mehr noch als durch Geburtsadel ausgezeichneten Familie. Sein noch lebender ehrwürdiger Vater und einige seiner Brüder, unter ihnen auch der so eben von einer republikanischen Rotte meuchlings er— schossene, haben in sehr hohen Staatsämtern dem Vaterlande große Dienste, zum Theil mit ansehn⸗ lichen Opfern, geleistet und sich stets den Ruf der Liberalität und Gesinnungstüchtigkeit erhalten.
Unser jetziger Minister v. Gagern, 1799 ge⸗ boren, machte schon 1815 von der Universität aus als Freiwilliger den Feldzug gegen Frankreich mit. Später wurde er einer der Mitstifter der Burschen— schaft, welche, das verpönte Schwarz-Roth⸗Gold zu ihrer Farbe erklärend, einen großen Theil der Frei⸗ heiten erstrebte, deren Deutschland sich seit den letzten Wochen erfreut.
In das bürgerliche Leben eingetreten, bewährte Gagern als Beamter, wie als Landtags-Abgeord⸗ neter, stets seine liberalen Gesinnungen. Er scheute es nie, durch eine sehr freimüthige Sprache den oberen Behörden mißfällig zu werden, er war ge— wöhnlich der Führer der liberalen Partei in der Kammer. Als in Folge hiervon die Regierung ihn pensionirte, wies er die Pension zurück.
Nachdem er auf mehreren Landtagen thätig ge⸗ wesen war, krönte er seine auf das Wohl Hessens, ja Deutschlands überhaupt, gerichtete parlamentarische Thätigkeit durch den Antheil, den er im März d. J. an der Einundfunfziger-Versammlung in Heidelberg und an den Arbeiten der Siebener⸗Commission nahm.
Nachdem er so viele Jahre lang unter den schwierigsten Umständen und mit Opfern mancherlei Art unermüdlich für die Sache der Volksfreiheit ge⸗ wirkt hatte, erschien endlich der große Tag der Wie⸗ dergeburt unseres hessischen Landes. Kaum hatte unser edler Erbgroßherzog den trefflichen Gagern an die Spitze der Verwaltung gestellt, als dieser seine Vaterlandsliebe von neuem dadurch bewährte, daß er auf die Hälfte des ihm gebührenden Gehaltes Verzicht leistete.
Was Gagern seitdem von Darmstadt und von Frankfurt aus gethan und gewirkt, davon ist uns Allen das Wichtigste noch in frischer Anschauung, wiewohl kaum Einer von uns den ganzen Umfang seiner großen Thätigkeit überschauen und vollkommen würdigen dürfte.— Aber ganz Deutschland hat seine Leistungen anerkannt, und erwiedert sie durch eine allgemeine und enthusiastische Verehrung.
Es hat zwar jener große Tag auch eine Anzahl von kleinen Politikern geboren, die, obwohl sie in politischen Dingen weder gediegene Kenntnisse noch Erfahrungen besitzen, dennoch den großen Gagern zu meistern und zu lästern sich unterfangen, weil er nach ihrer Meinung nicht rasch genug vorschreitet und sie nicht jeden Morgen mit einem neuen Gesetzesent—
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wurf überrascht. Aber diese kleinen Leute scheinen uns dadurch nur zu beweisen, daß sie von der Schwierigkeit der Aufgabe, welche Gagern zu lösen hat, gar keinen Begriff haben, sie scheinen uns da⸗ durch nur ihre eigene politische Kurzsichtigkeit zur Schau zu tragen.
Jetzt erklärt sich Gagern bereit, auch noch als Deputirter in Frankfurt zu wirken. Wer es, wenn auch nur aus Erzählungen weiß, wie großen körper- lichen und geistigen Anstrengungen er sich in den letzten 8 Wochen unterzogen, der wird dieses neue Opfer, das er zu bringen im Begriff steht, zu wür⸗ digen wissen.— Wenn mancher junge Mann gegen⸗ wärtig in politischen Angelegenheiten unermüdlich thätig ist, so darf man das wohl oft der Eitelkeit und mitunter noch selbstsüchtigeren Triebfedern, zu schreiben. Gagern aber ist über die Jahre der Eitelkeit hinaus, er ist als ausgezeichneter Redner bereits allgemein anerkannt, er ist auch im Staate bereits so hoch gestellt, daß er fast nicht höher steigen kann;— welches selbstsüchtige Motiv könnte ihn wohl bestimmen, seine Gesundheit auf's Neue den übermäßigen Arstrengungen, die seiner als Depu— tirter und Minister zug leich warten, preiszu⸗ geben? Bei ihm also sind wir mehr als bei irgend einem Andern sicher, daß einzig und allein ein glü—⸗ hender Eifer für die gute Sache des Vaterlandes, und keine Nebenabsicht, ihn bestimmt, sich in's Par⸗ lament wählen zu lassen. Und dies ist sehr wich⸗ tig, denn Leute, die mit Nebenabsichten hingehen, können bei einzelnen Gegenständen der Berathung unendlich schaden.
Könnten wir aber überhaupt wohl in irgend Jemandem die glücklichsten Eigenschaften zum Depu⸗ tirten so vollständig vereinigt zu finden hoffen, wie bei Gagern?
Verlangen wir vielseitige staatswissenschaftliche, Rechts und Geschichts-Kenntnisse, wie sie bei den Frankfurter Berathungen fast in jedem Augenblick nöthig seyn werden? Unser Gagern hat sich solche Kenntnisse durch gründliche Universitätsstudien erwor⸗ ben und sie durch 30jährige Erfahrung erweitert und gereift. Er hat sich als Staatsbeamter mit den Bedürfnissen einer guten Regierung, als Oppositions⸗ mitglied in der Kammer mit den Wünschen und Bedürfnissen des Volks auf's Innigste vertraut ge⸗ macht; er hat Jahre lang als Anwalt des Volks für die Rechte desselben auch mit den Waffen der Wissenschaft gekämpft. Er ist in dieser Beziehung einem Dahlmann, Jordan und anderen der erfahrensten und einsichtsvollsten Männer Deutsch⸗ lands vollkommen ebenbürtig.
Verlangen wir Geistesgegenwart und glänzendes Rednertalent? Er hat beides in hohem Grade be— währt. Beim Vorparlament in Frankfurt hat er


