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wohner bis auf 12 000 aus ber Stadt getrieben, zuletzt zog er selbst in der Spitze der Feuerwehr mit allen Spritzen heraus. Zuvor e er noch ben niedrigsten Pöbel, den er zurlckließ, und durch die Freilassung der Verbrecher aus den Zucht⸗ und Arbeitshäusern verstärkte, zu wahnsinniger Wut aufgepeitscht, indem er neben an⸗ deren Schurkenstreichen französische Gefangene, nachdem er sie 36 Stunden hatte hungern lassen, vor dem Volk prügeln und ihnen die Kleider vom Leibe reißen ließ. Das losgelassene Gesindel mordete die Gefangenen, Kranken und Verwundeten, plünderte noch vor dem Einzug der Franzosen die Stadt, und ihr Werk war die Verbrennung Moskaus. Uebrigens entsprach die Einäscherung Mos⸗ kaus nur der ganzen Kriegsführung der Russen, die überall auf ihrem Wege die Städte und Dörser niederbrannten. Napoleon hatte den Zug nach Moskau unternommen, um durch Besetzung der wichtigsten Stadt des Zarenreiches Alexander J. zum Frieden zu zwingen und seiner Politik gefügig zu machen. Moskau N 4 das Faustpfand sein, durch das Napoleon die Unterwerfung ö Zaren erreichen konnte. Dieses Pfand war ihm nun aus der Hand geschlagen. Das vernichtete Moskau besaß keinen Wert mehr für den Zaren, und Napoleon hatte die Besetzung umsonst unternommen. Die rauchenden Trümmer der Stadt waren kein Gegenstand mehr, der geeignet war, als politisches Zwangsmittel verwendet zu werden. 0 5 Auch die andere Absicht Napoleons war zerstört worden. Er konnte jetzt nicht mehr in der reichen Märchenstadt seiner Armee behagliche Winterquartiere sichern, Rast und Erholung nach den un⸗ geheuren Strapazen gewähren. Die Ruinen, in denen nur noch rufsisches Gesindel hauste, boten auf die Dauer kein Obdach und keine Ruhe. Da eine geordnete Verpflegung der Truppen durch Mit⸗ wirkung der Bürger der Stadt unmöglich geworden war, begannen die Soldaten, die in gewaltigen Mengen zurückgebliebenen Vorrlite an Lebensmitteln, Gebrauchs- und Luxusgegenständen aller Art, zu g 5 5 Die bewunderungswürdige Zucht der napoleonischen Armee wurde so zu Schanden. Auch die strengsten Befehle konnten nichts mehr ausrichten. Die Truppen wurden demoralisiert, sie weiteiferten in wilden Branntweinorgien mit den Einheimischen. Der enttäuschten Armee, die mit phantastischen Paradieshoffnungen nach Moskau marschiert war, bemächtigte sich mehr und mehr eine verzweifelte Sehnsucht nach der Heimat und nach dem Frieden. 9 So hatte der Brand von Moskau die ganze Politik Napoleons vernichtet. Er mußte von neuem beginnen. Es sind ihm damals viele Pläne durch den Kopf gegangen. Auch an die Entfesselung evolutionärer Kräfte— durch Befreiung der Bauern— hatte er flüchtig gedacht. Aber er sah die Unmöglichkeit ein. Sollte ihm dem unbegriffenen und verhaßten Fremden gelingen, was nach einem Jahrhundert dem eigenen Volk mißlang: die Revolution? Immer⸗ hin wußte er— die ihm zugehenden zuverlässigen Berichte unter⸗ Lichteten ihn darüber— daß man am Hofe und in den Kreisen der rrussischen Janker große Besorgnis hatte, der Jakobinerkaiser könnte, wenn er mit seinem Heere Monate hindurch im Lande blieb, schließ⸗ lich doch auf das russische Volk politisch ansteckend wirken. Es ist Tatsache, daß ein Teil der russischen Bauern anfangs auf Napoleon als den Befreier gehofft hatte. Auch in Moskau hatte Napoleon bäuerliche Abordnungen empfangen, die ihm ihre Hilfe gegen ihre Herren anboten. Aber solche revolutionären Mittel paßten einmal längst nicht mehr in sein System der bürgerlichen Ordnung. Und dann: eine Aufstachelung russischer Bauern,— das war das furcht⸗ bare Chaos, das vielleicht russische Adelsschlösser verzehren konnte, aber kein Rußland schuf, das ein brauchbares Werkzeug napoleoni⸗ scher Weltpolitik hätte werden können. So wies Napoleon alle der⸗ artigen Anerbietungen zurück. Am Zarenhof aber rechnete man angstvoll mit solchen Möglichkeiten. Nicht zuletzt aus diesen Er⸗ * n rieten einflußreiche Männer dem Zaren zum Frieden. Und da Napoleon keinen anderen Ausweg wußte, als die Macht seiner Persönlichkeit und die Furcht vor selnen Gewaltmitteln noch immer so hoch einzuschätzen, daß er auch unter den veränderten Um⸗ ständen die Erzwingung des Friedens für möglich hielt, verhandelte er über den Frieden. Darüber gingen Wochen hin. Zu spät mußte er erkennen, daß er sich im Zaren getäuscht hatte. Und als Napoleon schließlich die Ablehnung des Friedensangebotes erhielt, war es so spät im Jahre geworden, daß der russische Winter die Armee zu überfallen und zu vernichten drohte, wenn sie nicht sofort aus Ruß⸗ land hinausgeführt wurde. Jetzt ölseb nichts anderes mehr Übrig, als der Rückzug, der zur girauenvollsten Tragödie der Kriegsgeschichte aller Zeiten und Völker werden sollte.
Die Herkunft der Balkanvölker. 5 Von H. Jalkenfels. „ Ingmm„Wetterwinkel Europas“ erhebt eine Reihe von Volkern den Anspruch, als sei nun für sie endgültig der Augenblick gekommen, von ihrer bisherigen Stellung als 4„Halbasiaten“ zu echten und vollgültigen Europäern vorzu⸗ rücken. Wie immer auch das Ringen am Balkan ausgehen moge, so ist es doch bereits gewiß, daß die europäische Kultur 1 die„dulgarisch-serbisch'griechische Frage“ nicht mehr los 1 werden wird, ja daß die Einwanderung(vorerst nur zu Lern⸗ und Nachahmungszwecken) der Balkanvölker in die deutschen Sauptstädte— in Verlin, München, Leipzig gibt es schon
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seit langem eine lokale„Balkanfrage“ so gut wie in Paris— nach der Neuordnung und dem Machtzuwachs dieser Länder sehr bald sich zu einem Problem zuspitzen wird, das auch den Kurzsichtigsten darüber belehrt, daß wieder einmal in dem großen naturgeschichtlichen Prozeß der Völkerwanderungen unsere Zeit zu einem historischen Datum geworden ist, das man sich auf viele Jahrhunderte hinaus merken muß.
Es erwacht daher wohl ein natürliches Interesse für das Wesen und— da er sich am besten aus dieser erschließen läßt — die Herkunft dieser Völker, die bisher vom europäischen Leben abgeschlossen, sich nun anschicken werden, bei allen kul— turellen und politischen Fragen unseres Erdteils mitzureden.
Die Balkanvölker bringen zum Teil nicht geringe An⸗ sprüche auf edelste Herkunft mit. Seitdem Byron im griechischen Befreiungskampfe mit erhabener Begeisterung seine Stimme für die Griechen erhob, hat sich in weiten Kreisen die von Athen aus natürlich genährte Ueberzeugung festgesetzt, daß die Neugriechen tatsächlich noch in erheblichem Maße althellenisches Blut in den Adern haben, zum minde— sten, daß altgriechisches Wesen weit besser erhalten geblieben wäre, wenn sich nicht die Türken seit 1453 auf der Balkan⸗ halbinsel festgesetzt hätten. Mit nicht weniger Stolz be⸗ haupten die Rumänen, die es allerdings weit von sich weisen, als Balkanvolk zu gelten, direkte Nachkommen der römischen Legionäre und Kolonisten der alten Dacia Trajana zu sein. Und auch die Albanesen werden selten genannt ohne ein schmückendes, auf ihre edlen Gesichtszüge, ihr stolzes Wesen, ihre durchaus„europäerhafte Art“ hinweisendes Bei⸗ wort.
Der Historiker hat nun für alle diese Legenden nur ein ironisches Lächeln, da ihm zahlreiche Dokumente der hoch⸗ entwickelten Geschichtsschreibung im byzantinischen Reiche be— zeugen, das Bulgaren, Rumänen und Neugriechen so gut wie Serben und die auf der Balkanhalbinsel eine nicht geringe Rolle spielenden Zigeuner alles Einwanderer aus Jahr- hunderten sind, in denen die antike Kultur in jenen Ländern schon zusammengebrochen war.
Diese Geschichtsangaben bezeugen, daß zu Beginn des 7. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung am Schwarzen Meer und von da nach Mazedonien ein Volksstamm von der süd— lichen Wolga her einwanderte, den man damals allgemein für Slawen hielt, obzwar er seiner Abstammung nach mit den Türken, die ihr wahre Heimat in den zentralasiatischen Ge⸗ birgen haben, verwandt war. Er selbst nannte sich Bul⸗ garen, trat aber bald in nahe Verbindung mit seinen slawischen Nachbarn in der russischen Steppe, wo er vor der Einwanderung auf die Balkanhalbinsel saß. Bald ver- schmolzen beide Völker völlig, wodurch die Bulgaren auch ihre ursprüngliche Sprache, Religion und Lebensweise auf⸗ gaben. Von da ab galten auch sie als Slawen. Wenn sie aber auch heute noch, nicht nur im Typus, sondern auch im Volkscharakter zahlreiche energischere und dem Westeuropäer sympathischere Züge aufweisen als die sonstigen Südflawen, erklärt sich dies aus ihrem ursprünglich nichtflawischen, iranischen Blut.
Die Slawen ihrerseits tauchten in Südrußland auch nicht unvermutet auf, sondern waren dort nur ein vorgeschobener Vorposten einer weitverbreiteten Völkerfamilie, die in ganz Deutschland(bis gegen Hannover) saß und erst im frühen Mittelalter auf ihre heutigen Wohnsitze zurückgedrängt wurde. Im Osten und Südosten verschmolzen sie in ihrer Frühzeit mit mongolischen Völkern, so daß die Slawen der Balkan- staaten mit Recht in anhropologischer Beziehung als Halb- asiaten bezeichnet werden können. Sowohl bei Russen, Serben, wie namentlich bei den mit südostrussischen Slawen ver⸗ schmolzenen Bulgaren finden sich auch heute noch häufig mongolische Gesichtstypen. In Bulgarien haben z. B. nach J. Wateff 31 Prozent der Bevölkerung noch die schief nach oben verschobene mongolische Augenform.
Aus dem Jahr 638 ist es zum erstenmal bezeugt, daß Slawen in Familiengruppen unter Anführung ihrer „Zupane“ im heutigen Serbien einwanderten. Im 8. Jahr- hundert nahmen sie das natürlich byzantinische Christentum an und werden von den byzantinischen Geschichtsschreibern von da an als Serben bezeichnet.
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