gangener Pracht, und aus der Rede Wagners, die kaum noch etwas von der alten Rampffreudigkeit hatte, sondern matt und resigniert
Zeit mit neuen Anschauungen heraufgekommen ist.
und mit gutem Recht scharf angegriffen worden. Die bewußte oder
wider den heiligen Geist erblickte. Daß er auf halbem Wege stehen
scher Maßregeln den Staat, wie er heute ist, mit seinen Herr⸗ schafts⸗ und Untertänigkeitsverhältnissen zu erhalten. Der Katheder⸗ sogzialismus verfolgte politisch konservative Tendenzen, und Adolf
schen Richtung trennt, Reformer war der Mensch nicht Ziel und Zweck ihrer Politik, das
vielmehr zu einer Stütze der in ihrer Struktur unveränderten staatlichen Gemeinschaft gemacht werben. Der Kathedersozialismus
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klang, ließ sich erkennen, daß der Führer im Streit selbst nicht mehr an die Werbekraft seiner Ideen glaubt. Er hält es nur noch für seine Pflicht, sich und die, die auf seinem Standpunkt stehen und gestanden haben, zu rechtfertigen. Er weiß, daß eine neue
Von sozialdemokratischer Seite ist der Kathedersozialismus oft
unbewußte Halbheit und Inkonsequenz seiner Gedanken, seine An⸗ passungsfähigkeit an die in den Kreisen der Regierung auf sozial⸗ politischem Gebiet jeweils herrschenden Strömungen mußten bei den durch keine professorale ober sonstige außerhalb ber Sache liegenden Erwägungen und Nücksichten behinderten Vertretern des Sozialis⸗ mus lebhafte Abneigung und heftigen Wiberspruch hervorrufen.
Nicht in der wissenschaftlichen Tritik, wohl aber in der Be⸗ urteilung der praktischen Wirksamkeit ift man dabei oft zu weit gegangen. Der Kathedersoziallsmus hat nicht, wie vielfach be⸗ fürchtet wurde, dem Sozialismus die Straße verbaut, er hat ihn, wenn auch widerwillig, fördern helfen. Er löste die Lehre des Mancheftertums ab unb erzog ein Geschlecht, bas zum mindesten in einer Cinschränkung des wirtschaftlichen Individualismus und in der Verstaatlichung gewisser Monopolbetriebe keine Sünde
blieb und einen künstlichen Unterschied machte zwischen Fällen, in denen der Staat eingreifen müsse und denen, wo ein Eingreifen schädlich sei, ift nicht feine schlimmste Verfehlung gewesen. Die lag in seinem Bestrehen, mit Hilfe sozialistischer und halbsozialisti⸗
Wagner zählt sich ja auch trotz allem, was ihn von der Heydebrand⸗ zur konservativen Partei. Für diese
durch gewisse Konzessionen zufrieden gemachte Individuum sollte
war nicht demokratis, sondern bureaukratisch.
Die deutsche Arbeiterschutz⸗ und Arbelterfürsorgegesetzgebung, wie sie von dem Fürsten Bismarck begonnen und von seinen Nach⸗ folgern sortgesetzt wurde, atmet denselben Geist. Warum das Deutsche Reich die Bahn der sozialen Reform beschritt, das wurde in den Motiven zum Unfallversicherungsgesetz gesagt:
„Daß der Staat sich in höherem Maße als bisber seiner hilfsbedürftigen Mitgliedschaft aunehme, ist nicht bloß eine Pflicht der Humanität und des Christentums, sondern auch eine Aufgabe staatserhaltender Volitik, welche das Ziel zu verfolgen hat, auch in den besitzenden Klassen der Bevölkerung die Auschau⸗ ung zu pflegen, daß der Staat auch eine wohltätige Einrichtung sei. In Wahrheft handelt es sich nur um eine Weiterentwicklung der Idee, welche der staatlichen Armenpflege zugrunde liegt.“
Die Aufstellung dieses Grundsatzes hatte zur Folge, daß die staatliche Sozialpolitik zunächst von den konservativen Elementen als ein Mittel zur Befestigung ihrer Herrschaft begrüßt wurde, während die ste ablehnten, die diesen Staat nicht als eine„wohl⸗ tätige Einrichtung“ ansahen oder die Verstärkung des bureau⸗ kratischen Eiuflusses fürchteten. Das Bild änderte sich, als die Herrschenden erkannten, aß die Schutz⸗ und Fürsorgepolitik den Widerstand der arbeitenden Klasse gegen den Klassenstaat nicht lähmte, sondern sortgesetzt steigerte, und daß sie zum Teil sogar im Interesse der Arbeiterbewegung nutzbar gemacht wurde. Jetzt verwandelten sich die„Staatserhaltenden“ in Gegner der sozialen Reform, und da es nicht möglich war, das aufgerichtete Gebäude wieder zu zerstören, verhinderten ste wenigstens seinen weiteren Ausbau und ließen es sich angelegen sein, die Garantien für die Herrschaft der Bureaukratie zu verstärken und mit Hilfe der Sozial⸗ politik die Bewegungsfreiheit der Lohnempfänger einzuschränken.
Da stehen wir heute. Der Kathedersozialismus hat den Boden unter den Füßen verloren. Zu den Gegnern von links find die Gegner von rechts gestoßen. Der Nachwuchs auf den Lehrstühlen wendet sich von den Zieken der alten Herren ab. Zum Teil, weil unsere Univerfitätswissenschaft nicht die herrschende Richtung macht, sondern von ihr gemacht wird. Es ist in mehr als einer Beziehung vorteilhafter, es mit den Feinden des Sozialismus zu halten als
zu vergeben, noch können sie hohe Honorare zahlen oder zu fetten Pfründen verhelfen. Die neue Erkenntnis ist dem einen langsamer und dem andern schneller gekommen; dieser und jener begann die akademische Laufbahn als ein Saulus und ist jetzt ein 95 55 der gegen die Sozialdemokratie eifernd zu Hause und auf Missions⸗ reisen die neue Heilswahrheit verkündet, deren Inhalt die Rück⸗ kehr zum Individualismus ist. Sozialismus und Sozialpolitik schwächen und lähmen den Tatwillen des Einzel; menschen, schlagen die Persönlichkeit in unerträgliche Fesseln. Nur wer frei von diesen Banden ist, kann sich ausleben und alle in ihm wohnenden Kräfte zu freier Entfaltung bringen.
Es ist bezeichnend, daß diese Propheten des neuen Indivi- dualismus sich vor allem zu Verteidigern der Persönlichkeitsrechte des Unternehmers aufwerfen. Des Unternehmertums Be⸗ deutung für das moderne Wirtschaftsleben ist ihrer Meinung nach
allzulange verkannt worden. Dem starken Geist, dem Orgafisator,
dem Industriekapitän, soll die Bahn frei gemacht werden.
Von dem Arbeiter und Angestellten ift, wenn überhaupt, erst
in zweiter Linie die Rede, und darin zeigt sich die ganze innere
Unhaltbarkeit und Unwahrheit dieser Argumentation. Wem es
wirklich um Persönlichkeitsrechte zu tun ist, der prüft, wie ste den
Millionen der vom Kapital gelrennten Produzenten am besten zu
sichern sind. Daß die Thyssen, Stinnes, Kirdorf usw. in der Nutz⸗
barmachung ihrer Fähigkeiten durch die staatliche Sozialpolitik
irgendwo behindert wären, wird im Ernst niemand behaupten
wollen, und wer den Sozialismus nicht nur aus den Schriften
Eugen Richters und den Leitartikeln der Scharfmacherpresse kennt,
wird ihm nicht nachsagen, daß er die Talente der Leute von diesem
Schlage brachlegen werde. Aber wie steht es mit den wirtschaft⸗
lich abhängigen Existenzen? Alle Kräfte des Willens und des Ver⸗
standes bedeuten wenig oder gar nichts, wenn kein Kapital vor⸗
handen ist, das sie beflügelt. Der Proletarier bleibt Objekt der
Ausbeutung, auch wenn ihn seine Geistes⸗ und Charaktereigen⸗
schaften für eine leitende Stellung im Wirtschaftsbetriebe befähigen.
Seine Persönlichkeitsrechte werden mißachtet, er ist in jeder Be⸗
ziehung Helot. Staatliche Unterstützung und der Zusammenschluß
der Gleichgestellten können diese Abhängigkeitsverhältnisse ein
wenig lindern, sie aufzuheben, find sie nicht imstande.
Und nun kommt hinzu, daß der Staat die Selbsthilfe erschwert und seine Sozialpolitik, die ein Mittel zur Hebung und Förderung der Persönlichkeitsrechte sein sollte, in ein Wittel verwandelt, sie zu strangulieren. Die Wirkung ist, daß nun nicht nur jene anders als wissenschaftlich interessierten Freunde des Unternehmertums eine mehr oder weniger grundsätzliche Umkehr zum Individualis⸗ mus predigen, sondern, baß auch ehrliche Leute zu einem skep⸗ tischen Urteil über die ganze soziale Neform gelangen und so, ohne es zu beabsichtigen, den Scharfmachern Waffen in die Hand brücken.
Ein Typus dieser Ehrlichen ist zweifellos der Professor von Wiese, der sich in einem langen Vortrag auf dem evangelisch⸗ sozlalen Kongreß im Schweiße seines Angesichts abgequält hat, Individualismus und Staatssozialismus gegeneinander abguwägen und zu dem Resultat gelangte, daß der schon allzuweit getriebene Sozialismus die Persönlichkeitswerte bei uns gefährde. Er wie sein Korreferent, Professor Rade, haben die Schäden der deutschen vom Kathedersozialismus beeinflußten Sozialpolitik durchaus rich⸗ tig erkannt. Die Bureaukratie schlägt die Menschenrechte tot. Aber ihr Fehler ist, daß sie an den Symptomen kurieren und daß sie entweder nicht vorurteilslos oder nicht mutig genug find, die Wurzel des Uebels zu suchen. Sie prägen ein neues Schlagwort, das vom„ethischen Individualismus“, der die vom Sozialismus geschlagenen Wunden heilen soll, und erkennen nicht ober wollen nicht erkennen, daß das, was sie beklagen, nur die Folge einer Berfälschung des sozialistischen Prinzips ist. Nicht die Abkehr von Sozialismus ist im Znteresse der Persönlichkeit geboten, sondern seine Reinigung von den Schlacken der Bureaukratie und jener Kathederweisheit, die ihn zu einem willfährigen Diener des auf Gewalt aufgebauten Klassenstaates zu machen gedachten.
Die den einzelnen innewohnenden Kräfte können nur dort zur Entwicklung gelangen und dem höchsten Zweck, dem Nutzen für die Gesamtheit, dienen, wo es keine aus dem Privatbesitz an den Pro⸗ duktionsmitteln herrührende Abhängigkeit mehr gibt, und wo der Staat die organisterte Gemeinschaft Gleichberechtigter ist. Nicht der ethische Individualismus befreit die Persönlichkeit, sondern der demokratische Sozialismus“.
mit feinen Anhängern, denn diele haben weder Orden noch Titel
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