Ausgabe 
28.10.1913
 
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 30

Dienstag, den 28. Oktober 1913

2. Jahrgang

Der Alkoholismus im Lichte der Geschichte.

Der Direktor des Statistischen Amtes der Stadt Lübeck, Dr. Hartwig, hat im Frühjahr d. J. im Auftrage des Berliner Zentralverbandes zur Bekämpfung des Alkoholis mus einen Vortrag gehalten, in dem er die bis jetzt über dieses Problem bekannt gewordenen statistischen Daten in prägnanter und übersichtlicher Weise zusammenstellt. Wenn man irgendwo sagen kann: Zahlen beweisen und belehren, so ist es hier der Fall; wir geben deshalb in Nachstehendem einen Auszug aus dem hochinteressanten Vortrage.

Hartwig untersucht zunächst die rein ökonomische Seite des Problems: Was gibt der Deutsche für seinen Alkoholkonsum aus? Da ist zunächst der Bier⸗ verbrauch. Im Jahre 1911 stellte sich die Biergewinnung im deutschen Zollgebiet auf 70,4 Millionen Hektoliter, von denen nach Abzug der Ausfuhr rund 70 Millionen Hekto liter, d. i. 106 Liter pro Kopf der Bevölkerung in den In landskonsum übergingen. Den Liter zu 40 Pfg. berechnet

(eine Annahme, die uns allerdings etwas hoch erscheint) er

gibt das für die Gesamtbevölkerung die Summe von 2800 Millionen Mark und auf den Kopf die von 42,40 Mark. Er⸗ freulicherweise befindet sich ja der Bierverbrauch in einem langsamen Rückgange: er betrug 1899 und 1900 noch 118

Liter pro Kopf, ist also seitdem um 12 Liter gefallen.

anstalten aufsuchen. In den Jahren 19051907 wurden in

In noch höherem Maße läßt sich dies vom Branntwein sagen. Im Jahre 1911 wurden in Deutschland 1933 532 Hektoliter zu Trinkzwecken versteuert, d. s. 2,9 Liter pro Ein wohner. Dagegen betrug 1908/08 der Kopfkonsum noch 42 Liter; der darauf einsetzende sozialdemokratische Schnaps boykott hat jenen doch recht bedeutenden Absturz verursacht. Freilich müßte bei einer strikten Durchführung des Boykotts durch die sozialdemokratisch gesinnte Arbeiterschaft der Rück gang ein noch viel stärkerer sein. Den Liter reinen Alkohols zu 2 Mark gerechnet, ergibt das eine Belastung des einzelnen mit 5,80 Mark oder der Gesamtheit mit 387 Millionen Mark. Beim Wein endlich ist eine so genaue Feststellung nicht möglich. Nach einer Schätzung des reichsstatistischen Amtes beträgt der deutsche Gesamtverbrauch 378 Millionen Liter jährlich, der Kopfkonsum 5,74 Liter. Das entspricht bei einem Weinpreise von 1 Mark pro Liter einer Gesamtausgabe von 378 Millionen Mark und einer solchen für den einzelnen von 5,74 Mark.

Rechnen wir zusammen, so finden wir, daß das ganze deutsche Volk jährlich 3565 Millionen Mark für geistige Ge⸗ tränke ausgibt, jeder Volksgenosse also im Durchschnitt 54,. Mark. In dieser Durchschnittszahl sind aber Frauen und Kinder mit einbegriffen, sodaß auf den erwachsenen Mann wohl ein Verbrauch von 150 Mark, wenn nicht mehr kommt. Man muß sich wirklich fragen, ob es dem Deutschen in jeder Beziehung schon so gut geht, daß er für eine nicht nur über flüssige, sondern sogar schädliche Ausgabe solche Summen übrig hat.

Welches sind nun, statistisch ausgedrückt, die schädlichen Wirkungen des Alkohols für Leib und Leben, Glück und Ehre der ihm Verfallenen? Wir wissen, daß der Alkohol den Körper durchseucht, die Säfte vergiftet, die Organe funktionsunfähig macht, das Gehirn angreift. In wie hohem Maße dies der Fall ist, läßt sich zahlenmäßig natürlich nur so weit belegen, als die Erkrankten öffentliche Heil

den allgemeinen Krankenhäusern Deutschlands 31809 Per⸗ sonen, darunter 2048 weibliche, wegen Alkoholismus und Säuferwahnsinn behandelt. In den Anstalten für Geistes⸗ kranke, Epileptiker usw. wurden im gleichen Zeitraum 19086 Alkoholiker, darunter 1518 weibliche, untergebracht. Dazu kommt die natürlich noch weit höhere Zahl von Er krankten, bei denen Mißbrauch geistiger Getränke nachzu⸗ weisen waren. Sie betrug in jenen 3 Jahren in den öffent lichen Irrenanstalten 38 244(3227 weibliche) und machte bei den männlichen Pfleglingen 26 Prozent, bei den weiblichen Prozent aller aus. In den Krankenhäusern wurden an den verschiedenen Folgekrankheiten des Alkoholgenusses, Lebercirrhose u. a. etwa 30 000 Personen behandelt. Das macht zusammen die runde Summe von 120 000 Personen, die in drei und von 40 000 Personen, die in einem Jahre durch den Alkohol in ihrer körperlichen und geistigen Gesund⸗ heit zerrüttet wurden, ein furchtbarer Opferzug!

Aber dieser Zug ist noch länger. Nicht nur mit der Ge sundheit, sondern auch mit dem Leben büßen alljährlich viele ihre Schwäche gegenüber dem Verführer Alkohol. In Preußen starben im Jahre 1911 948 Personen(darunter 99 weibliche) an Alkoholismus, in Bayern im Jahre 1909 192. Daraus würde sich für das Reich eine Sterbeziffer von etwa 1500 ergeben. Viel größer ist natürlich auch hier wieder die Zahl derer, die indirekt an den Folgen des Alko holgenusses zugrunde gehen. Legt man eine in der Schweiz für die Jahre 19011910 aufgemachte Statistik zugrunde, die ergab, daß bei 5,4 Prozent aller im Alter von über 20 Jahren gestorbenen Personen der Alkoholismus die mit wirkende Ursache war, so entspricht dem für Deutschland eine Sterbeziffer von 31000 Personen jährlich. Endlich fallen in dieses Kapitel auch noch die Selbstmorde, als deren Ursache der Alkoholismus anzusehen ist. Von den in Preußen im Jahre 1911 vorgekommenen Selbmorden, bei denen die Ursache festgestellt werden konnte, entfielen 9 Pro zent auf den Alkohol als ausschlaggebenden Faktor. Dieses Verhältnis auf das Reich übertragen, ergibt ein Schuldkonto des Alkohols von 1300 Selbstmorden. Insgesamt hat also Teufel Alkohol in einem einzigen Jahre 34300 Menschen⸗ leben auf dem Gewissen. Der so überaus blutige Krieg von 1870/1 hat 40 743 Opfer gekostet, also nicht sehr viel mehr, als der Alkohol in einem Jahre verschlingt.

Doch das furchtbare Unglück, das diesesGenuß! mittel über die Menschen bringt, ist damit noch lange nicht erschöpft. Die hier betrachteten Folgen treffen im wesentlich doch nur den Trinker selbst und seine Familie. Der Säufer bildet aber auch eine Gefahr, und zwar eine schwere Gefahr für die Gesellschaft. Ein großer Teil aller Verbrechen, Ver⸗ gehen und Uebertretungen wird unter der dauern⸗ den oder vorübergehenden Abschwächung des Verantwortlich⸗ keits⸗ und Ehrgefühls durch den Alkohol begangen. Auf An⸗ ordnung des bayerischen Justizministeriums werden in diesem Lande seit dem Jahre 1910 Erhebungen über den Einfluß des Alkoholgenusses auf die Häufigkeit und die Er⸗ scheinungsform des Verbrechens veranstaltet. Nach den Er⸗ gebnissen für 1911 wurden von den bayerischen Gerichten 8864 Personen verurteilt, bei denen mit Sicherheit die straf⸗ bare Handlung auf Alkoholgenuß zurückzuführen war. Das waren 11,5 Prozent aller Verurteilten. Nimmt man für das Reich ein Verhältnis von 10 Prozent an, so fallen von den insgesamt 538 225 Verurteilungen des Jahres 1911 53 800

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