Ausgabe 
29.5.1912
 
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Mittelengland und in Nordfrankreich abgebaut. Die voraussicht⸗ liche Förderungsdauer im Aachener, im niederrheinisch-westfälischen Kohlenbecken, in Belgien und im österreichischen Schlesien⸗-Mähren schätzt Frech auf 8001000 Jahre. Die größten europäischen Kohlenablagerungen sind die im preußischen Oberschlesien; hier werden die Flöze für eine mehr als tausendjährige Abbauzeit aus⸗ reichen. Deutschland ist das weitaus kohlenreichste Land Europas. Es wird in dieser Beziehung nur von Nordchina und Nordamerika

Übertroffen. Die gesamten Kohlenvorräte(nur Steinkohlen sind gemeint) Deutschlands berechnet Frech mit 162,22 Milliarden

Tonnen! zu 1500 Meter in Betracht gezogen, deren Abbau bei dem heutigen

Stande der Technik unterbleiben muß.

b. Andere Kraftquellen. Mit der in immerhin absehbarer Zeit zu erwartenden Er⸗ schöpfung der Kohlenvorräte der Erde drängt sich der Menschheit die Frage auf, aus welchen Quellen sie dann die mechanischen

technischen Kultur braucht. Professor Dr. Georg von dem Born untersucht diese hochwichtige Frage in derWelt der Technik nach allen Seiten hin. Am nächsten liegt ja der Gedanke, die schwarze Kohle einmal durch dieweiße Kohle, durch die Wasserkräfte der Erde zu ersetzen. Eine genaue Fest⸗ stellung der auf der ganzen Erde zur Verfügung stehenden aus⸗ nützbaren Wasserkräfte ist natürlich unmöglich. Doch liegen für eine Anzahl von Ländern hierüber eingehendere Angaben vor, am genauesten für die Schweiz. Die hier gebieten zu gewinnenden Wasserkräfte sind auf 1,25 Millionen Pferbekräfte pro Jahr geschätzt worden. Die tatsächliche mechanische enerdle, die diese Flüsse repräsentieren, beträgt aber 22 Millionen Pferdekräfte; es sich also nur 5,5 Prozent technisch ausnützbar. In anderen Ländern liegt das Verhältnis bald besser, bald schlech⸗ ter: die Schweiz dürfte etwa den Durchschnitt repräsentieren. Nun strömt alljährlich durch sämtliche Flüsse der Erde eine Wassermenge von 31000 Kubikkilometer aus einer durchschnittlichen Höhe von 700 Meter ins Meer, was einem mechanischen Effekt von 9000 Millionen Pferdekräfte entspricht. Diese zu 5,5 Prozent ausgenützt, ergibt eine mechanische Energie von zirka 500 Millionen Pferde kräften pro Jahr. Die im Jahre 1909 verbrauchten Brennstoff produkte entsprechen einer mechanischen Energie von 270 Millionen Pferdekräften. Diese würde also durch die verfügbaren Wasser⸗ kräfte reichlich zu decken sein. Nun wird aber die Kohle nicht nur zur Erzeugung mechanischer Energie, sondern auch zu der von Wärme gebraucht. Bei der Verwandlung der Wasserkraft in Wärme wird aber das Verhältnis ein viel ungünstigeres: sämtliche verfüg⸗ baren Wasserkräfte würden dann nur 40 Prozent des von der Kohle erzielten thermischen Effektes erzeugen. Dabei ist zu bedenken, baß unser mechanischer Energieverbauch mit der Entwicklung der Technik immer größer wird. Andererseits ist freilich auch anzu⸗ nehmen, daß das Ausnützungsverhältnis ein günstigeres wird.

Immerhin müssen wir uns auch noch nach andexen Energie quellen umsehen. Der Wind und die Gezeiten(Ebbe und Flut) haben nach Born nur den Wert von gelegentlichen Aushilfs⸗ kräften. In bezug auf letztere möchten wir dahinter allerdings ein Fragezeichen setzen. Es handelt sich doch hier um eine mit abso luter Regelmäßigkeit zur Verfügung stehende Energiequelle, und tvenn es bis jetzt noch nicht gelungen ist, technische Anlagen zu schaffen, die diese Energie vorteilhaft ausnützen, so ist doch kein Grund vorhanden, der uns zu der Annahme zwänge, daß dies auch in Zukunft nicht möglich sein wird.

Die Energiegewinnung, die die meisten Erfolge für die Zu kunft verspricht, ist die direkte Ausnützung der Sonnenwärme, don ber ja alle anderen Kraftquellen, mit Ausnahme der Gezeiten, nur Ableitungen sind. Ein ideales Landgebiet hierfür ä wäre die Wüste Sahara. Unter dem 20. Grade nördlicher Breite erhält jeder Quadratmeter jährlich 1,4 Millionen Kalorien, also 9 1 Quadratmeter soviel, wie einer Pserdekraft entsprechen würde. 13 100 Prozent Nutzeffekt wären also 2000 Quadratkilometer 1

nötig, um der Menschheit das jetzt benötigte Quantum Wärme

und Energie zu liefern. Die Sahara allein hat aber 9 Millionen Quadratkilometer. Nun kann freilich von einer 100prozentigen Ausnftzung der Sonnenwärme keine Rede sein. Man hat versucht, Famit Dampfkessel zu heizen. Dabei geht schon ein großer Prozent⸗ fbatz verloren. Bei einer Aufstapelung der Energie etwa in Form Lon Elektrizität geht wieder durch diese Umwandlung Kraft ver

Allerdings sind hierin auch Vorräte in einer Tiefe bis

Energiemengen schöpfen will, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer

aus den Hauptstrom⸗

loren. Der Verfasser hält es daher für praktischer, durch die Sonnenwärme energiereiche chemische Verbindungen aufbauen zu lassen und diese in energiearme Formen zur Wärme- und Elektrizi⸗ tätslieferung zurückzuführen. Laboratoriumsexperimente haben die Möglichkeit eines solchen Prozesses erwiesen. Die einfachste Form, Sonnenwärme zu binden, ist freilich die, die die Natur selbst schon seit langem gewählt hat: durch Vegetation. Um auf diese Weise den heutigen Bedarf an mechanischer Kraft zu gewinnen, wäre die Bebauung eines Landes mit Wald in der Größe von Millionen Quadratkilometer nötig, das ist ein Gebiet im Um⸗ fange von zwei Dritteln des europäischen Rußlands.

Ni Achte d N e,

Die Rechte des Meuschen in einer zivilisierten und 1 84: 4.. christlichen Gesellschast.

Von August Strindberg.

Strindberg erhebt sich in unserer Zeit als ein Kämpfer um freiheitliche Menschenrechte. Sein Kampf richtete sich jahrzehnte⸗ lang gegen die Vorurteile der bürgerlichen Gesellschaft, die das Individuum vergewaltigen, und gerade in den letzten Lebens monden nahm er noch einmal an Entschiedenheit zu: der Dichter näherte sich der politisch ringenden arbeitenden Klasse seines Heimatlandes. Mit seiner alten Energie, dem, was er meinte, irgendwie alsbald durch die Tat Ausdruck zu geben, überwies er von der Volksspende von 50 000 Kronen, die man im Januar zum guten Teil als Protest gegen seine abermalige Uebergehung bei der Verteilung des Nobelpreises für ihn sammelte, sogleich 5000 Kronen an die organisierten Arbeitslosen und kürzlich gab er wieder eine größere Summe an den sozialdemokratischen Jugendverband. Der chauvinistische Wahnsinn, der in Schweden anläßlich einer im konservativ parteipolitischen Interesse in Szene gesetzten Panzerschiffsspende grassierte, brachte Strind bergs Kraft in Bewegung. Das haben die Arbeiter dankbar empfunden. Und seinen letzten Geburtstag am 22. Januar, den die sozialdemokratischen Arbeiter Stockholms durch einen Fackel⸗ zug festlich begingen, feierte Strindberg selber, indem er einen längeren Artikel im Stockholmer Sozial-Demokraten publizierte, dem später noch eine ganze Reihe von Beiträgen in derselben Zeitung gefolgt ist. Jener Artikel Strindbergs- wird auch für deutsche Sozialdemokraten von Interesse sein. Wir geben ihn in deutscher Uebersetzung hier wieder. D. Red.

Wenn ein Menschenkind in einer zivilisierten Gesellschaft ge⸗ boxen wird, wird es mit Rechten geboren, denn die Gesellschaft wartet darauf, dem Neugeborenen, sobald die Zeit da ist, Pflichten abzufordern. Das Kind hat Rechte auf Unterhalt und Erziehung, und die Gesellschaft soll allen Kindern Unterhalt und Erziehung gewähren, deren Eltern durch Not oder Unordentlichkeit daran verhindert sind, es selber zu besorgen, denn selbst wenn die Eltern schlechte Haushalter sind, darf das Kind nicht dafür bestraft werden.

Aber da das Leben ein Stadion ist, auf dem ein Wettkampf stattfindet, ist es billig, daß alle gleichmäßig für den Start aus⸗ gerüstet werden. Das geschieht am besten in der gemeinsamen Grundschule, obligatorisch und gleich für alle in der die Elemente mitgeteilt werden. Lesen, Schreiben und Rechnen heißen die Schlüssel zu allem Wissen, denn mit ihnen kann man sich späterhin selber alles übrige, was in den Buchläden zu kaufen ist, beibrintzen.

Wer Anlage oder Lust hat, mehr zu lernen, mag es tun, aber damit sollen kein Rang oder andere Privilegien folgen als die, daß ein jeder auf seinen Platz kommt.

Aber einer, der stud dieren will, soll nicht die Forderung haben, daß ihm der Staat Platz schafft, wo kein Platz ist, sondern soll es als einen günstigen Umstand betrachten, daß er auf diesem oder jenem Gebiet mehr weiß als andere weniger Begünstigte. Wenn jedermann, seiner natürlichen Begabung, Veranlagung und Lust folgend, seinen Bruf gewählt hat, soll es ihm freistehen, ohne alle Einschränkung so weit nach Verdienst befördert zu werden, wie seine Geschicklichkeit im Berufe reicht.

Die Einschränkungen in unserem heutigen veralteten Kasten⸗ staat sind: 1. Das Abiturium, das in sich selbst ein Unding ist, denn niemand kann im Laufe eines halben Jahres zeigen, was er wirk⸗ lich kann, aber er kann sehr leicht zu Fall kommen über einige Details, die er vergessen in diesem Sammelsurium von Wissen, das ins Konversationslexikon gehört. Das Abiturium, das die ganze Jugend gekostet hat, gibt dennoch kein Brot, sondern tst nur die Einleitung zur Fachausbildung. Das Abiturium ist indessen ein Schlagbaum auf dem Weg, und scheint etwas zu sein, das einen privilegierten Stand mit Rang bildet, und deswegen fort muß. Die Erfahrung hat ja gezeigt, daß ein Mann ohne jegliches Examen einen Staat regieren kann(Amerikas Präsident), und daß die Rat⸗ geber des Königs in einer Monarchie den verschiedenen Regierungs⸗ departements ohne Examen und Detailkenntnisse vorstehen können. Dies ist ja ein glänzender Beweis für die Entbehrlichkeit des Examens.

In einem volklichen Staat(die Schweiz) ist die Regierungsart sehr einfach, und das Staatsamt ist oft unabgelohnt, wird als ein Ehrenposten betrachtet: eine Vertrauensstelle, die auch nicht indirekt mit einem bunten Rock oder Orden belehnt wird.

In unseren zivilen Aemtern, wie Post, Telegraph, Eisenbahn, sollte die Beförderung uneingeschränkt sein. Mithin könnte der Briefträger, der ja schreiben und rechnen kann, und dem große