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die Dazwischenkunft Vogts, ohnfehlbar Mißhandlun⸗ gen durch die aufs Aeußerste gereizten Bürger zu⸗ gezogen haben würde. Der Oberst Vogt schützte ihn, durch sein Erscheinen und sein Ansehen.
Trotz allen diesen und anderen Anreizungen hielt der gute Sinn der Gie er die Ordnunz aufrecht; ein Jeder beeilte sich, der Bürgergarde sich anzuschlie⸗ ßen und das Ganze schützen zu helfen.
Wo war aber die Behörde in dieser Zeit und wo ist sie noch?
Die Gießer Einwohnerschaft theilt sich keines⸗ wegs in Republikaner und in constitutionell Gesinnte, die eine freie constitutionelle Monarchie auf demo⸗ kratischer Grundlage wollen und zu dem vaterlän⸗ dischen ꝛc. Verein sich zählen, wie der Mann des Friedens sagt..
Nur eine kleine Zahl gehört zu dem vaterlän— dischen Verein und eine noch kleinere Zahl bildet den republikanischen Verein; die große Mehrzahl aber will weder aus Deutschland ein einziges Kaiserreich, noch aber eine einzige Republik gemacht haben! Die Mehrheit der Gießer will zwar Freiheit und Fort⸗ schritt; aber keinen Umsturz, keinen gewaltsamen Umsturz des Bestehenden, nur auf dem Wege des Gesetzes, mit Ruhe und Ordnung will sie die noth⸗ wendigen Reformen erzielen. Diese Mehrheit wird repräsentirt von dem hiesigen Bürger-⸗Lese-Clubb; im Bürger⸗Lese⸗Clubb sollten sich alle Meinungsverschie⸗ denheiten vereinigen und durch friedlichen Austausch der Ideen gegenseitig sich verständigen; der Bürger⸗ clubb sollte das Vereinigungsmittel der geistigen In⸗ teressen der hiesigen Einwohner seyn, wie die Bür⸗ gergarde gemeinschaftlich handeln sollte, sobald die Freiheit, das Gesetz und die Ordnung der Stadt und deren Einwohner in irgend einer Weise bedroht werden würde. Alle sollten für Einen, Einer für Alle stehen! Gewiß ein schöner, in Zeiten, wie die unsrigen, ein hoher Zweck! Leider aber ist dieser Zweck nicht voll⸗ kommen erreicht worden; denn unmittelbar nach der Wahl des Vorstandes vom Bürgerelubb, erließ Hr. Prof. Credner den Aufruf vom 23 März zur Bil⸗ dung eines Sonderbunds, welcher endlich auch unter Credner's Leitung, als vaterländischer Verein zu Stande kam, und welcher alsbald, als Gegensatz den republikanischen Verein hervorrief und die durch den allgemeinen Bürgerelubb beabsichtigte Vereinigung und Harmonie theilweise vereitelte. ö
Die allgemeinen Volksversammlungen sind bisher in der Regel von dem Bürgerclubb ausgegangen; Niemand ist aber gezwungen worden, folglich auch kein Mitglied des vaterländischen Vereins, diese Volksversammlungen zu besuchen, oder daselbst als Redner aufzutreten, und wenn der Vorstand des Bürgerclubbs wiederholt im Allgemeinen zum Er⸗ scheinen und Reden eingeladen hat, so geschah dieses nur im allgemeinen Interesse, welches anzuerkennen ist. In der Volksversammlung am 1. April wurde der in der Sprechhalle bezeichnete ächte Volks- freund und liberale Prof. Credner wahrschein⸗ lich nur deshalb in seiner Rede unterbrochen, weil das Volk durch ihn selbst irre geführt war; weil das Volk in Credners Aufruf zur Bildung eines Son— derbundes und einer Scharfschützencompagnie, außer der Bürgeroarde Grund zu haben glaubte, an der
Baur, welcher Hrn. Credner besser zu kennen ver—
sicherte, welcher darauf hinwies, wie Hr. Credner in liberaler Weise gegen Linde aufgetreten sey, als der
Liberalismus noch nicht so wohlfeil, wie heute, war,
beruhigte das Volk; er brachte es durch seine Beredt⸗ samkeit sogar dahin, daß eine Deputation ernannt und Hr. Credner im Namen der Versammlung um
Verzeihung gebeten wurde! Wahrlich eine Genug⸗
thuung, welche jeden Volksfeind und Illiberalen be⸗ friedigen mußte. Wie hat aber der ächte liberale volksfreundliche Credner diese Demüthigung des Volks anerkannt? hat er verziehen? hat das Gießer Volk, trotz des dunkeln Saals, nicht damals schon den wahren Liberalismus des ächten Volksfreundes
durchschaut? hat durch Credners späteres Thun, es
sich nicht bestätigt, daß Volksstimme, Gottesstimme ist? War es nicht Credners vaterländischer Verein und Mitglieder desselben, von welchen die Wahlum⸗ triebe und Anfeindungen im Offenen und im Gehei— men ausgingen? War es nicht Credner, der, als letzten Puff, noch zwei Tage vor dem Wahltage zu Gladenbach, einen Aufruf auf die Wähler des 6. Wahlbezirks drucken ließ und selbst im Hinterlande verbreitete, worin er die Gießer Wahlmänner als junge Unbesonnene und als Republikaner bezeichnete? War es nicht Credner, der den Hrn. Prof. Baur, zum Dank der ihm, dem Hrn. Credner, bewiesenen treuen Anhänglichkeit und entschuldigenden Fürsprache, auf eine schnöde Weise öffentlich zurecht zu weisen versucht hat? Ich sage nochmals: Volksstimme, Got⸗ tesstimme! Das Volk hatte am 1. April schon, im dunklen Saale, den wahren Charakter des Hrn. Credner helle durchschaut, und ließ sich, in seiner Gutmüthigkeit zu einer Abbitte verleiten, welches ihm indessen alle Ehre machte.
Das bis hierher Gesagte mag zur Erklärung der in Gießen seit 6 Wochen herrschenden großen Auf⸗ regung dienen, und die Antwort seyn auf, das Weß⸗ halb! Was nun aber in Nr. 14 der Sprechhalle von jenem Friedensmann weiter noch gesagt ist, na⸗ mentlich über Republik und Monarchie, so ist dieses meist so unklar, daß man alsbald erkennen muß, der Mann woisse selbst nicht recht, was er eigentlich wolle. Z. B. die Beschuldigung der französischen Republik, daß sie sogar die Steuern im Voraus erhebe! thut denn dieses das Königthum nicht, wenn es freiwillige und gezwungene Staatsanlehen macht? ist dieses von dem Königthum nicht selbst in den Zeiten des tief⸗ sten Friedens geschehen?
Ich bin weder ein Mitglied des republikanischen noch des vaterländischen Vereins und will deßhalb, weder die Gründe, noch die Gegengründe dieser bei— den extremen Parteien der hiesigen Einwohnerschaft hier zergliedern und gegen einander abwägen. Ich will hier nur das aussprechen, daß ich, mit unsrem Deputirten Vogt und der großen Mehrheit der Gie— ßer Einwohner, weder eine allgemeine deutsche Re— publik, noch eine Einigung Deutschlands unter der Herrschaft eines Erbkaisers will. Ich will einen einigen deutschen Staatenbund, mit einem Volkspar⸗ lamente, bestehend aus zwei Kammern, worin gleich— mäßig vertreten und respectirt werden, die Rechte aller Deutschen und folglich auch die der deutschen Fürsten. Ich will durch das Parlament ein verantwortliches
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