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pölr eben hörten,„stets von selbst werktätig erweist“. Sancho müßte hiernach also nicht darauf ausgehen, das Bewußtsein zu ändern, sondern höchstens den„Anstoß“, der auf das Be wußtsein wirkt; wonach Sancho sein ganzes Buch umsonst geschrieben hätte. Aber in diesem Falle hält er allerdings seine Moralpredigten und„Gebote“ für einen hinreichenden „Anstoß“.
„Was einer werden kann, das wird er auch. Ein gebore⸗ ner Dichter mag wohl durch die Ungunst der Umstände gehindert werden, auf der Höhe der Zeit zu stehen und nach den dazu unerläßlichen großen Studien große Kunstwerke zu schaffen; aber dichten wird er, er sei Ackerknecht oder so glück. lich, am Weimarschen Hofe zu leben. Ein geborener Musiker wird Musik treiben, gleichviel, ob auf allen Instrumenten (diese Phantasie von„allen Instrumenten“ hat ihm Proudhon geliefert. Siehe: der Kommunismus), oder nur auf einem Haferrohr.“(Dem Schulmeister fallen natürlich wieder Virgils Eklogen ein.) Ein geborener philosophischer Kopf kann sich als Universitätsphilosoph oder als Dorfphilosoph bewähren. Endlich ein geborener Dummerjan wird immer ein vernagelter Kopf bleiben. Ja, die geborenen be schränkten Köpfe bilden unstreitig die zahlreichste Menschen⸗ klasse. Warum sollten auch in der Menschen⸗ gattung nicht dieselben Unterschiede hervortreten, welche in jeder Tiergattung unverkennbar sind. P. 434.
Sancho hat wieder sein Exempel mit dem gewöhnlichen Ungeschick gewählt. Angenommen seinen Unsinn von den geborenen Dichtern, Musikern, Philosophen, so beweist dies Exempel einerseits nur, daß ein geborener usw. das bleibt, swas er schon durch die Geburt i st, nämlich ein Dichter usw., und andererseits, daß der geborene usw. soweit er wird, sich entwickelt,„durch die Ungunst der Umstände“ dahin kommen kann, das nicht zu werden, was er werden konnte. Sein Exempel beweist also nach der einen Seite hin gar nichts, nach der anderen das Gegenteil von dem, was es beweisen sollte, und nach beiden zusammen, daß Sancho, gleichviel ob durch Geburt oder Umstände, zu der„zahl- reichsten Menschenklasse“ gehört. Er teilt dafür mit ihr und seinem„Nagel“ den Trost, daß er ein einziger vernagelter„Kopf“ ist.
Sancho erleidet hier das Abenteuer mit dem Zauber— trank, den Don Quixote aus Rosmarin, Wein, Oel und Salz gebraut hatte, und wovon Cervantes am siebzehnten be— richtet, daß Sancho danach zwei Stunden lang unter Schweiß und Verzuckungen aus beiden Kanälen seines Leibes sich er- goß. Der materialistische Trank, den unser tapferer Schild— knappe zu seinem Selbstgenuß eingenommen hat, entleert ihn seines ganzen Egoismus im außergewöhnlichen Ver— stande. Wir sahen oben, wie Sancho gegenüber dem„An— stoß“ plötzlich alle Feierlichkeit verlor und auf sein„Ver- mögen“ verzichtete, wie weiland die ägyptischen Zauberer gegenüber den Läusen Mosis; hier kommen nun zwei neue Anfälle von Kleinmütigkeit vor, in denen er auch vor„der Ungunst der Umstände sich beugt und endlich sogar seine ursprüngliche physische Organisation für etwas anerkennt, das ohne sein Zutun verkrüppelt wird. Was bleibt unserem bankerotten Egoisten nun noch übrig? Seine ursprüngliche Organisation steht nicht in seiner Hand; die„Umstände und der Anstoß“, unter deren Einfluß diese Organisation sich ent- wickelt, kann er nicht kontrollieren:„wie er in jedem Augen⸗ blicke ist, ist er nicht sein Geschöpf“, sondern das Geschöpf der Wechselwirkung zwischen seinen angeborenen Anlagen und den auf sie einwirkenden Umständen— alles das konzediert Sancho. Unglücklicher„Schöpfer“! Unglüicklichstes„Geschöpf“]
(Schluß folgt.)
4 5 5 Der Völlerkrieg der Fürsten. 1813 15. Von Kurt Eisner. III.
Die englische Landung in Deutschland zu erreichen, gelang Gneisenaus Bemühungen nicht; alles, was er bel dem allgemeinen „Geistesstupor“ auszurichten vermochte, war, daß sich England Mitte Januar 1813 endlich bereit erklärte, die Geldmittel filr eine in rus⸗ sischen Diensten stehende deutsche
Peöon, etwa 10 000 Mann, her⸗
zugeben. Auch bewilligte England Ende Januar Gneisenau endlich die Mittel, die Garnison von Colberg in Sold zu nehmen diesem Stützpunkt aus die militärischen Operationen zu leiten. Da⸗ 2 hatte Vork bereits die russische Besetzung Preußens herbei⸗ geführt.
Am 30. Dezember 1812 hatten Pork und der russische General- major Diebitsch, in der Poscherumschen Mühle, jene Konvention unterzeichnet, deren zweiter Artikel das preußische Corps verpflich⸗ tete,„bis zu den eingehenden Befehlen Sr. Masestät des Königs neutral stehen zu bleiben, wenn Höchstgedachte Se. Mafestät den Zurückmarsch des Corps zur französischen Armee befehlen sollten, während eines Zeitraumes von zwei Monaten nicht gegen die kaiserlich russische Armee zu dienen“.
Schon der Wortlaut dieses Vertrags zerstört all die oft ver suchten Bemühungen dienstwilliger Geschichtsschreiber, zu beweisen, daß York in geheimem Einverständnis mit dem König von Preußen gehandelt habe, daß es sich also um keinen Bruch des Fahneneides und um keinen Hochverrat gehandelt hat. War doch durch den Ar⸗ tikel zwei sogar bestimmt, daß selbst in dem Falle, wo Friedrich Wil⸗ helm III. befehlen sollte, sich an die französische Armee wieder an⸗ zuschließen, das preußische Corps sich weigern sollte, bis zum Ende Februar die Waffen gegen Rußland zu führen; ein sörmlicher ver⸗ tragsmäßig vereinbarter Waffenstreik.
Ein Biograph Yorks glaubt die Vorwürfe einzelner Ueber⸗ patrioten in der Geschichtsschreibung zursckweisen zu müssen, die Hork vorgeworfen haben, daß er sich mit der Neutralität begnügt und nicht sofort aktiv auf Seite der Russen losgeschlogen hätte.„Es war viel und war genug für den Offizier und den Mann, daß er sich formaler Bedenken des Dienstes entschlug“, bemerkt dieser Ver⸗ teidiger orks. Eine sehr feine Wendung, den Bruch des Fahnen⸗ eides und die Auflehnung gegen die Befehle des Kriegsherrn als formale Bedenken des Dienstes zu würdigen. Neuerdings wurde die Handlung Yorks mit dem Satze verherrlicht:„So dachte Vork, als er sich unter dem gewaltigen Zwange der Verhältnisse zu dem Entschlusse durchrang, das ihm anvertraute Corps vox des Restes der großen Armee zu retten und wieder unter den Oberbefehl des Königs zu stellen“. Diese Säkularverherrlichung beruht auf zwer sehr wefentlichen Irrtümern. Einmal war das preußische Corps nicht im mindesten gefährdet. Zwar war es von dem unter Mac⸗ donald stehenden Truppenteil um den 20. Dezember getrennt wor⸗ den. Rufsische Truppen hatten sich dazwischen geschoben. Aber es hätte kaum Mühe gekostet, die Russen, die in dem ganzen Feldzug 1812 nur verstanden hatten, Wehrlose hinzuschlachten, zu durch⸗ brechen. Die Preußen, die am wenigsten unter den Unbilden des Rückzugs gelitten hatten, hätten die Russen von feder Grenzüber⸗ schreitung abhalten können; es wäre Norks militäxische Pflicht ge⸗ wesen, diese Aufgabe zu leisten. Aber er hatte ja nur auf den Augenblick gewartet, wo die französische Armee ohnmächtig wäre, seinen Uebertritt zu den Russen zu hindern und zu ahnden. Der zweite Irrtum der erwähnten Lobrede ist die Ansicht, daß Vork das preußische Corps wieder unter den Oberbefehl Friedrich Wil⸗ helms III. gestellt hätte. Er hat es im Gegenteil, nach den Lehren Arndts, dem eigenen König entfremdet und dem feindlichen Mo⸗ narchen, dem Zaren, unterstellt.
Ist sonach an der rechtlichen Bedeutung der Vorkschen Tat kein Zweisel möglich, so ist sie auch moralisch keineswegs allzu 5 Selbst preußische Offtziere empfanden damals die Handlungsweise als verwerflich, daß Vork seinen Vorgesetzten Macdonald in dem⸗ selben Augenblick verriet, als die Armee nicht durch elgene Schulb, sondern durch die Schrecken der Elemente in die furchtbarste Lage geraten war, in dem jemals ein Heer sich befunden.
Vork hatte Macdonald seinen Entschluß in einem Brief mitge⸗ teilt, in dem es höhnisch heißt:„Die künftigen Begebenheiten, Folge der Verhandlungen, welche zwischen den kriegfithrenden Mächten stattfinden müssen, werden über das Schicksal der Truppen ent⸗ scheiden.“ In seinen Memolren hat später Macdonald die Hand⸗ lung orks mit dem einen vornehmen Satz erledigt:„Der General rüstete einen Verrat, wie er kein Beispiel in der Geschichte hat“.
In der Tat, jeber rechtliche wie leder moralische Rettungs⸗ versuch ist unmöglich. Die einzige Vetrachtungsweise, durch die man dem immerhin energischen Entschluß Norks gerecht werden kann. ist die rein politische Würdigung. Die Kunst der Politik ist, Tatsachen schafsen; und wenn diese Tatsachen die Zwecke erreichen, um deret⸗ willen sie vollzogen waren, so ernten sie gemeinhin den Ruhm der Nachwelt; nur soll man weder von Recht noch Moral reden.
Das erste Schreiben, in dem Vork seinen König seinen ritt mitteilte, schloß:„Ew. Mafestät lege ich willig meinen Kopf zu Füßen, wenn ich gefehlt haben sollte; ich würde mit der freudigen Beruhigung sterben, wenigstens nicht als treuer Untertan und wahrer Preuße gefehlt zu haben“.
„Jetzt oder nie ist der Zeitpunkt, wo Ew. Majestät sich von den übermütigen Forderungen eines Allflerten losreißen können, dessen Pläne mit Preußen in ein mit Recht Besorgnis erregendes Dunkel gehüllt waren, wenn das Glück ihm treu geblieben wäre. Diese Un sicht hat mich geleitet. Gebe der dimmel, daß sie zum Heile des Vaterlandes führt.“
Friedrich Wilhelm III. ließ Vorks Brief zu seiner eigenen Necht⸗ fertigung Napoleon mitteilen; nur änderte er den ersten Absatz. strich den zweiten. Vork war so wenig bereit, dem König seinen Kopf zu opfern, daß er sich nicht einmal er vom beschlossenen Absetzung fügte. Friedrich Wilhelm III. ließ 5 erklären— durch die Spenersche Zeitung vom 19. Jamar
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