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aber alle gemeinschaftlichen Angelegenheiten in Ver⸗ sammlungen aller freien Männer der Volkerschaft aus. Später bildeten diese Volksstämme große Ver⸗ bindungen und wanderten meist immer weiter nach Süden; die bedeutendsten dieser Völkerbünde waren die der Franken und Sachsen. Der Anführer der Bünde, oder auch später der Stämme hieß Herzog, (weil er vor dem Heere herzog). Die Franken nannten hernach, weil sie verschiedene Herzoge hatten, ihren obersten Anführer König und nachdem sie ganz Gallien erobert hatten, gab es ständige erbliche Könige über das ganze Frankreich, zu welchem der südliche Theil von Deutschland mitgehörte. Der mächtigste und berühmteste Frankenkönig, Karl der Große, besiegte die damals noch heidnischen Sachsen und vereinigte dadurch Frankreich, Deutschland und einen großen Theil von Italien in seiner Monarchie. Ihm setzte der Pabst die römische Kaiserkrone auf und legte dadurch den Grund zu dem Gedanken an eine Herrschaft über das ganze Abendland. Seine Enkel theilten das große Reich und seit dem, es sind nun über tausend Jahre her, war nun Deutschland ein eigner Staat unter Königen, die meistens zugleich auch den Titel als römischer Kaiser führten. Aber weil dieses große Land stets von einzelnen Volks— stämmen bewohnt war und dieselben sämmtlich, wenn auch unter der Herrschaft der Franken vereinigt, doch ihre eignen hergebrachten Verhältnisse beibehielten, so standen unter diesem König die Herzoge über die alten Volksstämme und deren Länder und in diesen die als Richter über jeden Gau gesetzten Grafen, daneben blieben in jedem Stamm die alten eigen— thümlichen Einrichtungen auch stets bestehen, so daß schon seit länger als tausend Jahren Deutschland meistens mehr als ein Bund der einzelnen uralten Volksstämme unter einem König, als ein einziger gleichmäßig organisirter Staat anzusehen war.
Die Fürsten und Herzoge der Volksstämme wur— den von jeher meist aus den angesehnsten Häuptlingen des Stammes gewählt und ganz übereinstimmend da— mit wählten auch später, als das Geschlecht Karls des Großen ausgestorben war, alle Stämme Deutschlands, ihren Herzog an der Spitze, aus der Zahl der Fürsten und Herren. Diese wußten aber nach und nach entweder durch ihr Herzogen- oder Gaugrafen-Amt, das ursprünglich nur das Recht das Gericht zu hegen, enthielt, großen Grundbesitz zu er— werben, oder auch umgekehrt es erwarben die großen Grundherrn die Gerichtsbarkeit und so bildeten sich nach und nach unter dem deutschen Kaiser und König erbliche Herzogthümer, Fürstenthümer, Graf- und Herrschaften, viele Bauern geriethen auch unter die geistlichen Bischöffe, die dann den Herzogen und Grafen gleichgeachtet wurden. Sieben der bedeutend— sten Fürsten wurde später das Recht den deutschen
König zu wählen allein übertragen, und dadurch wurden die übrigen Fürsten und das Volk davon ausgeschlossen.
(Forts. folgt.)
Gießen.(Eingesandt.) Zufällig kam uns in diesen Tagen ein Blatt in die Hand, zu dessen Lese— kreis wir nicht gehören, der„jüngste Tag.“ Ei⸗ ner seiner Posaunenbläser hat darin seine Posaune zur Verschreiung eines Mannes in Bewegung ge— gesetzt, der einer der achtbarsten Bürger unserer Stadt ist, und durch seine Gewerbthätigkeit Hunder— ten von Menschen Ar beit und Nahrung giebt. An den Federn erkennt man indessen den Vogel; eine Krähe wird kein Verständiger für eine Lerche halten. Der geschmähte Herr Georg Philipp Gail braucht es sich darum nicht zu Herzen zu nehmen, wenn er in dem„jüngsten Tag“ eine kreis— und polizeiräthliche Kreatur“ geschimpft und unter andern ihm auch der Vorwurf gemacht wird, er habe sich in Frankfurt in der Sitzung einge— schlichen, sich aber unbemerkt entfernt, als zwischen Republik und Monarchie entschieden worden sey. In hiesiger Stadt ist es bekannt, daß Herr Gail grade einer der muthigsten Kämpfer gegen alle Will— kührherrschaft schon in einer Zeit war, wo die mei— sten unserer Brauseköpfe noch in Knabenkleidern spiel— ten; wie ein Tollhäusler hat er sich freilich niemals gebehrdet.
Um nicht als Werkzeug der Bedrückung sich ge— brauchen zu lassen, legte er sogar das Bürgermeister— amt einst nieder, was vor und nach ihm keiner gethan hat. Auch als Vertreter der Stadt Gießen war er standhaft der liberalen Richtung zugethan und ist auch jetzt noch fortdauernd dafür bekannt. Ihn sah man niemals sich zudrän— gen, wenn eine Deputation gemacht werden sollte, um in der Zeit, als Gießens Bürgerschaft noch Werth auf die Blüthe der Universität legte, die Ab— wendung der Gefahren zu erbitten, die einem Zei— tungsschreiber gefiel, seine guten Gießener träumen zu lassen: dafür kann er es aber auch jetzt Andern überlassen, ihre Gesinnungen zu ändern und das Horn, in das sie sonst geblasen hatten, nun mit demjenigen eines überschwänglichen Freiheits— rausches zu vertauschen, bis sie beim Erwachen von diesem vielleicht mit bitteren Thränen zu spät das bereuen werden, was sie gethan haben, oder was sie Andre mit sich haben thun lassen.—
Herr Gail war mit vollem Recht in die Ver— sammlung in Frankfurt eingetreten. Er brauchte sich nicht mit ein paar handvoll hinterlistig aufge— brachter, unbekannter Namensschriften zu versehen, und damit fälschlich für einen Volksgesandten


