Ausgabe 
4.1.1923
 
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alle Tage singen, er peitschte mich,

stautinopel veranlaßt, die Stadt zu verlassen.

babe.

Neues vom Tage. Lausaune.

Vor einem Abbruch der Verhandlungen?

Aus Lausanne sind Nachrichten eingetroffen, welche darauf hindeuten, daß der Fortgang der Orientkonferenz wieder einmal stark in Frage gestellt ist. Die kritische Lage hat auch bereits zahlreiche englische Staatsangehörige in Kon⸗ Ihre wahre Ursache scheint die ablehnende Haltung der Türkei in der Frage von Mossul zu haben.

Türkische Separatsfoiedensvorschläge.

Eine Reuterdepesche meldet aus Konstantinopel, daß die Nakionalversammlung von Angora die türkische Delegation in Lausanne beauftragt habe, alle Forderungen des National pakts aufrechtzuerhalten und mit denjenigen Mächten, die be⸗ reit sind, diesen Vertrag anzunehmen, einen Seperatfrieden nbzuschließen. Die Engländer verlassen Koustantinopel.

Nach unkontrollierbaren Nachrichten des Pariser Journal hat die englische Kolonie in Konstantinopel die Aufforderung er⸗ halten, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Die Eng⸗ länder sind der Aufforderung bereits gesolgt. 1000 englische 5 1 haben sich im Laufe des gestrigen Tages eingeschifft.

davon nach Cupern, der Rest hat sich nach Malta begeben.

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Deutschland und die internationale Luft⸗ fahrtkonvention.

Wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, ist die dung, daß die Entente Deutschland zum Eintritt in die ternationale Luftfahrtkonvention vom 18. Oktober 1919 ufgefordert hat, zutreffend. Die deutsche Regierung hat in einem Antwortschreiben an die Botschafterkonferenz zum Ausdruck gebracht, daß sie es durchaus begrüßen würde, venn sie Mitglied der Konvention werden würde, daß in⸗ ssen zwei Gesichtspunkte dem Eintritt aber entgegen⸗ tänden. Zunächst einmal sei Deutschland durch bereits ein⸗ egangene vertragliche Abmachungen gebunden, an deren Erfüllung es sich durch Art. 5 der Konvention gehindert sehen würde; außerdem müßte die deutsche Regierung den Beitritt von der Voraussetzung abhängig machen, daß Deutschland auf dem Fuße völliger Gleichberechtigung mit en Signatarmächten der Konvention behandelt werde. raufhin ist am 30. Dezember eine Antwort der Bot⸗ chafterkonferenz bei der deutschen Regierung eingelaufen, in r mitgeteilt wird, daß die Botschasterkonferenz die von er deutschen Regierung erhobenen Einwände prüfen und ächst beantworten werde. Bis der Eintritt vollzogen

sei, würden die alliierten Regierungen sortfahren, ihre Luft⸗ verkehrslinien in Deutschland verkehren zu lassen.

Dieser letzte Satz der Entscheidung der Botschafterkonferenz steht den Bestimmungen des Friedensvertrages entgegen, wonach vom . Jaruar 1923 ab alle bisherigen Vorrechte der zivilen Luftfahrzeuge der alliierten Mächte in Deutschland fort⸗

flaallen, sofern Deutschland nicht zu einem früheren Zeitpunkt

in den Völkerbund aufgenommen ist oder von den alliierten Mächten die Zustimmung zum Beitritt zu dem von ihnen abgeschlossenen Uebereinkommen fiber die Luftfahrt erhalten Der Einflug der alliierten Zivilflugzeuge ist daher von dem genannten Zeitpunkt ab von einer besonderen Ge nehmigung der deutschen Regierung abhängig.

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Die Sängerin. 5 Novelle von Wilhelm Hauff. 6.

1Mein Vater, erzählte die Sängerin,war Antonio Bianetti, ein berühmter Violinspieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt sein kann, denn sein Ruf hatte durch die Konzerte, die er an Höfen und in großen Städten gab, sich überall verbreitet. Ich kann mir ihn nur noch aus meiner frühesten Kindheit denken, wie er mir die Skala vorgeigte die ich schon im dritten Jahre sehr richtig nachsang. Meine Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzüg⸗ liche Sängerin gewesen und pflegte in den Konzerten des Vaters einige Arien und Kanzonetten vorzutragen. Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reise starb und uns in Armut zurückließ. Meine Mutter mußte sich entschließen, durch Singen uns fortzubringen. Sie heiratete nach einem Jahr einen Musiker, der ihr von Anfang sehr geschmeichelt haben soll, nachher aber zeigte es sich, daß er sie nur ge⸗ heiratet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde Musik⸗ direktor in einer kleinen Stadt im Elsaß, und da fing erst unser Leiden recht an..

Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme so sehr, daß sie beinahe keinen Ton mehr singen konnte. Dadurch war die größte Geldquelle meines Stief vaters versiegt, denn seine Konzerte waren nur durch meine Mutter glänzend und zahlreich gewesen Er plagte sie von jetzt an schrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu essen geben, bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen Er marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die schwersten Sachen von Mozart, Gluck, Rossini und Spontini ein, die ich dann Sonntag abends mit großem Applaus absang; das arme Schepperl, so hatte man meinen Namen Giuseppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder, denen die Natur ein schönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben hat; der Grausame ließ mich er gab mir tagelang nichts zu essen, wenn ich nicht intoniert hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange sehen, es war, als ob ihr Leben in ihren stillen Tränen dahin fließe; an einem schönen Frühlingsmorgen fanden wir sie tot. Was soll ich Sie von meinen Marterjahren unterhalten, die jetzt anfingen? Ich war elf Jahre alt und sollte die Saus⸗ haltung führen, die kleinen Geschwister erziehen und dabei

Vuschdruckerstreit in Holland.

Am Dienstag haben die Setzer und Drucker in mehreren hol⸗ ländischen Städten die Arbeit eingestellt. Einzelne Zeitungen sind dadurch nicht oder nur in sehr beschränktem Umfange erschienen. Im Haag ist der Streik nahezu allgemein.

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Tynamitanschläge in Halle.

Am Neujahrstag, abends 10% Uhr wurde auf das Kaiser Wilhelm⸗Denkmal in der Burgstraße zu Halle ein Dynamit⸗An⸗ schlag verübt. Mon versuchte, das Drei⸗Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I., Bismarcks und Molikes zu vernichten, was aber nicht vollständig gelang. Die Moltke⸗Statue wurde vollkommen vernichtet, während die beiden anderen Standbilder nur leicht be⸗ schädigt worden. Die bruße n Fenstersch: hen in der nahe ljegen⸗ den Mitteldentschen Privatbank und zahlreiche andere Fenster⸗ scheiben wurden von dem Luftdruck zertrümmert. Ein gleicher Anschlag wurde fast zur gleichen Zeit auf bie Villa des Kom⸗ merzienrats Dr. Lehmann, des Inhabers des Bankhauses Leh⸗ mann in der Burgstraße, verübt. Es soll hier wesentlicher Scha⸗ den nicht verursacht worden sein. Näheres darüber sowie über die Täter ist noch nicht bekannt.

* Die Lohn verhandlungen in der Berliner Metall⸗ industrie gescheitert.

Die am 2. Januar begonnenen neuen Lohnverhand⸗ lungen in der Berliner Metallindustrie sind gescheitert. Die Unternehmer erklärten die Forderungen der Arbeiter für zu hoch und behaupteten ferner, nach den letzten Lohn⸗ erhöhungen im Dezember sei keine weitere Teuerung ein⸗ getreten. Sie baten sogar die Arbeiterschaft, mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage und die Verhandlungen in Paris auf weitere Lohnerhöhungen zu verzichten. Die Berliner Metallarbeiter haben dieses Ansinnen abgelehnt und werden, wenn die Unternehmer auf ihrem Standpunkt beharren, den Kampf aufnehmen.

Politische Uebersicht.

Der abgelehnte Garantievertrag. Das Spiel beginnt.

Die Havas⸗Agentur verbreitet eine Meldung, wonach die von dem Reichskanzler Dr. Cuno in sei⸗ ner Hamburger Rede erwähnten Vorschläge zum Schutze der Grenzen und zur Verhütung eines euro⸗ päischen Krieges der franzöftschen Regierung nicht offiziell mitgeteilt worden sejen. Hierzu erfährt die Telegraphen⸗Union von zuständiger Seite, daß die Vorschläge in fester und bestimmtester Form schrift⸗ lich durch die Vermittelung einer dritten Macht an Frankreich gerichtet wurden. Daß der Vorschlag auch tatsächlich weiter geleitet ist, erhellt aus der Tat⸗ sache seiner Ablehnung durch die Hayas⸗Agentur. Frankreich hat sich hierbei, wie aus dem Wortlaut der erwähnten Depesche hervorgeht, auf rein ssormal⸗ verfassungsrechtliche Bedenken gestützt, die nach deut⸗ scher Auffassung bei gutem Willen auf gesetzgeberi⸗ schem Wege hätten leicht beseitigt werden können. Deutschland hat Frankreich über die Völkerbunds⸗ bestimmungen hinaus Garantien bieten wollen und es ist aufrichtig zu bedauern, daß die von deutscher Seite ergriffene Initiative, vor aller Welt die deutsche Friedensliebe zu dokumentieren, an Frank⸗ reichs Widerstand gescheitert ist.

Die Generaldebatte über das Reparationsproblem wurde in London abgebrochen, ehe sie recht begonnen hatte. Nun beginnt in Paris das Spiel von neuem. Man kann nicht sagen, daß sich die Lage inzwischen geklärt hat. Im Gegenteil, verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß

die Verhältnisse heute noch ungünstiger sind, als vor drei

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Wochen. Die Konferenz ßon Lausanne we die Aussprache über die Reparatjonsfrage

nicht vom Fleck gekommen, sondern h 8 0 der Zugehörigkeit des Gebiets von Massul zu einem tief greifenden Konflikt zwischen England und der Türkei ge führt, zu einem Konflikt, der jeden Augenblick mit einem Abbruch der Beziehungen enden kann.

Wenn es wahr ist,

wegen der engt zu verschieben wünschte, ist auch heute noch nicht beendet. Sie ist nicht nur sogar in der Frage

daß im Gebiet von Mossul die Opposition Kemal Paschas

bereits zu Gewalttätigkeiten übergegangen ist, so steht 7 in der

land vor den schwerwiegendsten Entscheidungen Orientfrage. Diese Situation muß ihre Schatten auch auf die Pariser Konferenz werfen. Es wäre nicht das erste Mal,

daß die Haltung Englands in Fragen der europäischen Politik zwangsläufig durch die Ereignisse im Osten beein⸗ flußt worden wäre. Es wäre nicht das erste Mal, daß Frank⸗

reich im Osten im entscheidenden Augenblick ein Pulverfaß

in die Luft fliegen läßt, um die Aufmerksamkeit vom euro⸗

päischen Schauplatz abzuwenden. Das ist ein Mißklang. Es ist leider nicht der einzige.

In die Fanfaren, die den Beginn der Pariser Konferenz

ankündigen, klingt der schrille Ton einer deutsch⸗französischen

Auseinandersetzung. Das Kabinett Cuno hat der französi⸗

schen Regierung den Vorschlag eines Garantiebündnisses übermitteln lassen, der einen ewaigen kriegerischen Zu⸗ sammenstoß zwischen beiden Staaten für ein Menschenalter von einem vorherigen beiderseitigen Volksentscheid abhängig macht. Die französische Regierung hat dieses Angebot, den Verlautbarungen der deutschen Regierung gemäß, abgelehnt. Der Gedanke eines derartigen Paktes, der Parallelen mit dem bekannten Projekt eines englisch⸗französischen Garantie⸗ paktes aufweist, ist natürlich nur zu lebhaft zu begrüßen. Er ist, wenn wir recht unter richtet sind, auch noch nicht ein⸗ mal neu. Die Regierung Wirth trug sich mit ähnlichen Porschlägen, hat sie aber offensichtlich nicht zur Ausführung kommen lassen, weil sie die Zeit für ein derartiges Angebot noch nicht für gekommen hielt. Es ist zweifelhaft, ob die Lage heute dem Vorschlag günstiger ist, es ist die Frage, ob die drei Wochen zwischen London und Paris die rechte Zeit für die Ueberreichung des Angebots war, eine Frage muß es bleiben, ob es geschickt war, zwei Tage vor Zusammentritt der Pariser Konferenz die ablehnende Haltung Frankreichs bekanntzugeben und damit jene Debatte, für die man ein möglichst zurückhaltendes und ruhiges Kollegium wünschen. muß, in eine Atmosphäre der inneren Erbitterung und Er⸗ regung zu hüllen. Damit kann allerdings die ablehnende Haltung Frankreichs in keiner Weise entschuldigt werden. Es ist ein übles Zeichen, wenn man auf der Gegenseite die Frage eines Dauerfriedens⸗Abkommens zwischen Deutschland und Frankreich auf der Grundlage des Versailler Friedens noch nicht einmal einer Besprechung wert erachtet. Das liegt zwar durchaus in der Linie der Politik Poincarés, aber es läßt sich nicht denken, daß diese Auffassung die Auffassung des Frankreichs von heute ist.

E in deutscher Vorschlag ist also bereits in Paris unter den Tisch gefallen; vielleicht nur deshalb so achtlos, weil er in einen hohlen Raum, statt auf den Konferenztisch ge⸗ worfen wurde. Frankreich scheint alles daran zu setzen, auch den zweiten Vorschlag des Kabinetts Cuno auszuschalten, ehe liber ihn diskutiert werden kann. Das wäre aber nur möglich, wenn alle Verbündeten in der Ansicht einig sind, daß er im Vergleich zu den in London bekanntgegebenen Porschlägen nicht genug Erweiterungen enthält, um als Basis für eine

der Hölle! Um diese Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater

immer einen Sack voll Fünffrankenstücke mitbrachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn denken. Es war ein großer, hagerer Mann von mittlerem Alter; er hatte kleine, blinzelnde graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen, stechenden Ausdruck vor allen Menschen, die ich je gesehen, auszeichneten. Mich schien er besonders liebgewonnen zu haben. Er lobte, wenn er kam, meine Größe, meinen An⸗ stand, mein Gesicht, meinen Gesang. Er setzte mich auf seine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er sagte wohlgefällig: Noch zwei drei Jahre, dann bis du fertig, Schepperl! Und er und mein Stiefvater brachen in ein wildes Lachen bei dieser Prophezeiung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfest sagte mein Stiefvater zu mir: Höre, Schepperl, du hast nichts, du bist nichts, ich geb dir nichts, ich will nichts von dir, habe auch hinlänglich genug an meinen drei übrigen Rangen; die Christel(meine Schwester) wird jetzt statt deiner das Wunderkind. Was du hast, dein bißchen Gesang, hast du von mir, damit wirst du dich fortbringen. Der Onkel in Paris will dich übrigens aus Gnade in sein Haus aufnehmen. Der Onkel in Paris? rief ich erstaunend, denn bisher wußte ich nichts von einem solchen. Ja, der Onkel in Paris, gab er zur Antwort, er kann alle Tage kommen.

Sie können sich denken, wie ich mich freute; es ist jetzt drei Jahre her, aber noch heute ist die Erinnerung an jene Stunden so lebhaft in mir, als wäre es gestern gewesen. Das Glück, aus dem Hause meines Vater zu kommen, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz des Putzes und der Seligkeit dachte ich war berauscht von so vielem Glück; so oft ein Wagen fuhr, sah ich hinaus, ob nicht der Onkel konnne, mich in sein Reich abzuholen. End⸗ lich fuhr eines Abends ein Wagen vor unserem Hause vor. Das ist dein Onkel, rief der Vater; ich flog hinab, ich breitete meine Arme aus nach meinem Erzetter grausame Täuschung! Es war der Mann mit den Fünffrankenstücken.

Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergesse ich die teuflische Freude nie, die aus seinen grauen Augen blitzte, als er mich hoch aufgewachsen fand;

noch immer klingt mir seine krächzende Stimme in den Ne ab F 7 2 7 7 5 7

Ohren: Jett bist zu recht, mein Taubchen, jetzt will ich dich einführen in die große Welt. Er faßte mich mit der Hand,

mit der andern warf er einen Geldsa Sack fuhr auf, ein glänzender Regen von Silber, und Gold⸗ stücken rollte auf den Boden; meine drei kleinen Geschwister und der Vater jubelten, rutschten auf dem Boden umher und lasen die Stücke auf es war mein Kaufpreis.

Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der, hagere Mann lich vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beständig vor, welch glänzende Rolle ich in seinen Salons spielen werde. Ich konnte mich nicht freuen, eine Angst, eine unerklärliche Bangigkeit waren an die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen, erleuchteten Hause hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis zwölf schöne, allerliebste Mädchen hüpften die breiten Treppen herab, uns entgegen. Sie herzten und küßten mich und nannten mich Schwester Giuseppa; ich fragte den Hagern: Sind dies Ihre Töchter, mein Herr? Oui mes bonnes enfantes, rief er lachend, und die Mäd⸗ chen und die zahlreiche Dienerschaft stimmten ein mit einem rohen, schallenden Gelächter.

Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerstreuten mich. Ich wurde am folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die zwölf Mädchen saßen im schönsten Putz an Spieltischen, auf Kanapees, am Flügel. Sie unterhielten sich mit jungen und älteren Herren sehr lebhaft. Als ich eintrat, brachen alle auf gingen mir ent⸗ gegen und betrachteten mich. Der Herr des Hauses führte mich zum Flügel, ich mußte singen; allgemeiner Beifall wurde mir zuteile. Man zog mich ins Gespräch, meine un⸗ gebildeten, halb italienischen Ausdrücke galten für Naivität; man lewunderte mich, ich erröte heute noch, mit welchen Worten man mir dieses sagte. So ging es mehrere Tage herrlich und in Freuden. Ich lebte ungeniert, ich hätte zu. frieden leben können, wenn ich mich nicht höchst unbehaglich, beinahe bänglich in diesem Hause, in dieser Gesellschaft ge⸗ fühlt hätte; in einer naiven Unschuld glaubte ich, so sei nun einmal die große Welt, und man müsse sich in ihre Sitten fügen. Eines fiel mir jedoch auf als ich an einem Abend zufällig an der Treppe vorbeiging, sah ich, daß die Herren, die uns besuchten, dem Portier Geld gaben, dafür blaue oder rote Karten bekamen, und solche einem Bedienten vor dem Salon wieder übergaben. Ein junger Stutzer, der an mir vorüberkam wies mir mit zürtlichen Blicken eine dieser roten Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber

errötete. Aber hören Sie weiter, was sich alslad zutrug. Sonletung pulgt