freiheit beschaffen. Um die Sache meinen lieben Bürgern und Landleuten durch ein anderes Beispiel noch begreiflicher zu machen, so höret!
Der seitherige Gedankenzwang kommt mir gerade so vor, als wenn Einer von euch sein 9- oder 10jähriges Peterchen oder Hänschen oder Fritzchen in die Stadt schickt, um den Eltern auf die Kirmeß oder die Osternfeiertage unter andern Dingen auch ein Viertel oder Halbviertel weißen Zucker mitzu⸗ bringen, den die Mutter auf die Kirmeß- oder Feier⸗ tagkuchen Freuen und zugleich am Sonntagmorgen dem lieben Mann und Kindern den Kaffee ver⸗ süßen will, damit auch der ehrliche Bauer, der im Schweiße seines Angesichts die ganze Woche gear⸗ beitet hat, einmal schnackig lebe wie der reiche Städter, oder wie der reich bepfründete Pfarrer und Amtmann. Wenn dann nun Fritzchen oder Peterchen auf dem Heimweg ist, so kitzelt ihn der Gaumen; seine innere gute Stimme sagt ihm: Fritzchen laß die Dutte zu! Du weißt, die Mutter sieht's den Augenblick, wenn du sie aufgemacht und etwas davon gestrippt hast, und dann gibt's Makkes! Fritzchen oder Peterchen zieht die bereits ausgestreckten Finger, als hätte er sie verbrannt, zurück. Allein das Gelüste wird dringender und unwiderstehlicher.
Der Gaumen, so eben durch Fritzchens Selbst⸗ gespräch aus dem Felde geschlagen, tritt mit er⸗ neuter Stärke auf den Kampfplatz und behält über Fritzchens Tugend und Enthaltsamkeit den Sieg. Und die Folge? Nun Fritzchen oder Peterchen ist ein guter Prophet; er hat sein Schicksal eben so gut vorausgesagt, als nur irgend ein Prophet des alten Testaments den Fall des stolzen Zion. Er bekommt richtig seine Makkes.
So ging's seither mit der Gedankenfreiheit. Du konntest deine Gedanken in deinem Herzenskämmer⸗ lein Audienz geben, soviel du wolltest; du durftest wettern über Unrecht und Gewaltthätigkeit, über Bedrückung und Willkühr und donnern im Innern deines Herzens, wie es dir beliebte; allein dein Mund mußte still sein, wie das Grab. Du durf⸗ test freie Gedanken schaffen, allein diese Gedanken⸗ werke des Geistes durftest du nicht auf den Markt des Lebens bringen, wie ihr Bauern die Früchte eures Fleißes und ihr Bürger die Producte eurer Kunstfertigkeit zum Verkaufe ausstellt; nein die Pro⸗ ducte und Früchte des Geistes, diese edelsten und schönsten Gaben der Menschheit, diese mußten so zu sagen in den Werkstätten der Gedanken verschlossen bleiben. Allein dieser Kerker ist endlich gesprengt; gelöst sind endlich alle Banden, durch welche die geistige Freiheit, die Freiheit der Rede und Schrift gefesselt war. Unser hochverehrter wahrhaft frei— gesinnter Erbgroßherzog, der sich, ein würdiger En⸗ kel Philipps des Großmüthigen, an die Spitze der
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freien Richtung gestellt hat, wie vor 300 Jahren sein großer Ahnherr, hat mit seinem geistes verwandten Minister eingesehen, daß die Fuͤrsten das heilige Recht der Menschheit, das Recht politischer und religiöser Freiheit den Völkern nicht mehr vorent—⸗ halten dürfen, wenn sie anders im Sinne der Volksstimme, d. h. der Gottesstimme regieren wollen.
So hat denn unser vielgeliebter Fürst im wohl⸗ verstandenen Interesse des hessischen Volkes, das seinerseits stets den Ruhm unwandelbarer Treue zum angestammten Fuͤrstenhause bewahrt hat, seinem Volk auch die vollkommenste Freiheit ertheilt, sich über das Wohl und Wehe seiner Mitbürger frei und offen auszusprechen, also auch Fehler und Gebrechen der Verwaltung zu rügen und zu tadeln, und vor das Forum(Gericht) des Volkes zu ziehen, und das Volk über seine Zustände politisch aufzuklären. So sind denn verschiedene politische Blätter wie Pilse aus der Erde gewachsen, von verschiedener Farbe und Bestrebung. Alle diese Blätter, sowie ihre Vertreter sind zu achten, sobald wahre poli⸗ tische Freiheit ihr Ziel und Zweck ist. Der Republi⸗ kaner wie der constitutionelle Monacchist verfolgen aber mehr oder weniger ein Ziel, d. h. sie streben nach Verwirklichung der Freiheit. Nur eine dritte Cohorte(Schaar) ist zu verachten, die Schaar der Reactionäre, die aber gegen die große starke Legion der Republikaner und Constitutionellen ohn— mächtig kämpft, wie die Nachtfliege gegen das ver— zehrende Licht. Feindin des Lichts, fliegt sie so lange gegeu dasselbe und sucht es durch ihren Flü— gelschlag zu tilgen, bis sie sich die zarten Finger und Flügel versengt und unter Weh und Ach das thörichte Beginnen mit schmerzvollem Tode bezahlt. Der Republikaner aber stimmt mit dem wahrhaft Constitutionellen in der Hauptsache überein, d. h. in der Idee des Fortschrittes. Er ist daher zu achten, besonders wenn seine Ueberzeugung und sein Streben nach Freiheit auf reinen und lauteren Be— weggründen(Motiven) beruht, wenn sein Streben nicht hervorgeht aus der getruͤbten Quelle des Eigen⸗ nutzes, der Ehrsucht, der Nachsucht, der politischen Unduldsamkeit, wornach man diejenigen, welche eine andere Ansicht vom Staate, oder einen andern po— litischen Glauben haben, mit den giftigen Waffen des Spottes verfolgt, wie Saulus das Christen⸗ thum mit der Schärfe des Schwertes. Wir müssen uns nach den Worten unsers göttlichen Meisters und Lehrers als Brüder eines Vaters betrachten. Brüder aber dürfen sich nicht verfolgen, wenn sie auch verschiedener Ansicht sind. Auch sagt die Schrift schon ausdrücklich:„Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht thut, der ist ihm angenehm.“ Dieser Spruch, welcher uns die


