Ausgabe 
24.1.1897
 
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Redal⸗ Ottmann, belde in Gießen.

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worden. In den Ruhestand versetzt wurde er, mit Wirkung vom 1. Februar l. J. ab, auf sein Nachsuchen.

* Gießen, 23. Januar. Der hessische Landtag wird, wie bereits gemeldet wurde, Dienstag, den 9. Februar zusammentreten.Bei dieser Tagung, so schreibt das nationalliberale Mainzer Tagblatt,wird es sich nicht um die Be⸗ ratung des de für 1897/99, sondern um die Wahl der beiden Präsidenten und um die Bildung der Ausschüsse handeln. Was den ersten Präsidenten anbelangt, so ist es als feststehend zu betrachten, daß er aus der natio nalliberalen Partei hervorgehen wird, da auch die sozialdemokratische Fraktion entschlossen ist, die erste Präsidentenstelle einem National⸗ liberalen, als einem Vertreter der stärksten Partei, zu übertragen. Nur in der Personen⸗ frage bestehen noch Meinungsverschiedenheiten, die jedoch kaum in Betracht kommen werden. Ueber die Person des zweiten Präsidenten ver lautet noch nichts bestimmtes. Doch dürfte die Wiederwahl des seitherigen zweiten Präsidenten Wolfskehl außer Zweifel stehen. In den ver schiedenen Ausschüssen, für welche die Kandidaten schon bestimmt sind, wird von jetzt an auch die sozialdemokratische Fraktion vertreten sein. Die Beratung des Staatsbudgets, dessen Aufstellung und Drucklegung noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen wird, soll, soweit be kannt, in diesem Frühjahr nicht mehr erfolgen. Dagegen wird die Regierung eine Verlängerung des Pn ee auf ein Jahr beantragen und, falls das Gesetz in der zweiten Kammer Geneh migung findet, was nach dem Stande der Ver⸗ staatlichung der Hessischen Ludwigsbahn außer Zweifel steht, soll die Beratung des Staats⸗ budgets bis in den Herbst d. J. verschoben werden. Demgemäß wird die erste Tagung des 771 voraussichtlich nur von kurzer Dauer ein.

* Gießen, 23. Jan. Die Dienststunden des Hauptpostamts sowie der Stadtpost⸗ stelle für den Verkehr mit dem Publikum an den Sonntagen und gesetzlichen Feier⸗ tagen werden vom 24. d. M. ab auf die Zeit von 79 Uhr vormittags im Sommer, von 89 Uhr vormittags im Winter und von 5 bis 6 Uhr nachmittags festgesetzt.

* Gießen, 23. Januar. Ueber die Be⸗ schaffenheit der Briefumschläge und ihre Zulässigkeit zur Beförderung sind neuerdings Bestimmungen getroffen worden. In kaufmän⸗ nischen Kreisen hat sich in letzter Zeit der Brauch

befinden. Solche Briefsendungen sollen fernerhin nicht mehr befördert, sondern dem Absender zu⸗ rückgegeben werden. Nach den Bestimmungen der Postordnung sollen auf der Außenseite(dem Briefumschlag) nur noch auf den Stand, die Firma oder das Geschäft des Absenders bezüg⸗ liche Angaben und Abbildungen insoweit zulässig sein, als dieselben etwa in der Ausdehnung den sechsten Teil der Vorder- oder Rückseite der Umschläge nicht überschreiten. Auf der Spitze der Verschlußklappe können Zeichen oder Ab bildungen enthalten sein, welche als Ersatz für einen Siegel⸗ oder Stempelabdruck anzu sehen sind.

* Gießen, 23. Jan. Nachdem erst gestern die nochmalige Aufführung des äußerst ge⸗ lungenen Programms des Winterfestes des Veteranenvereins zum Besten seiner Unter⸗ stützungskasse bekannt gemacht, ist, wie wir er⸗ fahren, die Nachfrage nach Eintrittskarten be⸗ reits eine sehr starke. Es dürfte daher unseren werten Lesern und Leserinnen zu empfehlen sein, sich alsbald mit Eintrittskarten zu versehen. Nach allem, was wir immer mehr über die erste Aufführung erfahren, steht auch ein wirklich genußreicher Abend in Aussicht, zumal ebenfalls für den instrumentalen Teil sehr gesorgt ist. Unsere Regimentskapelle unter persönlicher Leitung des Musikdirektors Herrn Krauße, wird konzertieren und somit dürfte allen An⸗ forderungen Genüge geleistet werden. Wir em⸗ pfehlen nochmals den Besuch der Vorstellung allen Kunstfreunden.

* Gießen, 23. Januar. Der Historische Verein für das Großherzogtum Hessen hätt seine dritte Monats versammlung am Montag, 25. Januar, abends Uhr, im Hause der Vereinigten Gesellschaft zu Darmstadt ab. Auf der Tagesordnung steht: Vortrag des Herrn Beck, Obersten und Kommandeurs des Großh. Gendarmeriekorps:Die Errichtung des Kreis⸗ regiments im Jahre 1867 und sein erster Kom⸗ mandeur Hartmann Samuel Hoffmann von Löwenfeld.

* Gießen, 23. Jan. Wie man uns mit⸗ teilt, hat Herr Ludwig Sier in Gießen ein Schreibpult mit endlosem, über die Schreib⸗ fläche geführtem Rollenpapier konstruiert und die Eintragung desselben in das Gebrauchsmuster Register bewirken lassen.

* Gießen, 23. Jan. Man schreibt aus dem Odenwald: Eine Thatsache, die unbestritten den Vorzug hat, vereinzelt dazustehen, ist wohl von allgemeinem Interesse. Der durch seine

* Gießen, 22. Januar. Am 26. d. Mts. findet infolge des Eutscheides des Großh. Ministeriums die Neuwahl noch eines Mitgliedes zur Handelskammer statt. Bei der jüngsten ersten Wahl zu dieser Körperschaft erregte es be⸗ sonders in Detaillistenkreisen allgemein kein ge⸗ ringes Kopfschütteln über den ganz unbegreif⸗ lichen Wahl⸗Modus. Doch stützt sich die vorsündflutliche Wahlmethode auf das am 17. November 1871 erlassene Handelskammergesetz für das Großherzogtum. Der Artikel 12 dieses Gesetzes bestimmt nämlich:

Jeder Wähler zieht in dem Wahlzimmer einen der auf der einen Seite mit fortlaufen⸗ den Nummern versehenen Stimmzettel und legt denselben, nachdem er auf jener Seite die Bezeichnung derjenigen, welche er zu wählen beabsichtigt, eingetragen hat, in den verschlossenen Stimmkasten. Ueber die ganze Wahlhandlung ist ein Protokoll aufzu⸗ nehmen, welches die Namen der Abstimmen⸗ den, jede Abstimmung mit Angabe der Nu m⸗ mer des betreffenden Stimmzettels, sowie auch das Ergebnis der Zusammen⸗ stellung der Stimmen enthalten muß ꝛc.

Das Wahlprotokoll nebst den Stimmzetteln muß nach Art. 3 des Gesetzes öffentlich für die Wahlberechtigten ausliegen, so daß sich jeder ge nau überzeugen kann, wie Hinz oder Kunz ge⸗ wählt hat. Der ganze Wahlakt ist also hiernach ein geheimer, aber kontrollierbarer! Damen, welche Inhaberinnen eines Geschäfts sind, können ihre Stimme nach Art. 3 des Ge⸗ setzes in eigener Person nicht abgeben, es sei denn, daß sie fich den Luxus eines handelsge richtlich eingetragenen Prokuristen gestatten; der berechtigt ist, sich an der Wahl zu beteiligen.

Gießen, 23. Jan. Der gestrige Amberg⸗ Vortrag hatte einen noch stärkeren Zuspruch zu verzeichnen. In den Gängen, selbst im kleinen Saal standen die Zuhörer Kopf an Kopf. Das Interessanteste war unstreitig die Vorführun der Röntgenschen X⸗Strahlen in dem voll⸗ ständig dunklen Raum. Reicher Beifall wurde besonders dieser Piece des Programms zuteil. Der Vortrag war erst gegen 11 Uhr zu Ende.

* Gießen, 22. Januar. Im Café Krämer in den Neuen Bäuen hielten heute Nacht die Kellner eine Versammlung ab. Die Be⸗ ratungen begannen um 2 Uhr. Es drehte sich um die Begründung einer Vereinigung.

* Gießen, 22. Jan.(Schöffengerichts⸗ sitzung.) Gegen die angeklagte Dienstmagd Elisabethe Fleischer wurde wegen Nicht-

g delch 2 1 lte. Nr. 20 Gießen, Sonntag, den 24. Jaunar 1897. 4 U und trat 8 alle dnl ba N 9 66 9 f 1 N 4* rofessor 8 1 Lei gegen die 1 d genomm 1 8 l uin 4 A en a0 l elt f Parten J n 5. mene de 8 konswez 7 für Au west fire den öbreitun 9 zu wollen 0 Pofigtg. Nr. 3239 a. Postztg. Nr. 32392. henwürdz,,der Telephon⸗Nr. 112. Telephon⸗Nr. 112. rdige 3 1 6 2. 8. wiener Wie Redaktion: 7 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.* Expedition: Kegletz aus Kreuzplatz Nr. 4. 88 Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Ispaltige Petitzeile. 2 Kreuzplatz Nr. 4. dortigen 8. ein. N 5 0 einfa nt. 2 1 1 herausgebildet, die Briefumschläge auf der Außen- originellen Einfälle weit bekannte Musiker Nik.] erscheinens trotz Ladung Haftbefehl erlassen. Hung zu 9 0 Lokales und Provinzielles. seite zum Zwecke der Reklame mit Angaben und Priester ist mit acht Söhnen gesegnet, die im Es wurde sodann die Verhandlung gegen u, sondern 10* Gießen, 23. Jan. Dem Pfandmeister] Abbildungen usw. zu versehen, welche nach Art Alter je ein Jahr von einander und von denen den Schuhmachermeister Friedrich Weißen⸗ in Stilltand bei dem Rentamt Friedberg, Jakob Debo und Größe den Bestimmungen der Postordnung vier am 18. Oktober und vier am 21. Oktober[bach von hier wegen Betrugs fortgesetzt. Wie gegenwärtig nur u Friedberg, ist das Silberne Kreuz des Ver- nicht entsprechen und sich an unrichtiger Selle geboren sind. Das ist wohl trotz Ben Akiba wir schon einmal erwähnt haben, ließ sich der e dienstordens Philipps des Großmütigen verliehen auf der Vorderseite oder Rückseite der Umschläge noch nicht dagewesen. Angeklagte im vorigen Jahre im Laden des

Schuhmachermeisters Nicolai dahter während dessen Abwesenheit ein Paar neue Stiefel verab⸗ reichen, wobei er einen falschen Namen angab. Weißenbach erklärte heute, er sei zur fraglichen Zeit betrunken gewesen, hätte auch die Stiefel schon bezahlt gehabt, ehe ihm Mitteilung von der Anzeige angegangen sei. Die heute neu ge⸗ ladenen Zeugen können nichts wesentliches be⸗ richten. Das Gericht erkennt mit Rücksicht auf die Vorstrafen des Angeklagten auf 3 Monate Gefängnis. Der Amtsanwalt hatte 6 Monate Gefängnis und Haftbefehl beantragt. Die Dienstmagd Marie Jans von Arfurt ließ sich am 7. Juni v. J. von der Frau Postassistent Kammer von hier, welcher sie vorspiegelte, sie wolle bei ihr in Dienst treten und sei mit dem Schutzmann Schäfer verwandt, 3& verabreichen. Ferner gab Jans einen falschen Namen an. Die Angeklagte, welche zur Zeit 2 Monate Ge⸗ fängnis verbüßt, erhält eine Gesamtstrafe von 2 Monaten und 14 Tagen Gefängnis. Der Kutscher Johann Tag von hier geriet am 19. November v. J. mit dem Kommis Freundlieb in Streit, wobei Letzterer dem Tag einen Hieb mit seinem Stock versetzte. Tag verfolgte daraufhin den Freundlieb und versetzte ihm mehrere Stiche gegen die Brust, die jedoch nicht durchwirkten. Ferner brachte ihm der Angeklagte mittels eines Bierglases eine Handwunde bei. Das Gericht erkannte gegen Tag auf 6 Wochen Gefängnis.

* Gießen, 23. Januar.(Besitz wechsel.) Das früher Fillmannsche Haus am Kirchenplatz, welches im Zwangsverkauf für 13 500 4 in den Besitz des Herrn Johann Schmückert übergegangen war, erwarb Herr Dachdeckermeister Carlé für den gleichen Preis. Das dem Herrn Zimmermann Feuster(Liebigstraße) ge⸗ hörige Haus ging für 21000. in den Besitz des Herrn Heinrich Einhäuser über.

* Grünberg, 19. Jan. Ob der Sper⸗ ling zu den der Landwirtschaft schädlichen Vögeln gehört oder ob sein Nutzen, den er durch Vertilgung der verschiedensten Insektenarten bringt, den Schaden überwiegt, ist bis jetzt noch eine Streitfrage. Es unterliegt jedoch keinem Zweifel, daß er bei massenhaftem Auftreten von großem Nachteil für die betreffende Gegend ist. Um der allzugroßen Vermehrung der Sperlinge vorzubeugen, fordert die hiesige Bürgermeisterei die Einwohner zur Vertilgung derselben auf und läßt für jeden eingelieferten Vogel 3 Pfen⸗ nige vergüten. Der in unserer Stadt be⸗ stehende Versicherungsverein für Schweine hat während seiner kaum 1½ñ jährigen Wirksamkeit

Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Wie wenig ließ Regine es sich träumen, daß ihr so poesieempfängliches Ideal so prosaisch handeln könne! Als sie sich jetzt eben wieder jede Einzel heit ihres kurzen, unvergeßlichen Zusammenseins mit Lossen zurückrief, umspielte ein leises Lächeln ihre Lippen. Sie, die einen Lothar von Lossen liebte, sollte Felix Helling heiraten?

Dennoch dachte sie öfter daran im Laufe des Tages, als sie selbst für möglich gehalten hätte. Frau von Helling beobachtete sie den ganzen Tag über gespannt, ohne ein weiteres Wort zu äußern. Als kluge Frau wußte sie, daß zu großer Eifer der Sache nur schaden könne. Viel Hoffnung schien sie für die Erfüllung ihrer Wünsche vorläufig nicht hegen zu dürfen. Regine hatte ihre Lippen fest auf einander gepreßt und sah sehr bleich aus so intensiv war die Blässe ihres Antlitzes geworden wie sie jetzt, über die Abendzeitung gebeugt, der Mutter gegenüber saß, daß diese erschrak und eine Frage nicht unterdrücken konnte:Fehlt Dir etwas, Regine?

Aber die Antwort klang kurz und abweisend: Garnichts! Was sollte mir denn fehlen? und Frau von Helling gab sich resigniert zufrieden.

Desto größer war ihr Erstaunen, als sich die Tochter am nächsten Morgen mit etwas heiserer Stimme erkundigte, ob Vetter Felix für diesen Tag zu erwarten sei. Auf die bejahende Antwort hin äußerte sie mit verlegen abgewendetem Gesicht:

Dann will ich rasch noch einen Citronencréme machen lassen, den ißt er ja so gern! und entfloh hastig aus der Nähe der überraschten Mutter, die sich diese schnelle Wendung zum Guten nicht zu deuten wußte. Sie ahnte die Ursache nicht. Eine

kurze Notiz im Abendblatte hatte das Wunder be

wirkt, zwei Namen nur, die in der Liste der Ver lobten standen: Constanze Pottmüller und Premier- lieutenant Lothar von Lossen.

Eine Verwechslung war ausgeschlossen, das wußte Regine. Der Lossens gab es zwar viele in der Armee, aber nur einen Lothar unter ihnen. Er hatte selbst im Scherze gegen sie geäußert, daß er als der einzige seines Stammes diesen Namen trage.

***

Eine feuchte laue Maiennacht war es gewesen, in der Regine den schwersten Seelenkampf ibres jungen Lebens durch drang. Draußen träufelte der warme Regen nieder auf die jungen Blätter und ließ die Knospen schwellen. Ein weicher, träume rischer Lenzhauch lag in der Luft, die durch das geöffnete Fenster hereinströmte; alles in der Natur rüstete sich zum Feste, zur Blütezeit aber ihr Leben erschien ihr welk, öde, inhaltslos. Die ganze glühende, schwärmerische Liebe ihres jungen Herzens hatte sie ihm geschenkt, und er hatte keine Erwide rung gehabt für die Tiefe dieses Gefühls, ihm war ihre Unterhaltung wohl nur eine angenehme Zer streuung gewesen, die ihm über ein paar müßige Stunden hinweg half.

Ein Gefühl unsagbarer Bitterkeit schwoll in ihrem Herzen auf und schnürte ihr die Kehle zu. Der Gedanke, mehr Liebe zu geben, als sie empfing, war ihr immer unerträglich gewesen. Aengstlich hatte sie sonst stets ihre Zuneigung abgewogen und hier war ihr für alles nichts geworden.

Sollte sie nun suchen, ob sie in einem anderen Manne die Ergänzung ihres eigentlichsten Selbst finden würde, wie sie es damals in Lossen fand? Ach, sie wußte genau, daß es keinen Ersatz für das Verlorene gab. Drei Jahre lang war sie Männern aller Art begegnet, und alle blieben ihr fremd.

Wohl las sie in ihren Blicken Bewunderung, aber diese galt nur ihrer Schönheit. Keiner batte ihr die Lippen erschlossen, wie jener eine, und die Schätze ihres Geistes, die sie sorglich verborgen hielt vor profaner Berührung, ans Tageslicht ge zogen Wenn sie einmal im Eifer einen eigenen Gedanken laut werden ließ, sich ein selbständiges Urteil erlaubte, dann sahen die einen sie bestürzt an: eine denkende Frau, ein Schöngeist, wie un⸗ heimlich! Die anderen aber lächelten mitleidig, spöttisch; was konnte eine Frau denn von Dingen verstehen, die nicht in ihr Fach schlugen! Küche, Haushalt, Toilette, das war ihr Reich, damit hatte sie sich zu bescheiden. Wollte sie noch dilettieren in Musik, Malerei, nun gut! so wurde ihr das ver ziehen. Aber alles weitere war vom Uebel.

Nur einer hatte ihr zuzuhören verstanden, einem hätte sie alles sagen können, was ihr Herz bewegte aber jener eine fragte ja garnicht danach. O wie war es möglich, daß er nicht wie sie ihre innere Zusammengehörigkeit gefühlt hatte! Laut auf schluchzend sank sie in die Kniee und barg das thränenüberströmte Gesicht auf den Armen.

Dann ward sie ruhiger, dachte weiter. Wie sollte ihr Leben sich nun gestalten? Ein Mann hatte seinen Beruf, der ihm nicht Zeit ließ, über eine Enttäuschung lange zu grübeln. Aber sie? Frau von Helling hatte ihre Tochter erzogen, wie es die meisten Frauen ihres Standes thaten, das heißt sie trug Sorge, daß ihre Talente und Fähig keiten gut ausgebildet wurden. Erstere Pflichten hatte sie nicht zu erfüllen, nützliche Thätigkeit be⸗ anspruchte man nicht von ihr. So würde sie denn auch in Zukunft ihre Tage hinbringen mit Malen, Musizieren und Lesen. Aber was ihr bisher Freude gemacht, erschien ihr nun zwecklos. Hatte sie doch bei allem nur anihn gedacht. Für ihn wollte sie ihr Wissen bereichern. Wenn sie ihren Beet

hoven übte, fiel ihr ein, wie er die neunte Sym⸗ phonie ein Meer genannt, in dem man zuerst ver⸗ sinkt und dann allmählich schwimmen lernt; und mit eisernem Fleiße lernte sie die gewaltige Flut mit kundigem Arme teilen, ohne daß ihr von den überstürzenden Wellen der Atem verging für wen sollte sie sich nun abmühen? Ob sie malte, las und spielte oder ob sie schlief und den ganzen Tag garnichts that, das erschien ihr plötzlich unendlich gleichgültig.

Verzweifelt rang sie die Hände. Sie wollte fort, hinaus aus den alten Verhältnissen war denn keiner, der ihr dazu verhalf?

Aber ja doch, einen gab es ja, der gar nichts Besseres begehrte, als sie mit sich zu nehmen. Ein paar treue, blaue Augen schienen sie plötzlich aus dem Dunkel anzublicken, als versprächen sie ihr Rettung. Sollte sie dennoch die Frau von Vetter Felix werden? Was sie noch am Morgen für un⸗ möglich gehalten, erschien ihr jetzt der Erwägung wert. Einmal heiraten mußte sie doch wohl warum denn ihn nicht so gut wie jeden anderen? Gerade weil er so ganz verschieden war von Lossen, aber auch von allen anderen Herren ihrer Bekannt⸗ schaft, weil er sie in einen fremden, weit entfernten Wirkungskreis verpflanzen würde, wo sie schaffen und sich betäuben konnte, gerade darum war er jetzt vielleicht der Rechte für sie.

Sie seufzte. Der gute Felix! Jener, dem sie sich ganz offenbart, hatte sie verschmäht. Dieser, der von dem nichts wußte, das sie für das Beste an sich hielt, liebte sie. Sie stand vor einem Rätsel. Müde vom Sinnen stützte sie den Kopf. Aber ihren Weg sah sie nun klar vor sich. Sie wollte Felix glücklich machen, wollte aus seinen liebevollen Augen Vergessen trinken und was sie

ernstlich wollte, hatte sie noch immer gekonnt.