Gießen, Freitag, den 16. Juli
1897.
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E ‚ Postztg. Nr. 3319 2 5— usgabe Gießen. 3 Türk* daten zl N 2 ref en ö 5 5 5 e 0h pus Nr 2 4 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn⸗ und Feiertagen. N Expedition: abe f rig 8 4.— PVreis der Anzeigen; 10 Pfg. für die Sspaltige Vetitzeile, 1 Kreuzplatz Nr. 4. urg, Want 0 45 0 5 4 5 ü T agi 1 f f 1 d s 5 11 de 8 und 5 ersten Tage der dreitägigen Verhandlung bis zum Schlusse] In der ersten Abteilung(140 Silben per Min.) den einen hübschen Anblick zu gewähren, hatte 16. ö Stumm Eotal P ovinzielles. an der Unschuld der Angeklagten festhielten und sie nach fielen der 1., 2. und 3. Preis, in der zweiten der eädtische Obergärtner Stübel auf dem Platze
* Gießen, 15. Juli. andwirtschaftliche Behörde kulturinspektor zu bestellen. Die Besetzung st vorerst provisorisch. Bewerber müssen unter kachweis der wissenschaftlichen und praktischen n befähigung ihre Gesuche bis zum 1. August
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Die hessische obere beabsichtigt, einen
y. Gießen, 15. Juli. Die bekannte Straf⸗ ache gegen den Grafen Leiningen-Ilben— ladt, welche den Standesgerichtshof bereits
dank eschäftigt hat und von diesem der Staats⸗
1 beim Landgericht Gießen überwiesen sor gn. hurde, scheint, wie wir hören, nun doch nicht ae Wiha n Gießen verhandelt zu werden. Der Antrag E Krauß er Staatsbehörde, das Hauptverfahren vor der 50 Pfg. Strafklammer Gießen zu eröffnen und Termin
llerzu anzuberaumen, ist von der Beschlußkammer rückgewiesen, weil hierzu das Landgericht DNarmstadt resp. dessen Strafkammer die allein uuständige Instanz sei, vor die diese Sache höre.
Gießen, 15. Juli. Von anscheinend gut ilterrichteter Seite geht der„Frkf. Ztg.“ folgen⸗ er Bericht zu. Wir geben denselben wieder, züssen aber die Verantwortung für die Richtig⸗ 1 in allen Teilen dem genannten Blatte über⸗ affen.
Unser Land besitzt seit 1. August 1896 wieder ein sonderes Justizministerium, das bei der früheren krelnfachung der Staatsverwaltung auf Andrängen der atlonalliberalen Partei beseitigt worden war. Es fragt ch, ob es inzwischen in unserem engeren Vaterlande mit iet Justiz besser geworden ist. Hinsichtlich der Besetzung i„Justizstellen wird die Antwort wohl allgemein ver⸗ nend ausfallen, am lautesten vielleicht gerade aus den kessen der Justizbeamten selbst. Es kann dies kaum Zunder nehmen, wenn die Besetzungen— wie man sagt — ausschließlich nach den Berichten der Prä⸗ bien der Landgerichte erfolgen. Sollte im Justiz⸗ ainisterium wirklich keine Personalkenntnis bestehen? zollte sie auch nicht bei anderen Stellen ausgiebig zu Aangen sein? Aber auch die Justizverwaltung selbst eint kaum gewonnen zu haben. Ein sehr lehrreiches aspiel bietet hierfür eine vor einigen Wochen am ichwurgericht in Darmstadt verhandelte Meineids⸗
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ullung lage, die zugleich auch das Votum des Reichstags den die Ueberweisung dieser Strafsachen an die Straf⸗
fatr 50 imer als richtig bekräftigt. Ein verheirateter Reserve⸗ h0 Sl. 0 izter war in einem Zivilprozeß von zwei Dienstmädchen in ieh unsittlicher Handlungen beschuldigt worden, er de und stellte— nach Belehrung durch eine Gerichts⸗
n 9 don— Strafantrag. Während zweier Monate wurden 0 ich einen Kriminalschutzmann Indizien zusammengesucht, 98 Hunnia, e Erfolg. Endlich wurde festgestellt, daß die Mutter Fer der Prozeß parteien— eine brave Bürgersfrau in guten
1810 thältnissen— der einen Zeugin lange, nachdem diese
e Vorfälle mehrfach übereinstimmend erzählt hatte, zum zunk für ihre Mitteilungen und unter der ernstlichen Mahnung, stets bei der Wahrheit zu bleiben, 10 Mark schenkt hatte. Die Geberin und die Empfängerin waren ihrer— allerdings unklugen— Handlung vollständig 51 Allos verfahren, wie sie denn die Sache jedermann offen „ ilten. Der Ankläger war nicht beeidigt, er war . e dilalisch und finanziell mit der Sache aufs Engste ver⸗ e zuhsen, er mußte einen Teil als wahr zugeben, andere
ligen bestätigten andere Teile. Gleichwohl wurden die 4 nl lünstmädchen sechs Monate in Haft gehalten und die 9 1
I twin, Süss,
Ausbruch.
ganz kurzer Beratung einstimmig freisprachen. Wo bleibt da die persönliche Sicherheit der Staatsbürger, wie wird hier das Gesetz in sein Gegenteil verkehrt? Man hätte die Kollusionshaft zeitlich beschränken müssen, um solche exzessiven Auslegungen zu verhüten. Die sechsmonatige Untersuchung hatte nichts weiteres ergeben als einen geradezu ers reckenden Mangel an Menschenkenntnis und Lebenserfahrung der Beamten. Gegen das eine Dienst⸗ mädchen war in der Verhandlung so gut wie nichts fest⸗ gestellt, ihr Namen kaum genannt worden, sie hatte sich bei ihrer beeidigten Aussage in einem völlig untergeord⸗ neten Punkte einfach geirrt. Während man mehrere Tage sich bemühte, der andern Angeklagten Unwahrheiten in Nebensächlichem nachzuweisen, verwickelten sich einzelne Anklagezeugen in Wichtigem in Unwahrheiten. Der Unter⸗ suchungsrichter bewies mehr Eifer als Vorsicht, Aeuße⸗ rungen wie:„Ich lasse Sie bei Wasser und Brot sitzen, bis Sie blau werden“, oder:„Es müssen auch manchmal Unschuldige eingesteckt werden“, werden kaum der Absicht des Gesetzgebers entsprechen. Wenn unser Justizmini⸗ sterium eine Besserung unserer wenig erfreulichen Justiz⸗ zustände herbeiführen will, so soll es bei Besetzungen nach Anhörung aller zu einem gründlichen und objektiven Urteil befähigten Stellen verfahren und zu Staatsanwälten nicht bloß Leute mit einem bestimmten Maße forensischer Beredtsamkeit, sondern vorzugsweise Männer von humaner Gesinnung und reifer Lebenserfahrung berufen, das Streber⸗ tum aber mit der Wurzel ausrotten.
v. Gießen, 15. Juli. In der Generalver⸗ sammlung der Aktionäre des Gießener Volks- bads wurde beschlossen, den Bau der Firma Stein und Meyer, die Installation da⸗ gegen der Firma Heinrich Schaffstädt hier⸗ selbst zu übertragen.— Es ist Hoffnung vor⸗ handen, daß man sich entschließt, auch die Einrichtung von römisch-irischen und Dampf— Bädern zu treffen.
v. Gießen, 15. Juli. Der Schlußstein im Gewölbe des Durchbruches am Eisen⸗ bahndamm an der Westanlage ist heute Vormittag eingefügt worden und somit die eigent⸗ liche Bauarbeit beendet. Die Beendigung der Erdarbeiten, das Legen der Schienengeleise usw. kann noch vierzehn Tage in Anspruch nehmen, sodaß das Werk schneller beendet ist, als man geglaubt hat.
v. Gießen, 15. Juli.(Besitzwechsel.) Der Sattlermeister Friedrich Groß kaufte des Metzgermeisters Kiefer Neuenweg Nr. 32 belegene Hofraithe-für den Preis von 32 200 KA.
v. Gießen, 15. Juli. Neue Läden. Der untere Teil des Seltersweges wird immer mehr vornehme Geschäftsstraße. Das an den Restau⸗ rateur Elges übergegangene Haus von Uhl und Meyer wird in seinem Parterregeschoß zu einem feinen Restaurationslokal ausgebaut, welches mit großen Erkern versehen werden soll. Im Schellen— bergschen Hause wird ebenfalls im unteren Stock ein moderner Laden ausgebrochen. In beiden Häusern sind seit gestern die Handwerker be— schäftigt, die alten Mauern nach der Straße zu entfernen.
* Gießen, 15. Juli. Stenographie. In Frankfurt a. M. fand am 9. Mal d. J. ein Wettschreiben für Anhänger aller Systeme statt. Durch Preise wurden von 87 Arbeiten 12 ausgezeichnet, wovon 9 nach System Gabels⸗ berger und 3 nach Stolze angefertigt waren.
Abteilung(160 Silben) der 1., 2., 3. und 5. Preis und in der dritten Abteilung, in der nur zwei Preise verteilt wurden, der 1. und 2. an „Gabelsbergerianer“. Die Stolzeaner erhielten den 4. und 5. Preis in der ersten und den 4. in der zweiten Abteilung. Alle übrigen Systeme gingen vollständig leer aus.
v. Gießen, 15. Juli. Ein hiesiger Restau⸗ rateur und eine ganze Schar seiner Gäste waren seit heute früh 4 Uhr auf einem Acker in der Nähe der Aktienbrauerei versammelt. Es han— delte sich um eine Wette. Der Wirt hatte sich erboten, einen Morgen Korn eigenhändig zu mähen, wofür er 15 Mark Arbeitslohn erhalten sollte, außer dem Wettobjekt, das in diversen Flaschen bestehen sollte. Der Sensemann hat seinen Tagelohn und damit seine Wette ge⸗ wonnen. Die Freunde haben allerdings den „fleißigen Arbeiter“ reichlich mit nassem Stoff während der Arbeit versorgt.
* Grünberg, 14. Juli. Die Heuernte ist nun in der Hauptsache beendigt. Güte und Menge des Futters lassen nichts zu wünschen übrig. Wenn die gegenwärtige Witterung an⸗ hält, dürfte voraussichtlich mit Beginn nächster Woche das erste Korn geschnitten werden. Es verspricht ebenfalls reichen Ertrag; ebenso be⸗ rechtigt der Stand der übrigen Getreidearten zu den schönsten Hoffnungen.“ en en ist man allenthalben in den Gärten mit dem Einernten der Stachel⸗ und Johannisbeeren be⸗ schäftigt. Wie fast jedes Jahr, so sind auch heuer diese immer mehr geschätzt werdenden Früchte sehr gut geraten.
* Butzbach, 14. Juli. Gestern Vormittag 8 Uhr wurde unsere Einwohnerschaft durch Feuerlärm erschreckt. Im Stadtwalde, in der Nähe der Militärschießstände, sollte Feuer aus⸗ gebrochen sein. Bei näherer Besichtigung ge⸗ wahrte man, daß ein im Walde beschäftigter Lohnarbeiter Rasen zur Gewinnung von Dünger für den Pflanzeugarten verbrannte.() Der Be⸗ treffende, der die Einwohnerschaft unnötig in Aufregung versetzte, wird sich, da er die Anzeige von dem Feuer bei der Ortspolizeibehörde unter⸗ lassen hat, vor Gericht zu verantworten haben.
* Nidda, 13. Juli. Seit Samstag stehen im Niddathale in der Nähe von Nieder-Mock⸗ stadt, die ersten Kornhaufen im Feld. Das Korn hat einen sehr langen Halm getrieben; die Aehren sind wenig zahnlückig und der Kern ist schön ausgebildet. Das Schneiden des Korns ist dieses Jahr hier sehr beschwerlich, weil die starken Gewitterregen und die sie begleitenden heftigen Stürme in der zweiten Junihälfte die Halme kreuz und quer durcheinander nieder— geschlagen haben. Die begonnene Ernte wird nun ununterbrochen weiter gehen, denn auch die Gerste beginnt bereits zu bleichen. Die Halme aller Getreidearten sind sehr stark, und ist darum Lagerfrucht, mit Ausnahme vom Korn, nur äußerst selten. Die ersten Frühkar⸗ toffeln wurden hier zu 10& das Malter verkauft. Jetzt gelten sie nur noch 6 A.
* Darmstadt, 13. Juli. Um seine Leistungs⸗
fähigkeit darzuthun und Einheimischen und Frem⸗
vor den Bahnhöfen ein Teppichbeet hergestellt, das in sehr gelungener Weise das städtische Wappen darstellte. In der Nacht vom 13. zum 14. Juni war die Anlage von ruchloser Hand derart beschädigt worden, daß die Wiederher— stellung 112 A1 85& kostete. Als die Thäter wurden der 21 Jahre alte Heinrich Krick und der 19 Jahre alte Hermann Schäfer, beide Gärtnergehilfen dahier, ermittelt. Krick, der augenscheinlich gegen Herrn Stäbel feindlich ge— sinnt ist, hatte den Schäfer, der angetrunken war, zur That angestiftet und nach dem Ereignis noch seine Freude in lebhafter Weise ausgedrückt. Vor der Strafkammer leugnet er heute, während Schäfer geständig war. Beide wurden für schuldig erkannt und Krick zu fünf, Schäfer zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die exem⸗ plarische Strafe wurde von dem Publikum mit lebhafter Befriedigung begrüßt.
* Mainz, 13. Juli. Ein Liebesdrama fand gestern vor der Strafkammer des Land— gerichts seinen Abschluß. Angeklagt war wegen Körperverletzung der Taglöhner Peter Rumpf aus Ludwigshafen. Er hatte mit der dort wohnenden Gastwirtstocher Anna Delp ein Liebesverhältnis, das deren Eltern nicht dulden wollten. Rasch entschlossen, reiste das Liebespaar am 7. Mai nach Mainz. Hier kaufte Rumpf einen Flobert⸗Revolver und weiter ging die Reise nach Bingen, woselbst sich Beide in einem Gast⸗ haus einlogierten. Rumpf gab dort einen Schuß auf seine Geliebte ab, die ohnmächtig umfiel, hierauf richtete er die Waffe gegen sich selbst und fiel gleichfalls in Ohnmacht. Inzwischen erwachte die Delp wieder zum Leben und alar⸗ mierte die Wirtsleute, worauf Beide in das Hospital verbracht wurden. Da die Verletzungen nur leicht waren, konnten Beide nach kurzer Zeit wieder entlassen werden. Der Staatsanwalt be⸗ antragte gegen Rumpf eine Gefängnisstrafe von 1½ Jahren, das Gericht verurteilte ihn indes nur zu 5 Monaten Gefängnis.— Der Sohn eines hiesigen Metzgermeisters der mit einem Mädchen ein Verhältnis unterhielt, mit diesem aber am letzten Sonntag infolge einer Differenz sich verfeindete, hat sich noch am Abend in den Rhein gestürzt. Gestern wurde die Leiche des jungen Mannes in Rüdesheim geländet.
Vermischtes.
— Der Fabrikbrand in Elberfeld. Das schon bekannt gegebene Großfeuer, das am 6. Juli in den Elberfelder Farbenfabriken vorm. Friedr. Bayer und Co. das Scharlachlager vernichtete, gelangte im Keller zum Ausbruche. Dort waren mehrere Klempner mit dem Ver⸗ löten von Scharlachbüchsen beschäftigt. Hierbei fiel ein stedendes Stück Blei in die Farbe und rief eine Exploston hervor. Sofort schlugen die Flammen hoch empor. Die Klempner versuchten zwar die brennenden Büchsen aus dem Fenster zu werfen, mußten aber, da das Feuer immer mehr um sich griff, schließlich ihr Leben in Sicher⸗ heit bringen. Durch den Aufzug nahmen die Flammen in wenigen Sekunden ihren Weg bis zum obersten Stock⸗ werk und setzten das ganze Gebäude in Brand. Die Fabrikfeuerwehr konnte das Feuer nicht allein bewältigen und rief deshalb die Elberfelder sowie die Sonnborner
Das Täpfelchen auf dem i.
denkerin erst nach einem Monat gegen hohe Kaution in Von E. Ritter. (Nachdruck verboten)
gegeben, während schließlich die Geschworenen vom Kindel (Fortsetzung.)
0 Wago Ich denke, Ihre Frau Schwester ist augen⸗ 12 lielich an der Riviera— da bäckt sie doch sicher iliasten bis en Kuchen“.„Nein, allerdings, aber sie kehrt lig ab zurück, und dann hat sie es gleich— das
ftinsten 9 bert Ich bitte doch sehr dringend, wenn Sie Aaattung uf mir bis morgen abschreiben könnten, ich möchte Aus sonst vergessen“.„Gewiß Herr Doktor, wie
E sel. i wünschen, ich schreibe es heute Abend noch ab un nh Max bringt es Ihnen morgen herüber.“
erweg 2. nit war die Frage endlich erledigt zu Gründlichs 16. Afterweh lleichterung. Es war ihm schrecklich, er hatte ge— 8 An. Es war ihm berzlich schwer geworden, aber
— Zoueck heiligt die Mittel“. Es handelt sich
. sein Lebensglück. O du dummer Doltor
H Kadlec! Da st es vor dir in leibhaftiger Ge
1 dein Glück— das holde frische Mädchen mit
herzerquickenden Frohsinn— greif doch zu
frag nicht lang!.. So ahnlich spricht wohl
n Stimme in ihm, aber er wehrt sie ab. Nein,
die Schriftprobe, denn eine oberflächliche Frau, kann er nicht gebrauchen.—
Am Montag Mittag kommt der Quintaner Max
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1 Bräll 1 bringt auf einem Briefblatt, sauber gefaltet ate ,I. in einem Umschlag verwahrt, das Rezept. Es 911 aan. Gründlich zu lange, bis der Junge sich ent⸗ mt 9 und doch geschieht dies mit affenartiger Ge⸗
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schwindigkeit, 5 5 Hefte sind ihm unheimlich. Mit zitternden Händen entfaltet der Doktor das Blatt. Ein Blick und er weiß genug! Flüchtige unregelmäßige Schriftzüge— faft kein Grundstrich— o, er verstand sich darauf er brauchte ja keinen professionsmäßigen Grapho— logen dazu.„Nimm ein Pfd. Mehl“— so begann das Schriftsiück und, o Schrecken, o Graus, gleich das erste Wort bestätigte seine schlimmsten Be⸗ fürchtungen. Das Tüpfelchen, welches auf das i gehörte, es stand nicht über dem i, sondern über dem ersten Grundstrich des zweiten m, gleichsam als wäre es dahingeflogen! Weiter brauchte er eigentlich gar nichts zu sehen. Es zeugte von ganz außergewöhnlicher Flüchtigkeit und Mangel an Tiefe Das Tüpfelchen auf dem i. Gründlich seufzte tief auf.„Und was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nachhause tragen!“ Und was ein vernichtetes Lebensglück wäre! Mit schwerem Herzen studiert er weiter, sucht er nach dem folgenden i, da heißt es„vier Eier“; Das Tüpfelchen ist in„Eier“ auf das er geflogen, und in der„vier“ hat es zwischen dem e und dem r Halt gemacht. Und so gehts weiter bis zum letzten Wort„bäckt ihn bei mäßiger Hitze.“ In dem Wort „Hitze“ hat das t allerdings den weiteren Flug aufgehalten, aber man sieht deutlich, wie das Tüpfelchen sich gegen den Zwang aufgelehnt hat und widerwillig ganz oben an der Spitze das t hängt. und auch sonst, soviel er forschen mag, keine Spur *
denn die vielen Bücherregale und] von Festigkeit, von Ernsthaftigkeit in der Schrift.
Ja, er weiß genug, aber wie die bedeutendsten Aerzte ihrer eigenen Diagnose mißtrauen, wenn es sich um eine Krankheit ihrer nächsten Angehörigen handelt, so mißtraut Gründlich in diesem Fall seiner Kenntnis der Schriftdeutung. Einen weh— mütigen Blick noch wirft er auf das Rezept, dann schreibt er ein paar Zeilen an den ihm bereits be— kannten Graphologen, einer Autorität in seinem Fach, fügt das Rezept bei, zwei drei Mark in Briefmarken(es giebt welche, die thuns schon für 50 Pfennige, aber die„Autorität“ ist teurer), bittet um möglichst baldige Erledigung und verläßt mit dem Schreiben das Haus, es der Post zu über⸗ geben.—
Nun ist's gethan. Aber es ist ihm nicht wohl zumute. Er weiß ja, was er zu erwarten hat— das Todesurteil seiner Liebe! Er rechnet aus, bis wann er Antwort haben kann, vor Mittwoch Abend keinesfalls. Und immerfort sieht er das Tüpfelchen auf dem i vor sich— bei Tag und bei Nacht. Im Traum erscheint es ihm als ein riesiger Punkt, schließlich als Luftballon, weit in der Ferne schwebend. Es ist ein schrecklicher Zustand.— Am Donnerstag Morgen hat Gründlich den Brief des Graphologen in der Hand. Das Resultat ist ein trauriges Als hervorstechendste Eigenschaft: Ober⸗ flächlichkeit, Flüchtigkeit— siehe das Tüßpfelchen auf dem i— bei allerdings großer geistiger Be⸗ gabung(o, wie Gründlich diese Zusammenstellung
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haßt!) dann eine Heiterkeit, die fast an Leichtsinn grenzt, aber allenfalls auch in großer Herzensgüte wurzeln kaun. Dem steht allerdings entgegen, daß gewisse Eigentümlichkeiten der Schrift auf einen Hang zur Grausamkeit deuten u. s. w. u. s. w. — Gründlich war außer sich.
Flüchtig, oberflächlich, dabei Hang zur Grau⸗ samkeit, das war zuviel!— Gründlich steht in den nächsten Tagen Qualen aus. Ob er nicht am besten thut, das Nachbarhaus nicht wieder zu be— treten? Die Privatstunden unter irgend einem Vor⸗ wand abzubrechen? Aber das wäre unverantwortlich gegen Fritz gehandelt, nein, er kann den Jungen nicht im Stich lassen und dann— ein holdes An- geficht steht vor ihm bei Tag und Nacht— selbst das Tüpfelchen auf dem i vermags nicht ganz zu entstellen. Ein entsetzlicher Zustand bis zum Sonn⸗ abend Nachmittag um 6 Uhr: da muß er wieder zur Stunde ins Nachbarhaus. Er geht mit bösem Gewissen; es ist eigentlich doch nicht in der Ordnung, daß er auf so hinterlistige Weise sich in den Besitz des Rezeptes gesetzt und das Innere des Mädchens, welches er— ja welches er liebt, trotz allem ergründet hat. Wenn sie es wüßte! Aber nunmehr ist's einerlei, es ist ja alles aus!— Das
Dienstmät chen begegnet dem in schweren Gedanken Versunkenen auf der Treppe.
(Schluß folgt.)


