Ausgabe 
7.4.1848
 
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Bürgers, frei und offen, entschieden und ohne Rück⸗ halt seine Ansicht auszusprechen; denn da es den meisten von uns abgeht, öffentlich als Redner auf zutreten, so lauft man Gefahr, die Meinung einzel ner Sprecher und geübter Volksredner als die Mei nung, die Ansicht Aller hinzunehmen, und es könnten daraus Täuschungen entstehen, die von allen Seiten beklagt werden müßten.

Daß ich hier auf schriftlichem Wege vor die Oeffentlichkeit trete, hat zum Grunde, daß auch ich kein Redner bin. Daß ich meine Ansichten über baupt hier niederlege, geschieht aus der Ueberzeugung, daß viele meiner Mitbürger dieselben theilen, daß aber bis jetzt von keinem der Volksredner auch un⸗ sere Meinung vertreten worden ist. Es geschieht aber auch aus der Ueberzeugung, daß durch Ver schiedenheit der Meinungen allein nur die Wahrheit gefördert werden kann, und dann glaube ich endlich, daß bei meiner Bekanntschaft mit dem Staats- und Volksleben der Schweiz, Frankreichs, Englands und namentlich der Vereinigten Freistaaten Nord amerika's, deren Bürger ich während 10 Jahren gewesen, mir ein Urtheil, ein kaltes, nüchternes Ur theil über die Tagesfragen zustehen dürfte, um so mehr, da ich als Mann des Volkes, als Handwer ker und Geschäftsmann im Leben selbst gestanden und mich darin bewegt, meine Erfahrungen also nicht aus Büchern geschöpft habe.

Wir haben uns bisher in Baden, wie in andern deutschen Landestheilen in konstitutionellen Formen bewegt, in konstitutionellen Formen, die bis auf die Freiheit der Presse und den Mangel eines öffentlichen Gerichtsverfahrens freier gewesen sind, als die fran⸗ zösische Charte, welche einst die Julitage geboren. Wir haben schon seit 30 Jahren hier ein treffliches Wahlgesetz, welches erst vor kurzer Zeit von den Franzosen erstrebt werden sollte, und welches Ver anlassung wurde, daß Frankreich in diesen Tagen den Zufällen der Republik anheim gefallen ist. Wir haben sogar konstitutionelle Verfassungen in Deutschland, die freier sind, als die gepriesenen freien Verfassungen von England, von Nordamerika; ich meine namentlich hier die Verfassung Kurhessens mit dem Einkammer-Systeme. Aber dennoch sind wir Deutsche, und namentlich unter uns die Kurhessen, in unserem politischen Leben nicht so vorwärts ge gangen, haben es nicht so gehandhabt und ausge beutet, als dies hätte geschehen sollen und hätte ge⸗ schehen können. An wem liegt die Schuld, frage ich, daß es so gekommen? Liegt sie allein an den Fürsten? Nein, sie liegt in der Hauptsache an uns, an uns, dem deutschen Volke.

(Fortsetzung folgt.)

Trotz der ernsten Lehre und Warnung, welche der erste Trupp belgischer Republikaner bei ihrem Zug nach Belgien zu Quievray erhalten, hat es doch schon ein zweiter Trupp gewagt, Belgien mit Ge walt republikanisiren zu wollen, ist aber vom belgi schen Militär übel empfangen und mit großem Ver lust an Todten, Verwundeten, Gewehren und Fahnen gänzlich zersprengt worden. Keine Republik!

»Aus Rendsburg schreibt die Bremer Ztg. vom 30., daß dort eine Staffette an die provisorische Regierung mit der Nachricht gekommen, es seyen 1800 Mann dänische Truppen in Hadersleben einge rückt; sofort ist eine Staffette an den König von Preußen abgeschickt worden, nunmehr sogleich die Truppen in Schleswig einrücken zu lassen(der König von Preußen hatte nämlich erklärt, daß er jede Feindseligkeit Dänemarks gegen Schleswig als eine Kriegserklärung Preußens ansehen werde).

Dießmal fangen die Polen ihre Revolution bei einem bessern Ende an, was auch die Hoffnung auf bessern Erfolg gibt. Das Comité zu Posen erklärt nämlich unter Anderem in einer politischen Proklamation:Wir als auserwählte Behörden des Volks erklären daher, daß alle bisher unter uns existirenden Standesunterschiede hiermit völlig und zwar für immer aufgehoben sind. Es gibt keinen Adel, es gibt keinen Bauern mehr, es gibt nur freie Bürger, unter einander gleich, da wir ja alle Kinder einer Mutter, Polens, sind und diese zu er⸗ lösen und unsere erste und heiligste Pflicht seyn muß!

In Frankfurt a. M. hat sich am 6. April ein Polen-Comit⸗ä gebildet, welches die Unterstützung Polens in seinem bevorstehenden Freiheitskampfe und zunächst die Unterstützung der aus Frankreich nach ihrer Heimath ziehenden Polen, von welchen einzelne Kolonnen in wenigen Tagen durch unsere Stadt kommen werden, bezweckt. Es ist sehr zu wün schen, bei der Sympathie Deutschlands für die pol nische Sache, daß sich auch hier in Gießen, zu obigem Zweck ein Comité bildet; hierzu ladet auf morgen, den 8. April Abends 8 Uhr in der Leib schen Wirthschaft ein,

ein Freund für Polen's Freiheit.

Privat- Anzeige. Für Schießliebhaber. Sonntag den 9. April, Nachmittags, findet Schei⸗ benschießen und Schießübungen aus freier Hand, auf dem Hardthofe, Statt.

Berichtigung. In Nr. 1 d. B., S. 4., Sp. 2. 3. 9 von oben, lese statt: Solare, Sela de.

Druck und Verlag der C. D. Brühl' schen. Buch- und Steindruckerei in Gießen.