Nr. 16. Mittwoch den 31. Mai 188.
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berücksichtigt.
———— Worte der Aufklärung zu dem Worte des Friedens— Sprech⸗ halle Nr. 14.— Mit bz rig e
Dankenswerth ist es, wenn in Zeiten, wie die jetzigen, Männer auftreten, welche zur Verständigung und Sühne reden; doch müssen die Worte alsdann ebenso klar, als wahr seyn!
Die Aufregung, welche seit 6 Wochen in Gießen herrscht, ist keineswegs mit Wahrheit eine große zu nennen; es sind in Gießen weder grave Beleidigun⸗ gen der Person, noch Beschädigungen des Eigenthums vorgekommen; es ist zwar viel Dinte und Buch- druckerschwärze, aber bei der großen Gießer Auf⸗ regung auch nicht ein Tropfen Blut vergossen wor⸗ den, wie Letzteres, selbst in der Residenzstadt und an mehreren anderen Orten des Landes geschehen ist. Die Stadt Gießen hat das Geschick, seit langer Zeit schon als der Ort der Unruhe verschrieen zu seyn; hat sich gegen andere Städte jedoch stets rühmlich ausgezeichnet, durch ihren Geist der Ordnung und ihre Anhänglichkeit an Fürst und Vaterland. Die, auch in der neuesten Zeit in Gießen wirklich vor⸗ gekommene Aufregung, war nur bei einer Gelegen— heit groß, sie war groß, als die freudige Nach⸗ richt hier ankam, das Ministerium du Thil sey für immer gestürzt und als unser edler Erbgroßherzog als Mitregent seine hochherzige Proclamation vom 6. März hierher gesendet hatte. Es war dieses allerdings eine große, allgemeine eine freudige Auf⸗ regung. Alle Einwohner von Gießen beeilten sich, ihre Freude in Festen und Illuminationen auszu—⸗ drücken; es war ein Gefühl, welches Alle durch—⸗ drang, es war Freude, Friede und Versöhnung. In diesem Gemeingefühle, in diesem Gemeinsinne bildete sich zur Aufrechthaltung der Ordnung die Bürger⸗ garde, bildete sich zur allgemeinen Annäherung ein gemeinschaftlicher Bürger⸗Lese-Clubb. Doch nicht lange währte dieser Gemeinsinn, denn kaum waren die Offiziere der Bürgergarde, kaum war der Vor⸗ stand des Bürgerclubbs gewählt, als man auch schon hie und da eine Mißstimmung an gewissen Leuten bemerken konnte, welche sich vielleicht in ihren Er— wartungen getäuscht und zurückgesetzt halten mochten. Alsbald konnte man bemerken, daß Samen der Zwietracht gesget wurde,„1 daß diesey I wuchern
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trotz aller dieser Anreizungen keinerlei Excesse erfolg⸗ ten, daß jede Anregung zu Excessen an dem gesun⸗ den Sinne der Gießer Einwohner scheiterte.
Zu Anregungen der Art könnte man aber zählen:
1) den Aufruf des Hrn. Prof. Creder,(vom 23. März) zur Bildung eines Sonderbundes—, der dem Gerüchte nach, zuerst unter dem Namen einer Schützencompagnie, sich organisiren sollte; er sollte, andern Gerüchten nach, dazu bestimmt seyn, den republikanischen Tendenzen des Prof. Vogt ent⸗ gegen zu wirken, und soll es auch Absicht gewesen seyn, den, ohne Urlaub? von hier in Frankfurt beim Vorparlament sich befindenden Obersten Vogt, bei seiner, an der Spitze von 600 Republikanern drohenden Rückkunft, mit dieser Schützencompagnie — resp. mit Kugeln— zu empfangen! Zu gleicher Zeit war von hier aus die Nachricht nach Darmstadt sogar an unseren Minister von Gagern gelangt, Vogt werde von hier mit 600 Bewaffneten nach Frankfurt zum Vorparlamente kommen.
Der Sturm in der Volksversammlung am 23 April war die nächste Folge von diesem Treiben und es sprach sich der Volksunwille zunächst gegen Hrn. Credner aus, als er den Aufruf zur Bildung des Sonderbundes in der Versammlung rechtfertigen wollte Es war der damalige Tumult allerdings eine nicht zu entschuldigende Demonstration gegen Hrn. Credner, doch später mehr davon.
2) Gehört ohnstreitig zu den Anreizungen zum Volksunwillen auch die sonderbündische Zusammen⸗ kunft im Ebel'schen Kaffeehause, sowie die folgende im Busch'schen Garten, wozu jedesmal allgemeine Einladungen, freilich gegen den Willen der sich Ab- sondernwollenden, ergangen waren; wornach aber die Erscheinenden sich in ihrem Rechte gekränkt halten mußten, als man sie als nicht ächte Patrioten von den Versammlungen zurückwies.
3) Reizten insbesondere allgemein auf, die im Dunkeln geschmiedeten, namenlosen Verläumdungen gegen den Obersten Vogt.
4) Regten auf, die gegen Vogt gerichteten Wahl⸗ umtriebe des vaterländisch⸗constitutionell⸗demokratischen Vereins, welcher endlich unter der Aegide des Hrn. Prof. Credner dahier sich gebildet hatte und
5) endlich reizte es sehr zum Excesse auf, als am Wahltage in Gießen der Herr Maj. Peppler an der Spitze seines Commandos auf's Rathhaus zog und seine Soldaten in Masse in seinem Sinne ab⸗
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