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Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Polksze

Nummer 5

Dienstag, den 7. Mai 1912

1. Jahrgang

Arbeiterbildung in England.

Die stürmische Entwicklung, die das englische P roletariat in den letzten Jahren durchgemacht hat, äußert sich am auf fälligsten auf dem gewerkschaftlichen Gebiete. Aber ein Zweig der Arbeiterbewegung läßt sich von den andern nicht luftdicht absondern, dieselben Ursachen sind auch auf allen anderen Gebieten wirksam, wenn auch der Erfolg nicht überall mit gleicher Schnelligkeit und Klarheit auftritt, und alle wirken wechselseitig aufeinander zurück.

Ganz besonders bemerkenswert wicklungen auf dem Gebiete der Bildungsbest 5 der englischen Arbeiterschaft. Auf keinem anderen Gebiete war und ist noch so viel nachzuholen. Keiner Kapitalistenklasse der Welt ist es gelungen, die Arbeiter so sehr in geistge Ab hängigkeit von sich zu bringen und zu er rhalten, wie der eng⸗ lischen. Bis vor kurzem waren mit sehr wenigen Ausnahmen alle Personen, die in der englischen Arbeiterbewegung eine Rolle spielen, in der kümmerlichen Kost der bürgerlichen Oekonomie aufgewachsen, und selbst die Sozialisten unter ihnen zehrten von den breiten Bettelsuppen der Carlyle Ruskin und Kingsley. Auf der unteren Stufenleiter wurden die Arbeiter neben der Volksschule von den unglaublich weit verzweigten und 1 schlungenen kirchlich-religiösen Einflüssen, die überall mit den gewissermaßen halbamtlichen Wohltätigkei(sorganisationen, der öffentlichen Armenverwal tung und meist auch mit den lokalen Vertretungskörperschaften im engsten Bunde stehen, ins geistige Joch der Bourgeoisie gespannt. So geschickt ist diese geistige Knechtung und Kor⸗ rumpierung betrieben worden, daß die Arbeiter sie sehr lange gar nicht merkten.

Seit einigen Jahren besteht jedoch eine Bewegung, die sich zum Ziele gesetzt hat, die Arbeiter auch in dieser Be ziehung auf die eigenen Füße zu stellen. Der Kampf ist furchtbar schwer, denn die zu verdrängenden Organisationen kämpfen um ihren korrumpierenden Einfluß mit den ver zweifeltsten Mitteln. Am heißesten werden zunächst die Bil⸗ dungseinrichtungen für erwachsene Arbeiter, wie Abend schulen, Lehrkurse und Vortragszyklen, ferner die Einrich tungen zur vollkommeneren Ausbildung der Elite der jungen Arbeiterführer umfochten. Die Angegriffenen griffen

sind die neuesten Ent⸗

ihrerseits zur Offensive und suchten, indem sie sich einen demokratischen Mantel umhingen, offizielle Anerkennung

und Unterstützung bei den Arbeiterorganisationen selber zu

finden.

Bei dem Kampfe spielen die Universitäten eine große Rolle. Auf der einen Seite heißt das Schla, gwort: Zusamm wirken von Universitäten und Arbeiterschaft eineCo-Part⸗ nership, also eine Art Kompagniegeschäft zwischen den beiden. Eine mächtige Organisation ist unter dem Namen Workers Educational Association(Vereinigung für Arbeiter erziehung) gegründet worden, die es sich zur Aufgabe ger nacht hat, diesem Grundsatz bei der Schaffung und Ausgestaltung von Bildungsanstalten, 8 für erwachsene Arbeiter, Geltung zu verschaffen. Die Organisation erfreut sich der Gönnerschaft von Leuten wie Lord Curzon und anderer hoch⸗ gestellter Personen, aber sie hat ihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet, gleichzeitig auch die organisierte Arbeiterschaft durch die Berufung einiger Gewerkschaftsführer in die Verwal⸗ tungskörperschaft einzufangen. Es hat der größten An⸗ strengungen jener Arbeiter, die sich mit Energie auf dieses

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Gebiet geworfen haben, bedurft, um zu verhindern, daß sich die offizielle Gewerksch 5 een mit der W.⸗E.⸗A. inden⸗ tifizierte. Auf ihrer Seit N der Kampfruf erhoben: Völlige Selbständigkeit der Arbeiterschaft auf dem Gebiete des Bildungswesens.

Deutlicher und schärfer ist bildung der jungen Agitatoven entbrannt. Hier heißen die über den Klassen tarische Wissenschaft.

der Kampf um die Aus⸗ und Gewerkschaftsführer Kampfrufe: Hier unparteiische, schwebende Wissenschaft; dort prole⸗ Zwei Institute stehen einander gegenüber und werben um die Gunst der Arbeiter⸗ organisationen: Ruskin College in Oxford und Central Labour College in London. Beide sind nach dem Muster der englischen Universitätsorganisation Internate. Ruskin College ist die Mutteranstalt, von der 1 sich das Central Labour College vor zwei Jahren loslöste. Ruskin College entstand im Jahre 1899 als die private. zweier Amterinanr, die durch die Propagierung einer Art schöngeistig-sozia⸗ listischer Wissenschaft unter für solche Ideen empfänglichen jungen Journalisten und Künstlern die Welt erlösen wollten. Da es aber sowohl an Geld wie an Schülermaterial mangelte, wandte sich das College an die Gewerkschften mit dem Vor⸗ schlag, sie möchten ihre hoffnungsvollen jungen Agitatoren ein oder mehrere Semester im College ausbilden lassen. Der Vorschlag wurde günstig aufgenommen, und allmählich ent wickelte sich das College zu einem der Berliner Gewerkschafts⸗ oder Parteischule ähnlichen Arbeiterinstitut. Die Gewerk schaften, die Schüler ins College schickten, erhielten eine Stimme in der Verwaltungskörperschaft, deren Mehrzahl jedoch nach wie vor aus Universitätsprofessoren, die an der Schule lehrten, bestand. Der idyllische Zustand Gewerkschaft

wurde getrübt, als die von den en delegierten Schüler mit der Art des erteilten Unterrichts, namentlich auf dem Gebiete der Nati 1 p. mie, der Gesel lchastswissenschaft und der Geschichte frieden zu werden begannen. Die Lehrer Falle Kathedersozialisten, die mit der selbstverständlichsympathisierten, sonst aber gänzlich auf bürgerlichem Boden standen. Klassenkampf war verpönt, dagegen wurde die Versöhnung der Klassen, Gewinnbeteili⸗ gung und ähnliches 1 digt. Unerträglich wurde die

Situation aber, als die Verwaltung Versuche unternahm, das College formell an die Universität O Orford anzugliedern, sodaß die günstige Absolvierung von Kursen im Ruskin College zur Aufnahme in gewisse Fakultäten der Universität befähigen

e, Unzu⸗ waren im besten Arbeiterbewegung

sollte. Aus einer Anstalt zur anbildung 1 Arbeiterführer sollte das College zu einer Stufenleiter wer den, um die A len Kräft⸗ der Arbeiterorgani⸗

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sationen den Arbeitern zu entfre 5 un 5 einer e 5 ˖ Laufbahn zuzuführen. Als schlief haltende Rektor des College D

revoltierten die Schüler, erklärten 2

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Streik 11 0 bee

in der Folge das Central Babour College, das, nachdem es von den Hausbesitzern in Oxford boykottiert worden, nach

London übersiedelte. Es gelang dem Central College nicht, sofort bei allen Gewerkschaften Anerkennung zu finden. Die meisten von

ihnen fuhren fort, ihre Schüler nach dem Ruskin College zu schicken, und nur allmählich vermag das Labour College den Ruskin College den Boden abzugraben. Der Kampf zwische: den beiden Richtungen muß bald vor dem Gewerkschafts