von. vielen Seiten betriebenen nationalistischen Hetzereien. In der im Schiitzengarten abgehaltenen Versammlung, die über⸗ aus stark besucht war, sprach Genosse Abg. Hoch-Hanau über die Bedeutung der Maifeier für das arbeitende Volk. Sie sei als ein Auferstehungsfest der Arbeiterschaft ae sprechen. Weiter versäumte er nicht, auf die Notwendigkeit der Beseitigung des Militarismus hinzuweisen, der feine Verderblichkeit für die Menschheit im Ruhrgebiet zeige. Redner, der bei seinem Erscheinen bereits stürmisch begrüßt worden war, fand mit seinen Ausführungen lebhaften Bei⸗ fall. Nachmittags bewegte sich ein Festzug mit Tausenden von Teilnehmern nach dem Kalsmunt, wo Unterhaltung von Teilnehmern nach dem Kalsmunt, wo Unterhaltung aller Art geboten wurde.— Eine Theatervorstellung am Abend schloß die Feier. Hierzu war der Andrang so stark, daß eine Menge keinen Platz mehr finden konnten unnd um⸗ kehren mußte. Aufgeführt wurden Schillers„Räuber“, die Darsteller wurden von Mitgliedern der Arbeiterjugend gestellt.— Ob das Erstlingswerk Schillers zur Feier des 1. Mai geeignet war, darüber mag es gewiß verschiedene Meinungen geben; daß man sich bemühte, etwas Gutes zu bieten, verdient jedenfalls Anerkennung. Im Ganzen hat; die Maifeier hier einen ausgezeichneten Verlauf genommen.
Kleine Nachrichten.
Frankfurt a. M., 2. Mai. Morphium vergiftung. Unter schweren Vergiftungserscheinungen mit Morphium wurde in Sachsenhausen eine aus Mutter, Sohn und Tochter bestehende Familie aufgefunden. Die drei Personen kamen in bewußlosem Zustande in das Krankenhaus. 1
Frankfurt a. M., 2. Mai. stähle. Aus der Wohnung eines der letzten Nächten Silbersachen im Werte von 36 Millionen Mark, aus der Wohnung eines Kaufmannes im Oederweg Schmuckstücke im Werte von 15 Millionen Mark gestohlen.— Bei einer Dame in der Woehlerstraße trat am letzten Freitag ein neues Dienstmädchen ein, war aber schon am nächsten Morgen unter Mitnahme der Silbersachen im Werte von etwa 6 Millionen Mark verschwunden. — Die Kasse eines hiesigen Theaters wurde dieser Tage am hellen Nachmittag einer Radikalausplünderungskur unterzogen. Täter unbekannt.. 9
Frankfurt a. M., 2. Mai. Für 42 Millionen Mark Bahngepäck geraubt. Aus einem sogenannten Schrank⸗ koffer ist vermutlich auf der hiesigen Umladestelle des Hauptbahn⸗. hofes eine Fülle wervoller Sachen und Geldscheine im Gesamt⸗ werte von 42 Millionen Mark gestohlen worden. Der Koffer war am 21. April in Berlin aufgegeben worden und traf am 22. in Stuttgart beraubt ein. Es werden u. a. vermißt 775 Dollar, 65 englische Pfund, 25 holländische Gulden, zweit Perlknöpfe von be⸗ deutendem Wert und zahlreiches Kleingeld. Im Zusammenhang mit diesem Millionendiebstahl wird auf ähnliche Diebstähle hinge⸗ wfesen, bei denen wertvolle Gepäckstücke die Umladestelle in Frank⸗ furt passieren mußten. Als Belohnung sind 10 Proz des Wertes der wieder beigebrachten Sachen ausgesetzt. a 5
Frankfurt a. M. 3. Maf. Frankfurter Vieh arkt. Auftrieb: 526 Kälber, 147 Schafe, 332 Schweine. Es n be⸗ zahlt für einen Zentner Lebendgewicht: Kälber feinster Qualität:
Neue Millionendieb⸗ Bankdirektors wurden in einer
5 Bilder aus Alt⸗Gießen.
(Fortsetzung) späterer Zeit leistete sich der Gemeinderat kllerhand. Kam da einst der Großherzog Ludwig III. mit großem Gefolge nach Gießen, um im Einhorn Quartier zu nehmen. Jubelnder Beifall der Menge ließ das Pferd eines Adjutanten am Ausgang des Selterswegs auf den Kreuzplatz scheuen. Das hervorragende flaster war schon für nüchterne Fußgänger eine gefahrbringende Sache, wie⸗ viel mehr für Pferde, die es nicht kannten. Kurz, der Herr Adjutant 5 5 Roß und Galauniform zu Fall, bei dem Gießener Straßen⸗ keine Kleinigkeit. Kurze Zeit darnach trug in der Gemeinde⸗ ratssitzung der damalige Bürgermeister seinen Stadtvätern ein ge⸗ harnischtes Beschwerdeschreiben des Hosmarschallamts in Darmstadt vor, in dem man sich wegen des gefährlichen Pflasters beschwerte und dige Abhilfe forderte. Der Gemeinderat war rat los; da das weise Ortsoberhaupt:„Ihr braacht Eich kaa Surge ze e, ich hunn schond Alles erledigt, ich huns zurückgeschickt mit .„wer nit reite kann, der soll vom Gaul hunne bleibe, mir aach zu Fuß.“ N Ein andermal lief eine Beschwerde ein von einem Anwohner des ens, der den sogenannten besseren aur frritiert, weil der Schoorgraben derart ter nach dieser Seite nicht öffnen könne. De 0 lte seinen Gemeinderat. Man ging vereint an die bem Stelle. Dort erhob der Herr Bürgermeister Kopf und Nase wändete in alle vier Himmelsrichtungen. „Ich rieche naut, riecht Ihr was?“ Und als
Aber auch noch in viel
stänke,
sesgestellermaßen überhaupt nicht.“ Solcher umd ähnlicher schöner und selbst, wenn sie nicht wahr sein sollten. denn
doch sehr sehr gut erdacht und stimmen gebrachten Personen, daß mindestens Richtigkeit spricht.
Noch einiger einem solchen
hurechender Einrichtungen sei Das Straßenpflaster,
gedacht.
mit Namen benannt,
en sei nur 5 milienfest erhalten. In erster
nationales Gießener Faß
nicht, jeder hatte„sei Pump“ vor dem 5 5 war des„Gaile Pump“ shres vorzüglichen Wassers besonders beliebt.
0 Allmählich kam die
Ständen angehörte. Er daß man das Der Bürgermeister ver⸗ bemängelte und Alsdann erklärte er fragend: das vereinte Ratskol⸗ legünn dies verneinte, erklärte das Ortsoberhaupt:„Dann hat der (gemeint der Beschwerdeführer) auch nix ze rieche, und dann stinkt's
Anekdoten gibt es noch unzählige ich kann nicht dafür haften, daß Alles das wahr ist, was man mir erzählt hat, so sind sie
so auf die damit in Beziehung die Vermutung für die volle
Stadtvorstand und seiner Wähler 15 ie Buuel die Straßenbeleuchrung, sind schon geschildert, auch das Zwete
. hat es sich doch als Linie sei 5 Wasserversor Erwähnung getan. Wasserleitung gab es 0 ee im Hofe, bei einigen stand solche auch in der Neustadt wegen ee Jung und Alt ü und„Züwwern“ hin, um das edle Naß einsu⸗ e eee, zunächst mit öffentlichen runnen und dann als Hausleitung, und alsbald prangte auch
an des Gaile Pump ein Schild mit der Aufschrift:„Der Genuß des Wassers dieses Brunnens als Trinkwasser ist gesundheitsschädlich. Auch die Feuerwehr war eine Sache für sich. Jeder Hausbesitzer hatte einen ledernen Feuereimer, und wenn es brannte, mußte sofort dieser Feuereimer an die Brandstelle gebracht werden: im Verein mit vier Handspritzen, die an verschiedenem Stellen stationiert waren, mußten sie der Bekämpfung des gefährlichen Elementes dienen. Besser wurde es erst mit der Begründung der Gailschen Feuerwehr, der alsbald auch die Gießener folgte, deren tatbräftigem Eingreifen unser altes Gießen die Fortexistenz so gar mancher alten Baracke verdankt. Und auch du sollst nicht unerwähnt bleiben, lieber guter alter Omnibus, der du als dich die Bernburger pensio nierten, immer noch für die Gießener gut genug erschienst. Es war ein fürchterliches Institut, nie benutzbar. Bei schönem Wetter ging man rascher, sicherer und besser zu Fuß und bei strömendem Regen war er immer besetzt von der Ausgangsstelle an. Aber wenn man am Walltor satt ein⸗ stieg, wurde man so gut durchgeschüttelt, daß man beim Aussteigen am Bahnhof wieder voll aufnahmefähig, wenn nicht heißhungrig war. Auch die Wirtshäuser der alten Stadt, dabei reicht der Begriff„alt“ zum Teil nur bis tief ins Ende des vorigen Jahrhunderts zurück, sollen nicht unerwähnt bleiben. Das Café, welches allmählich das Wirtshaus ersetzt. gab es noch nicht. Bescheidene Anfänge, als Appendices vorhandaner Konditoreien hatten keine große Be⸗ deutung. Daß der weibliche Teil der Bevölkerung ins Wirtshaus gegangen wäre, wäre direkt als unschsicklich angesehen worden. Die Damenwelt war sehr hausbacken; und wenn man heute sagen kann, daß der Beruf einer tlchtigen Hausfrau der einzige sei, der micht über Ueberfüllung zu klagen habe, so galt das früher nicht. Die Gießener Frau stickte, strickte und nähte, daß es einem bange werden konnte. Selbst in die Konzerte und die Kaffeegesellschaften wanderte der Strickstrumpf mit. Und wenn eine Familie gar über mehrere Töchter verfügte so war nach geraumer Zeit alles gestlckt und gehäkelt, von den Lampenschirmen den Tisch⸗ und Bettdecken und den Sofaschonern und ⸗Kissen herab bis zu den Reisetaschen, den Zigarrenetuis und den Pantoffeln und Hosenträgern der Väter, Brüder und Geliebten. Aber ich wollte ja von den Wirts⸗ häusern erzählen. Da war zunächst des„Loose Rieme“, so genannt wach seiner langen schmalen Gestalt, der Stern, in dem jetzt eine Bäckerei und ein Schub ggeschäft betrieben werden. Und die„Auf⸗ erstehung“, in der die Bedürfnisanstalt des guten Tones wegen das Billardzimmer genannt. mitten im Lokal stand. Das Dariz⸗ städter Haus und der Lindenhof, der Sammelpunkt der ver⸗ wöhnteren Welt, und gar der Lahnstein, wo es sogar eine Speise⸗ karte gab, die der Direktor des Gymnasiums sich mit lauttönender Stimme beim Kellner bestellte, um regelmäßig nach dem Durch⸗ lesen einen Handkäse mit Butter zu verzehren. Dann der lahme Esel und der Hirsch und der Adler in den Händen einer Familie Schwan deren eine Vertreterin eimnal äußerte, als sich ein Glied der Familie mit einem armen. aber aus guter Familie stammenden „Da werd nix draus, Reich
obe.“ Ju dem Adler, gegenüber dem Cafs Leib(an seinem Staus⸗ ort klafft jetzt eine Lücke in der Häuser reihe) tagte eine Studenten⸗ verbindung, die den Reichtum der Schwane erhalten half.
Als die jungen Herren einmal ihrer sieben an der Zahl eine Bowle tranken und wie gewohnt, nicht bezahlten, frug der Kellner den Herrn Schwan, wem er die Bowle ankreiden sollte, und er⸗ hielt zur Antwort:„Schreib se jedem uff, aaner werd se bezahle.“ Die meist eintretende Tatsache, daß die an und für sich schon nicht sehr billig gehaltene Bowle, wenn auch nach Jahr und Tag, von jedem der sieben Teilnehmer ganz bezahlt würde, wurde außer Be⸗ rechnung gelassen, wenigstens nach außen. Da war es leicht, oben zu schwimmen. Herrn Schwans Gattin, allge nein die dicke Schwanen genannt, eine herzensgute, liebe Frau, die niemanden was zu leide tat, war in der ganzen Stadt bekannt als die Her⸗ stellerin der besten Kreppel. Einst hatte sie ihr Kränzchen auch wieder mit dem kostbaren Gebäck beglückt, und man drang in sie, doch endlich einmal das Rezept zu verraten. Sie entschloß sich schwer dazu, das Geheimnis preiszugeben, aber endlich unterlag die Gute dem iustäudigen Bitten:„Na da will ich's Ihne verrate“, ssagte sie„ich setz de Teig de Awend an, morgens steh ich früh uff un steche se aus, dann leg ich mich widder ins Bett, und wenn ich dann ganz uffsteige, dann komme die Kreppel noch e Wink unners Feul(Pfühl), die animalisch Wärm läßt sie dann so schie uffgeh.“
Zum Schluß, alle kann man sie nicht aufzählen, sei noch besonders des„Lotze“ gedacht, damals ein Brauereiausschank in den Händen der Familie Lotz. Die Söhne, die alle später andere Berufe ergriffen, bedienten selbst, die Töchter halfen auch, be⸗ sonders in der Küche. Studenten, Prosessoren, Bürger, Offiziere alles verkehrte ins Lotze, wo sich auch in einem Zimmer der soge⸗ nannte Mandarinenkasten befand, in dem nur; die obersten Zehn⸗ tausend tagten. Es gab mäßiges Bier zu mäßigen Preisen. Be⸗ sonders stramme und seßhafte Zecher wurden nach der Dauer ihres Aufenhaltes abgeschätzt, und wenn gegen Mitternacht, vielleicht auch noch einige Stündchen nachher, der Hauptmann Buff nach seiner Zeche frug, dann sagte der Georg— sprich Schosch— indem er, auf die Uhr sah:„Se san jetzt fimf Stunn da, da hawwe Se so Sticker 22 Schoppe“, es kam auf einen mehr oder weniger so genau nicht an.
„Kann ich wohl ein Restaurationsschnittchen haben?“ frug ein nach Gießen versetzter preußischer Offizier.„Restauratsons⸗ schnittchen hamm mehr nitt,“ sagte der Georg.„Dann jeben Sie
mir die Speisekarte“„Speiskart, gehn Se ham,“ sagte der Georg,„des gibts hier nett, mer hawwe Schweizer⸗, Holländer⸗
und Handkäs un Worscht und Wörschtercher.“
Einst waren besonders gute Hessenge da. Ein Stammgast, den tagsuber die Geschäfte vom Wirtshausbesuch abgehalten hatten, kom zum Abendschoppen der Schorsch wurde von seinem Bruder Louis vertreten. Sie hätten so gute Heringe. sagde der Stammgast, geben Sie mir mal einen.„Das tät Ihne so passe,“ sagte der Louis,„es is noch ganer da, den eß ich selwer.“ 0
Bürgermädchen verehelichen wollte;
bei Reich und Berrl(Betel) bei Berrl, die Schwane schwimme
(Fortsetzung folgt.)


