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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung
Nummer 34 Dienstag, den 26.
November 1912 1. Jahrgang
Individualismus sei das Streben des Menschen, einerseits
Individualismus— Sozialismus.
Unsere bürgerlichen Gegner behaupten, der Sozialismus sei Fer Zwang, sei Terrorismus, das Gegenteil von Freiheit, und darum mit allen Mitteln zu bekämpfen. Man muß staunen über die Keckheit dieser Behauptung. Denn sie setzt voraus, daß die Menschen, die man vor dem Sozialismus graulich macht, so frei sind in der Betätigung ihrer Persön⸗ lichkeit, daß sie fürchten müssen, an Freiheit zu verlieren. In Wahrheit bringt ihnen erst der Sozialismus die Möglichkeit individueller Freiheit. In der Welt der Menschen ist schranken⸗ lose Freiheit immer nur als solche Freiheit einzelner möglich, die aber die Sklaverei der übrigen erzeugt. Alle können nur dann möglichst frei sein, wenn alle sich im Interesse des Ganzen Beschränkungen auferlegen lassen. Nur vernünftige, vom Interesse des Ganzen diktierte Unfreiheit ist das Funda⸗ ment der Freiheit aller. Nur dadurch, daß man die Unfreiheit des Abend⸗Ladenschlusses oder der Sonntagsruhe schuf, gab man den Ladenbesitzern und kaufmännischen Angestellten die Freiheit, ihren Abend, wie ihren Sonntag als freie Menschen zu verleben. Sie verloren nur die Freiheit, sich geschäftlich bis zur Erschöpfung abrackern zu dürfen. Die Käufer aber verloren nur die Freiheit, nach 8 Uhr oder am Sonntag kaufen zu können, was sie ebensogut vor 8 Uhr und am Werk— tage zu kaufen in der Lage sind.
Kürzlich sprach Pastor Velden von St. Martini in Bremen in demselben Sinne über Individualismus und Sozialismus. Dem Menschen unserer Zeit erscheint es als das höchste Ziel: Persönlichkeit zu sein und zu werden.
sich gegen alles zu behaupten, was ihn unterdrücken kann, andererseits seine Kräfte und Gaben zu höchster Vollkommen⸗ heit auszubilden. Läßt sich dies Streben mit dem sozialen unserer Tage in Einklang bringen? Viele, und gerade die Vertreter des Individualismus, verneinen diese Frage. Tat⸗ sächlich sind die beiden Begriffe„Individualismus“ und„So⸗ zialismus“, ethymologisch betrachtet, einander entgegengesetzt. Allein, eine richtige Definition dessen, was unter„Sozialis⸗ mus“ verstanden werden muß, zeigt, daß sie im letzten Grunde doch keine Gegensätze darstellen. Ausgehend von der Definition, die Tugan⸗Baranowsky vom Sozialismus als Wirtschaftsordnung gibt, bezeichnet der Vortragende ihn, ethisch betrachtet, als das Streben, die Unterdrückung der Persönlichkeit der einzelnen Menschen unmöglich zu machen, sie vielmehr zu schützen und zu fördern. Zweifellos ist dem⸗ nach der Sozialismus keineswegs der Feind des Persönlich⸗ keitsstrebens. Freilich tritt er einer ganz bestimmten Art von Individualismus entgegen. Jenem falschen nämlich, der unter der Maske von Freiheit und Gleichheit nichts ist als ein schrankenloser Egoismus, der die Freiheit will, nicht unterdrückt zu werden, aber andere zu unterdrücken, der Gleichheit nach oben verlangt, während die nach unten als„Gleichmacherei“ gewertet wird, der sein eigenes„Glück“ will, unbekümmert darum, ob die Gesamtheit leidet. Allein
dieser Individualismus ist nichts als ein Zerrbild des echten. Er vergißt vor allem, daß der Mensch, obwohl Einzelpersön⸗ lichkeit, doch zugleich ein eminent soziales Wesen ist! Dieses Individualis⸗ ist der größte Feind des wahren Persönlichkeitsstrebens, muß mit
einseitige Persönlichkeitsstreben, der
mus ohne Sozialismus
zeugen und so eine den Fortschritt hemmende Nivellierung hervorrufen.
Aber während diese Idee des Rechts der Individualität auf allen Gebieten eingeschränkt wird, wird sie auf wirtschaftlichem Gebiete streng durchgeführt. Der Kapitalis- mus wird groß! Der einzelne steht auf sich selbst allein. Keiner hat in die„Freiheit“ des einzelnen hineinzureden. Auch sittliche Hindernisse gibt es nicht. Es gibt nur eine Sittlichkeit: setze dich durch, sei egoistisch!— Wirt— schaftlich ausgedrückt: freie Konkurrenz! Profit und Rente— das ist das Gewissen dieses Individualismus. Die Folgen kennen wir. Auf der einen Seite vermehrte Güterproduktion, Blüte von Technik, Industrie, Handel und steigender Reichtum einzelner. Auf der anderen Seite: Massenarmut, Ausbeutung des Schwächeren, totale Abhängig⸗ keit von den Kapitalbesitzern und Arbeitgebern! Die Persön— lichkeiten werden zu„Händen“,„Arbeitsnummern“,„Dienst⸗ boten“, die in der gleichen, großen Masse ein unpersönliches Dasein führen und denen die volle Teilnahme am Genuß der Kulturgüter entzogen ist. So sehen wir, daß dieser Inividua— lismus das Gegenteil von dem erzielt hat, was er erreichen mußte. Er hat nicht individualisiert, sondern die Menschen zu Massen zusammengeballt. Und bald sehen diese Menschen, daß sie als einzelne nichts sind und nichts werden können, daß sie nur etwas sind als Glieder des Ganzen. Als Masse haben sie Wucht und Kraft, können sie etwas Bestimmtes durchsetzen. So entsteht die Liebe zur Masse und der Respekt vor der Masse. Da setzt der Sozialismus ein und macht die Masse darauf aufmerksam, daß sie als Masse das vermag, was dem einzelnen nicht möglich ist. Allein, um etwas zu erreichen, muß der einzelne sich in die Abhängigkeit seiner Genossen be— geben; er will die Freiheit haben— zunächst um auf seine Freiheit verzichten, um sich mit seinen Genossen zusammen⸗ schließen zu können. Man verlangt Gleichheit auf allen Ge⸗ bieten.
So erscheint es dem oberflächlich beobachtenden Indivi⸗ dualisten, als sei der Sozialismus der große„Gleichmacher“, der dem einzelnen die persönliche Freiheit raubt und alles nivelliert! Und nun entsteht wieder als Gegenstück jener übertriebene Individualismus, der im Uebermenschen Nietzsche— des Hassers des Sozialismus— seinen klassischen Aus druck gefunden hat, in seiner Auffassung des Uebermen⸗ schen, der keinen Gattungsbegriff vorstellt, sondern eine Einzelpersönlichkeit. Diese soll herrschen über die große Masse, die nur dazu da ist, den Großen, den Herrenmenschen als Mittel zum Zweck zu dienen. Deshalb soll die Masse nicht geb oben werden, im Gegenteil, man hätte eine Art chinesischer Arbeitssklaven züchten sollen! Und so sehen wir auch hier, daß dieser schrankenlose Individualismus bei seinem Gegen— stück endet: bei der großen Gleichmacherei, bei der persönlich— keitslosen Masse, die er mit Naturnotwendigkeit erzeugen
muß. Wir wollen allerdings„Uebermenschen“ schaffen; wir wollen Genies, Philosophen, Künstler hervorbri
wellen es womöglich selber werden. Aber zu diesem Zweck miissen wir vorerst Gleichheit schaffen: Gleichheit in den Schulen, vor dem Gesetz, in der Verfassung, im Genuß der produzierten Güter usw. Wir wollen ⸗zunächst die Möglichkeit
schaffen, daß der einzelne seine Fähigkeiten voll und ganz ent⸗ falten kann, damit die Ungleichheit der Gerechtigkeit an Stelle
Naturnotwendigkeit persönlichkeitslose Masse er⸗
der Ungerechtigkeit trete.— Und.
der heutigen Gleichheit,


