Ausgabe 
1.3.1923
 
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Fer Arbefkerschäft geschehen ist, wenn diese nicht mit aller f Kraft zu ihr hält und für sie wirbl. Eine politische Bewegung ist machtlos, wenn sie keinen Einfluß auf die öffentliche Meinung hat. Daher muß die gewaltige Verteuerung der Zeitungsrohstoffe, herbeigeführt durch Dollarsturz und 8 Kartelldiktatur, für die organisterte Arbeiterschaft ein Mahn⸗ kuf sein, ihre Presse tatkräftig zu unterstützen. 5 5*

Höchstpreise für Zement. Nach Mitteilung des Reichswirt⸗ schaftsministers beträgt der Höchstpreis für Zement ohne Fracht mind Verpa ab 12. 2. 1923 1 710 128 Mark. Die Vergütung

für den Handel ist in diesen Preisen bei Abnahme von 10 000 Kilogramm Zement enthalten. Beim Kleinverkauf dürfen zu obigen Höchstpreisen bei Abgabe bis zu 2500 Kg. 30 v. H., bei Ab⸗ gabe bis zu 5000 Kg. 20 v. H., bei Abgabe bis zu 9950 Kg. 10 v. H. zaugeschlagen werden. Die Kleinverkaufszuschläge sind gleichfalls Höchstpreise im Sinne des Höchstpreisgesetzes. Die Umsatzsteuer ist in den Höchstpretsen enthalten.

Deutscher Reichstag.

Berlin, 27. Februar. Angenommen wird der Gesetzentwurf über die einstweilige Außerkraftsetzung der Vorschriften des 8 247 des B. G. B., nach welchem der Schuldner in dem Falle, wo ein Zinsfuß höher als 6 Prozent vereinbart worden ist, das Kapital nach Ablauf einer Frist von sechs Monaten unter Einhaltung einer Kündigungsfrist von sechs Monaten kündigen kann. Diese Vorschrift läßt sich unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht mehr rechtfertigen. ö Das Pressenotgese tz.. 5 Der Reichsrat hat gegen das Pressenotgesetz Einspruch erhoben, da eine Erhöhung der Holzabgabe auf 2 Prozent ihm zu hoch erscheint. Diese Erhöhung ale über das hinaus, was die Länder für ihre Finanzen flir tragbar halten. Ein Antrag Hergt verlangt Herabsetzung der Holzabgabe auf Prozent. 1 Abg. Hertz(Soz.) äußert starke Bedenken gegen eine Herab⸗ setzung der Holzabgabe. Er beantragt nochmalige Beratung im 5 Ausschuß. Die Vorlage geht darauf an den Volkswirtschaftlichen

Ausse.

Een Antrag Beythien(D. Vyp.), auch dle nicht kündbaren gewerblichen Pachtverträge einer Nachpritfung zu unterziehen, geht

an den Bevölkerungsausschuß.

Es folgt dann die zweite Beratung der Notstandsmaß⸗ nahmen für Rentenempfänger aus der Invaliden⸗ und Angestelltenversicherung. An den Kosten dieser Vorlage ollen die Gemeinden mit 10 Prozent beteiligt sein. Der Reichstag hat die Beteiligung der Gemeinden auf 10 Prozent festgesetzt. Die een d e aber eine Beteiligung von 20 Prozent. Dem Antrag Reichstagsausschusses entsprechend wird darauf det Plan in der Fassung des Reichsrats abgelehnt. Dann wird die

zweite Lesung des Haushaltsplans des Wehemiassteriums fortgesetzt.

Abg. Ledobonr behauptet, daß die Reichswehr weiter Fühlung mit der Orgesch habe, und daß das Offizierskorps monarchistisch sei. In diesen Kreisen werde offen von der Möglichkeit eines Krieges mit Frankreich gesprochen. Die Fascisten gehen bereits zu Taten über, wie das Attentat auf die Münchener Post beweise.

Abg. Künstler(Soz.): Wir sind mit der letzten Rede des rministers sehr unzufrieden. Eine jeden Zweifel über die

e ziehungen der Reichswehr zu den nationalen Vänden ausschließende Erklärung ist bisher nicht ersolgt, und wir erwarten sie noch von ihm. Das ist er dem Volke schuldig. Mit allem Nachdruck muß den nachgeordneten Stellen erklärt wer⸗ den, daß sie sich bei Strafe nicht an verbotenen Vereinigungen beteiligen dürfen. Was ist aus den Untersuchungen herausge⸗ gekommen? Bewußt wird auf die Untergrabung der re⸗ publikanischen Gesin nung in der Beamtenschaft

hingearbeitet. Der Redner führt Beispiele für die polltische Betäti⸗ ir wollen keinen neuen Krieg und

beine Reichswehr an. keine Kriegsvorbereitung. Wir wollen die deutsch⸗franzö⸗ n 15 tändigung. Für sie werden wir uns mit aller nergie ein en. f Reichs wehrminister Dr. Geßler: Die Beölkerung des Ruhrgebiets hat ein Recht darauf, daß wir nicht hinter ührem Rücken einen törichten Streit auf⸗ slühren, einen deutschen Streit, bet dem ihr unverantwortliche Sera und Skribenten alley Art in den Rücken fallen! In dem iftstück, das Herr Künstler verlesen hat sehe ich das Mach⸗ N solchen elenden Skribenten! Alle die Leute, die weit vom sitzen und nichts von Entbehrung spüren, sollten sich

Die Goldwertauleihe vom Reichsrat angenommen.

Der Reichsrat stimmte in seiner Vollsitzung am Dienstag dem Entwurf eines Gesetzes für die Beschaffung von Mitteln zur Deckung eines Devisensonds zu. Nach der Vorlage soll bekanntlich der Finanz⸗ minister 50 Millionen Dollar durch Ausgabe von Schatzanweifungen flüsfig machen. Nähere Bestimmungen über Verzinsung usw. sollen dem Finanzminister überlassen bleiben. Die einkommenden Beträge sind zu verwenden zur Bildung eines Devisenfonds im Interesse der Stützung der deutschen Währung. Der Jonds soll von einer beson⸗ deren Stelle verwaltet werden. das Gesetz nach dem Tage seiner Ver⸗ kündung in Kraft treten. Es ist beabsichtigt, die Anleihe auf 3 Jahre laufen zu lassen. Die Einzahlungen sollen am 15. März, 15. April und 15. Mai erfolgen. Zinsscheine werden den Schatzanweisungen nicht beigegeben, vielmehr sollen wenigstens nach den bisherigen Plänen bei der Rückzahlung für 110 Dollar 120 Dollar zurückgegeben werden, was einer Verzinsung von 6 Prozent entsprechen dürfte Die Reichsbank will sämtliche Bürgschaften übernehmen.

Den Blättern zufolge ist damit zu rechnen, daß der Entwurf. spätestens Donnerstag den Neichstag beschäftigen und noch im Laufe dieser Woche verabschiedet werden wird. Nach einer Mitteilung des

Börsenturiers sind auch die Vorbereitungen für die Ausführungsbe⸗ stimmungen des Gesetzes bereits getrossen und ein Prospekt gibt A N

dem holländischen Geldmarkt gesichert. Es soll beabsichtigt sein, eine Reichsanleihe⸗A.⸗G. zu gründen, deren Aktionäre sämtliche Banken sind, die sich zur Uebernahme der Anleihe bereit erklärt haben. Bis. her hätten die Banken die Verpflichtung übernommen, für 25 Millio- nen Dollar, also für die Hälfte des Anleihebetrages, Antkile zu ber⸗ nehmen. Durch das Publikum, Handel und Industrie wären also noch 9 25 Millionen Dollar zu zeichnen. 5 Durch die Errichtung einer besonderen Stelle für die Verwaltung. der Neichsaneihe⸗A.⸗G., würden Ausgaben und Einnahmen nicht durch den Etat laufen; wohl aber ist vorgesehen, daß über Bestand und Ver wendung der Mittel des Fonds dem Rechnungshof des Deutschen Reiches alljährlich Rechnung gelegt werden soll. Für die sormale Be⸗ 7 handlung sollen die Bestimmungen der Reichs schuldenordnung g

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jedes Wort doppelt und dreifach überlegen!(Sehr wahr!) Aber es wird in allen Lagern gefündigt. Der Vorsitzende eines Be⸗ triebsrates in Feuerbach hat zum Beispiel am 12. Januar gefagt, daß der Kommunistischen Partei von Rußland in weit⸗ gehendem Maße Hilfe zugesagt worden sei; komme es zur Aktion, so werde Rußland mit seine Roten Armee den deutschen und den französischen Genossen zu Hilse kommen; dann werde jede Re⸗ gierung zum Teufel gejagt und die Räterepublik errichtet uerden..

Ueber die Politik des Reichskanzlers kenn ich keine andere, Erklärung abgeben als kürzlich, denn sonst würde Herr Ledebour sagen. dem Kanzler werde die Politik vom Minister auf⸗ gegeben! Der Reichskanzler ist entschlossen. an seiner jetzigen Politik unter allen Umständen festzuhalten. Wenn ein verantwort⸗ licher Staatsmann. dessen Politik das Haus mit erdrückender Mehr⸗ heft gebilligt hat eine andere Politik für nötig hält. würde er das auf verfassungsmäßigem Wege erklären. Zu den angeblichen Beziehungen zwischen der Reichswehr und den Selbst⸗ schutzorganisationen habe ich nur erklärt, daß ich die politische Lage Deutschlands für außerordentlich ernst ansehe und daß daxum die verantwortlichen Staatsminister allen Anlaß hätten, die Augen aufzumachen, damit sie nicht eines Tages vor peinlichen Ueber raschungen stünden. Gerade aus diesem Grunde habe ich mich mit dem Kollegen Minister Severing zusammengetan und mich mit ihm dahin verständigt, daß wir jenen Bestrebungen in enaster gemeinsamer Arbeit entgegentreten wollten. Ich habe mich bemüht Abhilfe zu schaffen. Die Organi⸗ sationn selbst unterliegen dem Vereinsrecht und ihre Ueberwachung ist Sache der Polizei shre Verfolgung Sache der Gerichte. Meine Aufgabe kann es nur sein, dafür zu sorgen, daß keinerlei Verbindung der Reichswehr mit diesen Organisalionen besteht.

Ueber die grundsätzliche Seite der Sache kann gar kein Zweifel sein: Die Reichswehr kann und darf nur den ihr ge⸗ setzlich zustehenden Aufgaben: Schutz der Verfassung. Schutz der Grenzen, Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung dienen und zwar im Zusammenhang mit den verfassungsmäßig dazu be⸗ rufenen Behörden. Diesem Ziel diente meine Besprechung mit dem Miuister Seversng. Ein Zusammenwirken mit den genannten Organisationen ist ausgeschlossen. Ich habe auch meine Organe angewiesen, gegen Zuwiderhandelnde mit aller Schärfe vorzugehen.

Die Polizet allein kann die Republik nicht retten, sondern nur durch die Entwicklung der republikankschen Tugenden, von denen man so oft hören kann, daß sie zur Zeit des preußischen Königtums besonders entwickelt gewesen seien, wird die Republik in der kommenden schweren Zeit sich vor dem Untergange retten können! Das ist auch der sicherste Weg um aus dem innerpolitischen Elend herauszufinden.(Lebhafter Beifall rechts und in der Mitte.)

Abg. von Gallwitz(Dnat. Vp.) rühmt die Tätigkeit der nationalen Veebände und lält die Gewalt der Ausführungen für die Frage der Aufhebung der Schutzgesetze zur Republik vor.

Abg. Fröhlich(Komm) hält eine zweite Rede zum Militär⸗ 15 ün der er wieder die stärkften Angriffe gegen die Offtsiere vichtet. 2

Das Gehalt des Ministers wird bewilligt. Eine lange Entschließung der Kommunisten, die u. g. sofortige Ent⸗

n

lassung des Generals v. Sec und die Errichtung von Arbeiter.

en fordert, wird gegen die Anttagsteller abgelehnt. 3

Vei den Ausgaben für des Sanitätswesen der Reichs⸗ wehr erinnert Abg. Dr. Moses(Soz.) an die erschreckende Zu. nahme der Selhstmorde in Heer und Marine. Aus dem Jahre 1951 stünden 137 natitrlichen Todesfälle innerhalb der Reichswehr 105 Selbstmorde gegenüber; ähnlich ist das Verhältnis im 1 1922. Die Sanitcktsverwal tung ee den 1 1 dieser surchtbaren Erscheinung ener, nachgehen. Nicht weni 15 als e dieser Selbstmorde seien auf Geschlechtskrantheiten 85 721 est des Etats wird ohne wesentliche Erörterung ge⸗ nehmtgt. 1

Nächste Sitzung Mittwoch 2 Uhr:

aufbaumintsterium. Goldanleihe.

Gießen und Umgebung. Schützt die Parteipresse! 33

Unseren Lesern ist bekannt, mit welchen Schwierigkeiten unsere Parteipresse jetzt zu kämpfen hat. Weiter oben geben N wir die Steigerung der Materialpreise wieder, die für die Presse hauptsächlich ins Gewicht fallen. Auch für diefen Monat muß infolge der hohen Papierpreise wieder zu unserem großen Bedauern eine Verdoppelung des Abonne⸗ mentspreises erfolgen! Was am Schluß des obigen Artikels 5 über die Verteuerung der Zeitungsherstellung gesagt ist, trifft in vollem Umfange auf die Oberhessische Volkszeitung zu. Sorge deshalb jeder Parteigenossc für deren weiteste Verbreitung trotz des erhöhten Preises! b

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Marine-Etat, Wieder

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Einschränkung des Straßenbahnverkehrs. Mit dem heutl⸗ gen Tage tritt die seit längerer Zeit in Aussicht genommene Ein⸗ schränkung des Straßenbahnbetriebes ein. Die Linie Marktplatz⸗ Bahnhofstraße⸗Bahnhof wird stillgelegt. Zwischen Marktplatz⸗ Ludwigsplatz⸗Schützenhaus findet ein Pendelverkehr statt. Die Wagen vorgenannter Linie haben Anschluß an die Wagen der Linie Wieseckerweg Marktplatz Seltersweg Bahnhof. Der Friedhofs⸗ N ist mit Rlicksicht auf die außerordentlich geringe Benusung gänzlich eingestellt. Die Wagen verkehren nur bis zum Wiesecker⸗ weg. Der Verkehr nach dem Schlitzenhaus findet nur viertel ünd: lich statt, während bis zur Moltkestraße alle 7% Minuten Wagen 1 verkehren. Der Fahrplan ist in der heutigen Nummer bekannt ge⸗ geben und wir machen darauf aufmerksam. i

Lichtbildervortrag zu Gunsten des Arbeiterwohlfahrtaus⸗ schusses. Der am vergangenen Sonntag Abend im Gewerkschafts⸗ haus abgehaltene Lichtbildervortrag.Volk in Not wurde von den Besuchern mit lebhaftem Interesse verfolgt und hinterließ bei denselben einen tiefen Eindruck. Genosse Häuser schilderte an Hand von Lichtbildervorführungen die Ursachen von Deutschlands

Der Deserteur.

Roman von Roberi Buchanan.

Alle knieten um ihn herum und beteten ihm nach:O Herr, ich flehe Dich an, schütts Teine Gnade in die Herzen dieser Kinder, damit sie, wenn die Zeit kommt, Dich erkennen und nicht den Antichrist, Deine göttliche Hülfe fühlen. Deine Wahrheit und Weisheit begreifen und nicht auf die Erde

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kommen und gehen wie die wilden Tiere des Feldes. Er⸗ leuchte sie, o Herr, denn sie bedürfen des Lichtes. Amen!

Lehre sie, denn sie wollen belehrt sein. Awen! Stärke sie, o Herr, damit sie nicht vor einem Götzenbilde oder einem schlechten Menschen anbetend niederknien. Amen! Mögen ihre Seelen von dem großen Eyangelium der Liebe und des Friedens erfüllt werden. Ammer! Amen!

Bei jeder Wiederholung desAmen! bekreuzigte sich die kleine Katel fromm. Keinem der Schüler schien das Ge bet von allen andern Gebeten abzuweichen, obgleich der Lehrer es, seiner Gewohnheit gemäß, improvisiert und ihm eine tiefe Bedeutung unterlegt hatte.

Alle erhoben sich und umringten den Lehrer.

Für heute genug! Morgen wollen wir zur selben Stunde uns wieder hier treffen, meine Kinder!

Mutter ist böse, daß Du, seit Du nach Traonili kamst, noch nicht ein einziges Mal bei uns warst. Sie läßt Dir sagen, daß sie ein Paar Lederschuhe und andere Sachen für Dich hat. piepste Klein-Katel,

Sag' Deiner Mutter, daß ich heute abend zu Euch komme. erklärte Arfoll lächelnd.

Nein, das geht nicht! rief einer der Backfische, vor dem Lehrer höflich knicksend.Sie haben ja meiner Tante Nola versprochen, den Abend bei uns zu verbringen!

Sch werde sehen, was sich machen läßt, Kinderchen! Jetzt ellet nach Hause, denn es hat längst zu Mitlag ge läutet. Nur Geduld, mein lieber Penvenn Du wirst noch ein prächtiger Schüler werden!

Die Aufmunterung galt dem ältesten der Klasse, der vor Vergnügen grinste und dann im Dialekt den Lehrer dringend bat, doch auch seinen Bruder Mikel Penvenn bald zu besuchen, auf dessen Gehöft er arbeite,

Im nächsten Augenblick war die Schule aufgelöst: Penvenn stiefelte quer über die Heide, die Backfische gingen

nach rechts, die beiden Buben rannten, Purzelbäume schlagend, nach links, während Katel mit ihrem Brüderchen Hand in Hand artig der nächstliegenden Hütte zusteuerte.

Nun dürfte es an der Zeit sein, auch etwas näheres über die Eigentümlichkeiten von Meister Arfolls Beruf zu sagen. Vor der großen Revolution hatte die Bretagne un⸗ zählige Wanderlehrer, die in Seminaren erzogen worden waren und dann von Dorf zu Dorf von Gehöft zu Gehöft wanderten, die Kinder lateinische Gebete, das Angelus domini und den Katechismus lehrend. Es waren gewöhn⸗ lich Leute, die sich gerne dem Priesterstand gewidmet hätten, aber aus irgend einem Grunde nicht in denselben aufge⸗ nommen wurden. Ihr Leben als Wanderlehrer war ein sehr schweres, sie mußten sich mit der einfachsten Nahrung beschefden, iht Beruf war mit Professionsbettelei verbunden.

Sie unterrichteten zu allen Stunden und an den ver⸗ schiedensten Orten: sehr oft unter freiem Himmel, auf

offener Landstraße unter einem Wegkreuz, in einer Scheune, im Kuhstall. Ihre Bezahlung war eine elende monatlich sechs Sous von jeder Familie oder den Wert dieser Summe in Naturalien. Besonders gutmütige Eltern beschenkte sie eußerdem mit Speck. Honig, Leinwand und Kornfrüchten. Man nahm sie überall gerne auf und bezeugte ihnen gewisse Ehren denn ein Hauch von Heiligkeit umschwebte sie, da sie doch am Puten der Kirche aufgezogen worden. Wenn sie einmal so alt waren, daß sie keine langen Fußwanderungen mehr unternehmen konnten, trachteten sie, sich einen billigen Maulesel oder Esel anzuschaffen; war ihnen das nicht mög⸗ lich dann wurden sie eben Berufsbettler, die von Tür zu Tür um milde Gaben baten.

Der Feueratem der Revolution zerstreute diese Wander- lehrer wie Funken nach allen Windrichtungen. Die meisten von ihnen verschwanden für immer von der Bildfläche. Wöbrend der'piteren Jahre des Kaiserreiches, als Napoleon es für angez eig biclt, sich als Vater der Religion und der Begründer eines neuen und heiligen Regimes aufzuspielen tauchten viele von ihnen wieder auf, um ihren alten Beruf auszuüben.

Bei Ausbruch der Revolution dürfte Meister Arfoll ungefähr 30 Jahre gezählt haben: aber niemand in der ganzen Bretagne vermochte sich daran zu erinnern, ihn jemals vor Beginn des neuen Jahrhunderts gesehen zu haben. Als er zum erstenmal in der Gegend auftauchte, sah

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er schon aus wie ein ältlicher Mann, dessen Gesichtszüge die Spuren großen Kummers trugen. Er sprachs oft so seltsame und ungewöhnliche Dinge, daß man an seinem gesunden Menschenverstand zu zweifeln begann. Niemand wußte, ob

er je an einem Seminar studiert habe und in der Bretagne geboren war. Man erzählte sich, daß er ein Bewohner einer der großen Städte gewesen sei und dort während der Schreckenszeit Furchtbares erlebt haben müsse, das sein Haar frühzeitig gebleicht habe.

Wie dem auch sein mochte, die Leute kannten und liebten ihn. Ein guter Mensch, mag er was für persönliche Meinung 9 immer haben, entwaffnet seine Gegner, und daß Meister 0 Arfoll wirklich ein guter Mensch war, daran zweifelte ö niemand. Man hieß ihn in der kleinsten Hütte willkommen. Und genoß er einmal keine Gastfreundschaft, so entnahm er seinem Ränzel ein Stück Schwarzbrot Kresse dazu fand er an jedem Bächlein.

Die Schüler waren bald außer Sehweite und Meister Arfoll wandte sich dem Meeresstrande zu. Heute hatte er wiederseinen Samen gesäet, das machte ihn glücklich. Mit einem Lächeln der Befriedigung auf den Lippen, beide Hände auf dem Rücken gekreuzt, passierte er den moos⸗ bewachsenen Dolmen. Plötzlich ertönte ein eigentümlicher Laut hinter seinem Rücken und eine kräftige Hand berührte seine Schulter. Er drehte sich barsch um und traute seinen Augen nicht. Wie aus dem Erdinnern emporgeschossen, stand Rohan Gwenfern vor ihm. 5

Auf den eksten Blick erkannte er seinen Schüler nicht, denn er hatte sich in der kurzen Zeit gar sehr verändert. Das Haar hing ihm in wilden Strähnen bis über die Schultern, der Bart war nicht rastert, die Augen blutunter⸗ laufen und unstet, das sonst so schöne, gutmütige Gesicht ab⸗ gehärmt und bleich. Es bedarf nur weniger Stunden, um einen Menschen, auf den man Jagd macht, in ein wildes Tier zu verwandeln. Das traf auch bei Rohan zu. Er hatte bereits den lauernden, verängstigten Blick eines gehetzten Wildes. Seine Kleider waren zerfetzt und mit Lehm be⸗ deckt, der eine Aermel seiner Jacke war bis zum Ellbogen aufgeschlitzt seine Füße waren nalkt. 75

Rohan? rief Meister Arfoll halb fragend, halb ei setzt, denn er glaubte den Burschen viele Meilen wei fernt und vermochte sich sein vernachlässigtes Aeußere zu erklären. 5(Fortsetzung fol

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