Ausgabe 
8.7.1913
 
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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

Nummer 14

Dienstag, den 8. Zuli 1913

2. Jahrgang

Ein Wendepunkt der Naturwissenschaft.

Von H. Falkenfels. II. Ich nehme es niemandem übel, wenn er meint, dies sei der vollkommene Widersinn, den er gar nicht fassen könne. Ich bitte ihn aber nur, folgendes zu bedenken:

Das Verhältnis zwischen der Welt und uns ist keines wegs so, daß für die Natur eine Verpflichtung besteht, für unseren Verstand begreiflich zu sein. Das ist ja der Unter schied zwischen dem alten dogmatischen und dem neuen vor aussetzungslosen Menschen. Der frühere Philosoph ging mit seiner, unabhängig von Erfahrung ausgeheckten, vorgefaßten Ansicht auf die Welt los und wählte ihre Erscheinung aus. Dies kann ich brauchen, sagte er, dies paßt in mein System, jenes ist mir unverständlich, an das rühre ich nicht. In ganz naiven Zeiten nannte man das für dasSystem Unver ständliche:Wunder, dann hieß es Rätsel oder Spiel der Natur, Ausnahme, noch unerforschte Tatsache. Jedes System hatte einen solchen Bodensatz vonunbrauchbaren Tatsachen, in jedem fand sich die Phrase, daß sich jene noch unverständlichen Dinge im Lauf der Forschung hoffentlich im Sinne des Systems aufklären werden.

Der neue Denker, der Naturforscher, ist im Begriff, das andere zu machen. Er hat den Wahn abgelegt, als sei die Welt für ihn da, dazu gemacht, von ihm unterworfen zu werden. Er ist bescheiden geworden. Er fühlt sich nicht mehr ebenbürtig der Welt, fähig, mit seinem Verstand ihr innerstes Wesen zu ergründen, sondern er hat es gelernt, sich als ihr Geschöpf, ihr Teil zu empfinden. Er richtet sein Denken nach ihr ein, und wenn ihm die Natur für dasselbe zweierlei Wahrheiten zeigt, verwirft er die älteste und mächtigste seiner Lieblingsideen: den Glauben an die absolute Wahrheit.

Aus dieser Psychologie heraus entstand die neue Rela tivitätslehre und mit ihr die neue Mechanik der Physik und nur aus ihr kann sie verstanden werden.

Nichts anderes hat sie getan, als den Glauben an eine absolute Wahrheit verworfen. Und schon deshalb wird auch sie auf das leidentschaftlichste verworfen und bekämpft wer⸗ den von allen Philosophen der alten Denkungsart. Sie müssen den Kampf gegen sie aufnehmen, denn eine Lehre, die dem Denker die Möglichkeit abspricht, die Wahrheit zu er⸗ kennen, wendet sich im letzten Sinn gegen die Berechtigung zum Denken überhaupt.

Es ist etwas anderes um das Que scais-je? des Mon⸗ taigne, um den Spott des Skeptikers, den Zweifel des Er kenntnistheoretikers und um die wuchtige trockene Mathematik eines solchen Relativitätsphysikers. Skepsis ist eine ange⸗ nehme Würze des Denkens, ein geistreiches Spiel mit Mög⸗ lichkeiten, ein Kunstwerk der Illusion, das man aufbaut mit der felsenfesten Ueberzeugung, es jederzeit unterbrechen oder einreißen zu können, wenn daswirkliche Leben es braucht. Der Gedanke von der Relativität alles Seins war nicht neu, oft hat der Menschengeist schon mit ihm kokettiert aber nun trifft es ihn wie eine Ernüchterung nach hochfliegendem Rausch, daß aus dem Spiel Ernst und rauhe Wirklichkeit werden soll. Das Hirngespinst der Philosophen tritt nun auf einmal mit mathematisch⸗physikalischen Beweisen für sich auf. Höhnisch dreht es das alte übermütig stolze Wort des Hegelismus in sein Gegenteil um: wenn Tatsachen und Logik nicht harmonieren umso schlimmer für die Tatsachen. So

soll es nicht mehr heißen, sondern die unerbittliche Sprache der Zahlen verkündet das frösteln machende Urteil: umso schlimmer für die Logik.

Man sucht in dem Strom der einstürmenden unbehag⸗ lichen Gedanken sich auf die Insel des Zweifels zu retten. Vielleicht steckt in diesem unmöglich erscheinenden Ergebnis ein Rechenfehler? Es ist eine Theorie und nichts weiter! Man durchstöbert das bereits mächtig anschwellende Schrift⸗ tum der Relativitätslehre und findet, daß mit ihr gar mancherlei in der bestehenden Naturerkenntnis schwer ver⸗ einbar ist. Die Gesetze des Stoßes und der Reibung sind anders, als sie es nach dem Relativitätsgesetz sein sollten; die Phänomene der Schwerkraft lassen sich nicht ohne Künstelei in ihren Rahmen einfügen. Aber auf der anderen Siete spricht der Himmel sein ernstes Wort, um uns den Glauben an die Möglichkeit der Erfassung absoluter Wahr heit zu benehmen.

Ist das Relativitätsprinzip ein Universalgesetz der Na tur, dann müßte es sich auch im Lauf der Gestirne offenbaren. Und unheimlicherweise kennen wir solche! Der Planet Merkur hat in unserem Sonnensystem die rascheste Beweg ung; an ihm war am ehesten ein Einfluß, der mit dem Prin⸗ ziv der Relativität im Einklang wäre, zu erwarten. Und gerade er zeigt wirklich Abweichungen, welche die alte Mechanik des Himmels nicht zu erklären vermochte.

Und außerdem: es gibt bereits eine vollkommene experi- mentelle Bestätigung des Relativitätsprinzips. Die Ver⸗ suche von Bucherer, die an die Messungen der Geschwin digkeit der Elektronen anknüpfen, haben unabhängig von dem Rclativitiätsprinzip zu der Einsicht geführt, daß die Masse der Elektronen nichts absolutes sei, sondern von der Geschwindigkeiti abhänge. Das ist eine vollkommene Be⸗ stätigung dessen, was wir lieber nicht finden wollten. Auch bei kühlster Erwägung alles Für und Wider muß man sich sagen: das Relativitätsprinzip ist, wenn auch noch nicht völlig zweifellos, so doch eine durchaus ernst zu erwägende neue Erkenntnis von unausdenkbarer Tragweite.

Hier ist der Kampfplatz, auf dem die bedeutsamsten und nächsten Schlachten geschlagen werden. Es geht wie ein Vorahnen einer Götterdämmerung durch die Welt der Wissenschaften, und sie steht vor so schweren Tagen der Ent scheidung wie nie zuvor.

Anmerkung. Für Leser, die diese bedeutsamen Grundfragen weiter studieren wollen, verzeichnen wir die wichtigsten Quellen über die Relativitätshypothese:

1) W. Mecklenburg, Die experimentelle Grund⸗ legung der Atomistik. Jena 1910.(Für die Elek⸗ tronentheorie.)

2) Für die Michelson⸗Morleyschen Versuche: E. Cohn, Physikalisches über Raum und Zeit. Leipzig 1911.

3) Für das Lorentz⸗Einsteinsche Relativitätsgesetz: H.

Poincaré, Die neue Mechanik. Leipzig 1911.

Einstein selbst hat sein Relativitätsprinziß bezüglich der Lichtausbreitung im leeren Raum aus⸗ geführt im Jahrbuch der Radioaktivität und Elek⸗ 4. Band.

tronik.