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Wissenistsnacht
Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung
Nummer 30
Dienstag, den 29. Oktober 1912
J. Jahrgang
Glaube und Wissenschaft. Von Julian Borchardt. 8
Als ich vor ein paar Wochen über das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Religion und zum Freidenkertum in der Parteipresse schrieb, habe ich noch nicht gewußt und hätte auch vordem nie geglaubt, daß über einen Gegenstand der doch immerhin ziemlich wichtig für uns ist, eine solche Ver— schwommenheit der Ansichten in unseren Reihen herrschen könne, wie sie im Gefolge des Artikels zutage getreten ist. Mein bescheidener Beitrag zur Diskussion hat in verschiedenen Teilen Deutschlands Erwiderungen hervorgerufen. Aber was für Ansichten sind da geäußert worden! In einer Zu— schrift an das Offenbacher Abendblatt(Nr. 215 vom 14. September) lese ich, daß man„die Schriften eines Darwin, Büchner, Häckel u. a. in die sozialistische Literatur einschließe“. Na ich danke! Vor den Schriften eines Darwin und Häckel wird gewiß jeder die größte Achtung haben. Aber daß sie sozialistisch seien, ist mir wirklich ganz neu. Zumal Häckel, der in politischer Hinsicht vielleicht höchstens als nationalliberal anzusprechen sein dürfte. Und nun gar das seichte Geschwätz eines Büchner als sozialistische Literatur auszugeben! Uebrigens scheint der Einsender nicht zu wissen, daß Darwin an Gott geglaubt hat und daß Häckel erst vor etwa Jahresfrist aus der Kirche aus— getreten ist.
Eine andere Zuschrift an das Offenbacher Abendblatt enthält den Satz:
„Daß eine gehelmnisvolle Kraft existiert, die in Verbindung mit dem Stoff dem ewigen Werden und Vergehen der Welten— körper zugrunde liegt, wird kein Mensch bestreiten wollen.“
Der Genosse, der das geschrieben hat, mag wirs nicht übelnehmen: aber wenn jemand diesen Glauben hat, dann scheint mirs dach viel schöner, jene geheimnisvolle Kraft sich als einen persönlichen Gott vorzustellen, der als liebender Vater über dem All schaltet und waltet. Das ist ja nun Ge— schmacksache. Ich glaube an das eine so wenig wie an das andere; ich bescheide mich damit, daß wir darüber nichts wissen. Aber man soll sich nicht einbilden, irgendwie weiter gekommen zu sein, wenn man an Stelle des Gottes— glaubens die Floskel von der„geheimnisvollen Kraft“ setzt.
In einer Zuschrift an die Bielefelder Volkswacht wiederum tritt der Einsender meinen Ausführungen ent— gegen mit dem Argument:
„Weil Wisfenschaft und Arbeiterbewegung zusammengehören, muß es abgelehnt werden, daß aus einem falschen Verstehen des historischen Materialismus heraus die sozialistische Wissenschaft ein für allemal auf die Wahrheit des Materialismus festgelegt
werden soll... Der historische Materialismus braucht durchaus nicht zugleich reiner Materialismus zu sein.“
Was der Einsender hier als„reinen Materialismus“ bezeichnet, soll offenbar der philosophische Materialismus sein. Er hat also aus meinen Artikeln herausgelesen, daß ich für den philosophischen Materialismus eintrete und ihn dem historischen Materialismus gleichstelle. Da kann einem wirk— lich der Verstand still stehen! Ich habe doch, sollte ich denken, mit aller Deutlichkeit ausgesprochen, daß nach meiner Ueber— zeugung der Gottesglaube nicht widerlegt werden kann. Nun, die Lehre, die den Gottesglauben widerlegen will, ist der philosophische Materialismus. Diesem habe ich also sozu⸗ jagen— wenn auch ohne ihn zu nennen— das Todesurteil
gesprochen. Und da hält mich der Einsender für einen An— hänger des philosophischen Materialismus!
Eine merkwürdige Konfusion schwebt auch über dem Verhältnis zwischen dem Zentralverband der prole— tarischen Freidenker und dem bürgerlichen Freidenker bund. Im Harburger Volksblatt erklärt Genosse Kalnbach
„daß die im Zentralverband der proletarischen Freidenker organisierten Genossen sich nicht zum Handlanger eines von dem bekannten Dr. Kramer in Magdeburg verfaßten Flugblatts her— geben, dessen Inhalt geradezu dem historischen Materialismus ins Gesicht schlägt... Der Zentralverband ist und will weiter nichts sein als ein Glied in der großen Kette der modernen Arbeiterbewegung.“
Aber anderwärts, z. B. in Karlsruhe, gehören unsere Genossen, u. a. Genosse Voigtherr, dem Freidenkerbund an und verbreiten dessen Flugblätter. Und im Dessauer Volksblatt schreibt Genosse Pöi us:
„Wir geben Dr. Kramer Recht: gerade weil in unserem Pro—
gramm steht, Religion sei Privatsache, tut es not, abseits der Partei auch den Problemen und Aufgaben, die die Religion und noch mehr ihre Ausbeutung durch ein politisch organisiertes Pfaffentum uns aufgibt, ebenfalls unsere Aufmerksamkeit zu widmen.“
In einem weiteren Artikel spricht Genosse Päus über den unheilvollen Einfluß des Pfaffentums auf das Denken und Empfinden des Volkes und bemerkt dazu:
„Dagegen muß etwas geschehen. Dagegen kommen wir mlt dem allgemeinen Klassenkampf nicht aus. Da hilft allerdings nur eine energische Erneuerung des Geisteslebens im Sinne rein wissenschaftlicher Denkweise... Das muß eine Organisation leisten,... die die Verirrungen des menschlichen Denkens be— sonders auch auf dem religiösen Gebiet nachweist... Mit solchem Freidenkertum zusammenzugehen... haben wir allen Anlaß.“
Endlich Herr Bruno Wille, der zwar für seine Person längst aus der Partei ausgetreten ist, aber doch im Namen des Freidenkerbundes spricht, dem viele Parteigenossen angehören, und der auch den mir mündlich bekundeten Bei— fall von Parteigenossen gefunden hat— Herr Bruno Wille behandelt den Zentralverband geringschätzig als etwas Un⸗ reifes und legt Gewicht darauf, festzustellen, daß der deutsche Freidenkerbund„nicht das mindeste getan hat, um den sozial— demokratischen Parteitag zu irgend einem neuen Spruch zu veranlassen.“
Da haben wir also glücklich drei verschiedene Meinungen. Die einen wollen das Freidenkertum gewissermaßen als Teil der Partei: die anderen wollen, daß die Partei mit dem Freidenkertum zusammengeht; die dritten wollen das Frei— denkertum ohne die Partei. Welch eine Konfusion!
Aber das alles wäre nicht so schlimm. Der Mangel an Klarheit über diese verschiedenen Fragen zeigt wohl an, daß die Genossen, die darüber nachdenken, noch zu keinem sie be— friedigenden Abschluß gekommen sind; aber sie denken doch nach, und das ist schließlich die Hauptsache. Dagegen hat die Debatte noch eine andere Tatsache zu Tage gefördert, die mich geradezu schmerzlich berührt hat, weil sie uns sehr viel näher angeht als das ganze Freidenkertum. Das ist ein allgemeines Mißverständnis, eine allgemeine Unkenntnis des historischen Materialismus. Nur ein Beispiel für viele. Bei meinen Ausführungen habe ich unter anderm das Beispiel ange⸗ wendet: wissenschaftlich wissen wir nicht, warum die Deutschen den Krieg von 1870 gewonnen haben, und könnten deshalb die etwaige Behauptung der Frommen, die es auf Gottes Hilfe zurückführen, auch nicht wissenschaftlich widerlegen. Dazu schreibt nun in der Rheinischen Zeitung(Nr. 208
vom 7. September) Genosse Erdmann(in einem sonst sehr


