Ausgabe 
3.12.1912
 
Einzelbild herunterladen

tanken⸗

der Be⸗ che und erstützte auf die h selbst it wird wieder Fach⸗ menten : über⸗ oritäts⸗ zolemik, er kann wegliche irklicher ere kol⸗ hen zu zumal re nicht es von en In⸗ e Dauer lbst zu⸗ ja eben paraten Punkt, e. Die hreieret en For⸗ gnerisch maleri⸗ Vortrag auf die eg geht,

3

cungsgedanke trat in der Form einer

Gesichtspunkte aus, der mindestens die gesamte Balkanhalbinsel umfassen muß, so findet man eine unverkennbare Analogie zwischen dem, was hier vorgeht, und den Zuständen in Deutschland und Italien um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Hier wie dort eine starke soziale Zersetzung, Ruin des Handwerks, Untergang des Bauerntums, eine aufkeimende Bourgeoiste, die ihre Intelligenz vorausschickt, erste Regungen der Arbeiterklasse; politisch verwickelte Zustände, der Drang, um aus den engen Verhältnissen der Klein- staaterei und der politischen Bevormundung herauszukommen. Freiheit und Einigkeit ist die Losung. Die Intellligenz ist ihr Wortführer, die Bourgeoisie folgt, soweit sie darin ein Mittel zur Ausdehnung ihrer Geschäfte und ihrer politischen Macht erblickt, die Massen bleiben in konsuser Gährung, die sie mehr geeignet macht für den Krieg, als für die Revolution, und nur die Arbeiter er sassen das Problem in seiner ganzen demokratischen Tragweite, ind aber noch zu schwach, um ihren Willen durchzusetzen.

Also, der italienische Befreiungskrieg, die deutsche Märzrevo lution, die Kriege um die Bildung des deutschen Reiches, das alles wird den Balkanwirren in Parallele gesetzt. Ja, gewiß, wir wohnen großen Begebenheiten bei; es ist ein geschichtliches Schauspiel, das sich vor unseren Augen entrollt. Dem deutschen Leser drängt sich wohl eine weitere Analogie auf. Er denkt an den Gründerschwindel, der der Reichsgründung folgte, und den späteren Zusammenbruch. Er wird in seinen Vermutungen Recht behalten: es werden den Balkankriegen eine kapitalistische Orgie, eine arge Enttäuschung der Massen und eine starke Sozialdemokratie solgen wenn sie nicht schon jetzt in einen europäischen Krieg ausmünden, der die ganze kapitalistische Welt außer Rand und Band bringen wird.

Während aber in Italien sowohl wie in Deutschland die Idee der Bildung des Großstaats, der politischen Einigung, mit der Idee der nationalen Einigung zusammensiel, ist das im Orient nicht der Fall. Hier hat es sich vielmehr gezeigt, daß ein Großstaat auf nationaler Grundlage sich nicht errichten läßt. Der nationale Eini bulgarischen, serbischen, griechischen Einigung auf. Für sich allein genommen, bedeutete der nationale Gedanke jedesmal die Bildung einer größeren politischen Einheit und war insofern fortschrittlich; aber keine dieser natio nalen Strömungen war imstande, das Ganze zu erfassen, und alle standen sie sich deshalb gegenseitig im Wege, insofern waren sie reaktionär.

Einheit und Fortschritt erklärten die Jungtürken. Sie waren zielbewußte Vertreter der Idee eines gemeinsamen Großstaats, der die christlichen und die muselmanischen Nationen umfaßt. Aber es stand in diesem Programm eine Einschränkung und eine Fälschung.

Die Einschränkung war die, daß die Jungtürken sich das ge meinsame Reich in seinen jetzigen Grenzen dachten. Die europäischen Grenzen der gegenwärtigen Türkei sind aber längst zum Hinder⸗ nis geworden. Eine Wiedergeburt des Reiches war nun denkbar, wenn dessen Nordgrenze mindestens bis an die Donau verschoben worden wäre. Das war unter den gegenwärtigen Verhältnissen nur auf dem Wege der Konföderation, durch ein Bündnis der Balkanvölker, durchzuführen.

Nur dieser große Gedanke konnte die Türkel retten. Er war aber den Jungtürken fremd. Andererseits, obwohl sie von der Einigung aller Elemente sprachen, erstrebten sie doch in Wirklichkeit die Zusammenfassung, aber unter türkischer Herrschaft und unter dem Fortschritt verstanden sie die Modernisierung dieser Herrschaft. Darum mußten sie erleben, daß die Kräfte, die die Revolution er⸗ weckte, und die zum Teil die Revolution vorbereitet hatten, gegen sie selbst, die an der Spitze dieser Revolution standen, sich kehrten.

Ohne die Idee des Balkanbundes hatten sie nichts, worin sie den nationalen Einigungsbestrebungen der Griechen und Bulgaren einen Ausweg schaffen könnten. Diese mußten vielmehr nach wie vor ihre Richtung nach außen nehmen, und ihr Heil in der Zer⸗ stückelung des Reiches suchen, um eine Verbindung mit Griechen⸗ land bezw. Bulgarien zu erzielen.

Im Parlament waren die christlichen Nationen von vornherein zu einer Minderheit herabgedrückt, weil dort die asiatische Bevölke⸗ rung dank ihrer größeren Zahl den Ausschlag gab. Die christlichen Abgeordneten im Parlament bekamen es auf Schritt und Tritt zu spüren, daß sie dort fremd sind, eigentlich nur mehr oder weniger gern gesehene Gäste. Zum Ueberfluß hat man noch durch eine schwindelhafte Wahlkreisgeometrie und einen brutalen Wahlterro⸗ rismus die christliche Vertretung eingeschränkt und gefälscht.

Um das türkische Prinzip zur Geltung zu bringen, mußten die Jungtürken von den armenischen und mazedonischen Revolutio- nären, mit denen sie vor der Revolution zusammengingen, abrücken. Sie libten Verrat an beiden. Obwohl sie mit den armenischen Parteien einen formellen Vertrag geschlossen, erfüllten sie die über nommenen Bedingungen nicht. Mit Dolch und Revolver suchten sie sich ihrer früheren Bundesgenossen, der mazedonischen revo⸗ lutionären Führer, zu entledigen und töteten mehrere von ihnen. Da bei alledem die Türken eine Minorität im Reiche bilden, so wollte man auch auf das Muselmanentum als breite politische Basis sich stützen. Die Araber und Albauer mußten herhalten, um die Herrschaft der Türken zu stützen. Die einen wie die anderen durchschauten das Spiel.

Die albanischen Häuptlinge verlangten ihren Auteil an der Herrschaft. Sie wurden zurückgewiesen und blutig niedergeschlagen. Unter dem Beifall Europas wurde die Entwaffnung der Albaner durchgeführt. Ich erinnere mich noch, wie der inzwischen ver- storbene serbische Minister des Aeußeren, Mila wanowitsch, der an den Jungtürken kein gutes Haar lassen wollte, zu mir sagte:Das eine muß man zugeben, mit den Arnauten(den Al banern) sind sie fertig geworden. Die Sache nahm später eine andere Wendung nicht zum geringsten dank Waffen und Geld, die aus Oesterreich, Montenegro, Bulgarien, wohl auch aus Serbien kamen.

In Arabien nahm der Imam Josia die Gelegenheit wahr, um sich als selbständiger Fürst zu etablieren. Auch hier verwehrte es die jungtürkische Regierung erst mit Waffengewalt. Sie hatte keinen Erfolg und mußte beim Ausbruch des italienischen Krieges mit dem Imam einen schmählichen Frieden schließen.

Die arabische Fraktion im Parlament war allerdings stets be reit, die christlichen Abgeordneten niederzustimmen oder nicht zu Worte kommen zu lassen, blieb aber sonst in der Reserve, stets be reit, ihr eigenes Interesse wahrzunehmen.

Also mußten sie im letzten Grunde doch auf das rein türkische Element zurückgreifen. Dabei zeigte es sich aber, daß die Jung türken keine Volksbewegung darstellten, daß zwischen diesen Kon stantinopeler Jungen und den Bauern Anatoliens eine tiefe Kluft bestand, die durch die ganze Geschichte des osmanischen Reiches ge bildet wurde. Auf der einen Seite die türkischen Bauernmassen, denen der wirtschaftliche Boden unter den Füßen schwand, ohne daß sie wußten, woher das kam, die die alte Oroͤnung und die alten Sitten abbröckeln, verkümmern, zusammenstürzen sahen, ratlos, hilflos, hoffend auf den Staat, der aber immer mehr Soldaten und Steuern verlangte, auf der anderen Seite die Byzanz.

Die Jungtürken waren keine Volksbewegung und wollten keine Volksbewegung seln. Darum setzten sie sich in Widerspruch zu dem Freiheitsgedanken der Revolution, wie sie sich von vornherein zu dem Einheitsgedanken in Widerspruch setzten.

Beides schwächte den Parlamentarismus, entfesselte die Kliquenwirtschaft und die Beutejagd und machte aus dem Verrat an der Revolution den Verrat an dem Vaterlande.

6. Der Revolutionsverrat der Jungtürken.

Wie anders wurde doch die türkische Revolution von Europa aufgenommen, als die russische! Die russische Revolution erweckte die Begeisterung der europäischen Arbeiterschaft, versetzte aber in Schrecken die Bourgeoisie. Die finanzielle Unterstützung seitens der europäischen Hochfinanz, die moralische Unterstützung seitens der westeuropäischen Regierungen und der öffentlichen Meinung der Bourgeoisie haben denn auch sehr wesentlich zur Stärkung der Kontre⸗Revolution in Rußland beigetragen. Denn die russische Revolution wurde von den Arbeitern geschaffen, von ihnen und den Bauern ausgefochten; darum entfesselte sie die Klassenkämpfe, weckte aber gerade gewaltige politische Energien. Von der bürgerlichen Demokratie werden deshalb die russischen Sozialdemokraten als Utopisten, die keinen Sinn für Realpolitik haben, verschrien. Die revolutionäre Taktik der russischen Sozialisten hat aber bewirkt, daß das Volk im Kampf um Parlamentarismus und Demokratie das höch ste geleistet hat, was unter den sozialen Verhältnissen Rußlands überhaupt zu leisten war. Wenn auch die politischen Erfolge im Sinne der Aenderung der Regierungsform nur gering ausgefallen sind, so dauert doch der politische Wiedergeburtsprozeß des Landes, der von der Revolution kraftvoll eingeleitet wurde, ungebrochen fort. Anders in der Türkei: Hier hatte die Revolution den äußeren Erfolg, mangelte aber der inneren Kraft der Ent⸗

wicklung.

. 8

4 1

1 1 1 1 . 1 4