Eine Händlervereinigung ist der Feigentrust, der sich dieses Jahr konstitulert und gleich schon diesen Sommer zu Bauern⸗ revolten geführt hat. Er hat nämlich die Ankaufspreise um mehr als 50 Prozent gedrückt, trotzdem die Marktpreise noch stehen. Die Bauern, bie auch sonst bei den Händlern tief verschuldet sind, werden daburch mit einem Schlage zugrunde gerichtet. Außerdem hat der Trust das Verladungsgeschäft in Smyrna konzentriert, wodurch
derte kleiner Verlader brotlos wurden.
Es gibt noch mehrere Händlervereinigungen, die ja nicht einzeln aufgezählt zu werden brauchen, ba es sich nur darum handelt, an typischen Beispielen die Wirkung des modernen Kapitals aufzu⸗ decken.
Zum Schluß eine ganze moderne Gruppierung— so modern, daß man sie wohl als die komplizierteste aller kapitalistischen Kom⸗ binationen, die das alte Europa bis jetzt gekannt hatte, bezeichnen dürfte. Sie trat hier jüngst zum Vorschein als Allgemeine
Elektrizitätsgesellschaft und ist tatsächlich nichts anderes als die Berliner Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft, die es über⸗ nommen hatte, Konstantinopel mit elektrischen Tramways und elek⸗ trischer Beleuchtung zu versehen. Zu diesem Zwecke hat sie die bereits bestehende Trambahn und die Tunnel-Gesellschaft aufgekauft. Dieses Konstantinopel-Geschäft ist aber nur der eine industrielle Zweig eines Konsortiums, das unter der Führung der „Deutschen Bank“ steht. Außer den Tramways und der elek⸗ trischen Beleuchtung von Konstantinopel verfügt dieses Konsortium Über die orientalische Eisenbahn, die anatolische Eisenbahn, die Bagdad⸗Bahn, die Bahn Saloniki⸗Monastir, die Häfen von Haidar⸗ Pascha und Alexandrette; es führt große Bewässerungsarbeiten in Konia aus, errichtet Bamwollplantagen in Adona und besitzt bereits Konzessionen Über weitere Eisenbahnbauten. Es ist das eine Ver— bindung von Eisenbahnen und Industrie, die ja in Deutschland in— folge der Verstaatlichung der Eisenbahnen nicht mehr auf kapi⸗ talistischem Wege durchgesetzt werden kann.
—.
Die Arbeiter und die Musik.
In Lärm und Staub der Fabriken, umtobt vom Brausen der Räder und Transmissionen, von einem unaufhörlichen Gedröhn und Gekreisch, verbringt der Arbeiter seine Tage. Unter außerster Anspannung der Nerven verfolgt er das un— geheure Triebwerk, in das er als nur dienendes Glied ein— gereiht ist; alle Sinne sind starr auf die monotone Teilarbeit gerichtet, die auszuführen sein Los ist für das ganze Leben. Die Sonne ist aus dieser Welt der Arbeit geschieden, ein nebelgraues Einerlei liegt über dem Wirken der Tausende, aus deren Schweiß gleißendes Gold gemünzt wird. Es ist das Lied der Arbeit, das in den Stätten des Lärmens und der Qual ertönt; ein Lied, gewaltiger und grandioser, als es jemals ersonnen wurde; ein Lied, dessen Harmonien schrille, kreischende Dissonanzen sind, und das doch voll Rhytmus und Kraft ist. Die menschliche Stimme ist aus diesem Liede aus geschaltet; denn eine Verständigung mit den Arbeitsgenossen ist nicht mehr nötig. Männer und Frauen, Greise, Jüng— linge und Kinder sind längst so sorgfältig in den Mechanis- mus des Betriebes eingefügt, daß sie alle mit der Selbstver— ständlichkeit von Automaten ihre Handgriffe verrichten. And wenn die Fron der Fabrik beendet ist, dann ist immer noch nicht die Zeit der Erholung gekommen. Aus allen Ecken und Höhlen, genannt Arbeiterwohnungen, grinst das Elend denen entgegen, die durch ihrer Hände Fleiß Reich⸗ tümer über Reichtümer schanzen. Hunger und Krankheit be⸗ gleiten den Proletarier durch sein ganzes, an Sorgen so über⸗ reiches und an Festesfreuden ach! so armes Leben. Ihm ist keine Stätte gegeben, wo er ruhen und rasten kann. Sein Leben ist nichts als Kampf, Kampf gegen die widerwärtigsten Erbärmlichkeiten des alltäglichen Lebens; Kampf gegen die
* Körper und Geist verwüstenden Tendenzen der Ausbeutung: Kampf, heißer, aufreibender und doch so herrlicher Kampf um eine neue Welt voll Glück und Frieden.
sublimste und feinste unter allen Künsten, nicht für jeden, der sich ihr genießend hingeben oder sie betätigend pflegen will, gerade das voraus. woran es den Arbeitern am meisten mangelt? Nämlich Muße, ausreichende Muße, ein stilles, behagliches Heim, eine äußerst feine, ästhetische Kultur? Ist nicht die Kenntnis von tausendfachen Dingen nötig, die dem Arbeiter dank seiner Klassenlage, vor allem auch dank seiner schäbigen Halbbildung, womit ihn die Volksschule segnete, lauter Bücher mit tausend Siegeln sind? Was weiß ein Ar- beiter, der den Konzertsaal betritt, von den Geheimnissen der Musiktheorie, der Musikästhetik, der Instrumente und ihrer Funktionen, die sie in dem komplizierten und doch so wohlge— fügten Organismus eines modernen Orchesters auszuüben haben? Ist es da nicht besser, er spart seine Zeit und ergötzt sich bescheidentlich an den Klängen der Ziehharmonika und des Mundhobels, und überläßt den Genuß eines künstlerischen Konzertes den Auserwählten der Bourgeoisie? An alledem ist gerade nur soviel richtig, daß den Arbeitern die Kenntnis des Musiktechnischen allerdings abgeht. Aber das Technische, Formale, ist ja auch nur die eine Seite der Kunst. Die andere Seite ist ihr Inhalt, das, was sie unter Zuhilfenahme der Formen zum Ausdruck bringt. Und da bringt die Arbeiter— schaft allerdings alle Voraussetzungen mit, die zum Verständ⸗ nis der Musik nötig sind.
Kampf, sagten wir, ist das Los der Arbeiter. Aber eben der Kampf, der der Vater aller Dinge ist, erzeugt in der Brust der Proletarier einen unvergleichlichen Reichtum tiefer Gefühle. Der Klassenkampf des Proletariats ist voll kräf⸗— tigster Impulse für die Entwicklung und Vertiefung des Ge⸗ fühlslebens, er erzeugt Gefühlswerte von unvergänglicher Größe. Er erzeugt und befestigt in der Seele der Arbeiter alle Gefühle in ihren tausendfältigsten Nuancierungen, vom flammendsten Haß gegen die Unterdrücker bis zur liebevoll⸗ sten Hingabe an die Kampfgenossen, vom wühlenden Schmerz bis zur jubelnden Freude, vom tiefsten Mißtrauen gegen den Feind bis zum grenzenlosesten Vertrauen in die eigene Sache. Und dabei wird das ganze Leben des Arbeiters überstrahlt von jenem sieghaften Optimismus, jener unverwüstlichen Siegeszuversicht, die ihre beste Kraft gerade aus dem Elend ziehen, das die Arbeiter zu erwürgen droht.
Angesichts dieser Tatsachen ist es kein Wunder, wenn in den Arbeitern ein feiner Sinn für die Musik lebendig ist;: denn keine andere Kunst wirkt in solchem Maße, wie die
eusik, auf die Gefühlswelt der Menschen. Die Musik wendet sich sogar ausschließlich an die Gefühls- und Stimmungswelt. Was Worte nicht mehr auszudrücken vermögen, die aller— differenziertesten Schwingungen unseres Seelenlebens, das ist die Domäne der Musik, und es ist ein großer Irrtum, wenn man sich bemühen wollte, die Musik zu deuten, ihr Gedanken unterzulegen, sie ins Verständnismäßige zu übersetzen. Schopenhauer, einer der feinsinnigsten Musikästhetiker aller Zeiten, trifft durchaus das Richtige, wenn er über eine Sin⸗ fonie Beethovens schrieb:„Zugleich nun aber sprechen aus dieser Sinfonie alle menschlichen Leidenschaften und Affekte: die Freude, die Trauer, die Liebe, der Haß, der Schrecken, die Hoffnung usw. in zahllosen Nuancen, jedoch alle gleichsam nur in abstracto und ohne alle Besonderung: es ist ihre bloße Form, ohne den Stoff, wie eine bloße Geisterwelt, ohne Materie. Allerdings haben wir den Hang, sie, beim Zuhören, zu realisieren, sie, in der Phantasie, mit Fleisch und Bein zu bekleiden und allerhand Szenen des Lebens und der Natur darin zu sehen. Jedoch befördert dies, im ganzen genommen, nicht ihr Verständnis, noch ihren Genuß, gibt ihr vielmehr einen fremdartigen, willkürlichen Zusatz: daher ist es besser, sie in ihrer Unmittelbarkeit und rein aufzufassen.“
Mit diesen Worten hat Schopenhauer der Musik in der Tat in ihr tiefstes Wesen geschaut. Sie ist die immateriellste aller Künste und hat mit gedanklicher Interpretation nicht das mindeste zu tun. Sie berührt unsere Seele wie mit einem
Ist es angesichts dieser Verhältnisse nicht Hohn, den Ar⸗ n beitern von der Mufik au sprechen? Setzt die Musik, diese
Zauberstab, und wir folgen ihr willenlos. Sie macht in uns
7 5 1
1
13 13 14
7 1 I 5 4 *


