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reichlich ausgestatteten Vorträge oder Tyraden über
den alten deutschen Rock verlangte, sondern gesprochen haben wollte, wie es einem um's Herz war. Man sieht aber, unser parlamentarisches Leben liegt noch in den Windeln. Uebrigens war auch ohne Lorgnet⸗ ten deutlich zu erkennen, daß die größere Anzahl der Anwesenden entschieden den ausgesprochenen Ansich⸗ ten der genannten Redner beipflichtete.
Zuletzt trat auch Herr A. Becker von Gießen, der Redakteur des„jüngst. Tages“ als Candidat auf. Nachdem er mit Mühe von der Versammlung, von welcher die absolute Mehrheit ungestüm verlangte, daß er die Tribüne verlassen sollte, zum Wort zu— gelassen war, erklärte er, daß er bisher nicht als Candidat aufzutreten Willens gewesen sey, sich aber nach den gehörten Reden seiner Vorgänger, nunmehr dazu verpflichtet fühle. Alle Vorschläge derselben könnten dem Volke nicht helfen, es müßten die Für⸗ sten Deutschlands, deren Civillisten, Hofhaltungen uebst allen Anhängseln so viele Millionen verschlän⸗ gen, welche doch vom Volke aufgebracht werden müßten, mediatisirt werden. Habe dieses ein Napoleon gekonnt, daß er Hunderte von deutschen Fürsten aus der Liste der Regenten strich, habe es der Wiener Congreß nach ihm gethan, warum solle es jetzt das Volk nicht können, da die Gewalt nun an es ge⸗
kommen sey. Er wolle auch sein Glaubensbekenntniß
ablegen; er wolle ein deutsches Kaiserthum, wie es im Alterthume gewesen sey, zu welchem der Beste aus der Mitte des Volks gewählt werde, der die Beschlüsse des Volks auszuführen habe.— Dies ungefähr das Wichtigste aus dem Vortrage des Herrn Becker, so weit wir es aus seinen unzusammenhängenden Phrasen, welche zur Erhöhung des Effekts mit donnernder Stimme und Trappeln der Füße vorgetragen, oft aber durch das Volk unterbrochen wurden, entneh⸗ men konnten. Wir erkennen gern die Wahrheiten an, die wir auch in Herrn Beckers Rede gefunden haben, und vernahmen eben so gerne von ihm, daß er in Ordnung und ohne Störung des Besitzes seine Ansichten durchgeführt haben wolle, allein wir müssen doch demselben vorerst den guten Rath geben, wo er sich auf die Geschichte beruft auch seine Angaben ge⸗ schichtlich treu hinzustellen, oder man könnte sonst leicht zu dem Glauben verleitet werden, daß es auf Täuschungen abgesehen wäre, was doch von einem ächten Volksmann nicht erwartet werden kann. So sagte Herr Becker, in Deutschland seyen 3000 Für⸗ sten gewesen(), da habe Napoleon eine Nulle abgeschnitten, nun seyen es noch 300 gewesen, der Wiener Congreß habe noch eine Nulle ab— geschnitten, da seyen noch 30 geblieben. Wie in aller Welt läßt sich das historisch erweisen. Es waren kaum 300 Reichsstände im alten deut⸗ schen Reiche, seligen Andenkens, von welchen der größte Theil zu Napoleons Zeit mediatisirt und säcularisirt wurde, der Wiener Congreß hatte nur wenige mediatisirt. Oder wollte Herr Becker mit dieser Behauptung uns nur veranschaulichen, wie es ungefähr hergegangen wäre? Allein ein Bild, welches eine Sache veranschaulichen soll, darf nie zu Irrun— gen verleiten.— Weiter sagte Herr Becker, er wolle keine Republik in dem Sinne, wie man ihm oft vor⸗ geworfen habe, er wolle das ursprüngliche deutsche Kaiserthum wieder, wie es bestanden habe bevor die einzelnen Fürsten durch die Schwäche der Kaiser die
Souveränetät in ihren Territorien usurpirt hätten. Kaiser werde der Beste im Volke, dessen Wille für ihn Richtschnur sey und von ihm ausgeführt werden müsse. Klingt dies nicht wie bitterer Hohn gegen die Geschichte! Weiß denn Herr B. nicht, daß, um auf die ältesten Verfassungs⸗Zustände Deutschlands zurück— zugehen, zu deutschen Kaisern, als noch das Volk mit seinen Fürsten tagte, immer der Beste aus der Mitte der Letzteren, z. B. ein Friedrich Rothbart, Rudolf von Habsburg ꝛc. gewählt wurde, daß aber die deutschen Volksstämme, soweit die Geschichte reicht, immer Stammfürsten an der Spitze stehen hatten, deren Macht, als das später entstandene Kaiserthum (richtiger eigentlich: Königthum) in seiner Blüthe stand, allerdings sehr beschränkt wurde, so daß sie nunmehr als kaiserliche Beamten dastanden. Ja, es liegt in solchen aus der Luft gegriffenen Hypo⸗ thesen, die für geschichtliche Darstellangen ausgegeben werden, nicht blos bittere Ironie, sondern auch das Bestreben dem Volke die Augen zu schließen; allein in unsere Zeit gehört es, diesem die Augen zu öffnen und klar und wahr die früheren Zustände Deutsch— lands zu zeichnen. Was will aber Herr B. anders als die deutsche Republik, die er aber Kaiserthum und deren Präsidenten er Kaiser zu nennen beliebt, wenn er auch, was wir aus seinem demnächst zu er—⸗ folgenden Glaubensbekenntpisse ersehen werden, einen auf Lebenszeit gewählten Volks kaiser will? Seine Freunde, die nach ihm zu seiner Empfehlung redeten, sprachen sich deutlicher darüber aus. Wir gehören nicht zu jenen unwissenden Feiglingen, deren Einbil— dungskraft sich die Republik nicht getrennt von Mord, Sengen und Brennen und Zügellosigkeit jeder Art denken kann, wir erkennen vielmehr in der Verfas— sungsform, welche mit diesem Namen bezeichnet wird, ein schönes Ideal, das für Den, der gerne in den Regionen der Träume weilt, unendlich vielen Reiz hat, aber erst im Himmel sich vollkommen verwirk— lichen wird. Alle Republiken aber sind weit hinter diesem Ideal zurückgeblieben, selbst die nordamerika⸗ nische Union, welche man jetzt so oft als Muster hinstellen sieht, leidet an großen Gebrechen. Partei— kämpfe und Bürgerkriege, sind die unausbleibliche Folge der Republik, da hier dem menschlichen Ehrgeiz ein weites Feld eröffnet wird. Dazu ist auch in Deutschland das monarchische System so tief gewurzelt, des deutschen Volkes Blüthezeit, auf welche es noch jetzt mit Stolz zurück blickt, so eng mit diesem, damals auch auf volksthümlichen Grundlagen errichteten, Systeme verbunden, daß es sich nicht von demselben losreißen kann, ohne zugleich seine Eigenthümlichkeit aufzugeben. Gehen wir darum auf die deutsche Geschichte, welche auch noch heute der Deutschen Leh— rerin seyn sollte, zurück, so müssen wir erbliche Fürsten setzen. Darin aber stimmen wir Herrn B. gerne bei, daß die Civillisten, Apanagen, Hofhaltungen und was hiermit in Verbindung steht unter dem alten Regiment viel zu hoch waren, daß namentlich das als Spielwerkzeug und Zeitvertreib der Großen bis— her oft nur betrachtete Militär unendliche Summen (in manchen Staaten die Hälfte der Einnahmen) verschlang; allein unsere deutschen Fürsten werden gerne zur Verminderung der Lasten des Volkes Opfer bringen und sich durch Vereinfachung ihrer Hofhal⸗ tungen dem Volke so zu näheren suchen, daß sie wirklich das werden, was sie nach der Bedeutung


