Ausgabe 
11.11.1849
 
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louque in Hayti, dermaligem Kaiser Faustin dem Ersten. Hört und staunt!Der seitherige Präsident der Republik Hayti, Soulouque, so meldet die Didaskalia in ihren Man⸗ nigfaltigkeiten,soll merkwürdiger Weise zur Annahme der Kaiserwürde(unter dem Titel Faustin I.) hauptsäch⸗ lich durch die Lectüre der stenographischen Berichte aus der St. Paulskirche veranlaßt worden sein. So ist doch, setzt der frivole Berichterstatter hinzu,das Werk der deutschen FProfessoren nicht ganz verloren u. s. w. O du von Moriz Hartmann so frech verspottetes Professoren-Kleeblatt, so ist denn jenes Kaiser⸗-Emoryo, mit dem ihr nach seiner Behauptung selbander schwanger gingt, endlich einmal zur Weit gekommen, was liegt daran, wo? Das Ei, was ihr in Frankfurt unter Gagerns Hebammen-⸗Dienst gelegt habt, die tropische Luft der Antillen hat es ausgebrütet; ein Neger zollt eurem staatsmännischen Takt den von seinem weißen Collegen Hohenzollern versagten Tribut, nun genießt eurer legitimen Vaterfreuden! Gewiß wird der dankbare neue Kaiser Faustinus I. nicht ermangeln, auch in Anerkennung eures politischen Schar) fsinns zu Rittern seines neucreirten hay⸗ ti'schen Ehrenlegion⸗Ordens oder gar nach dem Style seines schwar⸗ zen Vorgängers Christoph I., alias Dessalines, zu Herzögen und Grasenvon Marmelade und Chocolade zu ernennen!Nach We⸗ sten flieht die Weltgeschichte, singt der Dichter. Wandert aus nach Hayti und predigt den Schwarzen euer in Europa;! verlachtes Evangelium, vielleicht macht man euch dort zu Professoren an der Universttät zu St. Domingo und ihr werdet Hauslehrer der jun⸗ gen Neger-Prinzen. Herrn Heinrich von Gagern aber rathen wir, sein Gut Monsheim zu verkaufen und auf die andere Halbkugel überzustedeln, Kaiser Faustinus würde ihn ohne Zweifel zum Prä⸗ stdenten seines Staatsministeriums machen, und das wäre doch immer besser, als eine Abgeordnetenstelle in der hessen⸗darmstädti⸗ schen Kammer! M. F.

Tagesnachrichten.

* Gießen, 10. Novbr. Im Januar 1849 feierten die po⸗ litischen Vereine und Corporationen, an ihrer Spitze der Bür⸗ germeister und Gemeinderath hiesiger Stadt, durch eine kirchliche Feier und einen Festzug die Publizirung der deutschen Grundrechte und gelobten hierbei unerschütterlich fest an denselben zu halten.

Neun Monate darauf am 7. November 1849 vollstrechte

derselbe Herr Bürgermeister auf Befehl des Ministeriums des

e Innern, die, de Grundrechte schnöde verletzende, Kusweisung des Herrn Malers Gastaner von Krofdorf.

Am 9. Mai 1849 erließ der Bürgermeister Gießens, im Vereine mit einem zur Verthei digung der Reichsverfas⸗

sung niedergesetzten Committe, einen Aufruf an die Bewohner

Gießens, in welchem zu Gaben für die Verfechter der Reichsver⸗ fassung aufgefordert wird, und der also beginnt:

Mitbürger! Zum Schutze der mit schweren Opfern errungenen Frei⸗

heit und ihres gesetzlichen Bodens, der Keichsverfassung, ge⸗ gen den schaͤndlichsten Verrath, den die Geschichte kennt, sind

ö

der

400 Männer Gießens entschlossen, ihr Leben einzusetzen und dahin zu ziehen, wo! noth thut. Sie wissen, daß es

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ein heißer, blutiger Kampf sein wird, aber sie vertrauen auf

den Sieg der gerechten Sache.

Sechs Monate darauf, am 7. November 1849, e derselbe Herr Bürgermeister den Maler Gastauer aus Gießen weg, weil er beschuldigt ist, im hiestgen Anzeigeblatte zur Sammlung für die Vertheidiger der Reichsverfas⸗ sung aufgefordert zu haben. a

Wo Thatsachen sprechen, sind keine Worte mehr nöthig. Wir überlassen die Würdigung dieser Handlungsweisef dem igesunden Urtheile unserer hessischen Mitbürder.

In den Kerkern wird uns Quartier gemacht, Die Alten heraus und die Jungen hinein, 3 Wie sollte der Weltlauf anders sein! Gott schütze dich, Liebchen! Herwegh. Benachrichtigung.

Im Begriff, nach einer jahrlangenZerstreuungsreise durch das republikaniscte Ausland mich wieder in der oberhessischen Hei⸗ math einzubürgernz, kann ich nicht umhin, zur Aufklärung über allerlei Gerüchte, die in letzter Zeit über meinen dermaligen Auf⸗ enthalt und meine Absichten für die Zukunft da und dort eirkulir- ten, meinen Freunden und Bekannten in Gießen und der Umge⸗ gend eink kurze Nachricht zukommen zu lassen.

Meinem von Straßburg aus in dem b offenen Briefe an Hrn. Criminalrichter Klingelhöffer dahier ausdrücklich gegebenen Ver⸗ sprechen gemäß(an dessen früherer Erfüllung ich durch die inzwi⸗ schen eingetretenen politischen Ereignisse gehindert wurde), beabsich⸗ tige ich, heute als den 11. November, die Untersuchunghaft in seither von meinen Freunden A. Becker und Scriba und Herrn Gambs so ehrenvoll eingeweihtenBastille des Seltersbergs, anzutreten, um sodann die im nächsten Januar dahier zusammen⸗ zur Last gelegten diversen Hochverräthe⸗ reien, Majestäls- und Amtsehren⸗ Beleidigungen undanderen Ver⸗ brechen aburtheilen zu lassen. Ich zweifle nicht daran, daß die ehrenwerthen Herrn Geschworenen die von ihren diesjährigen Vor⸗ gängerußzin den seitherigen politischen Tendenzprozessen so glänzend bewährte Unparteilichkeit uud Reife des Urtheils auch mir gegen⸗ über nicht verläugnen werden, und hoffe nach ihrem Spruche wie⸗ der auf freiem Fuße in die Mitte meiner Freunde zurückkehren zu

tretende Jury über die mir

können. Zugleich benutze ich diese Gelegenheit, um den wackern Bür⸗

gern Gießens für die zahlreichen Beweise freundlicher Theilnahme die mir von ihrer Seile während des Exils gem orden sind, meinen herzlichen Dank zu sagen; insbesondere geschieht dies für die pracht⸗ volle, mir in mehrfacher Hinstcht werthvolle Doppelbüchse, welche mir neulich erst von einer Gesellschaft hiestger Bürger als ein schmeichelhaftes Zeichen der Anerkennung zum Geschenk gemach. worden ist. Damit auf Wiedersehen vor den 1 Asstsen!

Gießen, 11. Noobr. 1849. Rudolf Fendt,

stu d. jur.

Verantwortlicher Redakteur: Aug. Becker.

Druck und Verlag der C. Schäl d'schen Buch- und Steindruckerei in Gießen.