Ausgabe 
1.6.1923
 
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m 3. Juni feiert unser Gießener Arbeiter⸗ a acht das Fest seines 50jährigen Bestehens. e ertungssingen verbunden, an dem sich die dem Bezirk ange⸗ Vereine des Rhein⸗Maingau⸗Arbeitersänger⸗Bundes be⸗ u und das im Stadttheater abgehalten wird. Es wird sich e große Zahl Arbeitersänger in Gießen zusammenfinden fein halbes Jahrhundert ihres Bestehens blickt die Gießener ht zurück. Eine lange Zeit für einen Gesangvevein. Denn de auf dem Geblete des Gesangvereinswesens ist der Wechsel l aus stark, außerdem hatte dieEintracht mit weit größeren Sh vierigkeiten zu kämpfen als irgend ein anderer Verein. Hohe

mer wurden gestellt. Wenn der Verein trotzdem auf sein hriges Bestehen mit Befriedigung zurückblicken kann, wenn er rme und Kämpfe überdauert hat, so ist das ein Beweis r, daß ein guter Stamm und Kern vorhanden gewesen sein A. Man kann mit Recht behaupten, daß kein Verein in ganz 0 rhessen sich in seiner Vergangenheit der Beachtung undFür⸗ durch die Behörde hat erfreuen dürfen, wie eben unsere Mit der Geschichte dieses Gesangvereins ist zugleich ein eschichte der Arbeiter- und sozialistischen Parteibewegung ließen und Umgebung verbunden. Verfolgungen und Unter⸗ kungen, die die Partei unter der Herrschaft des alten Staates zukosten gehabt hat, sind auch dem Verein nicht erspart ge⸗ Aen. Wenn wir deshalb anläßlich der fünfzigjährigen Jubel⸗ ehr auf die Geschichte des Vereins näher eingehen, so geschieht es J dei Grunde, um der jüngeren Generation zum Bewußtsein bringen, was Hingabe, Liebe-und Ueberzeugungstreue für eine 30e zu leisten vermögen. Mögen auch manche der alten Kämpen ichen ins Grab gesunken sein, so muß uns ihre Hingabe, ihr deln und Streben zum Ansporn dienen, uns in dem Willen Hirken, zukünftig eunsere Kraft für die Sache der Arbeiterschaft rhöhtem Maße einzusetzen. i Denn es ist ja das Große, das Schöne auf der Welt, daß das Banner steht, wenn der Mann auch fällt. Das Banner steht. Der Gesangverein Eintracht wurde im re 1873 am 22. Oktober gegründet und ist aus dem Sängerchor Arbeiter⸗Bildungsvereins hervorgegangen. Die gesangliche ung des Vereins wurde dem Herrn Philipp Bauer, dem faligen Turmiwächter überlragen, der den Verein bis zum re 1887 leitete. Von welcher Hingabe für die Sache und dem hein der Dirigent Bauer beseelt war, beweist der Umstand, daß Aden Verein in den ersten 3 Jahren vollständig unbezahlt leitete. A erste Vorsitzende des Vereins war unser alter verdienter Karl Heig. Das Vereinslokal befand sich bei dem Gastwirt Jensen u Kanzleiberg, in dem Lokal, wo später die Witwe Noll mit ihren ( hlöschen Töchtern eine starkbesuchte Milttärstammkneibe me Ie und heute sich das Geschäft des Glasermeisters Schmidt be⸗ Anfangs der achtziger Jahre war die Eintracht der Sammel⸗ AIhkt der Parteibewegung. Eine Episode aus jener Verfolgungs⸗ ih sei hier erwähnt: Im Vereinslokale bei Jensen am Kanzlei⸗ big versammelten sich eines MuenEintracht, um wichtige Parteiangelegenheiten zu beraten. damalige diensteifrige und spürsame Schutzmann Bommers⸗ In und spätere Straßenmeister mußte von der Besprechung Wind emmen haben, denn er kam und forderte den Wirt auf, ihn in br an das Wirtslokal angrenzenden Schlafzimmer horchen zu 0 en. Auf ein Zeichen von Jensen, daß die Luft nicht rein sei, zog eier nach dem andern der Parteigenossen ab, es ging in die Bis⸗ Nepraße in das Lokal des Schreiners Werner(sogenannte guthabche), der damals ein Flaschenbiergeschäft betrieb, wo die . atung dann fortgesetzt wurde. Wie lange Bommersheim bei drsen im SchlafzimmerMäuschen gespielt und gehorcht hat, ß man nicht mehr. Als der Wirt Jeusen im Jahre 1889 das E 1 zum Rebstock in der Westanlage erwarb, siedelte der Verein 1 nach dort über. Das innige Verhältnis, das bisher zwischen Ant und Verein bestanden hatte. wurde jedoch bald gestort. Im

prüche an seine Mitglieder, an deren Zeit, Geduld und Aus⸗

Abends die Genossen unter dem

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Genossen nicht gleichwertig erschbenen, angeblich auch mehr ver⸗ zehrten, weshalb der Wirt der Partei das Lokal aufsagte. Der Gesangverein erklärte sich mit der Partei solidarisch und zog eben⸗ falls mit aus und zwar diesmal zu ThomaZum Bahyerischen Löwen an der Bahnhofstraße. Als Orbig im Jahre 1895 die Wirt⸗ schaft zum Ritter in der Rittergasse übernahm, ging der Verein mit in das Lokal Orbig, wo er bis zur Errichtung des Gewerk⸗ schaftshauses verblieb, um dann im Jahre 1907 in das eigene Arbeiterheim überzuste deln.

Eine geschichtliche Exinnerung mit dem heutigen Vereinslokal des Vereins soll ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Es ist schon bemerkt worden, daß der Verein in seiner Vergangenheit die Seele der Arbeiterbewegung bildete. Die Leitung des Vereins hat es sich dann auch immer angelegen sein lassen, neben der Pflege des Ge⸗ sanges, die gesamte Bewegung vorwärts zu treiben, den Verein und seinen Einfluß im öffentlichen Leben zu stärken und die Bildungsbestrebungen zu fördern. Zu letzterem Zweck erwarb der Verein im Jahre 1885 unter seinem damaligen Vorstitzenden Hermann Muhl, der Schreiner bei Reiter war, eine eigene Theater⸗ bühne. In Lonys Bierkeller(dem heutigen Gewerkschaftshaus) wurden dann alle 14 Tage Theater⸗Vorführungen gegeben, die sich immer eines starken Besuches zu erfreuen hatten und somit auch zur Stärkung der Veveinskasse beitrugen. Daß eine trans⸗ porttable Theaterbühne in der damaligen Zeit ein sehr gesuchtes Objekt war, geht daraus hervor, daß die Bühne von den Soldaten bei Kaisers⸗ und Großherzogs⸗Geburtstag von der Eintracht ent⸗ liehen wurde, obwohl man den Soldaten den Verkehr in den Lokalen der Eintracht verbot und besonders während des Sozia⸗ listengesetzes strenge Strafen bei Uebertretung verhängte.

Ein besonderes Kapitel in der Geschichte der Eintracht bildet die Zeit, während der das Sozialistengesetz in Deutschland wütete und alle freiheitlichen Bestrebungen und Regungen der Arbeiter⸗ schaft niederknüppelte. Der Verein hatte natürlich darunter zu leiden, die Gesangsstunden wurden aus Scheu vor Unannehmlich⸗ keiten mitunter recht schlecht besucht, sodaß bei den Gesangsproben öfters gutbegabte Sänger in den verschiedenen Stimmn aushelfen mußten. Man wußte sich jedoch immer zu helfen; der Verein ver⸗ fügte im Jahre 18861887 über eine Anzahl gut geschulter Kräfte. Es wurde ein Quartett gebildet, das aus den Mitgliedern Orbig, Muhl, Veidt und Schulz bestand, letztever wanderte im Jahre 1888 nach Magdeburg aus. Verschiedene Verfolgungen mußte der Ver⸗ ein während des Sozialistengesetzes über sich ergehen lassen. An⸗ läßlich einer Haussuchung nach verbotenen Schriften wurden unsere Genossen August Bock, Petersen und Miiglied Fanuy mit einer 14tägigen Freiheitsstrafe bedacht. Fanny siedelte dann nach Düsseldorf über. Um die Bildungsbestrebungen der Arbeiterschaft zu fördern, unterhielt die Partei eine Bibliothek, die sich jedoch in Verwahrung des Vereins befand. Eines Tages im Jahre 1888 erschtenen dann auch wieder die Wächter des Gesetzes in der Person

des langen Schutzmannes Henn und des Polizetwachtmeisters, um

nach verbotenen Schriften zu fahnden. Der Bücherschrank sollte einer Repision unterzogen werden. Um jedoch die Bücher und Schriften vor Beschlagnahme zu sichern, nahm Orbig den Schrank in Privatbesitz, gab ihm einen Platz in seiner Schreinerwerkstätte. Doch auch hier war der gefährliche Schrank und sein Inhalt vor

den Argusaugen der Polizei und Behörde nicht sicher. Die Poli⸗

zisten fanden aber das Versteck und wollten den Inhalt beschlag⸗ nahmen. Muhl, Ferdinand Bauer und Orbig verweigerten aber die Oeffnung wie auch den Transport des Schrankes, sodaß der lange Schutzmann und sein Wachtmeister ihn unter erheblicher An⸗ strengung auf einen Karren luden und nach dem Kreisamt trans⸗ portierten. In dem verdächtigen Schrank befand sich jedoch weiter nichts, wie die Werke von Goethe und Schller, während der ge⸗ suchte Züricher Sozialdemokrat an einem Versteck der Wand⸗ täfelung wohlgeborgen war.

Im Jahre 1891 fand die Fahnenweihe unter zahlreicher Be⸗ teiligung hiesiger und auswärtiger Gäste und Genoffen in Steins

Garten statt. Die Fahne wurde von Frauen und Jungfrauen ge⸗ stiftet, wobei sich besonders die Frau des damaligen Turmwächters.

rbeiter-GesangvereinEintracht Gießen.

Zum Jubiläum seines 50 jährigen Peslehens.

Keßler um die Aufbringung der Mittel zur Beschaffung der Fahne verdient gemacht hatte. Ueberhaupt scheint der Verein bei den höchsten Bewohnern der Stadt Gießen in jenen Jahren in hohem Ansehen und großer Verehrung gestanden zu haben. Die Fahne kostete damals 300 Mark. Das 25jährige Jubiläum wurde im Jahre 1898 im engen Rahmen auf der Pulvermühle gefeiert. Im selben Jahre trat der Verein dem Arbeiter⸗Sängerbund en Leitung des Dirigenten August Bauer, eines Enkels des ersten Dirigenten, bei. Weiter beteiligte sich der Verein 1899 ö am Fahnen⸗ weihfest des Parteivereins in Mlihlheim a. M. Ein unumter⸗ brochener Regen, der hier niederging, machte jedoch das Fest fast unmöglich, sodaß die Sänger in den einzelnen Lokalen zurückge⸗ halten wurden, wo sich jedoch trotz des trüben Himmels, bald eine recht feucht⸗fröhliche Stimmung entwickelte. Im Jahre 1910 besuchte der Verein das Gausängerfest in Darmstadt. Im Jahre 1903, als einziger Verein des hiesigen Bezirks, das Gauwertungs⸗ singen in Dieburg, sowie 1906 das Gau⸗Singen in Frankfurt, wo nur Massenchöre bezirksweise zum Vortrag gebracht wurden. Aus dem hiesigen Bezirk beteiligten sich an dem gemeinsamen Chor die Brudervereine Wieseck, Heuchelheim, Krofdorf, Altenbuseck und Trohe. 5

Nach dem Kriege faßte der Arbeiter⸗Sängerbund auch hiesigen Bezirkt mmer mehr Boden. Seit 1919 konnten alljährlich innerhalb des Bezirks Wertungs⸗Singen veranstaltet werden, am denen sich der Verein mit stets wachsendem Erfolg beteiligte. Alle die Veranstaltungen und denkwürdigen Erinnerungen, an dene dieEintracht beteiligt war, aufzuzählen, würde natürlich zu weit führen. Wiederholt sei nur, daß der Verein Eintracht mit der Arbeiter⸗ und Parteibewegung von Gießen und seiner weitesten Umgebung unzertrennlich verbunden ist. Kein Gewerkschafts⸗ oder Parteifest, keine Maifeier oder größere Demonstrationen, wo nicht die rote Fahne der Eintracht wehte und der Verein nicht sein ge⸗ sangliches Können in den Dienst der Sache stellte, zur Ver⸗ schönerung der Veranstaltung beitrug. Erwähnt sei noch, daß von den Gründern des Vereins, unser alter verdienter Partei⸗Veteran, Karl Orbig, der sowohl der erste Vorsitzende, sowie längere Jahr auch Vereinswirt war, als einziger noch unter uns weilt.

Die gesangliche Leitung wurde seit der Gründung 1570 folgende Dirigenten ausgeübt: Philipp Bauer von 18731887 Ferdinand Neustiel von 18874898: August Bauer von 1898 1912; Konrad Nikolai von 19121921. Von 1921 ab steht e Verein unter der Leitung seines jetzigen, Dirigenten Herrn H Mayer⸗Wieseck, durch dessen Umsicht und Eiser es dem Verei möglich war, im vergangenen Jahre in der hiesigen Aula das erst öffentliche Konzert zu geben. Die geschüftliche Leitung des Verei lag seit der Gründung in Händen folgender Vorsitzenden: Kar Orbig, Hermann Muhl, August Bock, Adam Volg, Heinrich Fouri Jakob Hillgärtner, Bernhord Wissel, Fritz Ortwein und jetzige Vorsitzender ist Konrad Schomber. g

Nachdem wir so einen Rückblick bis zur Gründung in die Ge⸗ schichte der Eintracht getan haben, wenden wir unseren Blick 15

Zukunft entgegen. Wir wollen nicht von der Schwere der

reden, von den wixtschaftlichen Nöten. DieseMelodien klinge unst äglich in den Ohren. Unser Streben geht vorwärts und ge⸗ hört der Zukunft. Aus kleinen Anfängen ist im Laufe der Jahre, aus dem anfangs verhöhnten Verein ein achtungsgebietender Chor l geworden. An der Gründung und Förderung der Arbeiter- Sängerbewegung hatte der Verein stets altiv Anteil und seiner tätigen Mithilfe ist es zu verdanken, daß in vielen Bezirsorten Arbeitergesangvereine gegründet wurden.

Darum gilt unser Gruß und Glückwu usch dem Ge⸗ sangv⸗reinEintracht am seinem goldeuzn Jubeltage und bringen wir ihm unsere Wertschätzung zum Ausdruck. ö 5

Zum Schlusse geben wir noch der Hoffnung Raum, daß unsere Eintracht auch fernerhin bestrebt sein möge, das freie Lied z fördern und zu pflegen und möge es ihr in Zukunft vergönz sein, sich die Sympathie der Arbesterschaft zu erhalten.

g H. Häuser.

oc verkehrten eine Anzahl Eisenbahner, denen die Arbeiter und

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Arbeiter- Gesangverein Eintracht, Giessen, gegr. 873

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Alle Freun

Sonntag, den 3. Juni, nachmittags 4 Uur im Philosophen wald

Feier des 50 jährigen Stiftungsiestes

Bestehend in Festrede, Ueberreichung der von den Frauen und Jungfrauen gestifteten Fahnenschleife, Gesangsvorträgen und Tan

de und Gönner des vereins sind hierdurch freundlichst eingeladen.

Der Vorstand.

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