Ausgabe 
11.5.1897
 
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von ganzem Herzen beneiden und mit Hamlet denken: Ein Ziel aufs Innigste zu wünschen.

Ein Fürst als Kellner. In Budapest ist seit einiger Zeit der Abkömmling eines der edelsten pol⸗ nischen Fürstengeschlechter als Kellner bedienstet. Es ist dies Fürst Emerich Stanislaus Woronieczki, der Neffe jenes Fürsten Mizislaw Moronieczki, der im Freiheits⸗ kampfe vom Jahre 1848/49 für die Sache Ungarns ge⸗ fallen ist. Sein Vater war ohne Vermögen nach Ungarn eingewandert und hatte ein armes Bürgermädchen ge⸗ heiratet. Dieser Ehe entsproß ein Sohn. Die Mittel des Vaters reichten jedoch nicht aus, um ihm eine entsprechende Erziehung zu geben, er wurde wohl anfangs in eine Schule nach Veßprim geschickt, als der Vater aber kurz darauf starb und die Mutter ihm bald in den Tod folgte, blieb der junge Fürst ganz mittellos, auf sich allein an⸗ gewiesen und war schließlich gezwungen, eine Stelle als Kelluer anzunehmen. Fürst Emerich Woroniecski zählt 22 Jahre.

Die Gesundheitsschädlichkeit des Rad⸗ wettfahrens. Für weitere Kreise nicht uninteressant, so wird aus Kassel berichtet, wird es jedenfalls sein, was in der letzten Sitzung der Kasseler Stadtverord⸗ neten über die Gesundheitsschädlichkeit des Radwett⸗ fahrens vorgebracht wurde. Gelegentlich der Bewilligung eines Preises für das demnächstige Radwettfahren wurde von Dr. med. Knierim des Näheren begründet, daß man zwischen Radfahren und Radwettrennen streng unter⸗ scheiden müßte. Ersteres sei für viele Leute eine gesunde und angenehme Bewegung, namentlich für die Dicken, letz⸗ teres dagegen für die Gesundheit zweifellos schädlich und jedenfalls ein Hauptgrund dafür, wenn sich in der nächsten Zeit die Herzkrankheiten vermehren. Er könne es vom ärztlichen Standpunkt aus nicht verantworten, auf dasLoswirtschaften auf die Gesundheit auch noch Preise zu bewilligen. Die Versammlung stimmte zu und lehnte die Bewilligung eines Ehrenpreises der Stadt für das Radwettfahren aus prinzipiellen Gründen ab.

Verunglückte Probe eines Rettungs⸗ apparates. Ein Opfer seiner Erfindung wurde ein junger aus Krakau stammender Ingenienr Zdislaw Szpor, der nach Berlin gekommen war, um hier seine Erfindung, eine FallbremseTutator, zu ver⸗

daran mit einer Spiralfeder fest, sobald sie belastet wird. Die vor einem Absturz zu schützende Person befestigt das Seil an einem festen Punkte und zieht es durch die Bremse hindurch, die mit einem Gürtel um den Leib ge⸗ schnallt wird. Kommt es zum Absturz, so soll das Ge⸗ wicht des stürzenden Körpers die Bremse in Thätigkeit setzen. Herr Szpor hatte seine Erfindung dieser Tage auf dem Hofe der Feuerwehr dem Branddirektor Giersberg vorgeführt, stets mit vollem Erfolge. Als er nun die Bremse auch einem geladenen Publikum auf dem Hofe eines Patentbureaus in der Luisenstraße vorführte, war er seiner Sache so sicher, daß er nicht die geringste Schutz⸗ maßregel auf dem Hofe angebracht hatte. Viermal hinter einander arbeitete der Apparat auch vorzüglich; jedesmal, wenn Herr Szpor aus dem Fenster des zweiten Stock⸗ werks sprang, bremste alsbald der Apparat, so daß Herr Szpor hängen blieb und sich sodann sprungweise an dem Seil zur Erde herablassen konnte. Als er aber zum fünften Male den Versuch wiederholte, diesmal um zu zeigen, daß auch eine Schleife in dem Seil die Wirkung nicht aufhebe, stürzte Herr Szpor vor den Augen der ent⸗ setzten Zuschauer auf das Steinpflaster des Hofes. Mit einer schweren Verletzung am Kopfe und mehrfach zer⸗ brochenem Arm blieb er blutüberströmt liegen. Aerzte legten ihm einen Notverband an und sorgten für seine Ueberführung in die Charitee. Die erste Nachricht von dem Unfalle sprach von einem Reißen des Seiles; nach anderer Version dürfte das Unglück darauf zurückzuführen sein, daß durch die mehrfachen Versuche die Feder der Bremse abgeschwächt und das Seil zu glatt geworden war, so daß die Bremse nicht mehr das Gewicht des stürzeunden Körpers zu tragen vermochte. Herr Szpor kam in der Charitee wieder zur Besinnung. Seine Verletzungen haben sich inzwischen als nicht lebensgefährlich heraus⸗ gestellt.

Von dem Wiedererwachen eines mäch⸗ tigen Naturtriebes bei einem Vogel erzählt eine englische Zeitschrift folgendes Beispiel. Jemand hatte eine Seemöwe gefangen und brachte sie in die Gegend von Nottingham, wo sie förderhin in Gefangenschaft leben mußte. Der Vogel gewöhnte sich schnell ein, ging frei im Garten umher, folgte seinem Herrn auf Schritt und Tritt oder maschirte auch wohl vor ihm her, und

werten. Diese läuft an einem Seil und klemmt sich

schien es überhaupt als ein großes Vergnügen zu em⸗

n

pfinden, wenn er ihn begleiten durfte. Die Möwen sind ja im Allgemeinen keine sehr menschenscheuen Bögel; man findet sie ja häufig gezähmt. Das Merkwürdige bei dieser Möwe war nun, daß sie, als ihr Herr ihr eines Tages als Mahlzeit einen Seefisch gab, den ersten, wähend ihrer Gefangenschaft erhielt, ihr Benehmen merklich änderte. Sie fraß den Fisch mit sichtlicher Gier, aber von Stund wan ar es mit ihrer Ruhe zu Ende. Der Vogel ge⸗ beerdete sich ganz anders wie früher, lief, mit den Flügeln schlagend, immer im Kreise umher und suchte so seine Flugkraft zu stärken; schließlich erhob er sich eines Tages in die Lüfte, nahm seine Flugrichtung gerade auf's Meer zu und kehrte niemals wieder. Wenn man mit mensch⸗ lichen Beweggründen das Handeln des Vogels messen darf, so ist es durchsichtig. Der Geruch oder der Ge⸗ schmack des Seefisches erweckte alte Erinnerungen, die künstlich zurückgehaltenen und schlummernden natürlichen Triebe, kurz, die Sehnsucht nach seiner eigentlichen Heimath, dem Meere, erwachte lebhaft in ihm.

Die Tuberkulose und die hohlen Zähne. Man berichtet derFkf. Ztg. aus Paris: Daß die hohlen Zähne Geschwülste und sehr schmerzliche Neuralgien hervorrufen, ist genugsam bekannt. Der hiesige Arzt Strack beschuldigt sie jetzt außerdem, den Tuberkelbazillen den Eingang in den inneren Organismus des Menschen zu bahnen. Dieser Bakteriologe hat Kochbazillen in hohlen Zähnen entdeckt und von 114 Kindern, die eine Anschwellung der Drüsen zeigten, hatten 41 Prozent ver⸗ dorbene Zähne, die Dr. Strack als Krankheitserzeuger bezeichnet. Oft folgt die Drüsenanschwellung einem einfachen Zahnschmerze. Also aufgepaßt auf die hohlen Zähne!

Neueste Telegramme.

Hd. Berlin, 10. Mai. Das Staats⸗ ministerium trat gestern, Sonntag vor⸗ mittags 11 ¼ Uhr, unter dem Vorsitze des Reichs⸗ kanzlers Fürsten Hohenlohe im Reichskanzlerpalais zu einer Sitzung zusammen.

Hd. Teplitz, 9. Mai. Hier brann⸗ ten gestern Nachmittag die sämtlich en Schachtanlagen das der Brüxer Berg⸗ bau⸗Gesellschaft gehörigen Dobelhoff⸗

Bekanntmachung.

Das Heberegister über die Umlagen der Stadt Gießen pro 1897/98 liegt acht Tage lang auf unserem Bureau Zimmer Nr. 15 zur Einsicht eines jeden Beteiligten offen. Es wird dies mit dem Bemerken zur öffent- lichen Kenntnis gebracht, daß Beschwerden gegen die im Register enthaltenen Ansätze binnen der ersten vier Wochen nach Ablauf der Offen⸗ legungsfrist entweder schriftlich oder mündlich zu Protokoll bei Großh. Kreisamt Gießenvor⸗ gebracht werden müssen und daß später vor⸗ gebrachte Beschwerden keine Berücksichtigung finden können.

Gießen, den 6. Mai 1897.

Großh. Bürgermeisterei Gießen. Gnauth.

Bekanntmachung.

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Schachtes ab. Die Bergleute konnten sich retten.

Hd. Paris, 9. Mai. Aus finanziell⸗poli⸗ tischer Quelle wird mitgeteilt, die englische Expedition gegen Transvaal sei der Re⸗ gierung von den Trusts aufgezwungen worden welche unter den Parlaments⸗Mitgliedern und in der Presie durch kolossale Geldsum men für die Expedition Stimmung gemacht haben. An der Spitze der Trusts stehe Cecil Rhodes. Der Zweck der Expedition ist nicht politischer, sondern finanzieller Natur..

Hd. Paris, 10. Mai. DerTemps meldet aus Athen: Der Minister des Innern sandte dem russischen Vertreter eine Note, darin die Vermittlung Euro⸗ pas erbittend, um dem Krieg ein Ende zu setzen. Als Garantie für die Aufrichtigkeit der Absichten Griechenlands werde die griechische Regierung sofort 4000 Mann und in kurzer Zeit das ganze Occupationskorps Kretas abbe⸗ rufen. Hierauf übermittelte der Vertreter der Mächte eine identische Note, worin erklärt wird, daß ihre Regierungen die verlangte Vermittlung angenommen haben. Hiermit sind Unterhandlungen angebahnt und der chriechisch⸗ türkische Krieg eventuell beendet.

Hd. Madrid, 9. Mai. Die eng⸗ lische und amerikanische Regie⸗ rung antworteten der spanischen Regie⸗ rung, sie seien bereit, die zur Ver⸗ bannung verurteilten spanischen Anarchisten in ihren Län dern zu⸗ zu lassen.

Grünberg. Auf dem letzten Wochenmarkte wurden für Früchte folgende Durchschnittspreise(A 50 Kilogramm) erzielt: Weizen 7,40, Korn 6, 88, Gerste 6, 94, Hafer 6, 70, Erbsen 9,08, Kartoffeln 3, 38&.

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