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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 3a
Diensfag, den 25. November 1913
2. Jahrgang
Ein überwundener Standpunkt.
Neben dem Patriotismus wird heutzutage von den Mächten der„Staatserhaltung“ nichts so eifrig gepflegt, als die Religion. Nun gehört aber wirklich nicht allzu tiefes Nachdenken dazu, um herauszufinden, daß beides sich eigent— lich nicht miteinander verträgt. Denn der lärmvolle Patrio— tismus, den man bei uns zur Schau trägt, will doch eine Ab- kehr von den anderen Völkern und eine Erhebung über sie; die„nationalen Eigentümlichkeiten“ sollen von der Ver— mischung mit dem Fremdländischen bewahrt und behütet werden. Dahingegen die Religion ist ganz offensichtlich inter— national; wenigstens alle Weltreligionen sind es, und vielleicht keine so sehr wie das Christentum. Bekanntlich ist das Christentum aus dem Judentum entstanden; es ist eine Ent— wicklung der jüdischen Religion über das hinaus, was sie ursprünglich war. Und zwar ist in dieser Entwicklung am wichtigsten die Entwicklung vom Nationalen zum Internatio— nalen.„Im höchsten Altertum aller Völker“, schreibt der Berliner Universitätsprofessor Graf Baudissin,„war ihre Religion nicht nur das vielleicht am meisten national Be— stimmte, sondern fast überall das Band der Nationalität und ebenso die Scheidewand gegen andere Völker.“ Wissen wir doch, wie scharf die Juden des alten Testaments darauf hiel— ten, sich nicht mit anderen Völkern zu vermischen, und wie ihnen dazu insbesondere ihre Religion diente, indem sie alles Nichtjüdische für unrein und für minderwertig erklärte. Dann aber kam die Umwandlung des Judentums in die christliche Form, und es kam die Lehre, daß es kein aus— erwähltes Volk Gottes gebe, sondern daß Gott und seine An— betung für alle Völker und alle Menschen sei:„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Mann noch Weib, hier ist nicht Knecht noch Freier, sondern ihr seid allzumal Einer in Christo Jesu,“ predigt der Apostel Paulus. Allerdings ist es ein Irrtum anzunehmen, daß diese Umwandlung plötzlich, mit einem Male, mit dem Auftreten der Stifter des Christen— tums gekommen sei. Vielmehr hat sie, wie jede Entwicklung, gewaltige Zeiträume, viele Jahrhunderte gedauert.„Der naive Glaube einer älteren Zeit,“ schreibt Graf Baudissin, „daß Israels Gott gebunden sei an dessen Land und daß außerhalb dieses Landes andere Götter geböten, zeigt sich später nur noch in der Masse des gemeinen Volkes. Bei den leitenden religiösen Persönlichkeiten, den Propheten, war da— mals(zur Zeit des Exils) längst die Einzigkeit Jehovas da⸗ hin verstanden worden, daß man ihn als über Himmel und Erde gebietend ansah.“ Und weiter:„Den Gott... als den Gott der Menschheit zu denken, haben die Propheten be— gonnen seit dem Untergang des Reiches Juda im 6. Jahr⸗ hundert.“ So viele hundert Jahre vorher war also schon bei den religiösen Denkern die Ansicht fertig, daß Gott und seine Religion für alle Völker und für alle Menschen bestimmt sei. Nur war diese Ansicht noch nicht in die Massen ge⸗ drungen, was ja auch nach der Stiftung des Christentums noch sehr lange gedauert hat, ja sogar heute noch nicht ein⸗ mal den Massen so recht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Jedenfalls steht nach alledem fest, daß der Schritt vom Nationalismus zum Internationalismus der wichtigste Fort⸗ schritt des Christentums gegenüber dem Judentum gewesen ist. Die Internationalität gehört zum Wesen des Christen— tums.„Zu dem im israelitischen Volk am Ende seiner Ent⸗ wicklung erkannten Gott aller Welt bekennt sich heute durch die Vermittlung des Christentums ein nicht mehr national
begrenzter großer Teil der gesamten Menschheit,“ Graf Baudissin.
Und das alles sagte der Berliner Universitätsprofessor in einer Festrede, die er zum Gedächtnis des Stifters der Universität, des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., hielt, und worin er natürlich auch auf die sonstigen Jubel- feiern dieses Jahres zu sprechen kam. Wie wäre das auch zu verwundern gewesen? Ist doch der Widerspruch für den, der sich nicht mit blödem Hurrageschrei begnügt, sondern nach— denkt, gar zu grell! Das Christentum eine internationale Religion, das alle Völker zur Freundschaft, zur Vereinigung, zur Verbrüderung aufruft. Der Patriotismus aber hat im Zeichen der Jahrhundertfeier sich im Völkerhaß und in Völkerverhetzung ausgetobt. Die„Patrioten“ haben wieder einmal so getan, als ob der liebe Gott einzig und allein für ein einziges Volk, für ein„auserwähltes“ Volk da sei, nur daß an Stelle der Juden jetzt die Deutschen dieses auser⸗ wählte Volk sein sollen! Ein Rückfall in die finstersten Zeiten des Altertums, in jene Zeiten, die die Menschheit in Jahr— tausende langer Entwicklung, gerade auch mit Hilfe des Christentums, überschritten hat. Es ist wahrlich sehr maß voll, wenn der Berliner Professor dieses kulturwidrige Trei— ben nur leise mahnend mit den Worten abtut:
„In der Erhebung des Jahres 1813 und auch jetzt nach 100 Jahren in kirchlichen Erinnerungsfeiern ist nicht ganz selten das deutsche Volk gepriesen worden, als ob es in einem einzigartigen Verhältnis der Auserwählung zur Gottheit stünde. Das ist eine vollständig unberechtigte Ver⸗ pflanzung eines überwundenen Standpunktes auf ein ihm fremdes Gebiet.“
Wie feindlich aber die Betonung dieses„überwundenen Standpunktes“ dem wahren Wesen der Religion ist, das zeigt Graf Baudissin mit den Worten:
„Ein Volk kann sein Nationales nur dann mit Berech— tigung behaupten, wenn es sich bewußt ist, daß neben ihm andere Völker ihre Sonderansprüche zu erheben haben. Wo das vergessen wird, treten leicht Verirrungen eines nationalen Fanatismus zutage, in denen ein Volk mit allen Mitteln andere Völker seinen selbstischen Bestrebungen unterordnet. Der Nationalismus kann dann, wie wir erst jüngst mit Schaudern gesehen haben, zum Götzen werden, dem seine Anbeter mit blutigen Greueltaten in Menschen— opfern alle schon errungenen Grundsätze der Religion, auch der christlichen, und einer allgemein menschlichen Kultur preisgeben.“
Wie weit ist doch das lärmvolle Treiben unserer„Patrio⸗ ten“ entfernt von wahrer Religion und von wahrer Volks- und Vaterlandsliebe!
schreibt
Eine gemeinverständliche Darstellung der Statistik.
Statistik,— für die meisten Menschen ein Wort, bei dem sie ein leichter Schauder überläuft. Wie ein Albdruck der Unverständlich⸗ keit und der Langeweile legt sich die Vorstellung von ungeheuren Zahlenmassen, seitenlangen Tabellen auf ihre Seele. Und doch, was wäre die heutige Welt ohne Statistik? Die Statistik, die sich selbst bescheiden als eine Hilfswissenschaft bezeichnet, gibt heute nicht nur die Grundlage für fast alle sozialen Maßnahmen ab: eine Alters-, Kranken⸗ und Unfallversicherung, eine Arbeitlosenversicherung(wie auch jede Privatversicherung) wäre ohne Statistik ebenso undenkbar
wie eine Säuglingssterblichkeits⸗ und Tuberkulosebekämpfung, eine


