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die Reichsbank,
Aehaltion: giesen Bahubosstraße 23 Jerusprechet 2005.
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Nr. 51
Gießen, Freitag, den 2. März 1923
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13. Jahrgang
Frankreichs schöne Aussichten und Zusicherungen.
Die Folgen der Nuhraktion.
Stillstand der belgischen Hütten industrie.
Die Folgen der französisch⸗belgischen Ruhraktion machen sich in Belgien jetzt auch in der Kalkindustrie stark bemerkbar. Aus Namur, dem Zentrum dieser Hilfsindustrie für Eisen⸗ verhüttung, wird unserem Brüsseler Parteiblatt, dem Peuple, 800 seinem Korrespondenten geschrieben, daß die Lage in der Kalkindustrie immer schwieriger wird. Die Krise wütet infolge des Mangels an Koks in der Ver⸗ hüttungsindustrie und die Bestellungen werden seltener. So hat man in den Kalksteinbrüchen in Einey einen Ofen ab⸗
edampft, und in den Kalksteinbrüchen in Aisemont sind vier
fen von sieben ausgelöscht worden. Die Firma Moreau
in Aisemont, der diese sieben Oefen gehören, erklärte auf nfrage folgendes:
„Wir liefern Kalk an die Stahlwerke des Großherzog⸗ ums Luxemburg und Lothringen. Unsere Lieferungen nach
5. sind von täglich 100 Tonnen vor der Ruhr⸗
esetzung auf 30 Tonnen zurückgegangen; die Fabriken von elval in Esch stehen volllommen still. Wir haben keine Be⸗ stellungen mehr erhalten. Wir lieferten für diese Werke is zu 70 Tonnen täglich. In Lothringen ist nur eine leichte Erholung zu verzeichnen. Im ganzen ist unsere Produktion um die Hälfte zurückgegangen; sie beträgt nur noch 120 Tonnen täglich statt 200 Tonnen. Wir haben vier Oefen won sieben abdämpfen müssen. Die Geschäfte gehen im gegenwärtigen Augenblick sehr schlecht.“ Und auf die Frage, was kommen soll, wenn es so weiter geht, erklärte dieselbe Firma:„Das bedeutet den Still⸗ stand der Hüttenindustrie und infolgedessen eine
beträchtliche Verlangsamung in der Kalkindustrie.“
Betriebseinschränkungen in Frankreich. f
In Longwy, so berichtet der Korrespondent der rkft. Ztg. waren zu Ende der abgelaufenen Woche von insgesamt 54 vorhandenen Hochöfen nur noch etwa 17 gegen 33 am 1. Januar unter Feuer. Im Revier von Naney arbeiten noch 9 von insgesamt 27 Hochöfen.
Die schöne Aussicht.
Der französischen Kammer ist bekanntlich ein Gesetz⸗ vorschlag für die Ausgaben im Ruhrgebiet zugegangen. In diesem Entwurf stellt der Finanzminister die Bezahlung der militärischen Kosten im Ruhrgebiet durch Deutschland in Aussicht. In Aussicht stellen ist leicht gemacht— aber noch 11 5 diese Ausgaben für rein militärische Zwecke von Deutsch⸗ 0
land nicht bezahlt. Wir halten es für selbstverständlich, daß
Frankreich selbst wenn bald das Ruhrgebiet wieder geräumt werden sollte, seine Besatzungsaktion⸗ vollständig selbst be⸗ zahlt oder zum mindesten die Kosten für die französisch⸗ belgische Unvernunft auf das Reparationskonto überschreiben wird. Als s. Zt. Frankfurt a. M. besetzt worden ist, sind die Kosten hierfür nach schwierigen Verhandlungen ebenfalls zu Lasten des Reparationskontos geschrieben worden. Im übrigen besteht zwischen Deutschland und den Alliierten eine feste Abmachung, die zwar nicht von Briand, aber später von Poincaré anerkannt wurde, nach der Deutschland für die Zeit der Besetzung bestimmt festgelegte Kosten zu tragen hat. Das sind z. B. für Frankreich 460 Millionen Franken. In Aussicht stellen, das kann also nur eine Beruhigungspille sein für das französische Volk. Bekanntlich hat uns Luden⸗ dorff auch allerlei in Aussicht gestellt, aber dabei ist es ge⸗ blieben.
Technische Schwierigkeiten trotz schöner
ö Zusicherungen.
Die französisch⸗englischen Verhandlungen über die Aus⸗ händigung gewisser Eisenbahnlinien in der von den Eng⸗ ländern besetzten rheinischen Zone an die Franzosen ge⸗ stalten sich äußerst schwierig. Die amtlichen Poriser Stellen geben nach Pressemeldungen unumwunden zu, daß„große technische Schwierigkeiten“ zu lösen sind. Die in Köln be⸗ schlossene Lösung müßte erst die Billigung der englischen Regierung erhalten. Der Versuch französischer Banken und Industriekreise, die Engländer zu einer Beteiligung an der wirtschaftlichen Ausbeutung des Ruhrgebiets zu bewegen, habe trotz der schönen Zusicherungen bisher keinen Erfolg gehabt, wenigstens gilt dies für die englische Großindustrie und den englischen Großhandel.— Wenn dich die bösen Buben locken
Der französische Wechselkurs wird steigen.
Der Abgeordnete Loucheur hat in der Kammer über die Aus⸗ gleichung des Budgets eine Rede gehalten, aus der folgende Stelle wiedergegeben zu werden verdient: Die Frage, wie sie jetzt auftrete, sei eine politische Frage. Die Stunde sei ern st. Der Redner habe nicht zu denen gehört. die in einem gewissen Augenblick zu einer gewissen Maßnahme gedrängt hätten. In der Minute aber, wo die französische Fahne sich entfalte, hätten alle Franzosen die Pflicht, hinter ihr zu stehen mit kühler Entschlossenheit und sich die Schwierigkeiten nicht zu verheimlichen, die Frankreich werde durch⸗ machen müssen. Er verlange nicht, daß man Frankreich erkläre, mor⸗ gen werden Kohlen ankommen. Das erscheine ihm lächerlich. Das Entscheidende sei, daß im jetzigen Zeitpunkt im Ruhrgebiet Willensmächte aufeinanderstießen. Von Frankreich werde der Sieg seines Willens erstrebt. Dieser Wille brauche sich nur zum Aus⸗ be uch zu bringen und der französische Wechselkurs werde wieder
eigen.
Raub und Plünderung.
Mit Ausnahme der Städte Gelsenkirchen und Dortmund ist jetzt das ganze innere Industriegebiet von Polizei entblößt. Dem Trauerspiel der vergangenen Woche in Essen haben die Franzosen am Mittwoch in Bochum die Krone aufgesetzt. Gewaltsam wurden auch die Schupo⸗ beamten aus den Kasernen und den Privatquartieren geholt. Nachdem sie dann in 20 Lastautos wegtransportiert bezw. in Bochum festgehalten waren, konnten die Plünderungen und die Beschlagnahme öffentlicher und privater Gelder vor sich gehen. Ein öffentliches Institut nach dem anderen wurde besetzt. Auf dem Hauptbahnhof fielen den Spitz⸗ buben neun Millionen Mark in die Hände. a
Noch geräuschvoller als die Entwaffnung der Schupo vollzog sich die Beschlagnahme öffentlicher Gelder. Ganze Häuserblocks wurden durch Tankautos und Maschinen⸗ gewehre umstellt. Es wurden nacheinander besetzt: Der Hauptbahnhof Süd, das Zollamt, die Lotterieeinnahmestelle, die Hauptpost, die Stadthauptkasse, die Steuerkasse in der Franzstraße und das Finanzamt. Die Banken schlossen ihre Geschäftsräume gleich, nachdem sie Kenntnis von dem Aufmarsch der Truppen erhalten hatten.
Sofort wurde auch offenbar, daß man Geld haben wollte.
Einmal war es den Franzosen bekannt, daß die Beamten der Privatindustrie entlohnt würden, dann benötigten aber auch die Besatzungstruppen zur Lohnzahlung am Donners⸗
. tag die notwendigen Gelder. Durch die Besetzung des Bahn⸗
hofes war es den Reisenden mehrere Stunden lang nicht möglich, ihre Reisen fortzusetzen. Im Hauptbahnhof wurde die Stationskasse, in der sich die Gelder für die Gehalts⸗ und Lohnzahlungen der Beamten und Arbeiter befanden, be⸗
schlagnahmt. Im Hauptpostamt nahmen die Franzosen die Tageseinnahme im Betrage von mehreren Millionen Mark. Die Lohngelder waren vorher in Sicherheit gebracht worden,
ch die gesamten Gelder der städtischen Steuerkasse. Bei 15. Kalle lind den Franzosen mehrere Millionen
Mark in die Hände gefallen. In der Stadt entstand bei Bekanntwerden des Raubzuges eine Panik, weil man glaubte, es wiederholten sich auch hier wie bei der Gelsen— kirchener Aktion die Beschlagnahmen von Brief- und Akten⸗ taschen auf offener Straße. Die gestern in dem Hause der Maschinenbauanstalt Balke vorgenommene Verhaftung von 12 Industeiellen und Prokuristen sind auf Verrat zurück⸗ zuführen. Es wird ein von der Firma entlassener italienischer Arbeiter damit in Verbindung gebracht.
70 der in Herne verhafteten Polizeibeamten sind unter einem Aufgebot von Tanks und Kavallerie nach Bork gebracht und dort ausgesetzt worden. Die in Reckling⸗ hausen ausgewiesenen Beamten der Schupo, etwa 250 Mann sind ebenfalls ausgesetzt 1 Die Polizeioffiziere werden noch zurückgehalten..
Aus Essen werden wiederum 4 Raubanfälle französischer Soldaten auf deutsche Zivilisten gemeldet. In drei Fällen wurden Taschenuhren geraubt, in einem Falle wurde die Witwe eines Invaliden mit vorgehaltenem Revolver ge— zwungen, ihre Handtasche abzugeben. In derselben befanden sich 600 000 Mark, die den gesamten Verdienst der Witwe darstellen. Die Vorstellungen der Geschadigten auf der Kommandantur waren erfolglos, sie wurden dort an die Zivilabteilung verwiesen. Auch bei der Zivilabteilung schickte man die Geschädigten wieder fort, da wichtigere Dinge zu tun seien, als diesen Klagen nachzugehen. Nach Angabe der Zivilabteilung soll es sich übrigens um Truppenteile handeln, die Essen bereits wieder verlassen haben.
Der tägliche Zugzusammenstoß.
In Mainz stieß auf der Kaiserbrücke, der großen Brücke, die über den Rhein führt, Mittwoch vormittag der von Fran⸗ zosen geführte internationale D-Zug nach Paris mit einem Güterzug zusammen. Da die französische Besatzungsbehörde den Unfallplatz in größtem Umfang abgesperrt hat, ist nicht festzustellen, wie hoch der Schaden ist und inwieweit
Merschenleben zu beklagen sind.
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zwei
Besetzung des ganzen rechten Rheinufers. Interalliierte Eisenbahnverwaltung im besetzten Gebiet. Nach einer Reutermeldung hat die interalliierte Rhein⸗ landkommission unter Stimmenthaltung des britischen Dele⸗ gierten beschlossen, die neubesetzte Zone zwischen den Brücken⸗ köpfen Köln— Koblenz und Köln— Mainz unter ihre Autorität zu stellen.
In einer in Köln stattgefundenen Konferenz der Ober⸗
kommissare wurde die Einsetzung einer interalliierten Eisen⸗ bahnverwaltung im besetzten Gebiete beschlossen. Als ihr Direktor wird der Unterdirektor der französischen Staats⸗ bahnen, Breaud, genannt. direktoren beigegeben, ein Franzose und ein Belgier.
Verhaftung von Fabrikdirektoren.
In dem Verwaltungsgebäude der Maschinenbau⸗A.⸗G. Balcke in Bochum fand eine Konferenz von Direktoren der Maschinen⸗ industrie Bochums und des 1 Bochums statt, um die Maß⸗ nahmen zur Aufrechterhaltung der Betriebe und zur Sicher stellung der Arbeiter zu beraten. Plötzlich erschien ein großes Truppen⸗ aufgebot mit Tanks und sperrte den Häuserblock ab. Eine Abteilung drang in den Saal, wo 12 an der Beratung teilnehmende Herren verhaftet wurden. 0
Auch in Offenburg.
Nachdem gestern Gouverneur Michel in Offenburg an⸗ 5
wesend war, herrscht hier jetzt ein strenges Regiment. In der Nacht wurden sämtliche Gendarmen aus den Betten ge⸗ holt und verhaftet. Im Landgericht wurden bei der Durch⸗ suchung nach Waffen sämtliche Schränke eingeschlagen. Mitt⸗ woch vormittag 10% Uhr wurde Oberbürgermeister
Holler während der Stadtratssitzung verhaftet, weil
er sich geweigert hat, die Wohnungen der Gendarmen anzu⸗ geben. Die städtischen Beamten sind sämtlich in den Streik getreten. Bürgermeister Dr. Bührer mittags 4 Uhr zu dem französischen Befehlshaber vorge⸗ laden. Gendarmerie⸗Oberwachtmeister Kaiser wurde zuver⸗ lässigen Nachrichten zufolge nach Mainz gebracht.
um die Milliarden.
Deer Londoner Korrespondent des Temps berichtet, daß außer in der Eisenbahnfrage weitere Differenzen zwischen Frankreich und England durch die Beschlagnahme der deutschen Milliarden ent⸗ standen seien, die von den Franzosen vor Eintritt in die britische Zone vorgenommen seien. Von den 12% Milliarden, die konfisziert
wurden, verlangt die englische Militärverwaltung 67 Millionen
Mark zurück, da diese für sie bestimmt gewesen seien.
Beklemmungen im englischen Unterhaus.
Im englischen Unterhaus stellte der Abg. John Simon die Anfrage, ob die englische Regierung von Frankreich Mitteilungen über die Höhe der Summe habe, die Frankreich fordere, ehe es das Ruhrgebiet räumen will. Bonar Law erwiderte:„Ich glaube, in Beantwortung einer aus deu Hause gestellten Anfrage bereits er⸗ klärt zu haben, welche Gründe Frankreich für einen Einmarsch in das Ruhrgebiet angab. In der Frage der Schuldsumme handelt es sich wahrscheinlich um die im Jahre 1921 festgesetzte.“ Abgeordnete Simon erwiderte:„Ist das nicht derselbe Betrag, den der Ministerpräsident als nicht eintreibbar bezeichnet hat?“ Bonar Law antwortete:„Jawohl.“ 5
Auf einige weitere Anfragen wurde vom Regierungsvertreter
erklärt: 1 Die Gesamtsumme, die von der französischen Regierung
für Anleihen und Kriegslieferungen England geschuldet wird, be⸗
läuft sich auf ungefähr 510 Millionen Pfund. 2. Frankreich hat den Vereinigten Staaten während der letzten drei Jahre für die Kriegsschulden, die es Amerika gegenüber kontrahiert hat, keiner⸗ lei Zinsen bezahlt. 5
Politische uebersicht.
Sie mausern sich!
Langsam zwar, aber unaufhörlich vollzieht sich die Ent · wicklung auch bei den Kommunisten zum realpolitischen Denken. nicht verhindern, daß der Druck der Tatsachen bei dem denkenden Teil der Kommunisten zu wirken anfängt. Uns liegt ein Bericht über eine Versammlung vor, in der der kommunistische Parteisekretär Wollweber referierte. Einige seiner Aussprüche sind außerordentlich charakteristisch für die von uns schon mehrfach festgestellte beginnende Mause⸗ rung innerhalb der KPD.
„Man muß die Dinge betrachten, nicht wie sie sein sollen, sondern wie sie sind. wie sie sich in der Gesamtlinie des historischen Prozesses vollziehen. Wir müssen Realpolitik treiben und müssen uns fragen, was erreicht werden kann. Wir dürfen nicht nur auf die Führer schimpfen....“
Dieser Erkenntnis, daß man mit dem albernen Geschimpfe und mit dem persönlichen Herunterreißen auf die Dauer bei niemand mehr Eindruck erzielt, folgt die weitere Einsicht auf dem Fuß,
„Für uns besteht nicht nur die Aufgabe klarzustellen, sondern darüber hinaus praktisch Anschauungsunterricht zu geben, wie eine bessere Poliik gemacht werden kann.... Es hat keinen Sinn zu sagen; Es lebe die Diktatur des Proletaufats! Wir müssen sehen, was als das Zunächstliegende zu tun ist. Was bedrückt die
Arbeiterschaft? Es wird von Tag zu Tag schlechter, ein klarer
Ausweg ist nicht zu sehen.“
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Bahuhossraße 22
Ihm werden zwei Unter⸗
wurde auf nach⸗
Der
Alles aufgeregte Geschrei der Roten Fahne kann


