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ittheil ungen.
Nr. 8. Mittwoch den 3. Mai 188.
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Das deutsche Parlament, o der: die Gesammt-Verfassung Deutschlands. (Fortsetzung.)
Einzelne Ehrsüchtige werden sich zu Tyrannen aufwerfen. Fremde Völker werden über unsere Hei⸗ math herfallen und uns unter ihr Joch knechten, oder wenn wir uns ermannen und den äußeren Feind von uns abhalten, so wird einer der kräftigsten und in⸗ triguantesten Heerführer sich das Scepter über uns anmaßen und uns mit eiserner Ruthe züchtigen, und wir, die wir mit einer vernünftigen Freiheit nicht zu⸗ frieden waren, werden jedenfalls Sclaven werden, Sclaven von Rotten und Parteien, oder Sclaven von Fremden, oder Sclaven eines Usurpators.
Aber wo stehet das geschrieben? wird man fragen. Das steht geschrieben klar und deutlich auf den Blät⸗ tern eines großen Buchs, das heißt die Geschichte. Es kommt auf der Welt nichts vor, was nicht schon einmal in ähnlicher Weise da gewesen wäre; man sehe also nur nach, wie es schon mehr gegangen hat, wenn man aus einem Jahrtausende lang monar⸗ chisch regierten Staat, dessen Bewohnern alle eigent⸗ lichen republikanischen Tugenden noch fehlen, geschwind eine Republik machen will. Viele von uns haben es noch selbst an Frankreich erlebt; sie erinnern sich noch, wie dort der Sturm aller Leidenschaften los⸗ gelassen wurde, sobald Frankreich das monarchische System verlassen hatte und die republikanische Freiheit den Thron bestieg. Mit diesem Moment war die Freiheit selbst, wie Recht und Sicherheit in Frank⸗ reich aufgehoben. Partei verfolgte die Partei, Blut und Mord auf ihren Spuren; kein freies Wort durste Jemand mehr wagen, es konnte ihn binnen 24 Stunden auf die Guillotine führen; erst knechtete das grausamste Schreckenssystem, dann ein über⸗ müthiger Soldat die Franzosen. Das war der Segen der Republik! Sollte es bei uns wohl viel anders gehen? Sollte unser Volk viel reifer seyn zur repu⸗ blikanischen Verfassung als es die Franzosen 1792 waren? Bis jetzt haben wir keine Beweise hierfür
vielmehr viele für das Gegentheil. Man sehe nur wieder in die Geschichte und vergleiche unter welchen Bedingungen die Republik bei einem Volke gut gethan hat? So lange das Volk rein von Sitten und ein⸗ fach in seinen Verhältnissen ist, so lange es noch in der Blüthe seiner Jugend steht, hält sich auch eine republikanische Verfassung bei ihm und ist ganz geeig⸗ net es zu seiner höchsten politischen Kraft zu fördern, besonders wenn es von Natur ein kriegerisches ist und Gelegenheit hat, die Waffen jederzeit nach außen zu kehren. Aber selbst in den besten Zeiten der griechischen und römischen Republik finden wir oft Kränkungen des Rechts durch die Parteisucht oder aus Furcht vor dem Ehrgeiz. Aristides der Gerechte wurde des Landes vertrieben, Soerates mußte den Giftbecher trinken in der schönsten Bluͤthezeit des atheniensischen Freistaats. Hunger und Noth drückte die römischen Plebs, während Rom sich zur Herr⸗ scherin der Welt machte und keine Gerechtigkeit war gegen einen viel geltenden Patrizier zu erhalten. Ueberhaupt würden jene Zustände, kannten wir ihre Schattenseiten genau genug, sich auf die unserigen überhaupt nicht übertragen und mit ihnen vertauschen lassen. Doch wie lange konnte Rom und Griechen— land als Republik bestehen? nicht länger als das Volk die republikanischen Tugenden, Mäßigung, Ge⸗ meinsinn, Biederkeit und Sitteneinfachheit in hin— reichendem Grade besaß. Sobald seine Verhältnisse complicirter wurden, als sich Armuth und Reichthum schied, als Selbstsucht und Particularismus, Schwel⸗ gerei und Untreue einnisteten, da war es auch nicht möglich die Republik zu erhalten; sie machte nach schweren Kämpfen und großem Blutvergießen, dem andern Extrem, der Despotie, Platz. Eben so wenig ein in sich unfreies Volk länger unter republikanischer Verfassung bestehen kann, eben so wenig kann ein längere Zeit unterdrücktes mit Bestand auf einmal in die freieste Form des Staates in die Republik übergehen. Alle die, welche behaupten, die Deutschen seyen bisher so sehr von ihren Fürsten in der Scla⸗ verei gehalten worden, mußten daher schon von selbst gegen den Freistaat stimmen, weil das Volk dann


