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Fubaktinn: Gicsen
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erhessi Organ für die Interessen des werktätigen Volkes bath n, der Provinz Oberhessen und der Nachbargebiete.
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Nr. 2
Gießen, Donnerstag, den 4. Januar 1923
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18. Jahrgang
5 Der aum Ftaulreichs um die Rheingrenze.
In den Artikeln, die Poincars's gefährlichster Gegen⸗ spieler, Lloyd George, vor wenigen Tagen in einigen Welt⸗ blättern veröffentlicht hat, deckt er die stärkste Triebkraft der französischen Politik in und nach Versailles auf: Frank ⸗ reichs Drang an den Rhein! Diese Frage stand, ob ausgesprochen oder nicht, stets im Mittelpunkt der fran⸗ zösischen Wünsche und des französischen Denkens.
Wir würden uns in Deutschland einer gefährlichen Illufion hingeben, wenn wir uns bei dem Gedanken be— fruhigten, daß die gegenwärtig wirkenden Annexionstenden⸗ zen nur der Ausfluß eines augenblicklichen Siegerübermutes wären, einer temporären Psychose, die mit dem bloc national wieder verschwinden werde. Ein kurzer Blick auf die fran⸗ zösische Geschichte stimmt hier außerordentlich skeptisch.
„Wir werden die Grenze Frankreichs in ihren vier Punkten erreichen,“ rief Danton begeistert und begeisternd aus,„am Ozean, an den Ufern des Rheins, an den Alpen, an den Pyrenäen. Keine Macht kann uns aufhalten.“ Schon kurze Zeit nach den Befreiungskriegen(1823) lockte Chateaubriand den Zaren mit den Worten: Was der Bosporus für Rußland, sei der Rhein für Frankreich! Und auch der Sozialist Proudhon erklärte, daß die Rheingrenze das Ziel der französischen Außenpolitik sei, die tief im Volk wurzele. f
Die sprunghafte deutsche Vergangenheit, die uns noch immer nur sehr schwer zu einer einheitlichen politischen Willensbildung gelangen läßt, erschwert uns auch das Ver⸗ ständnis für jene instinktive Sicherheit, Einheitlichkeit und Zähigkeit, die Jahrhunderte hindurch die äußere Politik Englands und Frankreichs auszeichneten. Denn in der heutigen franzöfischen Rheinpolitik ind noch dieselben Ur⸗ kräfte und Tendenzen wirksam, die seit dem Zusammenschluß Frankreichs zu einem nationalen Staat, also seit etwa 600 Jahren, sein außenpolitisches Handeln schicksalhaft be⸗
Auch die Methoden. mit denen Frankreich die Kheingrenze erstrebte, zeigen eine auffallende Beharrlichkeit der politischen Tradition über das absolute Königtum, die Revolution, das zweite Kaiserreich und die dritte Republik hinweg.
. Schon früh setzte neben der gewaltsamen Eroberung ein intelligentes Spiel der französischen Diplomatie ein. Wo die kriegerische Kraft nicht ausreichte, den Ausdehnungs⸗ drang zu befriedigen, bemühte sich die Diplomatie, an⸗
grenzende deutsche Kleinstaaten durch Lockungen mit größerer
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Selbständigkeit und wirtschaftlichen Vorteilen aus dem staatsrechtlichen und verwaltungstechnischen Zusammenhang mit dem immer schwächer werdenden Deutschen Reich zu lösen. Und wo die direkte Annexion noch nicht möglich war, wurde sie durch ein französisches Protektorat vorbereitet. Heute sehen wir ein Protektorat wenn auch in verschleierter Form, in der französischen Verwaltung des Saargebiets, die ja kein anderes Ziel hat, als den Anschluß dieses rein deut⸗ schen Landes an Frankreich vorzubereiten. Die Korruptions⸗ und Schandwirtschaft, die Frankreich im Saargebiet betreibt, hat es auch dem ganzen Rheinland zugedacht. 5
Bei dem weltgeschichtlichen Ringen der französischen
Krone mit der habsburgischen Macht deutlich ein anderes traditionelles französischen Diplomatie hervor: und dessen eigenen Reihen ihm und damit sich selbst Hilfsvölker italienische Städterepubliken, Schweizer Kantone, Türken, Polen oder Schweden. Bedenkenlos hat die französische Politik auch stets jene Richtungen und Strömungen in Deutschland gefördert, die Deutschland zersplitterten und da⸗ mit den französischen Staatszwecken dienten, selbst wenn sie sie im eigenen Lande mit Feuer und Schwert verfolgte. Die 1 Schlagworte wechselten, der Zweck blieb stets derselbe, und wie die allerchristlichsten französischen Könige die Re⸗ formation in den Grenzlanden begünstigten, so machen sich jetzt die Agenten Poincarés im Rheinland an allerhand
tritt besonders Kampfmittel der
immer neue Feinde zu werben, seien es
Hinksradikale und föderalistische Elemente heran. 0
Aber selbst dem genialsten französischen Staatsmann,
Richelieu, gelang es nicht, das widernatürliche Ziel, die
Rheingrenze, zu erreichen. Er hoffte auf spätere Generationen
und hinterließ in seinem politischen Testament folgende 6 Richtlinien für die franzosische Außenpolitik: wuùV Das erste Kriegsziel sei Pforten zu bauen und zu öffnen, um in die Nachbarstaaten einzreten zu können. Zuerst müsse man daran denken, sich in Metz stark zu machen und womöglich bis Straßburg vorzurücken, um einen Eingang nach Deutschland zu gewinnen. Das muß
lllangsam geschehen, mit viel Vorsicht und unter sanfter N 4 und verdeckter Haltung.“ 13 f f 17 18 r
ten des Gottesfriedens, scheint von der
im Rücken des Gegners:
Der Auftakt in Paris.
Die Eröffnung der Konferenz.
Die am Dienstag nachmittag eröffnete internationale Konferenz von Paris wurde ausgefüllt mit den Darlegungen der Führer der englischen, französischen und italienischen Ab⸗ ordnung, von denen jeder einen eingehend ausgearbeiteten Wiederherstellungsplan vorlegte. Es wurde bestimmt, daß den Mitgliedern der Konferenz genügend Zeit gegeben wer⸗ den soll, um diese Plane eingehend zu studieren. Infolge⸗ dessen wurde die Sitzung um 5 Uhr abgebrochen und auf Mittwoch nachmittag 3 Uhr vertagt. Der Dienstagsitzung ging eine dreiviertelstündige Unterredung zwischen Poincaré, Bonar Law und Lord Curzon voraus, in der nicht nur die Reparationsfrage, sondern, wie man hörte, auch der Stand der Lausanner Konferenz besprochen wurde. Lord Curzon hat kurz darauf die Reise nach Lausanne angetreten. Bonar Law hatte auch eine Unterredung mit dem Führer der italienischen Abordnung.
Der Vortrag Dr. Bergmanns abgelehnt. Es verlautet, daß sich die Pariser Konferenz einstimmig dahin entschieden hat, einen mündlichen Vortrag des Staats- sekretärs Bergmann nicht zuzulassen. Es wurde jedoch der Bereitwilligkeit Ausdruck gegeben, schriftliche Vorschläge der Reichsregierung einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen.
Immer wieder Cunos Unzulänglichkeit.
Man kann gerade nicht behaupten, daß der Verlauf des ersten Tages in Paris einen Beweis für das diplomatische Ver⸗ handlungsgeschick der deutschen Regierung erbracht hätte. Wenn es zutrifft, daß tatsächlich eine mündliche Berichterstattung Berg⸗ manns von den Alliferten einstimmig abgelehnt wurde, so zeigt sich wieder einmal, mit welcher Nachlässigkeit von deutscher Seite die Vorbereitungen für Paris getroffen worden sind. Anscheinend hat Herr Cuno gedacht, daß die Alliierten auf Grund seines schönen Gesichts Herrn Bergmann hören werden, so daß sich alle diplomatischen Vorbereitungen erübrigen.
Der„Gottesfrieden“.
Nicht nur die Vorbereitung für die Pariser Konferenz zeigt das mangelnde Geschick der Regierung Cuno, auch das Anerbie⸗ deutschen Regierung in einer Art gemacht worden zu sein, von der man im Auslande nicht ohne weiteres annehmen konnte, daß es ernst zu nehmen sei. Der deutsche Botschafter in Amerika hat den Staatssekretär Hughes wissen lassen, daß Deutschland zu einem Gottesfrieden bereit ist und gebeten, entsprechende Mitteilung an Frankreich zu richten, ohne jedoch die deutschen Absichten näher zu präzisieren, oder gar schriftlich zu fixieren.(Siehe auch Politische Uebersicht.) Erst nach der Uebermittlung des deutschen Planes an Poincaré wollte man die Absichten zum Gottesfrieden schriftlich niederlegen. Diese Form der Uebermittlung bot Herr Poincarés naturgemäß will⸗ kommenen Anlaß, den deutschen Plan abzulehnen. Im übrigen vertritt der französische Minister-Präsident die Auffassung, das Recht über Krieg und Frieden sei der Nationalversammlung über- tragen und daß es unmöglich sei, ihr ohne eine Revision der Ver⸗ fassung dieses Recht zu entziehen Erst nach dieser Ablehnung Poinccarés wurde der deutsche Vorschlag schriftlich fixiert. Er soll
noch auswärtigen Quellen folgenden Wortlaut haben!
„Die Regierungen Deutschlands, Englands, Frankreichs und Italiens verpflichten sich seierlich, die einen den anderen gegen⸗ über, und versprechen ebenfalls den Vereinigten Staaten, wäh⸗ rend der Dauer eines Menschenalters, also 30 Jahre, keinen Krieg zu erklären, außer für den Fall, daß er von einer Volks⸗ abstimmung beschlossen worden wäre, was den Krieg tatsüchlich unmöglich machen würde.“ 0
Vorausgesetzt, daß die deutsche Erklärung diesen Wortlaut hat, müssen wir offen sagen, daß sie nicht das geringste diploma⸗ tische Geschick verbirgt. Wann hört die deutsche Oeffentlichkeit e eee eee eee ee
Wenn indessen trotz den Vorqrbeiten Richelieus und teils weisen späteren Erfolgen auch Ludwig XIV. und die Heere der französischen Revolution nicht zum Ziele gelangten, so weil sie jene kluge Vorsicht außer Acht ließen, die Richelieu empfohlen hatte. In erster Linie war es stets die Schwäche des Deutschen Reiches, die Frankreich antrieb, sich bis zu seiner östlichen,„natürlichen“ Grenze auszudehnen. Aber immer war es seit Ludwig XIV. England, das diesem Aus— dehnungsdrang entscheidend in den Weg trat, denn die fran— zösische Rheingrenze hat schon immer die Vorherrschaft Fran— reichs auf dem Kontinent und eine unmittelbare Vedrohung Englands bedeutet.
Nach dem Sturz des zweiten Kaiserreichs schien nun auch in Frankreich an die Stelle des Strebens nach der europäischen Hegemonie eine Politik des Gleichgewichts der europäischen Kräfte getreten zu sein wie sie in Deutschland Bismarck nach 1871 mit Meisterschaft handhabte. Die Ziel- losigkeit und Zerfahrenheit der deutschen Politik nach dem Sturz Bismarcks gaben aber der französischen Diplomatie sehr bald ihre alte Ueberlegenheit wieder und trieben Eng— land an die Seite seines Hauptgegners früherer Jahr- hunderte.
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übrigens etwas näheres über den sogenannten Gottes frieden von
der deutschen Regierung? Bisher mußten wir uns damit be⸗ gnügen, über die Aktionen des deutschen Kabinetts von Paris aus unterrichtet zu werden. Auch der Vorwärts bezeichnet die Ab⸗ lehnung des deutschen Verlangens, Staatssekretär Bergmann zu hören, als„eine recht peinliche Niederlage der Reichsregierung,
der man sich garnicht auszusetzen brauchte, wenn man die in solchen Fällen elementarsten diplomatischen Vorsichtsmaßregeln ergriffen hätte“ 5 Die Gegensätzlichkeit der Reparationspläne.
Mittwoch nachmittag 3 Uhr werden also die alliierten Minister⸗Präsidenten wieder zusammentreten. Inzwischen 0 sollen die Sachverständigen die Pläne der einzelnen Re⸗ gierungen zum Reparations⸗Problem prüfen. Wie sich die Vertreter der alliierten Regierungen in Paris unter den ge⸗ gebenen Umständen näher kommen können, erscheint bei der starken Verschiedenartigkeit der Grundeinstellung zur Repa- rationsfrage gegenwärtig sehr unklar. Während 2
England 8 ö ein Moratorium von vier Jahren wünscht, die Erfassung von Pfändern ablehnt, wie überhaupt das ganze Problem un als wirtschaftliches Problem zu behandeln beabsichtigt, sieht er der französische Plan unter der Voraussetzung von Pfändern 105 nur ein Moratorium von zwei Jahren vor. Nach dem eng⸗ re. lischen Programm soll die Erfüllung der deutschen Verpflich⸗cher tungen durch ein neu zusammenzusetzendes Kontrollkomitee, ktage in dem auch die Neutralen Sitz und Stimme haben, über wacht werden. Bereits nach der Vertagung der Pariser 8 5 5 ratungen am Dieustag nahm Poincaré Journalisten geg er über zu dem englischen Plan Stellung. Als besonders eas täuschend hob er hervor, daß England die Reparation tre kommission durch ein neues Komitee ersetzen wolle. Feruer J betonte er, daß die deutschen Schulden durch die englischen 1 Vorschläge effektiv auf 25 Milliarden Goldmark herabgesetzt würden. ö
Auffallend ist besonders, daß 8 791 g der italienische Reparationsplan 7 selbst in der französischen Oeffentlichkeit kaum Beachtung N findet. Der italienische Plan verknüpft das Reparations⸗ a Problem mit dem Problem der interallüserten Schulden, was übrigens auch bei dem englischen Plan von Bonar Law der Fall ist.
In der Hauptsache wird also sicherlich der französische und der englische Plan während der Pariser Konferenz zue Debatte stehen. Die Pfänderforderungen Frankreichs stimmen mit den gestern gemachten Mitteilungen überein.
Günstiger Eindruck der deutschen Vorschläge N
in Amerika? e
Nach den in London vorliegenden Nachrichten haben die i
neuen deutschen Vorschläge in Washington einen günstigen Eindruck gemacht. Man knüpft die Hoffnung daran, daß Poincaré es jetzt nicht mehr wagen werde sein„undisku⸗
tierbar“ zu wiederholen. l 8
Franzssische Anklageschrift. 5
Die französische Regierung hat den LKonferenzteilnehmern ein umfangreiches Dokument überreichen lassen, das den Titel trägt„Wie Deutschland die Sachlieferungen ausgeführt oder nicht ausgeführt hat“. Frankreich versucht in dem von Zahlen strotzenden Schriftstück zu beweisen, daß Deutschland weder Kohlen noch Holz, noch sonstige 4 von Fronkreich angeforderten Materialien in dem vereinbarten Um⸗ 7 9 fange gelsefert habe und es völlig an gutem Willen fehlen ließ. f
Daß England aber an der Seite Frankreichs bis zum knock out blow(Weißbluten) kämpfte bedeutete einen ver⸗ hängnisvollen Bruch mit den Traditionen der englischen Außenpolitik. Es hat seit Versailles alle Mühe, der fran ⸗ zösischen Rheinpolitik in den Arm zu fallen. Mit Recht weist Lloyd George darauf hin, daß die Annexion der deutschen Rheinlande mit Sicherheit einen fürchterlichen Revanche. krieg nach sich ziehen müßte denn bei der heutigen Stärke des nationalen Zusammenhalts kann kein Staat mehr eine derartige Amputation ertragen. So bemüht sich jetzt Eng⸗ land gut zu machen, was es durch seine völlige Nieder⸗ n werfung Deutschlands verdorben hat. Freilich, die Entwick⸗ 5 lung der Dinge in den letzten Tagen läßt wenig erhoffen. 9
Eine endgültige Lösung der Rheinlandfrage wird über⸗ 2 haupt erst dann erfolgen, wenn der Sozialismus und Pazifismus in Frankreich so erstarkt sein werden, daß sie die Frankreich tief im Blute sitzende annevionistische Rhein-
politik abzulösen vermögen. Und da Sozialismus und
Pazifismus in Frankreich nach wie vor ohnmächtig sind, 8
wissen wir, daß wir gegenüber dem alten kranzösischen Aus⸗ 4
dehnungsdrang an den Rhein auf der Hut sein müsssen. A 3 8


