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Beilage zur Oberhessischen Volkszeitung Nr. 13
Gießen, Samstag, den 2. Juni 1923.
Für die Bedrängten im Ruhrgebiet
Es gingen weiter bei uns ein:
Verlag der Oberhessischen Volkszeitung.
Gruß den Arbeiter⸗Sängern!
Morgen kommen eine große Anzahl Arbeiter⸗Ge. vereine aus Oberhessen und den bee W le in Gießen zusammen, um hier gegenseitig ihre Kunst zu f erproben. Das„Wertungssingen“, das im Stadttheater
abgehalten wird, soll dazu dienen, die Sangeskunst weiter u entwickeln, Mängel zu beseitigen, die auf dem Gebiete etwa hervorgetreten sind. In den letzten Jahren hat sich die Zahl der Arbeiter⸗Gesangvereine auch in unserem Bezirke stark vermehrt. Zur Förderung der Bestrebungen, in deren Dienst sie sich gestellt haben, sind Veranstaltungen wie die bevorstehende gewiß zweckmäßig und von Nutzen. Sowohl zur Entwicklung in künstlerischer Beziehung— Leiter und
Sänger lernen dabei von einander— als auch zur Er⸗ örterung von Fragen, die das Arbeitergesangswesen be⸗ 9 treffen. Hier erfordert manches Beachtung. Warum sah sich die Arbeiterschaft veranlaßt, besondere Arheitergesang⸗ vereine zu schaffen? Dafür ist mehr als ein Grund vor⸗ U
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handen. Zunächst als wichtigster der, auch im Liede die freiheitlichen und kulturellen Bestrebungen der Arbeiter⸗ schaft zum Ausdruck zu bringen, was in anderen Vereinen nicht möglich war. Dann herrschte in den meisten der letzteren auch ein Geist, der einem aufgeklärten Arbeiter die Mitgliedschaft verleiden mußte. In vielen Vereinen drohte früher jedem der Ausschluß, der sich als Sozialdemokrat be⸗ kannte. Deshalb schuf sich die freidenkende Arbeiterschaft eigene Vereine und diese haben trotz aller Schwierigkeiten eine gute Entwicklung genommen, es zu künstlerisch bedeut⸗ samen Leistungen gebracht. Sie werden auch fernerhin im Sinne der hohen Ziele des Sozialismus tätig sein, soweit 1 diese in Licderklangen zum Ausdruck gebracht werden können und sich von Versimpelung freihalten! Für das Streben, den Fortschritt, die Bedeutung des freien Gesang⸗
vereinswesens wird auch die Gießener Veranstaltung Zeug⸗
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fel 1 nis ablegen. Wir begrüßen in diesem Sinne die aus⸗
5„% wärtigen Sangesgenossen!
lm 5 Und auch der Gießener„Eintracht“ zu ihrer Jubel⸗
755 feier unseren Gruß, den wir wohl zugleich im Namen der Parteifreunde und Gewerkschaftsmitglieder aussprechen
dürfen. Ueber ihre Geschichte haben wir im gestrigen Blatte
einiges gesagt. Möge sie fernerhin sich stets ihrer Aufgabe
bewußt bleiben, die freie Sangeskunst pflegen und selber
blühen und gedeihen! *
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ö Die Goldrechnung bein Einkauf.
N„Was kostet die Wurst?“ fragte eine Frau beim Metzger.„Das Pfund 7600 bis 8000 Mark“, war die Antwort. Die Fragestellerin bekam einen gelinden Schreck, aber die Verkäuferin blieb„gefaßt“ und meinte:„Das sind nach altem Gelde noch nicht einmal o his N ö
ee Pfennig.“ Die Rechnung nach der Goldmark und dem Gold⸗ pfennig wird noch öfter aufgemacht, im stillen hat sie der Händler und der Produzent immer bei der Hand. Sie meinen, damit eine ub. hieb⸗ und stichfeste volkswirtschaftliche Begründung für den Preis⸗ K aufschwung zu geben. Abr sie finden damit wenig Glauben. e bre Rechnung stimmt auch nicht. Das Bezuanuehmen bei der Fefe ifetzung auf das„alte Geld“, die Goldmark, beim Warenverkauf ist 1[überdies sinnlos. Sie hätte nur dann einen Schein von Recht, wenn alle Warenpreise darauf zurückgeführt werden könnten, zum ul Beispiel auch der Preis für Arbeitskraft. Der Arbeiter cel. könnte dann sagen:„Ich verdiene kaum 6 Mark in der Woche.“ 125 U Dann hätten die Herren Volkswirtschaftler nicht mehr Gelegenheit, 5 1 den Mund aufzureißen über die„höhen Löhne“, die Nullen auf den ik Papierscheinen würden vielleicht weniger in die Irre führen. Bei 10 Lohnverhandlungen könnten einfachere Vergleiche gezogen werden g 00 zwischen Lohn und Gewinn. 5 00 Die Berechnung des Lohnes nach Goldmark, was etwa der Be⸗ En rechnung nach dem Dollarkurs entspricht, wäre noch viel mehr be⸗ n. rechtigt als der Dollar⸗Warenpreis, weil die Arbeitskraft jeden en Tag von neuem mit Dollar⸗Nahrungsmittelpreisen„erzeugt averden muß, in den Waren aber steckt nicht restlos der Dollar- kurs. Das Land, das Futter, das Vieh, Kartoffeln, Gemüse und len Getreide ist nicht erworben nach dem jetzigen Dollarkurs. Auch dalle die Wiederbeschaffung rechtsertigt noch, nicht, das automatische Heraufzeichnen. Es wird einfach der Preis höher festgesetzt, weil 5 der Mann, der die Waren besitzt, eben die Macht dazu besitzt und t 0 feine Konkurrenz durch billigere Waren zu fürchten hat. Er nutzt ahh die Macht rücksichtslos aus, denn das sogenannte Gewissen hat gehen 0 nichts mit ins Geschäft hineinzureden. alf 1 5„ „Ein Zuchthausurteil gegen eien Richter. ant 6 f Strafkammer in Darmstadt wurde dieser Tage gegen 0 den. Dr. K. Pusch aus Ortenberg wegen Rechts⸗ wderhandelt. Am Donnerstag wurde das Urteil verkündet, 1 g chthaus lautete.— Diese Sache wurde geihel das auf ieee Strafkammer verhandelt. Hier r lches Urteil von der Staats-
eisprechung, gegen we Revison eingelegt wurde un
die ochmaligen Verhandlung ö hi ee ve Die der Anklage zugrunde liegenden Vor⸗ a fälle liegen über drei Jahre zurück. Beim Schöffengericht Ortenberg t 1 war im Februar 1920 ein Prozeß gegen 8 Landwirte aus Effolderbach 1 Anhängig, die sich wegen Hehlerei und Nichtanmeldung bezw. unter; 15 lassener Ablieferung von e 1 e 1 5 Sch i nter Vorsitz Puschs erkannte auf dire.Es 5 b n Militärwagen, die während des Rückzugs Ende 11 5 0 1 urch unermittelte Trunpe eflch 5 1 1 91 0 5 15 5
zahlung ilweise unentgeltlich in den esi er g 0 ben e erließen zur kritischen Zeit die
Wbeauftr⸗ nen fi 2 ich ei Wiedererlangung solchen ö ür das Reich eine der Wiede e 0. ebe, scharfe Strafbestimmungen enthaltende Ver⸗ men,
Stellen dafür waren genau geregelt, und die Reichsverwertungsämter besorgten die Abwickelung. In Effolderbach hatte der Volks rat manches zurückgelassene Militärgut aufgenommen und der Verwal⸗ tungsbehörde berichtet, tat dies aber micht bezüglich jener Fuhrwerke, da die Besitzer sich auf gutgläubigen Erwerb stützten. So verstrich die veröffentlichte Frist, es erfolgte Strafanzeige und wurden die Wagen mangels gültigen Ausweises vom Fiskus zurückgeholt. Die damaligen Angeklagten, sämtlich gut beleumundet, verwahrten sich von vornherein gegen den Vorwurf unredlichen Erwerbs, gingen auf die Frage der versämmten Anmeldung bezw. Ablieferung nicht ein, und erst in der erwähnten Schöffengerichtssitzung tauchte plötzlich eine andere, auf letzteren Punkt gerichtete Verteidigung auf. Gerade diese soll P. kurg zuvor in persönlicher Rücksprache unter vier Augen mit einem der Angeklagten, Landwirt Richard Wolf, angeregt haben, indem er trotz Bedenken W.s ihn darauf hinwies. damit„die Sache aus der Welt komme“ und Straflosigkeit platzgreife. Es war die Behauptung, man habe geglaubt, der Volksrat habe die Aufnahme der Wagen ebenfalls besorgt und man habe sich dadurch von allem weiteren entbunden gehalten. W. berief sich als Wortführer der an⸗ deren in jenem Termin darauf, obwohl er es nach seiner nunmehrigen zeugeneidlichen Bekundung für„gelogen“ ansah, der Verlauf der Be⸗ weisaufnahme war rasch und der Freispruch fußt auf besagtem sub⸗ jektivem Moment(Fehlen des rechtswidrigen Bewußtseins). Be⸗ rufung fand nicht und das Erkenntnis wurde rechtskräftig. Es verstrich alsdann längere Zeit, und der Fall schien vergessen, bis er aus anderem Anlaß wiederum in Betracht kam.
In einem auf sonstige Punkte bezüglichen, gegen P. gerichteten Disziplinarverfahren war ein Zeuge aus Effolderbach gehört worden, hatte eine ihm über die Schöffensache gemachte Mitteilung erwähnt und wurde deshalb von P. wegen Beleidigung verklagt. Er berief sich auf jenen Richard Wolf als Zeugen, und dieser bekundete, P. habe ihn durch seinen Bruder vor der Schöffengerichtssitzung zur Rück⸗ sprache in die Privatwohnung bestellt und dort über das gegenüber Verhalten instruiert, auch dem Freispruch
anwalts Holzapfel angeraten und belgefügt, dessen Kosten würde die Staatskasse tragen. P. Abrede und will mit R. eine Mietssache verhandelt doch wurde dieses Verfahren eingestellt.
glied des Kreistags und charakteristischen. Einzelheiten usw. und sein Bruder bestätigte schon im Herbst 1949 für Niederschlagung
die Effolderbacher Landwirte interessiert, das betreffende Gesuch dem dortigen Bürgermeister angeraten und nachher lebhaft an zuständiger Stelle befürwortet. Der in der Schöffengerichtsverhandlung und dem Urteil ausschlaggebende Verteidigungspunkt war damals über⸗ haupt nicht vorgebracht. Das Gesuch selbst wurde abgeschlagen. Es sind zahlreiche Zeugen geladen. P. versichert seine volle Unschuld mit dem Bemerken, aus Ueberzeugung und sozialem Empfinden für den Freispruch gewirkt zu. Der Staatsanwalt beantragte die Be⸗ jahung der Schuld und überließ die Strafhöhe dem Ermessen des Gerichts. Der Verteidiger, R
walt Prof. Sinzheimer⸗ Frankfurt trat für volle Schuldlosigkeit des Angeklagten in objektiver wie subjektiver Hinsicht ein, letzterer persicherte auch selbst das Gleiche.
Das Gericht fällte das oben mitgeteilte Urteil.
Krankenhausversicherung für den Mittelstand.
Die Kosten für eine Krankenhausbehandlung sind für nichtversicherten Mittelstand gar nicht oder nur mit großen Opfern zu erschwingen. Nach längeren Vorarbeiten ist in Berlin deshalb mit Hilfe sozial denkender Mitbürger in Gegenwart von Sogial⸗ hygienikern, Vertretern der Reichs⸗ Staats⸗ und Kommunalbe⸗ hörden, Angehörigen verschiedener Berufsverbände und von Ver⸗ sicherungsfachmännern die gemeinnützige„Krankenhauskosten⸗ Versicherungs⸗A.⸗G. Salus“ gegründet worden. Nach einleitenden Worten des Generaldtrektors Heinrich Fraenkel von der„Hafag“ entwarf Genosse Prof. Dr. Chajes in einem längeren Referat ein Bild von den Zwecken der Gesellschaft. Danach soll die Möglich⸗ keit gegeben werden, falls auf ärztliche Anordnung eine Kranken⸗ hausbehandlung notwendig ist, das sofort bewerkstelligen zu können, ohne von drückenden Sorgen belastet zu werden. Auf Grund langer Vorarbeiten glauben die Gründer der„Salus“ nun, den Zersicherten gegen eine jährliche Prämie von 4 bis 5 Goldmark einen Ersatz der Krankenhauskosten für die Dauer von 13 Wochen im Jahre bis zur Höhe einer Goldmark gewähren zu können. Von besonderem Wert ist für die Allgemeinheit die Tatsache, daß sämt⸗ liche Ueberschüsse den gemeinnützigen Zwecken der neuen Gesellschaft zugute kommen. Eine besondere Genugtuung war es bis⸗ herigen Mitarbeitern, daß die Wichtigkeit des Zweckes der neuen Gesellschaft bei den Behörden, Sozialhygienikern, Staatsmännern und vor allem bei den Arbeitgeber und Arbeitnehmerverbännden unumwunden anerkannt und weitestgehend unterstützt wurde. Nach einer lebhaften Debatte, an der sich u. a. Genosse Stadtmedizinalrat Dr. Rabnow und der Präsident des Reichsgesundheitsamts Dr. Bumm beteiligten, wurde zur Gründung der Gesellschaft geschritten mit einem Aktienkapital von vorläufig 20 Millionen Mark, das aber bald auf 60 Millionen Mark erhöht werden soll.
— Das Schwurgericht der Provinz Oberhessen, das am Mon⸗ tag vorm. 9½ Uhr unter Vorsitz von Landgerichtsrat Hirsch zu⸗ sammentritt, hat folgende Fälle zu verhandeln: Montag, 4. Juni, vorm. 9½ Uhr gegen Otto Fourier aus Gießen wegen Notzucht. Die Anklage vertritt Staatsanwalt Justizrat Weidemann, Ver⸗ teidiger ist Rechtsanwalt Homberger.— Montag, nachm. 3 Uhr gegen P. Grüning aus Burkhards wegen Mordversuchs. Die An⸗ klage vertritt Staatsanwalt Fischer, Verteidiger ist Rechtsanwalt Justizrat Katz.— Dienstag, 5. Juni, vorm. 8½ Uhr gegen Gottfr. Lang von Ruhlkirchen wegen Totschlagsversuch. Ankläger Staats⸗ anwalt Knauß, Verteidiger Rechtsanwalt Dr. L. Katz.— Mittwoch, 6. Juni, vorm. 8 Uhr gegen Karl Appel aus Gießen wegen Widerstand und Körperverletzung. Die Anklage vertritt Staats⸗ walt Justizrat⸗ Weidemann, Verteidiger ist Rechtsanwalt Justigzrat Grünewald.— Donnerstag, 7. Juni, vorm. 8 ½ Uhr gegen Heinr. Walter aus Göbelnrod wegen Totschlagsversuch. Die Anklage ver⸗ tritt Staatsanwalt Fischer, Verteidiger ist Rechtsanwalt Dr. L. Katz.— Freitag, 8. Juni, vorm. 8½ Uhr gegen Georg Mörschel aus Büdingen wegen Körperverletzung mit tödlichem Erfolg. Die Her'lage vertritt Staatsanwalt Dr. Eckert, Verteidiger ist Rechts⸗
elt Dr. Spohr.
Bessere Ausnutzung der Fernsprechleiturgen. Die Reichspost⸗ verwaltung läßt jetzt in verstärktem Maße das Fernleitungsnetz planmäßig umgruppieren und umbauen, um hierdurch die Mög⸗ lichkeit zu erhalten. aus zwei Latungen durch Kunstschaltungen noch eine dritte Fernsprechverbindung zu gewinnen. Auf diese Weise sind bis jetzt zahlreiche neue Absatzwege, sogenannte Vierer⸗ leitungen, geschaffen worden, die das allgemeine Fernsprechnetz vervollständigen und die Sprechmöglichkeiten für das Publikum verbessert haben, ohne daß es dazu der Herstellung neuer Kupfer⸗ drahtleitungen bedurft hätte. Bisher sind bereits leitungen neu entstanden, die der Postkasse nach den jetzigen Sätzen eine Gebühreneinnahme von schätzungswesse täglich 79 Millionen oder jährlich 24 Milliarden Mark einbringen. Die Kosten für den Leitungsumbau waren verhältnismäßig gering und kommen
sich im Tagbau der Grube„Friedrich“
3000 Vierer⸗
— Tätigkeit zukommt, geht aus nach⸗ folgenden lediglich für das zweite Halbjahr 1922 errechneten Zahlen hervor. es wurden allein in dieser Zeit rund 1400 Kilometer neue Viererleitungen geschaffen und rund 7900 Kilo⸗ meter vorhandener Viererleitungen durch verbesserte Anordnung leistungsfähiger gemacht, das Fernleitungsnetz also um rund 19 600 Kilometer betriebsfähige Sprechleitung vermehrt. 0 — h. Unfall in der Kohlengrube. Am Mittwoch abend ereignete in Trais⸗Horloff ein Unglücksfall. Ein Arbeiter aus Utphe wurde von einem Förder⸗ karren derart gequetscht, daß er schwere innere Verletzungen erlitt und dem Krankenhause in Hungen zugeführt werden te. Dies ist innerhalb eines halben Jahres der fünfte Unglücksfall in dem Betrieb, von denen drei sofort tödlich verliefen. Aerztlcher Sonntagsdienst in Gießen. Künftighin werden 2 praktische Aerzte von Samstag nachmittag 4 Uhr bis zum Mon⸗ tag vormittag 7 Uhr in dringenden Fällen zur Verfftgung stehen. Die Kranken müssen beizeiten den Rat ihres Hausarztes einholen, nur im Falle der Not, in Anspruch zu nehmen brauchen. In unserer Zeitung sind am Samstag die Namen f— Möge diese Wohlfahrtsein⸗ werden.
technischen Reichsamt geleiteten
richtung von Es geschehe zum Heile der leidenden Kranken!
gelitten. Die junge Saat, welche im 5 ertrags⸗
den Landmann, daß da ihm seine Hoffnungen geraubt hat. Winter das Wasser nicht genügend viel übrig geblieben, ander⸗
„Patriotische“ Kundgebungen beim Bierglase.. sorieber Marburg wird dem. Frankfurter Parteiblatt ge⸗ ieben: 175
sie dadurch, daß sie nach einer versaufen dem Ebert seinen Zylinder und die erste und die Republik— wenn es glückt!“ Ferner: len
Leben weihm, der Jahme
Unterhaltung
drehte. Sie was um sie herum vorging und das 7 verhängn Nach eimigen persönlichen Belästiaumgen ließ die Kapelle, die mit den Patent⸗ patrioten eine enge Verbindamg unterhielt das died„Deutschland, Deutschlaud über alles“ ertönen, wobei sich aller Augen auf die ruhig plaudernden Beamten richtetem. Da elle im Lokale An⸗ wesenden sich erhohen. folgten auch die beiden Unbekannten dem Beispiel. Nichts deftoweniger setzte sich der nationalistische Zauber fort. Die beiden Beamt konnten sogar beobachten, daß die am⸗ scheinend etwas feigen Spießbürger im Lokal anwesende Studenten machdrücklichst auf die zu verprügelnden Gäste aufmerksam machten. Besonders hetzten die sogenannten„Damen“ gegen die, vermeint⸗ lichen Fremben. Die Folge davon war, daß sich die beiden Be⸗ amten auf dem Nachhauseweg verfolgt sahen; das am Rudolfplatz einsetzende Gepfeife machte ihnen klar, daß sie in Gefahr waren, sinn⸗ und erbarmungslos verpeügelt zu werden. Sie steuerten daher sofort um zur Polizeiwache, wohin ihnen ein Teil der Ueber⸗ pabrioten folgte; vier Mann(der Dachdeckermeister Georg Gilleict, Wörthstraße 32, Wilhelm Wied, Cappler Straße 10 und zwer Studenten) drängten sogar mit zur Polizeiwache herein. Nachdem sich der Kasselaner durch einen poligeflichen Personalausweis legitimiert hatte und sein Freund von dem Polizeibeamten als Marburger bezeichnet worden war, erklärte einer die ganze Ge⸗ schichte als ein Mißverständnis. Man habe angenommen, zwei Franzosen vor sich zu haben.(2)
Vor diesem sogenanmten Miißverständnis hatte die beiden Insultierten wicht einmal der Umstand zu retten vermocht, daß sie klein Französisch, wohl aber den unverfälschten Kölner Dialekt sprachen. Schließlich versuchte man ihnen beizubrüngen, daß es doch mur anzuerkennen sei. wenn es in Marburg, Bürger gäbe, die in diefer Weise das Deutschtum pflegten“. Schönes Dautschtum! wird jeder sagen, der seinen gesunden Menschenverstand sich zu erholten gewußt hat. Die beiden Beamten waren gezwungen, sich unter polizeflicher Bedeckung nach ihrer Wohnung bringen zu lassen, wenn sie es vermeiden wollten, von übermütigen Geschäfts⸗ leuten und den von diesen aufgestachelten Studenten verprügelt zu werden. Der Vorgan läßt erkennen, daß das natiomalistische Kesseltreiben im Marburg allmählich stumpfsinnige und gemein⸗ gefährliche Folgen anzunehmen beginnt. Vielleicht kommt cs noch soweit, daß nur noch derjenige unbehelligt ein Konzertlokal be⸗ treten kann, der mit dem Abzeichen der Deutschnationalen Volks⸗ partei soder der„unpolitischen“ Jungdeutschen Ordens geschmückt ist., Und das in efner Stadt. wo deutsche Studenten kein Unter⸗ kommen finden können. für valutastarke Ausländer aber Zimmer in beliebiger Auswahl zur Verfügung stehen.
0 Sogenannte Patrioten und Vaterlandsfreunde, die in öffent⸗ lichen Lokalen in Spottliedern den höchsten Beamten sowie die Sbaats form herunterresßen. bilden eine Art von Spezies, mit denen wir uns vor dem Auslande lächerlich machen können.
Arbeitsrecht, Gewerkschastliches, Arbeiterbewegung. Die Lohnregelung für den deutschen Bergbau.
Nach der am Montag vormittag erfolgten Neuregelung der Löhne für die Bergarbeiter des Stein⸗ und Braunkohlenberg⸗ baues im besetzten Gebiet trat am Nachmittag desselben Tages unter dem Vorsitz des Dufsburger Oberbürgermeisters Jarres eim Schlichtungsausschuß zur Regelung der Lohnverhältmisse in den übrigen Gebieten zusammen. Die Schichtlöhne wurden wie folgt erhöht: für Oberschlesten 9000 Mk., Niederschlesien, Sachsen, mittel⸗ deutsches Braunkohlenxevier(Kernrevier) und Bayern(Pechkohle) 8460 Mk. Für das niedersächsische Revier wurde eine Erhöhung von 8000 Mk., für die aroßen bayerischem Braunkohlenbetriebe 7950 Mk. und für die bayerischen Steinkohlenwerke 7520 Mk. je Schicht bewilligt. Im Anschluß an diese Lohnverhandlungen be⸗ gannen am Mittwoch. 30. Mai. die Verhandlungen über die Ex⸗
rn ich Ausführungsmaßnahmen, darin eg 11 er er 25 Kommissare für die wirtschaftliche 5 5 g anschlossen. Anmelde- und Ablieferungspflicht nebst den
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diesen Zahlen gegenüber überhaupt 5 in Betracht. Welche außerordentliche wirtschaftliche Bedeutung dieser vom Telegraphen⸗
höhung der Kohlenpreise.


