Ausgabe 
31.1.1897
 
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Nr. 26

1897.

Postztg. Nr. 3239 a. Telephonu⸗Nr. 112.

Gießen, Sonntag, den 31. Jannar

Ausgabe

Gießen.

Postztg. Nr. 3239. Telephon⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzelle.

Lokales und Provinziesles.

* Gießen, 30. Januar, Stadtverordneten⸗ versammlung. Der Oberbürgermeister Gnauth er⸗ öffnet um Uhr die Sitzung. Ein Gesuch des Kom⸗ merzienrats Wilhelm Gail, bei seinem Tonwerk einen Trockenofen und eine Halle erbauen zu dürfen, wird, da es sich um die Erweiterung einer industriellen Anlage handelt, ausnahmsweise genehmigt. Ein Baugesuch des Wilh. Schäfer II für den Asterweg wird aufgrund des§ 16 des Lokal⸗Baustatuts beanstandet, weil nach Ausführung des Gebäudes weniger wie/ der bebauten Fläche als Hof verbleibt und dem Gesuch nur stattzugeben ist, wenn das hinter dem projektierten Vorderhause befind⸗ liche Stallgebäude entfernt wird. Das Gesuch des Heinrich Benner, seine an der Anatomie belegene Wasser⸗ bude umbauen und gleichzeitig etwas vergrößern zu dürfen, findet die Genehmigung der Versammlung.(Der Gesuch⸗ steller hat bei Errichtung der Verkaufsbude eine Abgabe von 3 4, später 30 pro Jahr an die Stadt gezahlt und soll jetzt für die Benutzung des Platzes 120, pro Jahr entrichten.) Georg Appel III und Johannes Kasp. Heß haben gemeinsam die Kutscher Huhnsche Hof raithe in der Löwengasse erworben und wollen die alten Gebäude niederlegen und an deren Stelle ein Doppelhaus errichten; sie beantragen die Bauflucht linie für die Löwengasse festzusetzen. Ihrem Ersuchen wird nachgegeben, indem diese Linie nach vorliegendem, vom Stadtbauamt gefertigten Plane, auf eine Straßen⸗ breite von 8 Meter festgesetzt wird. Der evange⸗ lische Arbeiterverein ersucht um Abtretung städt. Geländes zur Erbauung von Arbeiterwohnhäusern rechts von der Frankfurterstraße. Die Baudeputation schlägt hierfür ein Gelände von 4000 Quadratmeter, am Wege nach den Kohlensträngen als geeignet zu dem Zwecke vor und empfiehlt als sogenannter Freundschaftspreis pro Quadratmeter 4, von der Baugenossenschaft zu ver⸗ langen. Stadtv. Helfrich ist der Meinung, daß die Stadt das Gelände in Rücksicht auf den gemeinnützigen Zweck, den die Gesuchstellerin mit der Erbauung dieser Wohnhäuser ausübe, das Gelände mit 3 pro Quadrat⸗ meter abgeben solle. Stadt v. Heyligenstädt ist der Meinung, daß 4 /, die man fordere, gerade kein Freund⸗ schaftspreis sei und daß man doch bedenken müsse, daß man seitens der Stadt gleich eine größere Parzelle los würde, wenn für die projektierten Häuser mindestens pro Haus 250 Quadratmeter annehme, so würde A 4/ der Bauplatz zu teuer, er sei der Meinung, daß 3/ für das Gelände ein angemessener Preis sei. Der Oberbürger⸗ meister weist darauf hin, daß man von Seiten der Freunde der evangel. Baugenossenschaft der Sache einen schlechten Dienst leiste, wenn man es etwa so hinstellen würde, als wenn das fragliche Gelände überhaupt nur 3 oder 4, Wert habe. Der wahre Wert des Geländes sei entschieden höher und man könne ja, wenn es gewünscht werde, den Versuch durch eine Versteigerung machen. Stadtv. Petrie, Mitglied der Baudeputation, ist für die Abgabe von 3 pro Quadratmeter. Stadtv. Löber hält den geforderten Preis von 4/ für sehr gering. Stadtv. Wallenfels hält das Gelände für den geforderten Preis für halb geschenkt. Die Baugesellschaft scheine es nicht zu würdigen, wie entgegenkommend sie von der Stadt bei ihrem Geländeerwerb behandelt werde. Stadtv. Helf rich ist der Ansicht, daß bei einer Versteigerung des

Baugeländes im einzelnen nicht viel mehr als 4 Mark für den Quadratmeter herauskommen werde, sei doch am Seltersweg für das Volksbad für den Quadratmeter nur ca. 10/ bezahlt worden. Der Oberbürgermeister erklärt, daß der Stadt gar kein Gefallen damit geschehe, wenn die Baugesellschaft ihr das ganze Gelände abnehme. Man gebe derselben zu dem angebotenen Zwecke auch weniger ab. Er wolle bei dieser Gelegenheit mitteilen, daß die Eisenbahn⸗Direktion Frankfurt wegen Gelände, zur eventuellen Erbauung von Wohnhäusern für ihre Be⸗ amten angefragt habe und den geforderten Preis von 6 A pro Quadratmeter für sehr mäßig erklärt habe. Stadtv. Heichelheim bemerkt, er habe jüngst eine ab⸗ fällige Kritik über die Arbeiierhäuser in der Zeitung gelesen(Hessische Landeszeitung. Red.) und frage an, ob diese Kritik berechtigt sei oder nicht. Stadtv. Heyligenstädt erklärt, daß die Arbeiter-Wohnungen gut und gesund seien, daß es wohl vorkomme, daß einer oder der andere der Hausinhaber einmal ein Zimmer ab⸗ vermiete, aber Mißstände hätten sich dabei noch nicht herausgestellt. Stadtv. Vogt stellt den Antrag, den Vorschlag der Baudeputation abzulehnen und das be treffende Gelände öffentlich meistbietend zu versteigern. Stadtv. Löber erklärt, sich persönlich davon überzeugt zu haben, daß die Inhaber der Wohnhäuser in der Landmannstraße ganze Wohnungen abvermieten, nur um den Hauszins bezahlen zu können. Entweder seien die Häuser für den Ar⸗ beiter zu teuer, oder die Sache werde nicht so gehandhabt, wie es solle. Der Hinweis des Stadtverordneten Heichel⸗ heim sei wohl am Platze gewesen. Die Abstimmung ergiebt Annahme des Vorschlages der Baudeputation, da⸗ mit ist der Antrag Vogt beseitigt. Aus der Vorlage des Voranschlags des Stadterweiterungsfonds pro 1897/98, gegen den die Versammlung nichts zu erinnern hat, er⸗ giebt sich, daß die Stadt einen Zinszuschuß von 3500 1 gegen 2800, des Vorjahres zu diesem Fond zu leisten hat. Verfügbare Mittel sind in Höhe von 34000 , vorhanden. Der Quadratmeter Baugelände der früher Rabenauschen Besitzung, rechts von der Frank⸗ furterstraße, stellt sich nach Veräußerung der Hofraithe auf 92 pro Quadratmeter, deren effektiver Wert ist natürlich bedeutend höher. Die Versammlung ge⸗ nehmigt auf Antrag der Direktion des Gas- und Wasser⸗ werks, welchem Antrag die Gas⸗ und Wasserdeputation zustimmt, in Rücksicht auf das Steigen der Kohlenpreise, eine Erhöhung der Kokespreise um 5 resp. 10 per Zentner mit Wirkung vom heutigen Tage, dabei soll die bisher gewährte Vergünstigung bei größerer Abnahme dieses Materials nur im Sommer und nur wenn Vor⸗ räte vorhanden, gewährt werden. Der Voranschlag des Gaswerks pro 1897/98 schließt in Einnahme und Aus⸗ gabe mit 323 531,40 ab. Der veranschlagte, an die Stadtkasse abzuliefernde Ueberschuß beträgt 38 000 ,, 10000 mehr als im Vorjahre. Eine Verbilligung des Gaspreises empfehle sich nicht. Für die Besol⸗ dung der Later nen wärter ist im Voranschlag eine Erhöhung von 500/ vorgesehen, ebenso sind Gehalts⸗ erhöhungen für die Beamten im Etat berücksichtigt. 3500 sollen verwandt werden zur Verbesserung der Straßen⸗ beleuchtung(Glühlicht) und sind hierzu 82 Laternen in Aussicht genommen, so daß mit den schon bestehenden 224 Laternen mit Glühlicht versehen sein werden, während im Ganzen 560 Straßenlaternen vorhanden sind. Der Voranschlag wird nicht beanstandet. Stadtv.

Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Fortsetzung.)

Bei Leibe nicht! Das halt' ich nicht aus. Sieh, mein Frauchen, ich mach mich den Tag über müde und habe an so viel anderes zu denken, da mag ich denn am Abende gern etwas Leichtes, Lustiges hören, bei dem man sich ausruhen kann. Und das mußt Du mir doch zugeben, Reginchen, amüsant ist Dein Freund Goethe wirklich nicht!

So kam es, daß Regine sich entschließen mußte, die ausgesuchten Bücher allein zu lesen. Des Abends kam dann Hans Arnold mit dem frischen,

uxwüchsigen Humor an die Reihe und scheuchte die

Sorgenfalten von des Hausherrn Stirne, der nicht genug lachen konnte über die, dem täglichen Leben so glücklich abgelauschten Scherze.

9*

*

Ende November machten Hellings zu meersten Male eine kleine Gesellschaft mit bel Gutsnachbarn. In der Hausfrau begrüßte Regine eine alte Be lannte und Verwandte Lottchen Palzin, die den dicken Rittergutsbesitzer von Rechow vor zwei Jahren geehelicht hatte. Sie war eine tüchtige, rundliche, kleine Dame geworden, die ihre Wirtschaft vortrefflich im stande hielt. Die frühere Redseligkeit schien noch größere Dimensionen angenommen zu haben. Sie empfing Regine mit zahllosen Küssen und Lieb kosungen.

Das ist zu herrlich, Regine, Dich nun so in der Nähe zu haben! Aber nun komm, packe Dich aus und erwärme Dich an einem Täßchen Kaffee. Du findest hier heute alle versammelt, die zu unserem näheren Verkehr gehören zu Ehren von meines Richard Geburtstag; lauter nette Menschen, sie werden Dir sehr gefallen!

Damit ward Regine hineinkomplimentiert in den

Saal, in welchem eine Schar geputzter Menschen

der jungen Frau voller Spannung entgegen sah. Nun begann die Vorstellung. Da war Onkel Rechow, alter Junggeselle, Gutsherr auf Ditten, eine urfidele Haut mit ewig durstiger Kehle. Da war der lange, kahlhäuptige Assessor Abesser, der in das stagnierende Leben des Nachbarstädtchens immer Bewegung zu bringen wußte. Er arrangierte Bälle und Liebhabertheater, machte den ehrsamen Bürgersfrauen in unerhörter Weise den Hof und hätte einmal beinahe ein Duell zu stande gebracht. Aber dieses sensationelle Ereignis ward zum ge heimen Bedauern der ganzen Bewohnerschaft durch die unerschütterliche Friedfertigkeit des Geforderten hintertrieben, der öffentlich um Verzeihung bat.

Der jugendliche Landrat war mit der jugendlichen Gattin vorhanden, beide noch etwas verlegen im Gefühl der Verantwortlichkeit ihrer Stellung, beide eifrig nach Beliebtheit trachtend.

Ferner erblickte man den behäbigen Großgrund besitzer von Mellenthin mit Frau und zwei hübschen Töchtern, welche es aber für frivol hielten, sich modern zu kleiden, und ein ohrenverletzendes Ost preußisch sprachen. Einige junge Offiziere der nächsten Garnison vervollständigten die Gesellschaft

Frau Lottchen Rechow hielt es für die erste und wichtigste Hausfrauenpflicht, keinen ihrer Gäste ohne verdorbenen Magen zu entlassen. Um vier Uhr gab es Kaffee mit massenhaftem Kuchen; um sechs Uhr ward Obst, Torte und Wein gereicht, um acht Uhr kam Thee mit belegten Brödchen, um neun Uhr endlich das warme Abendessen von drei Gängen.

Regine bemühte sich, liebenswürdig zu sein. Sie antwortete geduldig auf die stereotype Frage: Wie haben Sie sich in Ihrem neuen Heim einge lebt, gnädige Frau? daß sie sich ausnehmend wohl fühle im viel geschmähten Ostpreußen und suchte sich in ihrem heiß entbrannten, wirtschaftlichen Eifer

Wallenfels fragt an, woher es kommt, daß die Glüh⸗ lichtstrümpfe, welche das Gaswerk liefere, erheblich teurer seien, als die von privater Seite offerierten. Direktor Bergen erklärt, daß es bei dem Artikel sehr auf den Gasverbrauch der verschiedenen Fabrikate ankomme, auf die Brenndauer der Strümpfe. Der Voranschlag für das Wasserwerk schließt mit 159 360,20 in Ein⸗ nahme und Ausgabe ab, er stellt sich insofern günstiger, als die Stadt das Wasser für öffentliche Zwecke, welches sie früher mit 25 pro Kubikmeter, im letzten Vor⸗ anschlag mit 20, für das gleiche Quantum im vor⸗ liegenden Voranschlag mit 15 in Rechnung stellen konnte, sodaß bei diesem Posten allein 11 000& erspart werden. Der Wasserbedarf belaufe sich im Jahre auf täglich 2090 Kubikmeter, wovon die alten Quellen 560, Queckborn 1530 Kubikmeter liefere. Im Jahre würden 880 000 Kubikmeter Wasser konsumiert, von denen die Eisenbahn allein 255 000 Kubikmeter erhalte. Das Queck⸗ borner Wasserwerk liefere aber allein pro Tag 3000 Kubikmeter Wasser und werde daher erst zur Hälfte in Anspruch genommen. Der Wert des Wasserwerks steht mit 1 280 000& zu Buch und liefere an Zinsen zu 4 pCt. gerechnet 500 000& an die Stadtkasse ab. Der Voranschlag des Wasserwerks wird hierauf genehmigt. Die Vorlage der Rechnung des Gas- und Wasser⸗ werks pro 1895/96 wird, nachdem dieselbe von den Stadtv. Schiele und Keller geprüft und richtig be⸗ funden, zur Kenntnis genommen. Als Mitglieder des Vorstandes für die Aktien⸗GesellschaftGießener Volks⸗ bad werden die Stadtv. Dr. Gaffky und Haubach gewählt. Stadtv. Vogt hat unter Angabe stichhaltiger Gründe seine Wahl als Mitglied der Viehmarktkommission abgelehnt. Auf Vorschlag der Stadtv. Heichelheim und Schmall wird an dessen Stelle Stadtv. Orbig gewählt. Dem Heinrich Knorr wird die Erlaubnis zum Wirtschaftsbetrieb für den alten Schützenhof, Grünberger⸗ straße, erteilt. In Abwesenheit des Oberbürgermeisters berichtet Stadtv. Scheel über die Prüfung der Rechnung pro 1896/97, welche keine Anstände ergeben hat. Es folgt eine geheime Sitzung.

* Gießen, 30. Januar. Ein bemerkens⸗ wertes Urteil hat das hiesige Gewerbe⸗ gericht gefällt. Es handelt sich um die Frage, ob die sogenannten Heimarbeiter Anspruch auf Kündigung erheben können. Das Gießener Gewerbegericht gebildet aus dem Beigeordneten Wolff als Vorsitzenden und dem Bahnhofsrestau rateur Kirch, sowie dem Metallarbeiter Krüger als Beisitzenden bejahte nach Vernehmung von drei Sachverständigen diese Frage. Ueber den Sachverhalt entnehmen wir der heutigen Nummer derMitteldeutschen Sonntags⸗Zeitung das folgende:

Der Regimentsschneider Gonder vom 116. Inf.⸗Reg. in Gießen beschäftigte seit Jahren eine Anzahl Schneider, die in ihrer eigenen Wohnung für ihn arbeiteten, und zwarauf Stück. Seither wurde nie gekündigt, wenn das Arbeitsverhältnis gelöst wurde. Der Schneider ging oder, besser gesagt, arbeitete nicht mehr für Gonder, wenn es ihm nicht mehr paßte und dieser gab keine Arbeit mehr, wenn es ihm gefiel. Zur Kranken- oder Alters⸗ und Invaliditätsversicherungs-Kasse hatte Gonder keinen der Schneider angemeldet. Zwischen Weihnachten und Neujahr glaubte sich Gonder von einem seiner

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Schneider, Müller, vernachlässigt und gab demselben keine neue Arbeit mehr heraus. Müller klagte nun seinen durchschnittlichen Verdienst für 14 Tage in Höhe von 40& ein. Er machte geltend, daß er nur Geselle des Gonder gewesen sei und demgemäß Kündigungszeit verlangen könne. Gonder bestritt das. Er habe dem Müller seiner Zeit, als dieser ihn nach Arbeit gefragt, Arbeit mitgegeben. Seitdem habe M. ununterbrochen für ihn gearbeitet. Er betrachte den Müller als einen selbst⸗ ständigen Schneider, dem er nicht zu kündigen brauche. Er wisse z. B. auch, daß M. nebenher noch für andere Schneidermeister gearbeitet habe. Müller giebt das in zwei Fällen, wo es sich um mehrere Paare Hosen gehandelt habe, zu. Das sei aber zu einer Zeit gewesen, in der ihn Gonder nicht ausreichend beschäftigt habe. Sonst habe er nur während der ganzen Dauer des Ver⸗ hältnisses für Gonder gearbeitet. Dieser habe oft so viel Arbeit gehabt, daß er, Müller, auf Anraten Gonders, sich noch einen Schneidergesellen habe zur Hilfe engagieren müssen. Als Sachverständige waren geladen die Herren Nathan Stamm und Wilhelm Stumpf, beide Ju haber größerer Geschäfte, die sowohl Werkstatt⸗ als auch Heimarbeiter beschäftigen. Stamm erkennt eine Kündigungspflicht nur den Arbeitern gegenüber an, die auf der Werkstatt arbeiten. Seinen Heimarbeitern zu kündigen, halte er sich nicht verpflichtet. Dasselbe schienen auch die Arbeiter für das Richtige zu halten. Im Stich gelassen hätten Heimarbeiter ihn schon, vorher gekündigt habe noch keiner. Stumpf meint, es würde wohl nie gekündigt, aber er glaube, die Verpflichtung dazu liege vor. Auf Vorschlag des Vorsitzenden, Beigeordneten Wolff, wird nun auch noch der zufällig als Zuhörer anwesende Schneider Diehl, Heimarbeiter, als Sach⸗ verständiger vernommen. Dieser fpricht sich in bestimm⸗ tester Weise aus. Wenn auch auf beiden Seiten fast stets auf das Kündigungsrecht verzichtet werde, so könne dies doch nichts daran ändern, daß die Kündigungspflicht zu Recht bestehe. Der Heimarbeiter sei genau so gut der Geselle des Meisters, wie derjenige, der auf der Werkstelle des letzteren arbeite. Gelte für diesen die Kündigungs⸗ zeit und das sei zweifellos so gelte sie auch für jenen. Der Gerichtshof fällte nach längerer Beratung das Urteil, daß der Beklagte verurteilt sei, dem Kläger die für die 14 Tage beanspruchten 40& zu zahlen und die Kosten zu tragen. Die letzteren betragen sonst meist nur wenige Groschen, sind aber diesmal etwas höher, weil Herr Stumpf für seine Vernehmung 1,50 4 beanspruchte. Von den übrigen Herren verlangte niemand etwas.

Gießen, 30. Jan. Das Großherzogliche Ministerium der Finanzen hat kürzlich beschlossen, daß die Staatsschuldverschreibungen der dem⸗ nächst auszugebenden Zprozentigen Großh. Hessischen Staatsanleihe bei Stellung von Kautionen aller Art zum Partikurse ange⸗ nommen werden sollen.

* Gießen, 30. Jan. Für die Aktionäre der Hessischen Ludwigs⸗Eisenbahn⸗Ge⸗ sellschaft dürfte es von Interesse sein, daß, wie von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, den e Ständen in aller Kürze ein Gesetzent⸗ wurf über die Einrichtung eines Großh. Hessischen Staatsschuldbuches zugehen soll. Der Entwurf schließt sich im wesentlichen

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den Rat der erfahrenen Hausfrauen zu Nutze zu machen, der besse Weg, um ihre Gunst zu gewinnen.

Aber nun fühlte Assessor Abesser das Bestreben, die Gesellschaft, in der sich Männlein und Weiblein zu sondern begannen, in anderer Weise zu teilen, indem er Alter und Jugend zusammenbrachte. Alles, was die Vierzig noch nicht überschritten hatte, wurde an einen großen Tisch zitiert, auf welchem Papier und Bleifedern bereit lagen.Schreibspiele hieß die Losung. Wenn es etwas gab, das Regine haßte, so war es diese Art des Zeitvertreibens.

Sollen wir berühmte Männer aufschreiben, deren Namen mit S beginnen, oder befehlen Sie Städte mit dem Anfangsbuchstaben W? fragte sie mit resigniertem Seufzer.

Nichts dergleichen, meine gnädige Frau, mit solchem Kleinkinderkram befassen wir uns hier nicht, lautete des Assessors stolze Antwort,wir schreiben Romane.

Romane? klang es überrascht von allen Seiten. Abesser mußte sich näher erklären.

Ein jeder schreibt auf sein Stück Papier obenan einen Romantitel, knifft dann um und reicht das Blatt seinem Nachbar zur Rechten, der das Vorhergeschriebene nicht lesen kaun und nun den ersten Satz liefern muß. Dann wird wieder um geknickt, der nächste schreibt weiter, und so geht's fort. Keiner darf ahnen, was auf dem Zettel steht. Hat jeder seinen Senf dazu gethan, dann wird vor gelesen. Punktum, anfangen!

Allgemeine Stille trat ein. Man sah nur einige, ratlos aufblickende Augenpaare, die wohl auch verzweifelt nach dem Papier des Nachbars schielten, hörten einige Stoßseufzer und das Kritzeln der Bleifedern. Nach einer Viertelstunde Arbeit war das Werk gethan. Abesser entfaltete den ersten Bogen.

Kousinenmord aus Ueberzeugung oder der blutige Knochen, hub er an.

Schallendes Gelächter.

An einem wunderschönen Sommernachmittage

saß Karl in seinem Zimmer und speiste ein Butterbrot.

Vielversprechender Anfang, murmelte der Landrat.

Halt ein, Schurke, rief die totblasse Melanie, und fiel ihm mit lautem Aufschrei hindernd in den Arm.

Lauter Beifall.Hatte wohl selbst Hunger, wintzelte ein Lieutenant.

Auf den Wellen sah man in weiter Ferne ein rätselhaftes Etwas treiben. War es ein umge stürzter Kahn oder gar die entwendete Kassette?

Jetzt wird's spannend, meinte Rechow.

Nein, es war ein langer, schwarzer Sarg, in dem der Herr Assessor die erhaltenen Liebesbriefe des letzten Winters beigesetzt hatte.

Allgemeiner Lärm. Der Vortragende energisch Ruhe.

Die Herrschaften werden sich überzeugen, daß hier gemogelt worden ist; der Satz bezieht sich auf Vorhergegangenes. Der Schuldige hat sich zu melden und ein Pfand Strafe zu entrichten, ver kündete er in vollendetem Gleichmute, als ahnte er garnicht, welcher Assessor gemeint sein könne.

Wirres Durcheinander von Stimmen; natürlich wollte niemand der Thäter sein. Endlich meldete sich der Verfasser des Titels, nun ward nach rechts hin abgezählt, und der blonde Lieutenant von Dewitz sollte als Schreiber des vierten Satzes ungeachtet seines Sträubens eben ein Pfand zahlen, als Frau Lottchen zum Abendbrot rief.

Der Assessor aber hatte beschlossen, sich vor der Großstädterin Regine in seinem vollen Glanze zu zeigen. Kaum war der letzte Bissen verzehrt,

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