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Offenes Schreiben an die Redaction des jüngsten Tags.
Mäßigung! Ordnung!
Der Herr Professor Vogt, Vater unsers Bür— gergarden-Obersten, sagt in einer Broschüre, worin er als Vertreter der allopathischen Heilmethode gegen die Afterweisheit der Homöopathie auftritt und durch seine gründliche und scharfsinnige Beweisfüh— rung nach dem Urtheile von Kennern in diesem Kampfe gegen die Homöopathen den Sieg behauptet, in keinem Gebiete der Wissenschaft sey die Charlata— nerie(Marktschreierei) mehr zu Hause, als in der Heil— wissenschaft. Das ist die sicherste Bürgschaft, der wahre Prüfstein ächter Wissenschaft, daß sie in einer Sprache spricht, die auch Laien verständlich ist. Eine solche Sprache führte Herr Professor Vogt mit solcher Kraft der Ueberzeugung, daß auch der Unterzeichnete, der nichts von Arzneiwissenschaft versteht, sowohl von den Vorzügen der Allopathie vollkommen überzeugt war, als auch von der weiteren Behauptung Vogt's, daß die Charlatanerie(Marktschreierei) keinen frucht— barern Boden habe, als in der Heilwissenschaft. Allein ich sehe mich jetzt nach ohngefähr 45 Jahren genöthigt, meine Ueberzeugung nunmehr in Bezug auf den Vorwurf der Halbwisserei und Charlata— nerie, der in jener Schrift die Heilkunde trifft, etwas zu verändern nach einem alten Sprichwort, welches auch die neue Zeit adoptirt(angenommen) hat: „die Zeiten ändern sich und die Menschen oder ihre Ueberzeugung ändert sich nach den Zeiten und Verhältnissen.“ Wir glau- ben nämlich jetzt, daß in unsern Tagen nirgends die Marktschreierei und Halbwisserei größer sey, als in manchen politischen Blättern unsrer Zeit. So hat neulich der„jüngste Tag“ in Nr. 32 durch das Organ einer seiner Sprecher in die Welt hineinge— rufen und angerathen:
1)„Preßvereine. Ein jedes Mitglied zahlt „eine Kleinigkeit, das macht doch schon so viel, daß „man die Zeitungen der republikanischen Partei in „alle Kneipen bis in's kleinste Winkeldörfchen un— „entgeltlich schleudern kann.“—
2)„Gehörig gegliederte Volksvereine.“
3)„Jeden Sonntag Nachmittag eine Volksver— „sammlung, wechselnd in den Bezirken, worin das „Volk mündlich und schriftlich in Allem belehrt wird.“
4)„Bewaffnung und Einübung der jungen Leute.“
Wir wollen auf die einzelnen Orakelsprüche des politischen Herolds und resp. politischen Trompeters eingehen. Wenn nun, Freund Becker, dein Markt— schreier ruft,„man solle Preßvereine gruͤnden,“ so bin ich damit einverstanden, insofern die politische Wahrheit und wahre politische Aufklärung dadurch
gefördert wird. Deßhalb müssen allerdings auch die republikanischen Blätter verbreitet werden. Denn gleichwie nur durch den Kampf widerstreitender Kräfte der Sieg errungen wird, so wird nur durch die Reibung und den Streit der Meinungen das Erzeugniß des Geistes, Wahrheit und Licht zum unendlichen Segen der Menschheit gefördert. Bis hierher galt nun bei dem Deutschen nur der Satz: „Gedanken sind zollfrei.“ Diese Gedanken⸗ sreiheit, das ewige, uralte Vermächtniß unsers lieben Herr Gottes, ist nun wie ein mächtiger Riese mit unbesiegbarer Kraft hervorgetreten und hat alle Schlag⸗ und Zollbäume, die der Gedankenfreiheit seither im Wege standen, niedergerissen. Dadurch ist es gekommen, meine lieben Bürger und Bauern, daß wir nicht allein frei denken dürfen, sondern daß wir auch frei sprechen dürfen. Die seitherige Gedankenfreiheit aber war ein Unding, eine wahre Mißgeburt, und der obige Volks— spruch:„Gedanken sind zollfrei,“ war ein bittrer Hohn auf die Freiheit des Denkens. Denn wenn wir diesen Ausdruck aussprachen, so geschah das immer mit einem mitleidigen Lächeln auf denjenigen, welcher in seiner geistigen Freiheit weiter ging, als es die Hemmschuhpolitik Metternich's vorschrieb. Wenn nämlich unser gutherziger Freund Michel oder Peter oder Caspar nicht blos frei dachte, sondern auch frei äußerte, was er dachte, und etwa Miß— stände und Verkehrtheiten im öffentlichen Leben, in Staat und Schule, in Gemeindeverwaltung u. s. w. tadelte, so hörte er gleich die warnende Stimme: Gedanken sind zollfrei— aber! das heißt: Ei Michel! Siehst du denn den Schlagbaum, den Zollbaum der Sprechfreiheit nicht, der da vor dir steht, und wenn dann der gewarnte Michel in seiner Verblendung doch noch fortfuhr, so rannte er plötz— lich an den Zollbaum der Sprechfreiheit so gewaltig an, daß er entweder mit ausgestoßenem Zahn oder mit zerquetschter blutiger Nase aus seinem Freiheits— schwindel erwachte und dann zu sich selbst sagte: ich dummer Teufel! war ich denn blind? Konnte ich denn nicht den Zollbaum sehen, er war ja doch so dick wie der dicke Kirmeßbaum bei der vorjähri⸗ Kirb(Kirchweihe, Kirmeß) an der ich mit meiner Kathrine, als ich ein bischen zu viel in's Glas geguckt hatte und mich nun in seliger Lust mit meinem Schatz um den bänderbeflatterten Maibaum drehte, so heftig anrannte, daß ich aus dem Him— mel meiner Seligkeit plötzlich so nüchtern auf die Erde fiel, daß mir den ganzen Tag die Tauzlust verging. Konnte ich mir nicht, so schließt dann Michel in seinem Selbstgespräch, konnte ich mir nicht ein Exempel daran nehmen? Nein in Zukunft passirt mir's nicht wieder! So war es mit der Gedankenfreiheit und mit der seitherigen Sprech—


