Ausgabe 
1.1.1897
 
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Gießen, Freitag, den 1. Januar

1897.

Posiztg. Nr. 3239. Telephon⸗Nr. 112.

Ausgabe

Gießen.

Postztg. Nr. 3239 a. Telephou⸗Nr. 112.

Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.

2okales und Provinzielles.

* Gießen, 30. Dezember. Der soeben an e Stadtverordneten verausgabte Verwal⸗ ungsbericht unserer Bürgermeisterei für das sechnungsjahr 189596 äußert sich betreffend er zu erwartenden Kanalisation wie folgt: Im April 1895 hat der Stadtbaurat Lindley in frankfurt a. M. das von ihm vollständig neu searbeitete, umfassende Projekt der unterirdischen entwässerung unserer Stadt zur Vorlage ge⸗ sracht; das Projekt ist inzwischen Gegenstand piederholter Kommunikation zwischen seinem Berfasser und dem Stadtbauamt gewesen und vird demnächst der Beschlußfassung der Stadt⸗ serordueten⸗Versammlung unterbreitet werden, zasselbe trägt in weitsichtiger Weise, über die iugenblickliche Ausdehnung des Stadtbereiches hinaus, auch jeder künftig möglichen Entwicke⸗ ung der Stadt Rechnung; es sieht die alsbal⸗ gige Aufnahme auch der Fäkalien und nach zoraufgegangener mechanischer Reinigung der Abwässer deren Einführung in die Lahn vor. Die Kosten der alsbald und in der nächsten Zu⸗ kunft auszuführenden Gesamtanlage sind auf 1840000 4 veranschlagt und ist dafür eine etwa 6jährige Bauzeit in Aussicht genommen.

* Gießen, 31. Dez. Die Zimmer stutzen⸗ Gesellschaft hielt gestern Abend im Schützen⸗ verein ihre erste Schießübung in dieser Saison ab. Der Vorsitzende Helm begrüßte die Erschie⸗ nenen und betonte, daß die Schießübungen dem Zweck dienen, den Schützen Gelegenheit zu geben auch der Wintermonate sich im Gebrauch der Waffen zu üben. Wir bemerken, daß an diesen nt sich auch Nichtmitglieder beteiligen können, da diese Gesellschaft eine vollständig vom Schützenverein unabhängige Vereinigung bildet, die jeden Mittwoch im Schützenhause ihre Schieß⸗ übungen abhält. 5

* Gtetzen, 31. Dez. Während in Hessen, dank des weifen Eisenbahnvertrags mit Preu⸗ ßen, eine Erhöhung der Fahrpreise auf dem preußischen Tarif 4% für die dritte, 6. für die zweite und 8 für die erste Klasse be⸗ vorsteht, treten jetzt auf den bairischen Bahnen besondere Vergünstigungen in Kraft. Wir lesen darüber: Der Antrag der Handels⸗ und Gewerbekammer für Unterfranken und Aschaffenburg auf Einführung von 1000 Kilo⸗ meterfahrscheinheften bei den bairischen Staats⸗ eisenbahnen nach dem Borbilde in Baden, mit Fahrtaxen von 2 Pfg. für die 3., 4 Pfg. für die 2. und 6 Pfg. für die 1. Wagenklasse der Personenzü e pro Kilometer, sowie 1 Pfg pro Kilometer Zuschlag für alle Klassen der Schnell⸗ züge, hat die Frage der Personentarifreform neuerdings wieder in Fluß gebracht, nachdem sich die badische Einrichtung inzwischen bewährt 5. soll. Wahrscheinlich gelingt es, in Baiern ie Fahrpreisermäßigung durchzusetzen und zwar nicht nur für 1000 Kilometer-Fahrscheinhefte, sondern für alle Fahrten überhaupt. In Hessen heißt es bekanntlich jetzt großherzoglich hessische,

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preit der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile

königlich-preußische Das genügt. * Aus Oberhessen, 29. Dezember. Die seit sieben Jahren in dem schön gelegenen Lind⸗ heim bestehende landwirtschaftliche Haushaltungs schule beginnt nächsten Montag ihren ersten 1897er fünfmonatlichen Lehrkursus in der Vor⸗ bereitung junger Mädchen zur Führung einer wohlgeordneten bürgerlichen Haushaltung. Die Leitung der Anstalt ist einer Hausmutter und einer Industrielehrerin übertragen, während zwei Lehrer in den Fortbildungsfächern, Buchführung u. dergl. Unterricht erteilen. Auch ist für geist⸗ und gemütsbildende Lektüre gesorgt und wird der Gesang gepflegt. Das Institut steht unter der bewährten Oberaufsicht und Verwaltung des landwirtschaftlichen Bezirksvereine Büdingen und eines Ortskomitees zu Lindheim.

* Darmstadt, 31. Dezember. Heute hat sich ein Mann der 12. Kompagnie des 115.

Eisenbahnen.

Schrift wird dabei der Regierungsantritt des Prinzen Karneval verkündet, der an diesem Tage seine Getreuen zu einem fröhlichen Konzerte ver⸗ sammelt, zu dem die hervorragendsten Karneval⸗ poeten der Gegenwart Chorlieder verfaßt haben. Dieses Konzert findet in der dekorierten Stadt⸗ halle statt und wird ausgeführt durch die Kapelle des 118. Infanterie-Regiments unter Leitung des Kapellmeisters Schneider, Narrhallesen haben unter Vorzeigung des Sternes freien Zutritt.

5 1 29. Dezember. Heute Morgen kurz vor 6 hrstürz te sich der bei einem Arzt in der Christophstraße in Behandlung befindliche M. Preß VI von Raunheim vom vierten Stockwerk in den Hof und war sofort tot. Der Unglückliche soll vorher zu einem andern Kranken geäußert haben, daß er sein Gewissen beschwert fühle und deshalb sterben möchte. Der in der Nacht vom 26. zum 27. Dezember

Inf.⸗Reg., als er auf Posten stand, mit seinem Dienstgewehr erschossen.

* Mainz, 30. Dezember. Der in Bonn ver⸗ storbene ehemalige Gouverneur unserer Stadt, General von Woyna, wurde bei seiner vor einigen Jahren erfolgten Pensionierung zum Ehrenbürger ernannt, und zwar in Folge seines Wohlwollens gegen die Bürgerschaft, der er sehr zugethan war. Herr von Woyna trat am 5. August 1837 als Sekondelieutenant in das 17. Regiment in Wesel ein, machte im Jahre 1848 auf 1849 die Kämpfe in Schleswig und Jütland mit und führte 1866 als Oberst und Komman⸗ deur das Füsilier⸗Regiment No. 39 bei der Marinearmee. Im Jahre 1870 wurde er Kom⸗ mandeur der 88. Infanteriebrigade und trug viel zur Erstürmung der Spicherer Höhen bei, außerdem kämpfte er siegreich in 5 großen Schlachten, 4 Belagerungen und zahlreichen Ge⸗ fechten. 1880 wurde er Gouverneur von Mainz und 1887 trat er in Pension. Er wird auf seinen Wunsch hier beerdigt.

* Mainz, 30. Dezember. Der berüchtigte Friedrich Peter Teufel, der in der Nacht vom 18. zum 19. November in dem benachbarten Gonsenheim einem Landwirt ein Schwein aus dem Stalle trieb und dasselbe in Mainz ver⸗ kaufte, wurde heute von der Strafkammer des Landgerichts wegen schweren Diebstahls zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. Teufel hat sich noch in Wiesbaden, Mannheim, Würzburg und Aschaffenburg wegen weiterer Einbruchs diebstähle zu verantworten. Gestern und heute wurde eine aus vier Personen bestehende Hehlerbande verhaftet. Der Hausbursche eines großen Warenhauses hatte im Laufe der Zeit umfang⸗ reiche Diebstähle verübt und die gestohlenen Waren teils bei sich und teils bei Hehlern versteckt.

* Mainz, 29. Dezember. Am Neujahrs⸗ tage tritt man hier in das Zeichen des Kar ne⸗ pals. Die närrische Saison wird eröffnet durch den Umritt von 12 Herolden, Trompetern des 27. Fel dartillerie-Regiments, in Kostüm durch die Straßen der Stadt. Durch Wort und

durch einen Schnellzug bei Weisenau totgefahrene und in Stücke zerrissene Mann, wurde als der in geordneten Verhältnissen lebende Cementar- beiter Josef Schreiner, aus Fulda stammend, er⸗ kannt. Er hat kurz vor der Katastrophe zu Kollegen gesagt, daß dies sein letzter Lebenstag sei. Es liegt also zweifellos Selbstmord vor.

* Mainz, 29. Dez. Vor dem Schöffen⸗ gericht sollte heute Vormittag der Be⸗ leidigungsprozeß des Margarinefabrikanten Mohr gegen vier hiesige Lokalolätter verhandelt werden. Die Sache wurde auf den 6. März vertagt. Mit den hiesigen Augenärzten hat die Stadt Mainz ein Ulebereinkommen ge⸗ troffen, daß sie gegen eine Entschädiguag von je 500. per Jahr die Stelle von Wohnungs⸗ inspektoren übernehmen. In der Nähe von Partenheim wurde bekanntlich auf Pfingsten d. J. ein Landwirt Namens Kunkel ermordet aufgefunden. Die Untersuchung wurde einge⸗ stellt, da sie zu keinem greifbaren Resultate führte. Seit einigen Tagen ist nun die Unter⸗ suchung wieder aufgegriffen worden, da sich neue Verdachtsmomente ergeben haben.

* Mainz, 30. Dez. Zwischen Nackenheim und Nierstein ereignete sich gestern Abend gegen ½10 Uhr ein höchst merkwürdiger Un⸗ glücksfall. Ein Fuhrmann aus Laubenheim, Namens Görlich, hatte einem Fuhrwerk der Kreuznacher Glashütte in der Richtung nach Nierstein Vorspanndienste geleistet. Beim Rück⸗ weg mußte er zwischen obigen Stationen den Bahnübergang passieren. Von hier schwenkte das Pferd ab und trabte den Schienen entlang, was der Lenker des Pferdes, der auf demselben saß und eingeschlafen war, gar nicht merkte. Plötzlich wurde er aus seinem Schlummer durch einen schrecklichen Stoß aufgerüttelt. Der um diese Zeit fällige Worms⸗Mainzer Personenzug erfaßte Roß und Reiter und schleuderte beide zur Seite; das Pferd blieb sofort tot und der Fuhrmann wurde schwer verletzt, sodaß er gestern Abend noch in das hiesige Hospital verbracht werden mußte. Der Mann soll gar nicht wissen, wie sich das Unglück eigentlich ereignet hat.

edition: Kreuzplatz Nr. 4.

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K. Launsbach, 31. Dez.(Aus Gram gestorben.) Vor längerer Zeit war der Schweinehirt Schieferstein einem hiesigen Ein⸗ wohner bei dem Transport eines Schweines nach dem benachbarten Wismar behülflich. Da ge⸗ rade in unserem Dorfe die Maul⸗ und Klauen⸗ seuche herrschte, wurde Sch. zur Anzeige gebracht und vom Schöffengericht zu 10 l. Geldstrafe verurteilt. Der arme Mann gedachte auf dem Berufungswege die Strafe los zu werden, jedoch wurde seine Berufung verworfen, sodaß ihm noch obendrein die Kosten zweier Instanzen zur Last fielen.Das ist mein Tod! erklärte er nach der Verhandlung. Thatsächlich erkran kt e der Mann aus Gram über den für ihn nicht unerheblichen Verlust und auch seine Prophe⸗ zeihung ist wahr geworden, denn er starb am 1. Weihnachtstag.

Vermischtes.

Ein neues Spielzeug. Der auf Reun⸗ bahnen in neuester Zeit mehrfach gemachte Versuch, ein Rennpferd mit dem Radfahrer konkurrieren zu lassen, hat ein recht niedliches Spielzeug gezeitigt, welches Charles Damorest in Fort Anna, Neu⸗Yersey, durch ein ameri⸗ kanisches Patent sich hat schützen lassen. Dasselbe besteht nämlich aus einem Fahrzeug, auf dessen oberen plattform⸗ artigen Teil außer einem mit zwei Figuren besetztem Tandem ein Fuhrwerk angeordnet ist, wie solches beim Trabrennen Verwendung findet. Durch einen Schnurzug, welcher nach einer Mitteilung des Patent⸗ und tech nischen Bureaus von Richard Lüders in Görlitz von einer der Laufachsen dieses Fahrzeuges ausgeht, werden sowohl auch die Radfahrer, als auch das Pferd bezw. die Beine des⸗ selben in Bewegung gesetzt.

Wann trägt die Eisdecke? Ueber die Tragfähigkeit des Eises sind vielfach ganz irrige Vor⸗ stellungen verbreitet, die nicht selten todbringende Unfälle zur Folge haben. So giebt es Waghalsige, die das Eis schon betreten, wenn es 2 bis 3 Centimeter dick ist, während es erst bei einer Stärke von 4 Centimeter ein⸗ zelne Personen, aber keine Anhäufung von solchen, sicher zu tragen im Stande ist. Hat es eine Stärke von 8 Centimeter erreicht, so mag man sich ihm sorglos anvertrauen und bei einer Stärke von 12 Centimetern können es selbst leichte Wagen befahren. Wenn die Dicke des Eises 35 Centimeter überschreitet, so vermag es selbst die größten Lasten zu tragen, aber nur bei Frostwetter. Das Eintreten von Tauwetter löst das innere Gefüge des Eises so rasch, daß selbst noch dickes, sonst gut tragfähiges Eis nicht mehr ohne Gefahr betreten werden kann.

Marktpreise.

Gießen, den 31. Dezember. Auf dem heutigen Wochenmarkte kostete: Butter per Pfd. 1 1,20, Hühner⸗ eier 1 St. 78, Enteneier, Gänseeier, Käse 58, Käsematte 3, Erbsen per Liter 17, Linsen 28 Pfg., Tauben per Paar 5060 Pfg., Hühner p. St. 90 1,00, Hahnen 60 100, Enten 1,50 1,70, Gänse per Pfund 4464, Ochsenfleisch 66 74, Kuh⸗ und Rindfleisch 60 bis 66, Schweinefl. 56 66, Schweinefl., gesalz. 70 72, Kalbfleisch 50 54, Hammelfleisch 5065, Kartoffeln pro 100 Kilo 4,50 5,00, Zwiebeln per Zentner 4,00 Mark, Milch per Liter 16 Pfg.

Verleger: Paul Bader in Marburg, Verantw. Redak⸗ teur: Wilhelm Sell, Druck von E. Ottmann, beide in Gießen.

Mächte der Finsternis. Roman von Helmuth Wolfhardt. (Nachdrud verboten.)

(Fortsetzung.)

Ich begreife diese Empfindung nicht nur, ver⸗ sicherte Bernhard eifrig,sondern ich teile sie voll⸗ kommen. Wenn jenes Gerede wirklich die Wahr⸗ heit trifft, und wenn der Schuldige noch unter den Lebenden weilt, so kann jeder ehrliche Mann nur wünschen, daß sein Verbrechen endlich aus Licht komme und daß ihn die härteste, furchtbarste Strafe treffe, welche menschliche Gesetze nur immer ver hängen mag.

Wohl hatten die Erinnerungen au den düstersten und schreckenvollsten Tag ihres jungen Lebens einen leichten Schatten in die sonnige Helle der Glück⸗ seligteit geworfen, welche die beiden Liebenden um⸗ fing, aber sie waren doch nicht im Stande, ihnen

die überschwängliche Wonne dieser paradiesischen Stunden dauernd zu trüben. Wie im Fluge rauschten ihnen die wenigen Tage dahin, welche sie miteinander verleben durften, und als Rodewald dann die Heimreise nicht länger aufschieben konnte, wurde dem jungen Brautpaare das Abschiednehmen fast noch schwerer als dereinst vor acht Jahren. Und doch sollte es sich diesmal nur um eine kurze Trennung handeln, denn schon im nächsten Früh⸗ ling wünschte Rodewald auf dem Herrenhause von Sanphofen die Hochzeit seines geliebten Töchterchens gefeiert zu sehen.

Achtes Kapitel.

Mit Tosen und Brausen kündete ver Lenz sein Nahen an. Wüder und ungeberdiger waren die

über das flache Land dahingefegt als in diesem Jahre. Es war, als solle noch einmal wie zur Zeit der großen Sintflut dem tobenden Gewässer die Herrschaft eingeräumt werden über das feste Land, denn die Schleusen des Himmels waren nicht nur Tag und Nacht geöffnet, sondern auch die ge waltigen Schueemassen in den Gebirgen kamen so plötzlich ins Schmelzen, daß die Flüsse, die von den Bergen herab dem Meere zustromten, in ihren altgewohnten Betten kaum noch Raum genug hatten für ihre reißenden Wasserfluten.

Die Bewohner von Rothhaide machten in diesen Tagen ernste Gesichter, denn der Warnungsruf, welcher den ganzen Küstenstrich durchhallt hatte, war für sie von einer besonderen mahnenden Be deutung. Die älteren unter ihnen erinnerten sich noch deutlich genug und mit geheimem Grauen der furchtbaren Wassersnot, welche dereinst einen erheb lichen Teil ihrer Stadt in Trümmer gelegt und alles urbare Land in weuem Umkreise auf Jahre hinaus in unfruchtbare Sandwüsten verwandelt hatte. Auch damals hatte man sich vor dem Ein⸗ tritt des elementaren Ereignisses vollkommen sicher gewähnt hinter hohen Dämmen und stark befestigten Deichen bis plötzlich schäumende Wogen die Dämme hinweggespült und die Deiche durchbrochen hatten, um sich meilenweit hinein zu wälzen in das un glückliche Land, erbarmungslos mit sich fortreißend, was als Hemmnis auf ihrem Wege stand.

Obgleich also die Schutzbauten an den Ufern des breiten Stromes überall scheinbar im besten Zustande waren, fühlte man sich doch angesichts der

ungewöhnlichen Regengüsse und der bedrohlichen

Aequinoktialstürme kaum jemals vom Meer her

Gerüchte aus den höher gelegenen Gegenden, in denen ein Wolkenbruch auf den anderen folgte, keineswegs außer aller Gefahr, und an denjenigen Stellen, die einen etwaigen Durchbruch des Wassers am ehesten befürchten ließen, war eine große Anzahl von Männern unausgesetzt mit der Befestigung und Verstärkung der Deiche beschäftigt. Die dadurch bethätigte Vorsicht schien in Wahrheit dringend ge boten; denn der Spiegel des Flusses, der seine gelben schlammigen Wogen mit ungestümer Schnellig⸗ keit dahinwälzte, war fortwährend im Steigen, und das im Gegensatz dazu immer tiefer sinkende Baro meter kündete eine Fortdauer der so gefürchteten stürmischen und regnerischen Witterung an.

In den späten Abendstunden eines dieser bangen Tage war es, als durchnäßt und vom Winde zer zaust ein halbwüchsiger Junge das Herrenhaus von Sandhofen betrat. Er wünschte den Gutsherrn selbst zu sprechen, und als er zu Rodewald geführt wurde, meldete er, daß er von der Aufwärterin des Herrn Milow, den man noch immer allgemein nur den Packmeister nannte, geschickt worden sei. Es ginge demselben heute sehr schlecht, und er hätte wiederholt den Wuunsch zu erkennen gegeben, Herrn Rodewald zu sprechen. Wenn es möglich wäre, möchte dieser doch sogleich kommen, denn nach der Meinung der Aufwärterin werde der Packmeister die Nacht kaum überleben.

Rodewald war ohnedies fertig zum Ausgehen gekleidet, denn es war seine Absicht gewesen, sich zur Anfeuerung der Arbeiter auf den Deich zu be geben. So konnte er der unerwarteten Aufforder ung, welche da an ihn erging, ohne Zögern Folge

leisen. Daß ibn dieselbe in hohem Grade über

raschte, war nach der Art der Beziehungen, welche bisher zwischen ihm und dem ehemaligen Packmeister Milow bestanden, natürlich genug. Früher war er mit dem Manne öfter in eine ganz oberflächliche Berührung gekommen, und etwas Näheres über ihn hatte er eigentlich nur an jenem Abend er⸗ fahren, als man sich im Wartezimmer des Bahn hofs zu Rothhaide über den entlassenen Beamten, seine unglückselige Leidenschaft und seinen gemein⸗ gefährlichen Charakter unterhielt. Dann hatte er ihn gänzlich aus den Augen verloren, und erst durch Elisabeths Verlobung mit dem Sohne war es ihm bekannt geworden, daß Milow immer noch am Leben sei und in seinem einsamen Häuschen ein jammer. volles, sieches Dasein von Tag zu Tag mühselig weiterschleppe. Nach der Heimkehr von der be deutungsvollen Sommerreise war er in Elisabeths Begleitung zu dem Kranken gegangen, um ihm die künftige Schwiegertochter selbst vorzustellen; aber er hatte den ehemaligen Packmeister in einer Ver fassung gefunden, die selbst die schlummsten Er wartungen noch sehr weit hinter sich ließ. Ein hohläugiger, vom Fieber geschütelter und gan Gerippe abgemagerter Greis war es, der da kläglich in sich zusammengesunken in dem Lehn stuhl am Fenster saß, und wenn auch die Auf; wärterin ausdrücklich versicherte, daß er bel dolle Verstande sei, so war doch sein Benehmen ganz darnach angethan, dies ernstlich bezweifeln zu lassen. a

(Fortsezung folgt.)