Ausgabe 
20.2.1897
 
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Nr. 43

Gießen, Sonnabend, den 20. Febrnar

1897.

Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.

At che

Ausgabe

Gießen.

Poftztg. Nr. 3239 Telephon⸗Nr. 112.

Medaktion:

Kreuzplatz Nr. 4. 2

Lokales und Provinzielles.

* Gießen, 18. Februar.(Stadtverord⸗ neten⸗Versammlung.) Oberbürgermeister Gnauth eröffnet um Uhr die Sitzung. Vor Eintritt in die Tagesordnung teilt der Oberbürgermeister mit, daß der Stadtverordnete Professor Gaffky angezeigt habe, daß er auf längere Zeit vorübergehend behindert wäre, den Sitzungen beizuwohnen. Der Oberbürgermeister wird beauftragt, dem Gelehrten, der sich be⸗ kanntlich nach Indien begiebt, gute Reise und lückliche Heimkehr zu wünschen. Die Ver⸗ audgug engen den Betrag von 10500 Mk. um Ausbau der Moltkestraße von der Grün⸗ ergerstraße bis zum Treffpunkt mit der im Be⸗ bauungsplan vorgesehenen neuen Parallelstraße der Grünbergerstraße, sowie zum Zwecke der Aufschüttung der Moltkestraße über die Wiesen bis zur Wiseck in voller Straßenbreite. Später, so bemerkt der Oberbürgermeister, würde die Ueberbrückung der Wieseck erfolgen, da sich deren Notwendigkeit schon jetzt heraus gestellt habe. Den bewilligten 10500 Mk. stehen schon jetzt 4000, Straßenkostenbeitrag der Anlieger gegenüber. Stadtv. Löber verwendet sich bei dieser Gelegenheit fuͤr den endlichen Ausbau des verlängerten Asterwegs, indem er darauf hinweist, daß hier schon seit Jahren grauenhafte Zustände herrschen. Der Oberbürgermeister erkennt die Mißstände in der erwähnten Straße im Großen und Ganzen an, aber man könne wegen der Gefällverhältnisse hier nicht eher etwas thun, als bis der Stadterweiterungsplan nordwest⸗ lich der Steinstraße feststehe. Die Bebauung dieser Strecke des Asterweges sei auch noch so weit zurück, daß eine Pflicht der Stadt, die Strecke der Straße auszubauen, nicht bestehe, trotzdem war der Ausbau bereits in das laufende Budget eingestellt. Stadtv. Löber erkeunt an, daß eine Pflicht der Stadt zum Ausbau, war, streng genommen, für den verlängerten sterweg nicht bestehe, aber unter den obwalten⸗ den trostlosen Umständen müsse entschieden etwas elde Zur Schaffung eines Lagerplatz⸗ edits bemerkt der Oberbürgermeister scherzhaft, daß es sich hier nicht etwa um eine größere Be⸗ willigung zum Geländeerwerb der städt. Lager⸗ t und Plätze handele. Es werden ver⸗ angt und bewilligt 300% zur Bearbeitung von Bordsteinen. Zur Chaussierung der Feld⸗ wege im bereits konsolodierten Teile des Neu⸗ städter Feldes werden pro 97/8 9000. zur Herrichtung eines Teiles des Wismarer Weges und des Mittelweges zwischen Querweg 2 und 3 bewilligt. Für die bauliche Erweiterung der Realschule waren von der Versammlung 78 750 1 bereits bewilligt. Es dreht sich um die Erbauung eines besonderen Gebäudes auf dem südöstlichen Teil des Schulgrundstücks. Die vom Stadtbauamt gefertigten Pläne haben die 8 des Ministeriums gefunden, doch kostet deren Herstellung nach dem nunmehr

Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.

Expedition:

* Kreuzplatz Nr. 4.

2

Preis der Auzeigen: 10 Pfg. für die Bspaltige Petitzeile.

Mehrbetrag von 8750 l wird zu Lasten des Budgets pro 1897/8 bewilligt. Es folgt eine geheime Sitzung. 5

* Gießen, 18. Febr. Die Stadtverordneten⸗ Versammlung genehmigte heute in der geheimen Sitzung den Ankauf der unterhalb der Lahn⸗ brücke gelegenen Neuen Mühle für den Preis von 80 00⁰.. Der Ankauf geschah wohl lediglich, um der Stadt die Ausnutzung der Wasserkraft für die Zukunft zu sichern. Ferner wurde, ebenfalls in geheimer Sitzung, der Ankauf von 90 000 Quadratmeter Gelände zwischen der Alten Marburgerstraße und der Main⸗Weserbahn zur Anlage eines neuen Fried⸗ hofs beschlossen.

* Gießen, 19. Febr. Der Voranschlag der Stadt Gießen für 1897/98 sieht in Einnahme und Ausgabe je 1684 855,50 4 vor. Es sind veranschlagt die Einnahmen u. a. wie folgt: Gebäude 16 106, Grundstücke 30 279, Waldungen 88 310, Gaswerk 79 300, Wasserwerk 63 865, Schlachthaus 26 604, Jagden 4190, Märkte 3350, Waganstalt 4500, Kirchen 64 235, Friedhöfe 2479, Volks⸗ und Fortbil⸗ dungsschule 987, höhere und erweiterte Mädchen⸗ schule, Realgymnasium und Realschule 330, Vorschule des Gymnasiums 4860, Straßen⸗ unterhaltung 1850, öffentliche Anlagen 200, Filialarbeitshaus 2810, Tonnenanstalt 500, Feuerlöschanstalt 180, Gemarkungs-Parzellen⸗ vermessungs⸗ und Grundbuchskosten 6500, Ver⸗ sicherung der Arbeiter 2453, Stiftungen 6902, Militärzwecke 1500, Polizei 5178, allgemeine 0 6823/ Schuldentilgung 5500, Grund zinsen 660, Kapitalzinsen 12 754, Oktroi 128 000, Hundesteuer 3970, Fleischbeschau 6067, Cholerabaracken und Desinfektionsanstalt 600, Zusammenlegung von Grundstücken 487, Kom⸗ munalsteuer 450 080; die Vermögensrechnung weist u. a. auf in Einnahmen 20 270&. für Straßenbauten, 825. für Kanalbauten und 389 232 ½ Kapitalaufnahme. Die wesent⸗ lichen Ausgabeposten sind folgende: Gebäude 2605, Grundstücke 9417, Waldungen 27 497, Schlachthaus 12 677, Märkte 954, Waganstalt 2429, Kirchen 66 150, Friedhöfe 4722, Volks⸗ und Fortbildungsschule 90773, höhere und erweiterte Mädchenschule 59 816, Realgymnastum und Realschule 32 630, Handwerkerschule 1686, Vorschule des Gymnasiums 5486, Aliceschule 609, Oeffentliche Feierlichkeiten 1000, gemein⸗ nützige Zwecke außerhalb der städtischen Ver⸗ waltung 5388, Straßenunterhaltung 26 310, Straßenreinigung 44 195, Straßenbeleuchtung 26 500, öffentliche Anlagen 40 395, Brunnen 5271, Bäche 1485, Kanäle 5906, Entwässerungs⸗ anstalt 2810, Tonnenanstalt 4195, Faselvieh 800, Armenpflege 46 350, Versicherung der Ar⸗ beiter 4750, Stiftungen 6453, Zwecke des Kreises und der Provinz 75 000, Militärzwecke 5000, Polizei 48 261, öffentliche Sicherheit 2223, allgemeine Verwaltung 82 105, Peusiouen und Witwengehalte 5437, Schuldentilgung 54000,

desuniversität 924, Fleischbeschau 7617, Des⸗ infektionsanstalt usw. 1507, Reservefonds 2000, Betriebskapital 18 988, Kommunalsteuern 14 800 A.

* Gießen, 19. Febr. Heute, Freitag Abend, verlassen Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Gaffky und Privatdozent Dr. Sticker unsere Stadt und begeben sich nach München, um dort mit Professor Dr. Pfeiffer und dem Dr. Dieudonné zusammenzutreffen. Diese vier Herren bilden bekanntlich die deutsche Kommisston zur Beobachtung der Pest in Ost⸗Indien. Die Herren begeben sich von München nach Brindist, wo ihre Einschiffung nach] Bombay vor sich gehen wird.

* Gießen, 19. Febr.(Schöffengericht.) Wegen Körperverletzung hatte sich heute der Maschinenführer Christian Grünewald von hier zu verantworten. Derselbe geriet mit dem Weißbinder Jung am 26. Dezember v. J. in Wortwechsel, der in Thätlichkeiten ausartete, wobei G. den Letzteren mit einem Stuhl auf den Kopf schlug, so daß eine blutende Wunde entstand. Der Angeklagte wird zu 7 Tagen Ge⸗ fängnis verurteilt.

* Gießen, 19. Februar. Die Theeater⸗ Direktion Kruse-Helm hat sich entschl ossen, um einer für die nächste Woche geplanten Vor⸗ stellung des hiesigen Theatervereins auszuweichen, die zweite Saison erst acht Tage später (ungefähr am 3. März cr.) zu beginnen.

* Gießen, 19. Februar. Der am 26. Januar unter dem Verdacht des Mein eids vor der Strafkammer in Haft genommene Schäfer Joh. Meckel von Ober-Ohmen ist wieder auf freien Fuß gesetzt.

* Gießen, 19. Febr. Vergangene Nacht zwischen 12 und 1 Uhr wurden die Bewohner der Kaplansgasse durch Feuerlärm in Schrecken versetzt. ImGasthaus zur Traube brannte es im VDachstock. Von vorübergehenden Pas⸗ santen wurde das Feuer zuerst bemerkt und konnte durch dereu Hilfe noch rechtzeitig gelöscht werden. Großer Schaden ist nicht entstanden.

* Gießen, 19. Februar. Berichtigung.) Zu unserem gestrigen Bericht über die Ver⸗ sammlung des Lokalvereins teilt man uns mit, daß sowohl Herr Schlachthofstierarzt Dr. Liebe als auch Herr Verwalter Möhl eine Einladung nicht erhalten haben. Aller- dings sei kurze Zeit vor der Versammlung ein Mitglied erschienen und habe beide Herren zum Besuch der Versammlung gebeten, was aber in⸗ sofern nicht als Einladung gelten könne, da die⸗ selben als städtische Beamte ihren Berufspflichten nachzukommen hätten und demgemäß nicht stündlich über ihre Zeit verfügen könnten.

* Gießen, 19. Februar. Im Jahre 1895 haben in Hessen 614 Persouen einen gewalt⸗ samen Tod gefunden, und zwar 318 durch Verunglückung, 275 durch Selbstmord und 21 durch Mord und totliche Körperverletzung. Da⸗ von kamen auf gtheinhessen duech Verunglückung

10 Todesfälle, auf Starkenburg 120, 140 resp. 10, auf Oberhessen 61, 68 resp. 1. Im letzten Quartal des Jahres hat der Großherzog 223855 1 30 für Stiftungen und Schenkungen genehmigt. Es entfallen 128 200 A auf Wohlthätigkeits⸗ und Krankenanstalten, 81304 A 64& für die katholische Kirche, 12361 l für die evangelische Kirche, 1090 M. für israelitische Religionsgesellschaften und 900 M. für sonstige Zwecke.

* Groß ⸗Eichen, 18. Februar. Auf dem zwischen Ilsdorf und hier gelegenen Eisenstein⸗ bergwert ereignete sich am vergangenen Montag ein schwerer Unfall. Der Bergmann Rahn, Vater von vier Kindern, arbeitete mit anderen Kameraden im Tagbau. Plötzlich löste sich eine über ihm befindliche Erdmasse und stürzte her⸗ nieder. Der Warnungsruf eines Kameraden: Lauf! rettete Rahn zwar von dem gänzlichen Verschüttetwerden, allein die Erdmassen trafen ihn doch noch so schwer, daß er beide Beine brach. Der Verunglückte, der auch wahrschein⸗ lich noch innere Verletzungen erhalten, mußte nachhause getragen werden. Am Dienstag wurde er in die Klinik nach Gießen verbracht. Bei dem starken Froß der Nächte gefriert die auf⸗ geworfene Erdmasse, am Tage aber taut sie der warme Sonnenschein auf und veranlaßt um diese Zeit die Einstürze, die zur größten Vorsicht mahnen.(D. Z.)

* Grünberg, 18. Februar. In der Nacht vom Sonntag auf den Montag wurde in der RestaurationZum wilden Mann im Gast⸗ zimmer der größte Teil der auf dem Büffett stehenden Biergläser zertrümmert, auf⸗ fälliger Weise, ohne daß jemand im Hause von dem ganzen Vorfall etwas hörte. Zur Ermitte⸗ lung des oder der Thater fehlt bis jetzt jeder Anhaltspunkt. Die hiesigen Metzger scheinen sich jetzt Konkurrenz machen zu wollen. Während in der Regel nur Rinder geschlachtet werden, offerieren nun zwei Metzger prima Mastochsen⸗ fleisch zu 66%% das Pfund. Wohl infolgedessen haben sich die meisten anderen Metzger zur Herabsetzung der Preise des Rindfleisches von 60 auf 50 das Pfund entschlossen, was von den Konsumenten mit Freuden begrüßt wird. Die Pläne und Voranschläge zu dem Bau einer Turn- und Festhalle in unserer Stadt sind fertiggestellt, so daß die Arbeiten nun ver⸗ geben und mit Beginn günstiger Witterung in Angriff genommen werden können. Die Bau⸗ summe beläuft sich nach dem Voranschlag auf 21000 A.(D. Z.)

* Vom Lande, 18. Februar. Ein selt⸗ sames Märchen findet gegenwärtig auf dem Lande vielfach Glauben. Die zur Zeit das ganze Land heimsuchende Mauls und Klaue n⸗ seuche wird nämlich mit aller Bestimmtheit dem Gebrauche von Kunstdünger zugeschrieben. Diese Üleberzeugung hat sich in der breiten Schicht unserer Landbevölkerung bereits dermaßen ge⸗ festigt, daß sich fuͤr die Folge der Kunstdünger⸗ bezug in manchen Gegenden voraussichtlich

aufgestellten Voranschlag 87500% Der

Kapitalzinsen 230 000, Oktroi 35545, Lau⸗

137, durch Selbstnord 93 und durch Mord ꝛc.

Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Lossen wurde es sichtlich immer unbehaglicher zu Mute. Er benutzte einen Wink seiner Frau, sich unter dem Vorwande, nach den Kindern zu sehen, stillschweigend zu entfernen.

Frau Constanze aber war im schönsten Fahr⸗ wasser. Endlich gewahrte sie einen blassen, blonden Jüngling, höchst stutzerhaft in ein schneeweißes Strand kostüm gekleidet und mit so kurz verschnittenem Haare, daß der Kopf fast kahl erschien.

Sehen Sie dort Baron Barnim, rief sie er⸗ freut.Er ist nämlich ein glühender Verehrer von mir, ich kann mich kaum genug wehren gegen seine

Aufmerksamkeiten. Nun schleicht er schon den ganzen

Vormittag herum auf der Suche nach mir, und läßt sich's keiner Mühe verdrießen. Wenn ich mich in ein Mauseloch verkröche, er würde mich doch heraustüfteln! Ich muß doch wohl barmherzig sein und dem Armen zu Hülfe kommen!

Damit verabschiedete sie sich hastig und rauschte von dannen. Eine Weile blieb alles stumm in dem Strandzelte, das eben noch von ihrer lebhaften Rede wiederhallte. Dann konnte sich Regine nicht länger enthalten, eine Frage zu thun, die ihr auf den Lippen brannte.

Sag', Lottchen, wie kommt Lossen zu dieser Frau?

Die Gefragte zuckte mit den Schultern. Ja, wie das so geht. Man sagt, daß er schwere Spielschulden hatte; Constanze Pottmüller

war steinreich, verliebte sich in ihn und brannte vor Begier, sich aus einer simplen Kommerzienratstochter in eine adelige Offiziersfrau zu verwandeln; so wurden sie handelseinig. Ich finde es schade um ihn. Aber es ist Zeit, daß wir uns zur Table d'hôte zurecht machen!

Damit packte sie die Arbeit ein und rief nach den Kindern.

* *

Auf das strahlende Bild, das Regine sich von Lossen gemacht, war ein dunkler Schatten gefallen. Sie stand vor einer unbegreiflichen Thatsache. Er hatte sich für Geld an eine ganz gewöhnliche Person verkauft und ertrug nun deren Plattheiten, nur weil ihr Vermögen ihm ein bequemes Leben sicherte. O, wie hatte Regine früher über solche Ehen raison⸗ nieren können, als etwas ganz Unwürdiges! Nun hatte ihr Ideal, Lossen, der ihr bisher als etwas außergewöhnlich Vollkommenes galt, eine solch niedrige Handlung begangen! Diese Offenbarung lastete auf ihr wie ein schwerer Druck in den nächsten Tagen.

Lossen bemerkte wohl, daß er in Ungnade ge fallen sei. Vergebens zeigte er sich wieder als der alte, unwiderstehlich liebenswürdige Gesellschafter. Vergebens sprach er von Dingen, bei denen er sicher war, Reginens Interesse zu erwecken es gelang ihm nicht mehr, ihre verlorene Gunst zurück⸗ zu erobern. Dieser Mensch, der eine Persönlichkeit, wie Constanze, zur Gattin erwählt, wollte ihr von ästhetischem Feingefühl reden!

(Forisetzung folgt).

Angenommen. Humoreske von Graf Günther Rosenhagen. Ellen, die älteste Tochter des Geheimrats Wichert, war krank die frühere frische Farbe ihrer Wangen war einer fahlen Blässe gewichen, die Augen, sonst so hell und lustig, blickten müde und abgespannt, der köstliche Humor, durch den sie sonst das ganze Haus entzückte, schien für immer erstorben zu sein, und sie die früher immer lachend behauptet hatte, keine Nerven zu besitzen, war seit einiger Zeit von Nervosität und Gereiztheit, die die ihrigen mit Angst und Sorge erfüllten; bei dem plötzlichen Eintritt der Dienstleute in das Zimmer, bei dem Klang der elektrischen Glocke, bei dem Oeffnen der Hausthür fuhr sie jäh zusammen und sorgenvoll schüttelte der alte Hausarzt sein Haupt. Er war nun doch ein⸗ mal verantwortlich für die Gesundheit der Familie, in der er seit Jahren ein- und ausging, er bildete sich auch ein, in seinem Beruf nicht untüchtig zu sein, aber der Krankheit Fräulein Ellen's gegenüber war sein Wissen eitel Stückwerk. Geduldig ließ sie sich, obwohl sie, die es ja doch am besten wissen mußte, behauptete, vollstäudig gesund zu sein, mehr denn einmal von dem alten Herrn untersuchen, streckte die Zunge aus und verdrehte die Augen, um ihre Pupillen besser bewundern lassen zu können, sie that mit ihren verschiedenen Gliedmaßen, was nur immer verlangt wurde, aber es nützte Alles nichts, es war keine Spur von einer Krankheit zu entde cken.

Wenn Fräulein Ellen nicht verlobt wäre, würde ich behaupten, sie litt an unglücklicher Liebe, an einem Herzenskummer so aber weiß ich wirklich keinen anderen Rat zu geben, als zu hoffen,

daß die Zukunft das Leiden, wenn es wirklich ein solches ist, von selbst wieder heben möge.

Und um solchen guten Rat zu erhalten, den jedes Schulkind geben kann, hält man sich einen Hausarzt, der jedes Jahr seine sechshundert Mark bekommt, klagte stets die Geheimrätin, wenn der alte Hausarzt sie verlassen und zu ihrem Gatten gewandt, setzte sie dann stets hinzu:Weißt Du, Otto, ich finde, Du müßtest Dich wirklich einmal nach einem anderen Arzt umsehen, der alte Todsen wird wirklich zu alt; wie soll das werden, wenn einer von uns wirklich mal ernstlich trank ist?

Dann wird ihn sein Wissen schon nicht im Stich lassen entgegnete der Gatte, aber je mehr ich über Ellen nachdenke, desto mehr komme ich zu der Ueberzeugung, daß ihr Leiden kein körperliches, sondern ein seelisches ist. Hast Du vielleicht etwas bemerkt, ob es zwischen ihr und Alfret zu einem Streit, oder einem Wortwechsel vor seiner Abreise gekommen ist? Wich deucht, daß Ellens Nervositat in den Stunden am größten ist, in denen der Post⸗ bote kommt; gleichsam als fürchte sie, daß dieser ihr von Alfred eine schlechte Nachricht bringe. Hast Du nicht auch die Empfindung?

Offen und ehrlich gestanden nein, gab sie zurück.Du weißt, Ellen sieht in mir nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre älteste und beste Freundin. Wäre es wirklich, wie Du anzunehmen scheinst zwischen ihr und Alfred zu einem ernsthaften Streit gekommen, dessen Ausgang Ellen beunruhigen könnte, so hätte sie mir dies sicherlich nicht ver⸗ schwiegen, sondern sich bei mir Rat geholt. Nein, lieber Otto, über diesen Punkt kaunst Du vollständig beruhigt sein.(Fortsetzung folgt.)

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