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das— und doch nicht märchenhafter als wie der Lebensgang
aus eigenem zu einer Weltanschauung, die ihm nichts mehr
Wortes. Er, der Katholik, glaubt voll Zuversicht die Grund—
beiden Sänse“ voraus. gründlich lächerlich machte. modernen Arbeiterschaft
nach der Wahrheit,
befreiung, die den Menschen frei machen soll von allen
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 18
Dienstag, den 5. Rugust 1913
2. Jahrgang
Peter Rosegger. 1843— 31. Juli— 1913]!
Es gibt ein altes, schönes Volksmärchen, das heißt: „Vom fapferen Schneiderlein“ und erzählt, wie ein armes Zwirnsfädenmeisterlein zu einem König in der Welt wird. Unerhörte, wunderbare Abenteuer besteht es, mit großer Kühnheit und noch größerer List— bis es eines Tages die
nd der Prinzessin erobert hat. Ja, nur ein Märchen ist
eines ehemaligen Schneiderleins, der zum größten Dichter seiner Heimat, zum bewunderten Erzieher seines Volkes ward.
Peter Rosegger, der nun schon 70 Jahre alt ist, hat sich aus eigener Kraft und Zähigkeit zu einem der größten Erzähler und Pädagoen deutscher Zunge emporgearbeitet. Der geistigen Enge seines Krieglacher Vaterhauses ent— wachsen, als neugebackener Schneidergeselle, schrieb Rosegger seine ersten steiermärkischen Gedichte und Schnurren und drückte gleichzeitig als Zwanzigjähriger neben zwölfjährigen Knaben die Schulbank, um sich die notwendigsten Elementar— kenntnisse anzueignen. Er sang sein anmutiges Liebes— gedichtelen„Därf ichs Dirndl liabn?“ und suchte dabei in die Geheimnisse der Lehre vom gleichschenkligen Dreieck einzu⸗ dringen!
So hat's Rosegger sein Leben lang gehalten. Im uner— müdlichem Drange nach Erkenntnis füllte er in eifrigem Studium die Lücken seiner Schulbildung aus und gelangte
umstogen kann.
Sein oberstes Lebensprinzip ist, auf die einfachste Formel gebracht, der Glaube, daß stets das Böse dem Guten unterliegen müsse. Alle seine zahlreichen Schriften sind in mannigfaltigen Variationen über dies Thema geschrieben, in allen jubelt ein fromm⸗gläubiger Optimist, der immer nur die Wahrheit siegreich ihr Haupt erheben sieht! Daher ist Rosegger ein religiöser Mensch im edelsten Sinne des
lehre der katholischen Kirche, daß alle Menschen Brüder in einem Gotte seien. Aber nicht den dogmatischen Gott der Priester und Kapläne anerkennt Rosegger, als solcher gilt ihm das Gute im Menschen, sein unbewußter Drang nach Wahrheit und Klarheit, aus dem zuletzt als reinste Blüte der Menschlichkeit die Menschenliebe entspringen muß.„Aller Kräfte größte ist die Wahrheit, aller Wahrheit beste ist die Weisheit, aller Weisheit höchste ist die Güte!“ Dieses Motto setzte er seinem„Roman aus unserer Zeit“, betitelt„Die Er ist daher auch ein geschworener Feind ohes eifernden Pfaffentumes, das er mehr wie einmal
Von der Denkweise, vom Streben und der Sehnsucht trennt Rosegger eine ganze Welt. Zwar strebt auch das Proletariat nach dem Höchsten, aber sie ist anders geartet als die Roseggers, oder, besser gesagt, sie wächst auf einem anderen Stamme. Rosegger sucht die Wahrheit zur geistigen Selbst—
loser Zufriedenheit und frohem Staunen über die Schönheit der Natur zu verbringen. Die sozialistischen Arbeiter aber wissen ganz genau, daß dies nicht möglich sein kann ohne die wirtschastliche Befreiung der Menschheit aus den Fesseln des Kapitalismus. Sie suchen daher durch ihren Klassenkampf erst diese zu vollbringen und sind der Zuversicht, daß dann alles andere von selbst kommen müsse.— N
Auf den Geburtstagsglückwunsch, den ihm der Wiener Bürgermeister im Auftrage der Stadtverwaltung sandte, antwortete Rosegger in einem Dankschreiben, das ihn treff—⸗ lich chorakterisiert. Es hieß darin:„Ferner ist es mir ein hocherficuliches Erlebnis, daß der Bürgermeister einer mo⸗ dernen Großstadt mein Bestreben begrüßt, meine Sehnsucht teilt nach Rückkehr aus dem Wirrsale des modernen Lebens zur schlichten Einfachheit und zur Gesundheit der Natur. Von den Kulturstätten, von oben herab muß der Be— ginn einer solchen Umkehr kommen!“ Es hätte richtiger ge— heißen:„Von den Kulturstätten, von unten herauf muß der Beginn einer solchen Umkehr kommen!“ Oft genug nämlich ist es von einsichtsvollen bürgerlichen Schriftstellern anerkannt worden, daß zumeist nur in der Arbeiterschaft, im Volke, wahre Kulturbestrebungen zu finden seien!
Verücksichtigt das Proletariat die von der seinen grund⸗ verschiedene Weltauffassung Peter Roseggers, so wird es auch an seinen Schriften eine helle Freude finden. Schier unerschöpflich, in köstlicher Mannigfaltigkeit sprudelt der Er⸗ findungsquell der Roseggerschen Muse. Unübersehbar ist die Zahl der teils heiter-frohen, teils tieftragischen Gestalten, welche die Ideen des Dichters verkörpert. Ein aus dem Innersten hervorquillender Humor legt auch über die größ— ten Schwächen seiner Menschen einen leis ironisierenden Zug menschlichen Verstehens. Oft genug erreicht in solchen Mo— menten Rosegger die herbe Größe Gottfried Kellers, dessen „Seelentrost“ Humor dem seinen stammverwandt.— Nie kehrt Rosegger schroff den Sittenrichter hervor, der er doch seinem innersten Wesen nach ist, immer bleibt er nur ein liebenswürdiger Verfechter seiner Anschauungen, die er mit ernstheiterer Ueberredungsgabe seinen Lesern schmackhaft zu machen sucht.
Was Rosegger für die Erziehung und Ausbildung seiner Landsleute getan, ist unschätzbar. Manche Schule in der Steiermark wurde auf sein Andrängen hin gegründet, und der deutsche Schulverein in Oesterreich erfuhr durch seine opferwillige Agitation einen mächtigen Aufschwung. Stets hat er sich für den modernen Gedanken der Arbeitsschule ein⸗ gesetzt. Die Wissenschaft von der Psyche des Kindes verdankt ihm nachhaltige Förderung durch ein Werk, das er aus seinen Schriften zusammenstellte. Es heißt:„Das Buch von den Kleinen“ und gibt wahrhaft verblüffend tiefe Einblicke in das kindliche Fühlen und Denken. Jeder Kinderfreund müßte es gelesen haben. Mit der„Levana“ Jean Pauls ge⸗ hört es mit zu den dichterisch schönsten Betrachtungen über die Seele und Erziehung des Kindes.
Noch steht Rosegger mitten im tätigen Leben und denkt noch nicht daran, die Feder aus der nimmermüden Hand zu legen. Wir wünschen ihm aus vollem Herzen, daß er noch
Uebeln der Welt, die ihn befähigen kann, sein Leben in selbst⸗
manches Jährlein im Dienste⸗der Menschheit wirken möge.


