Ausgabe 
28.4.1848
 
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in manchen Augenblicken ganz allein der ultralibe⸗ ralen Partei die Wage gehalten.

Verlangen wir eine unermüdliche Thätigkeit? Er hat sie vielfach und besonders auch in der letzten Zeit bewiesen, am stärksten während des Vorparlaments. Wiederholt, wenn in Frankfurt die Sitzung geschlos⸗ en war, eilte er noch am Abend auf der Eisenbahn nach Darmstadt, arbeitete dort, mit Aufopferung der Nachtruhe, als Minister, und erschien am andern Morgen wieder in Frankfurt so rüstig, als wenn er sich vollständig ausgeruht hätte.

Verlangen wir eine durchaus volksthümliche Ge⸗ sinnung und eine feurige Vaterlandsliebe? Er hat beides ein Menschenalter hindurch treu bewährt; er hat es bewährt durch den allein gültigen Beweis von Thaten und Opfern; und wenn er auch glücklicherweise nicht im Kerker gelitten hat, wie Jordan oder Eisenmann, so hat er wenigstens immer denselben Muth bewiesen, wie diese und an dere Märtyrer der Freiheit.

S. ait Gagern 30 Jahre hindurch ein poli⸗ tisches Glaubensbekenntniß durch Thaten abge⸗ legt, welches viel schwerer in's Gewicht fällt, als irgend ein gedrucktes Glaubensbekenntniß es könnte. Solche Leistungen berechtigen zu weit größeren Hoff⸗ nungen für die Zukunft, als die, mitunter sehr un⸗ besonnen gethanen, Versprechungen, mit welchen wohl jugendliche Candidaten die minder Unterrichteten, namentlich das treuberzige Landvolk, für sich zu ge⸗ winnen suchen.

Daß ein Minister zum Deputirten gewählt wer⸗ den könne, möchte Manchen unter uns befremden. Aber in England, Frankreich und anderen Ländern, wo man schon weit länger als bei uns parlamen⸗ tarische Einrichtungen besitzt, kommt dergleichen häufig vor. So sind noch in diesem Augenblicke Lamartine und andere Mitglieder der französischen Regierung Candidaten für die große National⸗Versammlung.

Wir glauben genug gesagt zu haben und zweifeln nicht, daß neben Gagern alle anderen Candidaten wie ehrenwerth und befähigt sie auch sonst seyn mögen, wenn sie von wahrer Vaterlandsliebe beseelt sind, freiwillig zurücktreten werden.

Möge denn der Himmel den Sinn aller Wähler erleuchten, daß sie es lebhaft empfinden, wie jetzt nach aller menschlichen Berechnung die Möglichkeit, dem deutschen Vaterlande unendlich zu nützen, in ihre Hand gelegt ist. Denn von den Rathschlägen eines so weisen und hochbegabten Mannes wie Gagern kann Deutschland großes, ja das größte Heil er⸗ warten, und gewiß werden wir alle noch einmal die Stunde segnen, wo wir durch unsere Stimmen dazu

beigetragen haben, Ihn für die großen Tage, denen Deutschland entgegengeht, zu gewinnen. Gießen den 26. April 1848. Im Namen mehrerer Wähler:

Philipp Phoebus. Nach schrißft. N

Eben, da obige Ansprache unter die Presse gehen soll, wird mir Nr. 45 des Jungsten Tages mitgetheilt, welche unter der unpassenden UeberschriftManöver der Rückschrittspartei Bemerkungen über die Wahl des Herrn v. Gag ern enthält, die einige Beleuchtung so gut sie in der Eile möglich ist zu erheischen scheinen.

Man glaube doch ja nicht etwa, daß alle Dieje nigen, welche in freudiger Begeisterung für Gag ern zu stimmen bereit stehen, einer Partei angehören, welche gegen den Prof. Vogt arbeitet. Ich müßte dies für mich selbst, wie für eine namhafte Anzahl von Wählern, deren Ansichten mir bekannt sind, als ganz unbegründet ablehnen. Obwohl wir manche der von Herrn Prof. Vogt geäußerten politischen Ansichten und die Art und Weise, wie er für seine Candidatur wirkt, sehr mißbilligen, so würden wir dennoch den Herrn Prof. Vogt, falls er gewählt werden sollte, für ganz unschädlich halten, wie er nach unserer Meinung schon beim Vorparlament voll kommen unschädlich gewesen ist. Seine Beredsamkeit wie erfolgreich sie auch bei Leuten sey, welche mit politischen Dingen nicht vertraut sind wird in Frankfurt, den gediegenen politischen Einsichten und Erfahrungen gegenüber, welche sich dort vereinigt fin⸗ den werden, auch nicht für Eine unzweckmäßige Ein⸗ richtung die Majorität herbeiführen. Nicht gegen Herrn Prof. Vogt, sondern für einen Candidaten, der unsere politischen Ansichten vertrete, haben wir uns erklärt und zu stimmen beabsichtigt; und wir stimmen jetzt für Herrn v. Gagern eben so wenig deshalb, weil er Minister ist, als deshalb, weil wir durch ihn Herrn Vogt zu besiegen wünschen.

Herr v. Gagern soll nach der Meinung des Schreibers, der sich nicht genannt hat deshalb für unsern Wahlbezirk nicht passen, weil er denselben nicht genug kenne. Das verträgt sich aber nicht mit der von dem Vorparlament angenommenen Ansicht, daß es für einen Wahlbezirk sehr wichtig seyn könne, einen ganz fern und sogar in einem andern deutschen Lande wohnenden Deutschen wählen zu dürfen. Es sollen ja auch in Frankfurt nicht die Interessen der einzelnen Wahlbezirke, sondern die des gesammten Deutschlands vertreten werden. Und wenn Herr v. Gagern unsere Ansichten nicht kennt, so kennen doch wir und alle Gemeinden des Wahlbezirks die seinigen, und wissen, daß er eben so wenig für den Rückschritt ist als wir. Ein Gagern hat nicht nöthig von Gemeinde zu Gemeinde zu reisen und sich anzubieten.