Ausgabe 
10.4.1912
 
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wöchenniche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung

fmummer

Mittwoch, den 10. April 1912

I. Jahrgang

Unser Weg und unser Ziel.

Wissen ist Macht mit dröhnendem Hammer hatte vor rund 300 Jahren Baco von Verulam das Wort ans offene Tor geschrieben, das von der mittelalterlich muffigen Wissenschaftlichkeit der Scholastiker und der Metaphysik hinaus in die neue Zeit der wissenschaftlichen Erkenntnis, ins Land der auf natürlicher Erfahrung aufbauenden empirischen Forschung und Wissenschaft führte.

Wissen ist Macht so hatte fast noch an der Wiege der deutschen Sozialdemokratie deren Altmeister Wilhelm Liebknecht mahnend der deutschen Arbeiter schaft zugerufen.

Wissenist Macht die Hüter der kapitalistischen Wirtschafts⸗ und Gesellschaftsordnung hatten sehr bald die unumstößliche Wahrheit des Wortes erkannt und verstanden, und darum haben sie und setzen sie heute noch all ihre Kräfte daran, die aufwärtsstrebende Arbeiterschaft von den Quellen des Wissens und der Wissenschaft und damit von den Quellen der Macht fernzuhalten, die bishor ihre Macht geblieben ist.

Wissen ist Macht von keiner Erkenntnis ist heute die nach dem Lichte der Freiheit sich durchringende Arbeiterschaft mehr durchdrungen als von dieser. Und Wissen ist Macht so haben wir unsere neue, der wissen⸗ schaftlichen Fortentwicklung unserer Gesinnungsgenossen dienende Beilage genannt, die wir heute am Ostertage zum ersten Male ins frühlingsjunge Land hinausschicken.

Mit dem Motto:Wissen ist Macht ist auch das Ziel gegeben, das wir dem jüngsten Sproß unseres Abend blattes gestellt haben. Und der Weg zu diesem Ziele? Er ist einfach und übersichtlich. Naturforschung und Grund erkenntnis im weitesten Sinne des Wortes müssen die Grund lage aller Wissenschaft bilden, so wie es Baco von Verulam einstens verkündet hat. Darum wird unsere Beilage bemüht sein, ihren Lesern naturwissenschaftliche Bildung zu ver mitteln und ihnen zugleich zu zeigen, wie der Mensch es mit Hilfe seiner Naturerkenntnis versteht, die Naturkräfte mit Hilfe der Technik in immer erstaunlicherem Umfange sich und seinen Menschheitszwecken untertänig zu machen. Weil aber für den Menschen der Mensch Mittelpunkt der Gesamtnatur ist und sein muß, soll unsere Beilage insbesondere auch die Kenntnis von der Geschichte der Menschen, ihrer Gesellschafts ind Stgatsordnungen und ihrer Kultur vermitteln, und das um so mehr, als die Schule des Klassenstaates gerade die Geschichtswissenschaft nur dazu benutzen darf, die breiten Schichten der Unterdrückten möglichst mit ihrer gottgewollten Abhängigkeit zu versöhnen.

Naturerkenntnis und Geschichtserkenntnis sollen zur Erkenntnis der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zu sammenhänge führen helfen, und darin wird unsere Beilage vor allem versuchen, der hoffentlich bald recht groß werdenden Gemeinde ihrer Freunde ein treuer Führer und Weggefährte zu sein. Nicht proletarische oder sozialdemo⸗ kratische Wissenschaft wollen wir bieten, denn eine solche gibt es nicht, sondern nur eine Wissenschaft ist: die Wissenschaft der Wahrheit.

Diese eine Wissenschaft aber, diese Erkenntnis der Wahr heit aber muß und wird das ist unsere tiefste Ueberzeugung die nach ihr strebende Arbeiterschaft zu dem Ziele führen, das Wissen vom Sozialismus heißt und der Urquell unserer kommenden Macht ist. Und so wird letzten Endes unsere

Beilage nichts anderes sein als eine Rüstkammer im großen Kampfe für die Verwirklichung des Sozialismus.

Indessen über der Ausbreitung der wissenschaftlichen Erkenntnis, über der Vertiefung der Verstandsbildung soll unsere Beilage niemals vergessen, daß das höchste Ziel 5 Bildung nicht die Züchtung einseitiger Parteimänner, son dern die Entwicklung ganzer und voller Menschen sein muß. Zum ganzen Menschen aber gehört nicht nur der Verstand, sondern auch das Gemüt und das Herz. Darum soll unsere Beilage neben den Wissenschaften auch den Künsten gewidmet sein, sie soll auch ästhetische Bildung vermitteln.

Die Aufgaben, die wir uns gestellt haben gewiß sie sind umfassend und schwer, und nun, wo wir zum ersten Male an ihre Lösung herangetreten sind, will uns die Bangigkeit beschleichen, ob unsere Kräfte ihnen auch immer gewachsen sein werden. Doch wenn ernster Wille die größten Hinder nisse zu besiegen vermag: der wird uns nicht fehlen. Und so geben wir mutig und froh an das neue Werk mit dem festen

Entschlusse, daß unsere Beilage immer ein freudiges und starkes Bekenntnis zu jenem Geschlechte sein soll, das aus dem Dunkel der Unwissenheit stets und unablässig zum Lichte der Erkenntnis strebt.

Die Geschichte des Wortes

Die WörterSozialismus undSozialist nungen, die nicht übermäßig alt sein können. aus dem Lateinischen gebildete Wörter, aber man würde sie vergeblich in der lateinischen Literatur suchen. Nicht nur die Römer kannten diese Wörter nicht, auch in deli bis nahe der Gegenwart reichenden Zeiten, die die lateinische Sprache als die der Gelehrten und der Gesetzgebung benützten, kannke man diese Wörter nicht. Der Wiener Universitätsprofessor Karl Grünberg ist in seinen Forschungen über die Ge schichte des Sogialismus den WörternSozialismus und Sozialist nachgegange Er hat eine Reihe von Unter⸗ suchungen veröffentlicht über das erste Auftreten dieser heute unentbehrlichen Wörter. Seine letzte Arbeit, die er dem erstenSozialismus widmet, ist soeben in dem von ihm herausgegebenenArchiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung erschienen.

Diese Wörter sind in den letzten Jahren des 19. Jahr⸗ hunderts zuerst gebraucht worden. Die Vermutung, daß sie im Zusammenhang mit Babeufs Plänen der Aufrichtung einer kommunistischen Wirtschaftsordnung gebraucht wurde und daß ihnen damals derselbe Begriff unterlegt wurde wie heute, trifft nicht zu. Mann stößt zuerst auf die Wörter Sozialismus und Sozialist im Jahre 1803. Als Gegner⸗ schaft zum Individualismus gebraucht der Kleriker aus Vicenza Giacomo Giuliani das Wort Sozialismus in seinem philosophischen WerkeL'antisocialismo confutato.

* 25 2 7 Sozialismus. sind Bezeich⸗ Wohl sind es

In dem Werke 5 als ganz neugeschaffene Wörter socialismo, socialista, soclalizzare in einem von dem heutigen durchaus verschiede nen Sinne vor, aber doch immer

im Gegensatz zum Individualismus, welcher Ausdruck ihm übrigens noch nicht bekannt war. Ein katholischer 5 hat somit als erster diese heute von seinen

Nachfolgern so schwer gehaßt ten Wörter geprägt. Unabhängig von ihm schel it auch ein protestantischer Geistlicher auf diese Wörter gekommen zu dei n. Am 12. November 1831 erschien in der WochenschriftLe Semeur ein Artikel: Catholicisme et socialisme. Er rührt wahrscheinlich von dem schweize⸗