Der Kanaltunnel.
In seinem neuen berühmten Roman„Der Tunnel“ läßt Keller⸗ mann vor unseren Augen im atemraubenden Tempo der Produk⸗ tions⸗ und Lebensweise künftiger Geschlechter einen gewaltigen Tunnelbau zwischen Europa und Amerika entstehen. Die Wirklich⸗ keit wird vermutlich binnen kurzem jene geniale technische Phantasie wenigstens in verkleinertem Maßstabe, nachahmen. Der Tunnel, um den es sich dabei handelt, soll zwar nicht zwei Erdteile, wohl inander verbinden. Bereits zu Ende submarien
Seine Ver⸗
Verbindung wirklichung
Inzwischen fängt aber die geographesche Isolierung Englands an, für die kulturelle Entwicklung dieses Landes bedenkliche Folgen zu haben. In einer Zeit des steigenden Weltverkehrs muß England es mit ansehen, daß es an diesem Personenaustausch, der gleichzeitig einen Austausch an ideellen und materiellen Zivilisationsgütern be⸗ dingt, nur in relativ schwachem Maße beteiligt ist. Die Angst vor einer Uebersahrt über den meist stürmischen Aermelkanal hält eben unzählige Reisende von England fern. Im Jahre 1912 betrug der Passagierverkehr über den Kanal 10 Millionen Personen. Bei einer Bevölkerungsziffer Englands und der ihm zunächst liegenden Länder(Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland) von 157 Mil⸗ lionen macht dies nur 1 Prozent aus, während beispielsweise der Verkehr zwischen Frankreich und Deutschland 2 Prozent, der zwischen Frankreich, Velglen und Hollands 8 Prozent der Bevöllerung um⸗ faßt. So ist es zu verstehen, daß allmählich ein Umschwung in der englischen öfsentlichen Meinung in der Kanalfrage eingetreten ist.
Der neue, von der Kanalbaugesellschaft vorgelegte Tunneiplan, der voraussichtlich die allgemeine Zustimmung finden wird, nimmt auf die militärischen Bedenken Englands die genügende Rücksicht. Mit Zustimmung des französischen Staates, bezw. der Nordbahngesell⸗ schaft, sieht er an der französischen Küste einen Viadukt vor, der weit ins Meer hineingebaut ist und den alle Züge passieren müssen. Der Viadukt beginnt bei Visant und führt 4 Kilometer nördlich wieder aufs Festland, sodaß die englischen Schisse im Kriegsfall in der Lage sein werden, mit ihren Kanonen die ganze Verbindung zu zerstören und jeden Verkehr abzuhalten. Der Tunneleingang in England liegt ferner hinter dem Schloß von Dover, unter dem direkten Feuer der Forts. Endlich werden beide Länder die Möglichkeit haben, die Kraftstationen, die zum Betriebe der Züge notwendig sind, jeweils unter Jeuer zu halten.
Der Tunnel führt unter dem Aermelkanal weg von Sangattle nach Dover. Die Strecke unter Wasser wird 38 Kilometer, die Ge⸗ samtlänge des Tunnels, einschließlich der Verbindungsstrecken mit den Hauptlinien, 50 Kilometer lang sein. Der Tunnel besteht elgentlich aus 2 Tunnels von je 6 Meter Durchmesser, die in einer Entfernung von 12 Meter angelegt werden und in kurzen Zwischen⸗ räumen durch Quergänge miteinander in Verbindung stehen. Diese Bauart gestattet eine bessere Ventilation als sie bei einem einzigen zweigleisigen Tunnel möglich wäre. Die Tunnels werden innen durch starke Gußeisensegmente gegen den gewaltigen Druck, den sie auszuhalten haben, verstärkt und außerdem mit einem dicken Zement⸗ mantel umgeben. Für die Ventilation werden von jeder Seite her 10600 Kubikmeter Luft pro Sekunde mit einer Geschwindigkeit von 2 Fuß pro Sekunde hineingepreßt werden. Die Züge werden natür⸗ lich elektrisch betrieben, sodaß keine Rauchentwicklung stattfindet. Sie werden außerdem aus feuersestem Material bestehen. Um krob⸗ dem für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, wird neben den Ge⸗ leisen ein von der elektrischen Leitung gesicherter Jußsteig führen, auf den sich die Passagiere gegebenenfalls retten können.
Der Bau soll in der Weise vor sich gehen, daß man zunächst von beiden Kanalseiten her nach der Mitte einen Abwässerungsschacht treiben wird, der in zirka 4 Jahren vollendet sein dürste. Die Kosten des Tunnels sollen nach dem Voranschlage 320 Millionen Mark, also für jede Seite 160 Millionen Mark betragen. Man rech⸗ net damit, daß bei seiner Eröffnung der Tunnel von dem inzwischen auf 2 Millionen angewachsenen Passaglerverkehr zwischen England und dem Festlande 13 Millionen an sich ziehen wird. Das würde, wenn man 10 Mark Reingewinn pro Person annimmt, 13 Millionen Mark bringen. Dazu kommen 13 Millionen Mark aus der Gepäck⸗ beförderung, 200 000 aus dem Post⸗ und 1,6 Millionen Mark aus dem Güterverkehr. Das macht zusammen 22,7 Millionen Mark Ver⸗ Ansung für ein Kapital von 320 Willionen Mark, ohne Berik ⸗ sichtigung des wahrscheinlich rapid steigenden Personenverkehrs.
Hoffentlich wird das große Werk, das London— Paris auf 5 Stunden und Berlin auf 10 bis 18 Stunden nahe bringen würde, bald Wirklichkeit.
Aus unserer Sammelmappe.
Die gänzliche Entfernung des Magens. Wie weit heute die operative Chirurgie vorgeschritten ist, erkennt man u. a. an den glänzenden Leistungen, welche die Magenchirurgie aufzuweisen hat. Bei Krebs wird heute der Magen, wenn nötig, gänzlich entfernt
und es kann Heilung danach eintreten. So berichtete
türzlich]
Dr. Sasse in Frankfurt a. M., der Chirurg des dortigen Marien⸗
krankenhauses, über zwei von ihm operierte, geheilte Fälle von gänzlicher Magenentfernung. Bei dem einen, 50 Jahre alten 0 Patienten wurde der ganze Magen, im streng anatomischen Sinne
genommen, entfernt. 3½ Wochen nach der Operation konnte der Patient bereits alle sesten Speisen ohne
zum Skelett abgemagert, sie wog nur noch 60 Pfund. Nach der
Operation nahm sie in kurzer Zeit 52 Pfund an Gewicht zu. Es l handelte sich hier nicht um Krebs, sondern um ein narbiges Ge- so daß dieser gänzlich schrumpfte. Da die Patientin nunmehr bereits zwei Jahre nach den Operation lebt und der Verlust des Magens kaum nachteilige Folgen
schwür, das den ganzen Magen einnahm,
für die Ernährung gehabt hat, so kann man behaupten, daß der Magen absolut entbehrlich ist. Die Patientin gesund aus.
Essen kein eigentliches Gefühl der Sättigung mehr habe. Sie ge⸗ 5 nießt alle Speisen, ohne im geringsten auf die leichtere oder 1 schwerere Verdaulichkeit Rücksicht zu nehmen. 1
Das Wesen des Schlangengiftes. Nach Dr. Faust in Würzburg ist die Unterscheidung der Schlangen nach giftigen und
geschieht allgemein mit Hilfe besonderer Giftzähne.
lich. Während es Jormen gibt, die bei einem Biß 100 bis 2⁰⁰ Milligramm Gist entleeren, ist die Menge, die von unserer ei
heimischen Viper entleert wird, etwa 40 Milligramm. Außer der Art des Tieres ist für die Menge des ausgeschiedenen Giftes sehr wesentlich, ob das Tier kurz vorher schon einmal gebissen hat. Daß
entleerte Gift enthält 30 Prozent Trockensubstanz, es enthält außer dem speziellen Gift auch noch Fermente. Diese können dadurch für
die Schlange wichtig sein, daß sie beim Biß in den Körper des An ⸗
gegriffenen eingespritzt werden und so die Verdauung beschleunigen. 1 Bekanntermaßen ist diese bei Schlangen, die ihre Beute in einem Bissen hinabschlingen, sehr schnell. Was das Gist anbelangt, so ist 5
es nach den Untersuchungen, die Dr. Faust angestellt hat, Saponin. Durch diese FJeststellungen sind die Wirkungen glatt er⸗ klärt, man braucht nun nicht mehr einzelne Gifte für die speziellen Symptome anzunehmen.
Lebende Organe außerhalb des Körpers. Der berühmte amerls kanische Chirurg Carrel, der auf Grund seiner aussehenerregenden Züchtung von lebendem Gewebe d des Organismus den
er Veröffentlichung neuer, erstaunlicher Ersolge hervor. Durch geeignete Behandlung ist es
Nobelpreis erhalten hat, tritt jetzt mit
ihm gelungen, Teile des Herzens und der Blutgefäße von Hühner ⸗ embryonen Über ein Jahr lang lebensfähig zu erhalten. Noch über⸗ raschender aber sind die Ergebnisse des folgenden Versuches: Carrel unterband einer Katze die Luftröhre und die Hauptblutgesäßze und entnahm ihrem Körper dann die gesamten Brust⸗ und Bauche inge ⸗
weide und legte sie sofort in Ningersche Lösung. Das Tier 1 nach Durchschneiden der Gefäße, aber die Eingeweideorgane 5
in der Ningerschen Lösung weiter. Herz und Darm arbeiteten wie im Körper, der Magen des Tieres, das kurz vor dem Versuch dleisch gefressen hatte, suhr in der Verdauung dieser Speise sort, und der Darm entfernte die Reste in der gewohnten Welise. es gelang Carrel, diese Eingeweideorgane 13 Stunden lang am Lebes 2 erhalten, ein Erfolg, der dem Lalen unfaßbar erscheint. Die Wissen⸗ schaft weiß freilich, daß diese Erfolge bel zlelbewußter Arbeit er“ reicht werden mußten. Für die Erkenntnis der Tätigkeit der inneren Organe bei den Tieren und in entsprechender Schlußsole⸗ rung auch beim Menschen sind diese Versuche von unf g Wert, denn sie geben uns Aufschluß Über die Vorgänge in un
Körper und entschleiern die intimsten Gehelmnisse des Lebensvor“ ganges. 25
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Beschwerden genießen und er zeigt eine normale, gute Verdauung. An dem Röntgenbild sieht man, wie vom Magen nichts mehr vorhanden ist und wie der Baryumbrei aus der Speiseröhre direkt in den Dünndarm fällt l Bei dem anderen Fall war die Patientin vor der Operation bis
sieht blühend und Bemerkenswert ist ihre Angabe, daß sie nach den
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ungiftigen Arten eine sehr einseitige. Die sog. Giftschlangen sind eben die für die Menschen giftigen, die ungiftigen Schlangen können für Tiere sehr wohl giftig sein. Die Einverleibung der Gifte in den Körper Diese haben für die Führung des Giftes entweder einen Kanal, der sie der Länge nach durchbohrt oder eine Rille. Die Menge des beim Biß entleerten Giftes wechselt bei den verschiedenen Arten außerordent⸗
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