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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
fRummer 24
Djensfag, den 16. September 1913
2. Jahrgang
Monismus und Sozialismus.
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Vor einigen Tagen, am 2. September, vollendete der berühmte Leipziger Chemiker und Naturphilosoph Professor Dr. Wilhelm Ostwald sein 60. Lebensjahr. Aus diesem An⸗ laß veröffentlichte die Vossische Zeitung in ihrer Nummer 441 einen Aufsatz des Jubilars über den modernen Monismus, zu dessen Hauptvertretern Ostwald gehört. Er versucht in seinem Artikel alles das zusammenfassend in gedrängtester Kürze darzustellen, was zur Aufhellung des Wesens des Monismus dienen könnte.
Was nun ist der moderne Monismus? Ostwald definiert ihn wie folgt:„Er stellt nach der Ueberzeugung seiner An— hänger die vorderste Front in dem vorwärts dringenden Denken des menschlichen Geistes dar. Der Monismus des 20. Jahrhunderts ist, mit einem Worte gesagt, die wissen— schaftliche Weltanschauung. Er ist die theoretische wie praktische Betätigung der Ueberzeugung, daß von allen Schätzen der Kultur, welche der strebende Menschengeist ge— sammelt hat, die Wissenschaft nach dem Worte Gottes tat— sächlich„des Menschen allerhöchste e ee
In der Hauptsache nun gründet sich diese modern— monistische oder die„wissenschaftliche“ Weltanschauung auf die Lehren des Darwinismus und auf die neueren Ergeb⸗ nisse der naturwissenschaftlichen Forschung, besonders aber auf die Lehre von der Energetik. Monisten sind zunächst alle diejenigen, welche annehmen, daß die ganze Welt aus einem einzigen„Urgrunde oder Urprinzip“ gebildet sei. In diesem Sinne war daher schon der altgriechische Philosoph Thales ein Monist, weil er lehrte, die ganze Welt sei aus Wasser entstanden, und weil er aus dieser Lehre zu einer möglichst einheitlichen Anschauung des Weltbegriffes und Weltgeschehens zu gelangen suchte. Auch Spinoza war Monist, weil er der Erscheinungen Folge aus der Einheit alles Seienden, aus der Wesensgleichheit von Geist und Materie erklärte. d
Der Gegensatz vom Monismus ist der Dualismus. Sein erster großer Vertreter war Platon, dessen Weltanschauung sich auf der Lehre vom Gegensatze zwischen Geist und Körper aufbaute. Seine Ideen werden später— wenig verändert— vom Christentum adoptiert und beherrschen noch bis heute die christliche Philosophie, die ihre schönste Blüte in der mittelalterlichen Scholastik erlebte.
Das„Urprinzip“ nun des modernen von Haeckel und Ostwald inaugurierten wissenschaftlichen Monismus ist die Lehre von der Energie, die sogen. Energetik. Sie ist be— gründet auf den Entdeckungen des Naturforschers Robert Mayer, der 1842 sein„Gesetz von der Erhaltung der lebendi— gen Kraft“ aufstellt. Mayer bewies darin, daß ebenso wie die Materie auch jede wirkende Kraft, wie die Wärme, die Bewegung, die Elektrizität, das Licht usw., unzerstörbar sei, d. h. mit anderen Worten, daß sie nie verloren gehen könne, sondern sich nur immer in andere Erscheinungsformen um⸗ setze. Der Sturmwind, welcher Bäume knickt, die Wellen eines Wassers hoch aufpeitscht, erhält seine Gewalt oder lebendige Kraft— die der Physiker Energie nennt— aus den Bewegungen der an verschiedenen Stellen der Erdober— fläche ungleichmäßig erwärmten Luft.„Die chemische Arbeit,
die in unseren Muskeln oder im Benzin unseres Motors enthalten ist, bewirkt unsere geschwinde Bewegung und je
Arten Energie ineinander... Was im Sturme wirkt, ist sendet, ist strahlende Energie... Die Energie ist in allen, realen oder kontakten Dingen als wesentlicher Bestandteil enthalten, der niemals fehlt, und insofern können wir sagen, daß in der Energie sich das eigentlich Reale verkörpert“(Professor Ostwald in seinem Werke:„Die Energie“.). „Daß in der Energie sich das eigentlich Reale verkörpert“, ist der oberste Glaubenssatz des„wissenschaftlichen“ Monis⸗ mus. Er sieht zwar die Energie nicht als das Prinzip an, „aus welchem die ganze Welt abgeleitet, entwickelt oder ge⸗ schaffen worden ist, wohl aber als dasjenige Ding, welches bei allen Vorgängen, Ereignissen, Erlebnissen, kurz, bei allen Elementen unseres Lebens entscheidend in Frage kommt.“
10 1 Marx und Vakunin. Von Kurt Eisner. (Schluß.)
Es ist klar, daß die ungeheure Einfachheit des System Bakunins, das mit einem einzigen Begriff und mit einem einzigen Mittel aus⸗ kam, und doch zugleich verhieß, wie über Nacht, die Menschheit von vieltausendjähriger Qual ganz und auf einmal und für immer zu erlösen, einen überwältigenden Zauber auf die bedrängten Menschen ausüben mußte; und es ist nicht minder begreiflich, daß auch in unseren. Tagen solche Stimmungen immer wieder ausbrechen, die den langen, mühseligen, öden Weg politischer Arbeit durch eine große, jauchzende Anspannung menschlichen Heldentums abkürzen und vollenden zu können wähnen. Aber es ist ebenso klar, daß ein solches Programm keine politische Tätigkeit, keine parlamentarische Arbeit, überhaupt keine Parteiwirksamkeit möglich macht. Es ist ein Warten und Harren im luftleeren Raum und dann die Revo⸗ lution eines Tages. Marx trieb Politik, Bakunin träumte das tausendjährige Reich(wie immer er auch in revolutionär tätigen Ekstasen träumte!) Das Scheitern einer Revolution konnte Bakunin allenfalls zur Vorbereitung einer neuen Revolution bewegen; so⸗ bald sich aber die Unmöglichkeit einer solchen Erhebung herausstellte, gab es für Bakunin gar nichts mehr zu tun, gar nichts mehr zu hoffen. Er war tot. Marx dagegen stand zwar immer dort, wo Proletarier kämpften, sein Herz schlug mit den März⸗ und Mai⸗ stürmern von 1848/49, wie mit der Pariser Kommune von 1871. Aber eine Niederlage in der Revolution war für Marx keine Ent⸗ mutigung, geschweige eine Verzweiflung. Die Revolution war nur ein Mittel im Freiheitskampfe des Proletariats, ein Mittel von vielen proletarischer Politik. Die Dinge trieben weiter, für Marr gab es keinen so düsteren und hoffnungslosen Tag, an dem nicht irgend etwas für die Erhebung und Befreiung der Menschheit getan werden konnte.
Das hatte die wissenschaftliche Erkenntnis Marx früh gelehrt, und als die Kommune zufammenbrach, wurde der utopische Anarchismus auch durch die Ereignisse widerlegt. Die Arbeiter- bewegung ging zu ihrem Heile den Weg Marxens, den Lassalle noch stärker politisierte. So ward jene proletarische Weltmacht der Par⸗ tei, der parlamentarischen Fraktionen, der Gewerkschaften, der Ge⸗ nossenschaften, der sozialpolitischen Verwaltungsarbeit. Nach Balunins Geist wäre die Arbeiterbewegung eine Heldentragödie in fünf Akten geworden, am Schluß den Tod des Helden; sie hätte sich in sich selbst verzehrt, wie das in drück Not und müder Ent⸗ sagung erlöschende Dasein Bakunins f An seinem Irrtum mußte Bakunin persönlich und geschichtlich zu Grunde gehen, auch dann, wenn ihm von Marx und dessen Gesin ungsgenossen minder übel mitgespielt worden wäre, wie ihm ta chlich geschah. Marx vollzog nur das Richteramt der geschichtlichen Vernunft, und wenn er es nicht ohne Grausamkeit, selbst nicht ohne Verschlagenheit, menschlich ungerecht vollzog, so entlastet ihn die selbstsichere Klar⸗ heit und Gewißheit seiner durch hingebende harte Gedankenarbeit
nachdem wir unsere Lampe mit Brennöl, Gas oder Elektrizi⸗ proletarischen Bewegu
gewonnenen Erkenntnis, worin allein das Heil und die Zukunft der na verbürat sei: und seine Gewalttätigkeit
tät speisen, verwandeln wir chemische oder elektrische Arbeit in Licht... Es handelt sich um Umwandlungen verschiedener,
kinetische oder Bewegungsenergie, und was die Sonne uns
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