1 9 2 4
mäßig zu geringem Gehalt an Kohlehydrat die Milch im Nachteil. Betrachten wir jedoch die mineralischen Bestand⸗ deile, so ergibt sich sofort ein Hauptunterschied zugunsten der Milch. Bei jener Mahlzeit nämlich ist der Kalkgehalt fast
f minimal und der Magnesiagehalt weit größer als der Kalk⸗
gehalt, was ebenfalls ein ungünstiger Umstand ift. Bei der Milch dagegen beträgt der Kalkgehalt(2,8 g im Kilo) acht- dis neunmal so viel wie bei einem gleichen Gewicht jener Mahlzeit, während der Magnesiagehalt weit unter dem Kalk- gehalt liegt, was ein günstiger Umstand ist. Eine genügende Kalkzufuhr ist aber äußerst wichtig für den Körper, wie viel- sache Erfahrungen gezeigt haben.
Der Vorteil der gegohrenen Milch(Yogurt) gegenüber der ungegohrenen Milch ist also nicht im Bakteriengehalt der ersteren zu suchen, sondern wohl nur darin, daß man wegen des guten Geschmacks überhaupt mehr von Nogurt ge— nießt als von Milch; auch mag die freie Milchsäure des Vogurt mit dazu beitragen, die Verdauungsvorgänge im Magen zu fördern. Der spezifische Wert der Milch und des Yogurt beruht ferner nicht nur auf den organischen Bestand— teilen(Casein, Albumin, Fett und Milchzucker), sondern in ebenso hohem Grade auf dem relativ hohen Kalkgehalt.
Der Untergang der großen Armee. Von Kurt Elsner. II.
Den äußersten linken Flügel der großen Armee— nach den Ostseeprovinzen zu— bildeten die Preußen und die Oesterreicher. Napoleon kannte ihre Unzuverlässigkeit und er mochte bei dem Hinmarsch glauben, ihrer Hilfe nicht zu bedürfen. Auf dem Rück⸗ marsch gewannen aber gerade diese noch ziemlich unversehrten Truppenteile eine verhägnisvolle Bedeutung. Das Verhalten der Preußen war von Anfang an zweideutig, das der Oesterreicher unverhüllt verräterisch. Die Oesterreicher hatten die Aufgabe, den MRlickzug der Hauptarmee zu decken. Graf Schwarzenberg aber, der Befehlshaber der Oesterreicher, ließ die Russen durch, und beim Uebergang über die Beresina kam es zum Zusammenstoß.
Der Fluß trleb Eisschollen. Es mußten zwel Brtlcken über den Strom geschlagen werden. 150 Pioniere standen mit halbem Körper in dem eisigen Wasser und arbeiteten, unter den Augen des Kalsers. Ein deutscher Major hat ihnen diese Ruhmestafel errichtet: „Welche Zauberkraft besitzt die Ehre, nur diese konnte es sein, welche die heldenmiltigen Pioniere leitete und ihnen Ausdauer und Kraft gab. Sie sahen den Tod vor Augen, ihre Kameraden gingen unter, ihre Körper wurden von den Eisschollen zerschnitten, aber sie ar— belteten weiter.“
Ufer und Grund waren morastig. Es fehlte an geeignetem Baumaterial. Die Russen standen in der Nähe, und wenn sie nicht guch jetzt noch militärisch unzurechnungsfähig gehandelt hätten, so hätten sie die Armee am Uebergang hindern können. So war schon ein großer Teil der Truppen über den Fluß, als die Russen an den Brficken eintrafen. Am 28. November begann die Schlacht, viel— leicht die größte militärische Leistung Napoleons; mit 33000 Mann beslegte Napoleon 87 000 Russen unter Kutusow. Die Russen wur⸗ den zurückgeschlagen. Während aber die Armee sich an den Ufern Heldenmifttig schlug, bis zu roölligen Aufopferung, entstand auf den Brücken unter den Abgespreugten und Nachzliglern ein grauenvolles Gemetzel. Die Eingänge zu den Briicken verstopften sich. Obwohl Napoleon selbst dicht an der klinken Briicke zu Fuß stehend den Uebergang überwachte, entstand bald ein mörderisches Gedränge. Die verworrene Menschenmasse, so schildert einer der Geretteten den Hergang, drückte mit wildem Geschrei gegen die Brücken. Die Stärkeren siberritten oder überschlugen die Schwächeren und brachen sich mit Gewalt eine Bahn; umsonst flehten die Kranken und Ver⸗ wundeten um Erbarmen. Tausende fanden ihren Untergang in den halbgefrorenen Fluten des Flusses, wurden im gräßlichsten Gewlühl erstickt oder flelen in die Hände der Russen. Fürchterliche Einzelheiten berichten andere. Ein deutscher Offizier stand vor einer der Brücken eingekeilt, auf dem Leibe einer noch lebenden rau:„och fühlte die Bewegung ihres Körpers unter meinen iden, ich hörte ihren Schmerzensruf, und dennoch konnte ich sie erst nach einer zlemlich langen Pause von meiner Last befreken.“ Der jungen Frau eines französtschen Offtziers, die eln vierjähriges öchterchen mit sich führte, wurde ein Schenkel zerschmettert. Da erdrosselte sie das Kind mit ihrem blutigen Strumpfband und ließ sich dann selbst lautlos überfahren. Es war nichts seltenes, so wird 5 chtet, Niedergetretene sich mit den Zähnen an die über die Hin⸗ schreitenden festklammern zu sehen, von denen sie aber gleich den en Feinden gemordet wurden. Bald war der ganze Fluß mit schen gefüllt. Vier Tage dauerte der Uebergang, vom 26. bis 20. November. Die Szenen des Grauens steigerten sich ins Un⸗ vorstellbare, wenn die Nacht hereinbrach. In der Dunkelheit 7 550 alles Menschliche. Wir schritten Über Berge von Kadavern, erzählt ein Babenser von der letzten Nacht an der Beresina, alles, was sich Ausern Basonettspitzen entgegensetzte, wurde niedergestoßen. Mehrere Keufend waren noch auf dem linken Ufer zurücgeblleden, als die
Brücken verbrannt wurden. Dreißigtausend Mann kamen in diesen vier Tagen um.
In völliger Auflösung eilt die große Armee der russischen Grenze zu. Anfangs Dezember sind kaum noch 9000 Mann in Relh und Glied. Fast steigern sich die Leiden. Die littauischen Bauern übertreffen noch die Russen an Grausamkeit gegen die Wehrlosen. Die Kälte sinkt anfangs Dezember auf 20, 24, 27 Grad Reaumur. In diesen Eisnächten sterben ganze Biwaks aus. Die Leichname benutzten die Neuankommenden als Kopfkissen, bis sie selbst er— starren. Viele verfallen in Frostdelirien, und unter rasenden Ge— bärden, in wilden Fllchen brechen sie zusammen.
Das Entsetzen der Beresinanächte übersteigt noch die Leichen greuel von Wilna. Als die Reste der Flüchtigen in der Stadt Schutz suchen, dringen die Kosaken ein und morden alles. Ein mit dem russischen Heer in Wilna einziehender Engländer schildert, was er im St. Kasiliushospital geschaut. Das Spital bot den schrecklichsten Anblick dar: 7500 Leichen waren in den Gängen wie Bleimuld em übereinander geschichtet; auch in allen anderen Räumen lagen solche herum; und die zerbrochenen Fenster und die Löcher in den Mauern waren mit Füßen, Beinen, Händen, Rümpfen und Köpfen, wie sie in die Oeffnungen paßten, zugestopft, um die kalte Luft von den Lebenden fernzuhalten. Das Faulen des tauenden Fleisches, wo die Teile sich berührten und der Prozeß ber Zersetzung vor sich ging, verbreitete ringsum einen leichenhaften Gestaunk. Als die gefrorenen Leichen zu zwanzigen oder dreißigen auf einmal in Schlitten fortgeschafft wurden, um in eine Grube außerhalb der Stadt geworfen zu werden, waren die verschiedenen Stellungen, in welchen der Tod sie gelassen hatte, sehr merkwilrdig zu beob- achten: jede Leiche schien in einem Augenblick der Muskelanstrengung und tätigen Wollens erstarrt zu sein. Selten war Ruhe in einem der Glieder; fast alle drückten eine Bewegung von hoher Spannung, Schmerz oder Flehen aus, welcher dle Augen entsprachen. Es war eine illustrierte Geschichte der Todesqualen, die dem sinnenden Beobachter reichen Stoff zum Denken gab.
Selbst jensetits der russischen Grenze fanden die in abenteuer- lichen Vermummungen schleichenden Gespenster keine Ruhe und Menschlichkeit. Auch die Ostpreußen mißhandelten diese wie aus einem Hungerturm entlassene Armee von Bettlern und Krüppeln, peinigten sie und— beuteten sie zugleich aus. Soldaten, die noch vom Moskauer Raub Gold gerettet hatten, mußten den guten Königsberger Bürgern zehn, zwölf Taler für die Ueberlassung eines warmen Winkels zahlen. Wer nichts hatte, mußte in der Kälte nächtigen.
Mehr als 600 000 blühende Männer waren nach Rußland ein— marschiert, 30 000 bis 50 000 zu Tode ermattete Greise mögen aus Rußland zurlickgekehrt sein. Auch die deutschen Truppen waren mit Ausnahme der Preußen und Oesterreicher nahezu aufgerieben; nur von den Sachsen konnten noch etwa 3500 Mann in Dresden ein- ziehen; 22500 Sachsen waren von Rußland verschlungen.
Napoleon war bis zu dem Augenblick, da nichts mehr zu retten war, bei seiner Armee geblieben. Er war eben doch nur ein Empor⸗ kömmling und verstand sich nicht auf das Gottesgnadentum eines Friedrich Wilhelm III., der sechs Jahre zuvor, nach der ersien Niederlage seines Heeres, in Windeseile seine unerfetzlich kostbare Majestät in Sicherheit brachte, und nicht eher dle Pferde ver⸗ schnaufen ließ, bis er sich an der äußersten Grenze seines Landes, unter dem Schirm der Russen geborgen fühlte.
Erst Anfang Dezember verließ Napoleon die Armee. Die höhere Pflicht zwang ihn. Er wußte, daß er nun rüsten mußte, eine Welt zu verteidigen. Vor seiner Abreise, am 3. Dezember, ver- faßte er— von Malodaczno datiert— jenes 29. Bulletin, in dem er den Untergang der großen Armee verkündete:
„Dle Gesundheit Seiner Majestät ist nie besser gewesen.“
So schließt dieser Bericht von den Siegen, dem Heldentum und der Vernichtung der Großen Armee.
Gedankeufabrik. Von Dr. A. Lipschütz.
Bon einem, der dummes Zeug spricht, sagen wir„es fehlt ihm eine Schraube im Kopf“. Wir meinen damit bloß, dieser Mensch könne nicht richtig denken.
Aber in diesem Schlagwort liegt mehr, als bei oberfläch⸗ licher Betrachtung scheint. Denn in diesem Schlagwort liegt die Anerkennung, daß dem Denken, genau wie allen anderen Erscheinungen der leblosen und belebten Natur, chemische und physikalische Vorgänge zugrunde liegen und daß bei einer Störung dieser Vorgänge auch eine Störung im Denken zu⸗ stande kommt. Wie eine Maschine stockt, wenn irgendeine Schraube gebrochen ist, so steht auch das richtige, das logische Denken still, wenn im Gehirn oder in der Gedankenfabrik eine Störung im Betriebe eingetreten ist.
Es ist der große Triumph der modernen Naturwissen⸗ schaft, gewaltige Breschen geschlagen zu haben in das Gebiet der Gedankenarbeit. Wie haben sich hier unsere Vorstel⸗ lungen geändert! Was im achtzehnten Jahrhundert ein Wagnis war, zu behaupten, das schwer gebüßt werden munts.
——
——
5— ——— 8
DD 8 —
—. i ———
N ä 1 —
——— 3
e—— 2
3 1 9 9 4 10
„ . 16 0 0 1 5 9 0 1 66 1 0 5 9 1 1 13 16 N ö 1 f 1 1 1 6 1 . g J . 0 K 15 N 5 ö 1 N 5 . ö 5


