0 Nr. 53
Gießen, Donnerstag, den 4. Mürz
1897.
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Postztg. Nr. 3239 a. Telephon⸗Nr. 112.
Postztg. Nr. 3239 a.
Telephou⸗Nr. 112. engeren— Agenden Ml 12 Redaktion: 5 25 Ort 5 ö pedition: teln, Kreuzplatz Nr. 4. 8 Preis der Anzeigen t 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzelle. 75 84 Kreuzplatz Nr. 4. .—— 5——— e—ö———— Traufe Lokales und Provinzielles* Gießen, 3. März. Unter Leitung des Langsdorf einzusetzen, und mit dem Bau der Reklamewagen acht große Schauwagen teil, auf denen valeg ö„Maurermeisters Winn fanden gestern Bohrungen Güterstation sofort und ohne Aufschub zu be- neben abgebrauchteren Stoffen wie Prinz Karneval, eenten Gießen, 3. März. In den Ru hestand betreffs Untersuchungen des Fundamentes ginnen; 6. der Abgg. Joutz und Genossen, die Malerei, Dichtung usw. auch Tagesereignisse dargestellt orty t wurd 20, Febrgar! 1 zur Erweiterung des Hauptpostamtes statt. Es Kammer wolle beschließen, großh. Regierung zu waren, nämlich der Wirbelsturm, der vergangenen Herbst eln, bersetzt wurde am 23. Februar l. J. der Maga 25 b 2 0„9 9 g zu 85 5 abkokaper, insdiener bei den Oberhessischen Eisenbahnen stellte sich dabei heraus, daß der ganze Boden ersuchen, dem Landtag einen Antrag, betreffend über Paris hinwegraste, und eine Anwendung der ehlt
althaser Wießner zu Gießen, mit Wirkung vom 1. April l. J. an. Arat* Gießen, 3. März. Vor einiger Zeit be⸗ arafuren richteten wir von einer geplanten Vereinigung N werden unter der Kalkwerke an der Lahn.— Wir sind 15 gut und bg heute in der Lage mitzuteilen, daß die Verhand— 8 401 lungen soweit gediehen sind, daß sämtliche größere ch, Whrnaher Werke bei Limburg, Dietz, Gießen, Wetzlar und 1„Butzbach sich bereit erklärt haben, nicht nur der Vereinigung beizutreten, sondern auch zu einer 1 Vergesellschaftung ihrer Etablissements bereit g sind. Nur ein Werk, bei Hohen⸗Solms gelegen, ma bleibt von derselben ausgeschlossen.
5 Gießen, 3. März. Mit Uebergang der wein Psisce Perm Eisenbahnen in die preußisch⸗ he
3 a sische Verwaltung erhält auch die Zahl der 0 Stationen, von und nach denen Sonntags- rnold, fahrkarten ausgegeben werden, eine Erweite— hofstr.7. rung. Die erstmalige Ausgabe erfolgt am 990 11. April. Von katholischen Feiertagen sind
nur Fronleichnam und Peter und Paul als solche bezeichnet, an denen Sonntagskarten zur Ausgabe gelangen.
* Gießen, 3. März.
1d Weißzeug genommen in und außer(Strafkammer⸗
Tiefenweg 10. Verhandlung.) Der Gerichtshof hatte sich Wiessenchase7 gestern mit zwei rückfälligen Dieben zu befassen, liches Frühstög vy, welche, aus der Haft vorgeführt, beide ihrer
gstisc won 70 Pg, That geständig waren. Der 37 Jahre alte Alg erte in berscicbene Dienstknecht Konrad Wenzel von Oberau orzügliches laß Din hat in Vilbel einen Leitriemen mitgehen heißen. 150 N Er will durch einen Genossen dazu verleitet sein. e Das Urteil lautet auf 5 Monate Gefängnis, fund Ca/ an 1 99 1 15 n 0 — 55 zu? suchungshaft für verbüßt erachtet wurde, un Hau 8 außerdem auf drei Jahre Ehrverlust.— Der
strasse 6. Dienstknecht Jakob Knauth von Endbach hat s. Zt. seinem Dienstherrn in Ober⸗Mörlen ö Mittagstisch, 18 Rahmen Bienenhonig im Werte von 30, nent 1 ee 2 Messer, 3 Pfund Schwartenmagen, in zwei e Fallen 4½ Pfund Fleischwurst und zwei Leib ——ͤů— Brot gestohlen. Der Angeklagte war im ganzen dter Haus. 10 Wochen in Ober⸗Mörlen im Dienst und will wie 7 diese Nahrungsmittel nur gestohlen haben, weil ittageti! er von seiner Herrschaft nicht katt zu essen be⸗
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kommen habe. Der Gerichtshof war der Mei⸗ nung, daß die Wurst und das Brot wohl zum Genuß nach und nach habe dienen können, die 18 Rahmen Bienenhonig hätte der Angeklagte
. Mage aber nicht gebraucht, um seinen Hunger zu ber Wa 97% stillen, ebenso müßte die Fortnahme der Messer — als Diebstähle betrachtet werden, während die
anderen Fälle nur Mundraub seien, wofür auf Haft zu erkennen sei. Knaut erhielt demzufolge 7 Monate Gefängnis und 6 Wochen Haft, doch ist ihm ein Monat der Untersuchung anzurechnen. — In beiden Fällen billigten die Richter den Dieben noch einmal mildernde Umstände zu, sonst hätte auf Zuchthausstrafe erkannt werden müssen.
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lauter Felsen ist und Dynamitsprengungen vor— genommen werden müssen.
* Lollar, 2. März. Das am vergangenen Sonntag vom hiesigen„Gesangverein Ger— mania“ abgehaltene Stiftungsfest verlief in der schönsten Weise. Die Gesangs⸗, sowie die komischen Vorträge ernteten großen Beifall. Besondere Anerkennung wurde den Konzertvor— trägen der Kapelle Kümmel gewidmet. Trotz⸗ dem das„Gasthaus zum Einhorn“ fast überfüllt war, gingen die Gäste erst in später Stunde nachhause, mit dem Bewußtsein, einen vergnügten Abend verlebt zu haben.
* Darmstadt, 2. März. Bei der zweiten Kammer der Stände sind u. a. folgende Anträge eingelaufen: 1. der Abgg. Dr. Schröder und Genossen, großherzogliche Regierung zu ersuchen, den Ständen bald Vorlage zu machen, durch welche allen vor dem 23. Juli 1890 penstonierten Volksschullehrern im Lande, welche zur Zeit weniger als 1000. an Ruhegehalt be⸗ ziehen, eine Pension bis zu dieser Höhe mit Wirkung vom 1. Januar 1897 an gewährt wird; 2. der Abgg. Pennrich und Genossen, die Kammer wolle beschließen, an großh. Staatsregierung das Ersuchen zu richten, den Ständen eine Gesetzes⸗ vorlage, betreffend Einführung einer hessi⸗ schen Staats-Klassenlotterie, zugehen zu lassen; 3. des Abg. Köhler, die zweite Kammer wolle beschließen, großh. Regierung zu ersuchen, den Ständen einen Gesetzentwurf vorzulegen des Inhalts: 1) Es soll Prinzip sein, daß jede im Lande zum Verkauf kommende Mühle, jede verkäufliche Wasserkraft vom Staate aufgekauft und das dann zur Versügung stehende Wasser bezw. die Wasserkraft je nach Umständen ent⸗ weder zur landwirtschaftlichen Bewässerung oder zur Erzeugung von Elektrizität von staatswegen verwendet werde. 2) Das erforderliche Kapital soll nach Bedarf durch Kapital⸗Aufnahme in das zu errichtende Staats-Schuldbuch aufgebracht werden; 4. Petition vieler Kleingrundbesitzer der Stadt Lich um gesetzliche Maßnahmen gegen die Ausdehnung des fürstl. Solms-Hohen⸗ solms-Lichschen Waldes in der dortigen Gemarkung, von dem Abg. Köhler als Antrag übergeben. Dieselbe gipfelt in der Bitte an die Kammer, mit der großh. Staatsregierung gesetz⸗ liche Maßnahmen zu veranlassen, nach welchen die Aufforstung von Grundstücken in der(in der Petition näher dargelegten) Weise verhindert werden kann; 5. dringlicher Antrag der Abgg. Köhler und Genossen, 1) die zweile Kammer wolle beschließen, großh. Regierung zu ersuchen, sofort die erforderliche Geldsumme für Anlage eines zweiten Geleises und Einrichtung einer Station für wagenweise Güterverladung bei Haltestelle Langsdorf, in den Haupt⸗ voranschlag für 1897— unter weitgehendster
Schonung der Beitragspflicht der Gemeinde
den Bau einer normalspurigen Bahn von Butzbach nach Lich aufgrund der dem Schreiben angeschlossenen(auf der Kanzlei zweiter Kammer zur Einsicht offenliegenden Pläne und Voran— schläge alsbald vorzutragen.
* Mainz, 2. März. Die von der hiesigen Staatsanwaltschaft wegen Gotteslästerung eingeleitete Untersuchung gegen den Redakteur der„Mainzer Volkszeitung“ Dr. Eduard David und den Verleger Ludwig Jost ist nunmehr ein⸗ gestellt worden. Es handelte sich um den in der„Neuen Welt“ erschienenen Artikel„Der Nazarener“. Die„Neue Welt“ ist die illustrierte Wochenbeilage der„Volkszeitung“.
Mainz, 2. März. Der Karnevals⸗ zug dürfte noch nachträglich ein Menschen⸗ leben kosten. Das Pferd eines beim Zuge mitwirkenden Soldaten des 27. Feld⸗Artillerie⸗ Regts. wurde scheu. Der Soldat stürzte vom Pferd und wurde eine Strecke weit geschleift, wobei der Unglückliche einen schweren Schädel⸗ bruch davontrug.— Heute Morgen verstarb Kaufmann Kaspar Wilhelm Schöppler im Alter von nahezu 70 Jahren. Der Verstorbene war ein alter 1848er und eines der ältesten Mit⸗ glieder des demokratischen Vereins.— Das Ministerium hat nach dem„M. A.“ das von den Stadtverordneten beschlossene städtische Arbeitsamt genehmigt.
Vermischtes.
— Albert Wagner über Richard Wagner. Im„Kl. J.“ teilt W. Tappert, aus seinen Wagner⸗Er⸗ innerungen folgendes kuriose Stück mit: Er traf häufig mit Albert Wagner, dem ältesten Bruder Richards und Vater der Sängerin Johanna Jachmann⸗Wagner zusammen, und dann lautete Alberts Frage jedesmal:„Was macht Richard?“„Ich pflegte— so erzählt Tappert weiter— regelmäßig zu antworten:„Hoffentlich gehts ihm, wie ers verdient, also ausgezeichnet!“ Dann entwickelte sich das Gespräch etwa in folgender Weise:„Halten Sie die Opern meines Bruders wirklich so bedeutend?“—„Na⸗ türlich! Das sind geniale Schöpfungen! Tannhäuser und Lohengrin kennt und schätzt die ganze Welt, auch die „Meistersinger“(damals Novität in Berlin) wird man nach und nach als Meisterwerk erkennen lernen.“—„Die Meistersinger! Wissen Sie, was neulich ein königl. Kammermusiker sagte? Drei verstimmte Leierkasten, auf jedem ein anderes Stück gleichzeitig gespielt, da haben Sie die Musik der Meistersinger.“—„Fauler Witz! Ebenso jeistreich wie die Behauptung 1856: ein Nordhäuser ist mir zehnmal lieber als der Tannhäuser.“—„Na, Sie werdens ja erleben. Ich kenne doch meinen Bruder von Jugend auf. Schon in Würzburg(1833) war er bei mir, damals sagte ich mehr als einmal zu ihm: Richard, sagte ich, dichten kannst Du, aber mit der Musik, das wird nichts, das laß sein! Und hab ich etwa nicht recht gehabt?“ 8
— Der Karneval in Paris. Der Umzug des Fastnachtsochsen in Paris erfolgte am 28. v. Mts. bei warmem Sonnenwetter unter ungeheurem Zusammenlauf der jubelnden Bevölkerung. An dem Zuge nahmen außer
Röntgenstrahlen, mittelst deren man im Bauche des bib⸗ lichen Walfisches den Propheten Jonas in höchst leicht⸗ fertiger Gesellschaft sich wie in einem verschwiegenen Cabi⸗ net particuner vergnügen sieht. Die Boulevards waren abends drei bis fünf Centimeter hoch mit den Confetti genannten Papierscheibchen bedeckt. Zu dem Bewerfen mit diesem Unrat, zu dem polizeilich streng verbotenen und darum um so lustiger geübten rohen Fegen der Ge⸗ sichter mit schmutzigen Papierbesen und Pf zuenfedern ist ein neuer Unfug getreten: man krallt den Vorübergehenden mittelst eines Drahthakchens, Schweinchen, Falter und andere Gebilde aus Pappe an den Rücken und bewirkt dadurch ausgedehnte Zerstörungen der Kleider. Der Schrei, den namentlich weibliche Opfer bei der Entdeckung eines Risses im Mantel oder Kleid ausstoßen, gewährt der Menge das höchste Vergnügen.
— Die Großstädte im 19. Jahrhundert. Im Laufe der letzten 90 Jahre haben ihre Bevölkerung verdoppelt: Amsterdam, Birmingham, Brüssel, Manchester und Rom; verdreifacht: Kopenhagen und Marfseille; ver⸗ vierfacht: London, Lyon, Paris, Petersburg und Prag; verfünffacht: Breslau, Dresden, Hamburg, Köln und Wien; versechsfacht: Leeds, Liverpool und Warschau; versiebenfacht: Glasgow und Sheffiehld; verachtfacht: München; verneunfacht: Berlin, Budapest und Leipzig; ver⸗ sechzehnfacht: Baltimore. Eine 25fache Vermehrung der Bewohnerzahl weisen 2 Städte, Newyork und Phila⸗ delphia, eine Vermehrung um das 245fache Chicago, end⸗ lich eine Vermehrung um das 338fache Brooklyn aus. Die Bevölkerung Dublins ist innerhalb der letzten 90 Jahre von 261,700 auf 245,001, also um nicht weniger als 16 699 Einwohner zurückgegangen. Interessant sind die Ziffern, welche die Anteilsprozente der Stadtebevöl⸗ kerung an der Gesamtbevölkerung des Landes ergeben; die Bevölkerung Berlins betrug im Jahre 1840 0,98 Prozent, im Jahre 1890 dagegen 3,2 Prozent der Ge⸗ samtbevölkerung des deutschen Reiches. Paris erscheint in der Bevölkerung Frankreichs im Jahre 1850 mit 2,73 Prozent, im Jahre 1890 mit 6,32 Prozent beteiligt. Wien partizipierte an der Bevölkerung Niederösterreichs 1840 mit 27,41 Prozent, 1880 mit 31,14 Prozent, 1890 durch die Einverleibung der Vororte mit 51,27 Prozent; an der Bevölkerung der ganzen österreichischen Reichshälfte erscheint Wien 1869 mit 2,86, 1880 mit 3,28 und 1890 mit 5,71 Prozent beteiligt. Das An⸗ teilsprozent der Stadt London an der Gesamtbevölkerung von England und Wales ist im Laufe der letzten 50 Jahre von 12,24 auf 14,53 Prozent gestiegen; London beherbergt heute bereits ein Siebentel der Bevölkerung von England und Wales. Das Endresultat der Untersuchung ist, daß die Zahl der Städte in steter Zunahme begriffen ist und die städtische Bevölkerung einen immer größeren Anteil an der Gesamtbevölkerung der verschiedenen Länder und Staaten aufweist.
— Die Predigt mit Hindernissen. In einem Dorfe der holländischen Provinz Dreuthe blieb neu⸗ lich der Herr Pfarrer gerade in einer der salbungsvollsten und pathetischsten Stellen plötzlich stecken. Um Zeit zu gewinnen, ließ er, wie wir dem„Telegraaf“ entnehmen, seine fromme Herde einen ellenlangen Gesang anstimmen und schickte inzwischen den Küster aus, um die in der Pfarrwohnung vergessene Fortsetzung der Erbauungsrede zu holen. Aber kreidebleich kam der wackere Küster zurück: Ehrwürden müsse selbst suchen gehen, er könne nichts finden. So verließ denn der Herr Pfarrer selbst die
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g in Kube) Novelle von E. Reinhold.
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Gabler I.(Fortsetzung.)
Treubadd Bei einer Trennung ist der am alten Ort Zu⸗ Wa ktückbleibende am übelsten daran. Wenigstens hatte 0 Marianne dieses Gefühl, und besonders in den arten 10. esten Tagen. Da fehlte ihr Moritz ihr an allen 1 lu, Spiegel, Ecken und Enden, und selbst ihr Töchterchen Ditta Aöbe 1 fungen sonnte ihr die Sehnsucht nach dem fernen Gemahl ie al licht verscheuchen. Schließlich aber gewöhnte sie
enlände 7 Gehe.* sich doch an ihr Strohwitwentum. Praktisch, wie sie war, kam sie bald auf den Gedanken, für die
Agen ee e d Zeit ihrer Alleinherrschaft den Haushalt zu verein— % achen. Sie entließ das Stubenmädchen und be— „ bielt nur die alte Barbara, die Köchin, das war gung ine brauchbare, arbeitsame Person, mit der allein celan en sich auch die große Wohnung in Ordnung bn J
ahr en, Bene halten ließ. lame, eren e I Die große Wohnung! Das war etwas, worüber nuts: sich Marianne stets ärgerte. Wozu brauchte so 2— ine kleine Familie sieben Zimmer? Sie wäre mit breien zufrieden gewesen, aber Moritz wollte es fun einmal so haben, und so konnte sie nichts da— egen thun. Moritz behauptete immer, er müsse sich„ordentlich ausbreiten“ können, wenn ihm wohl 36. ein solle, aber sie hatte das Bedürfnis nicht. War docs, 607 es da nicht jammerschade, daß sie jetzt— der erste 1 Marl April nahte und die Vierteljahrsmiete war fällig— el. 7 0 vieder so viel Geld forttragen mußte für nichts
ile end wieder nichts? I 5 1„Wenn ich daran etwas ersparen könnte!“ Ine, eeufzte sie und blickte nachdenklich vor sich hin.
106 — Da schien ihr ein Gedanke zu kommen. Ihre Züge
belebten sich und aus ihren klaren grauen Augen blitzte ein kühner Entschluß.
„Natürlich, das geht, ich thu's!“
Am Abend, nachdem Ditta in das Bett ver— bannt worden war, entwickelte Frau Marianne der alten Barbara ihren Plan. Diese hörte mit einem bedenklichen Gesicht zu. l
„Ich thät's nicht, Madame“, sagte sie,„dem Herrn wird's gar nicht recht sein!“
„Das freilich nicht“, entgegnete Marianne,„und wäre er hier, so wäre kein Gedanke daran. Aber wenn ich ihm dann die blanken Goldstücke aufrzähle, und wenn er sieht, was mein Finanzgenie wieder für unseres Kindes Wohl geschafft, wenn er sieht, wie glücklich ich darüber bin, meinst Du, daß er dann ernstlich und lange grollen wird?“
Das meinte nun Barbara allerdings nicht, denn dazu glaubte sie ihren Herrn und ihre Herrin zu gut zu kennen, aber sie hatte noch andere Bedenken.
„Was werden die Leute dazu sagen“, bemerkte sie,„daß die Frau Schäfer vermietet?“
„Aber altes Kind, denen erzählen wir einfach, das ist ein alter Onkel, der aus Gefälligkeit für die paar Monate zu uns gegangen ist, damit wir nicht ohne männlichen Schutz sind. Jetzt, wo jeden Tag etwas von einem Einbruch in der Zeitung zu lesen ist, wird jedermann das natürlich finden. Uebrigens werde ich dafür sorgen, daß wir nicht allzuviel neugierigen Besuch erhalten. 5 Natürlich nehme ich nur einen feinen, ruhigen, würdigen und alten Herrn als Mieter.“ 5
Der alten Barbara schüchterne Einwürfe waren
somit entkräftet und die Vermietung von Moritz Schäfers Arbeitszimmer und dem daranstoßenden
Fremdenzimmer beschlossene Sache. Marianne setzte ein Inserat auf, in welchem sie ihre elegant möb— lierten Zimmer distinguierten älteren Herren empfahl. Die Antwort der Herren Reflektanten wurde schriftlich unter bestimmter Chiffre postlagernd erbeten. Als nach einigen Tagen Barbara die einge— laufenen Meldungen abholen wollte, fand sich, daß nur eine einzige eingegangen war. Nur Einer hatte seine Karte niedergelegt, aber ein Löwe. „Freiherr von Kroker“, las Marianne auf der in einem Kouvert steckenden Karte, und als gegen— wärtige Wohnung des betreffenden Herrn den „Schwarzen Schwan“, das erste und teuerste Hotel in der Stadt. Das imponierte zwar Marianne, aber sie war vorsichtig, sie wollte nicht gleich auf den Leim gehen, wie sie sich sagte, sie wollte erst
Erkundigungen einziehen. Doh alle Auskünfte lauteten befriedigend. Die Freiherren von Kroker
waren ein reichbegütertes Geschlecht, und der hier in Frage kommende Sprößling schien ein sehr vor⸗ nehmer älterer Herr, der allerdings erst seit drei Tagen im Schwan wohnte, aber dort allgemein den günstigsten Eindruck machte. So entschloß sich Marianne, den Herrn zur Besichtigung ihrer Räume einzuladen.
Der Herr kam und stellte sich vor. Er mochte ein Sechziger sein, hatte weißes Haar und weißen Schnurrbart, hielt sich aber noch stramm, fast mili— tärisch. Er sah sehr distinguiert aus, und seine Kleidung war die allerfeinste. Mariaune war sonst nie befangen, und fand sich immer allen Persönlich— keiten gegenüber leicht zurecht, dem Baron gegen⸗ über aber fühlte sie im ersten Augenblick eine leichte Verlegenheit. Sie hatte in ihrer Rolle als Ver⸗
mieterin dem Mieter gegenüber ein peinliches Ges fühl der Inferiorität. Und fatal war es, daß der Baron das zu merken schien. Er, der ihr zuerst mit all dem Respekt entgegengetreten war, den man einer Dame der guten Gesellschaft schuldig zu sein glaubt, ließ mit einem Male ganz ungeniert ein ironisches Lächeln und sehen sagte in sehr herab— lassendem Tone:
„Zeigen Sie mir die Zimmer, die Sie ver⸗ mieten wollen.“
Marianne ärgerte sich unbeschreiblich, und zu— meist über sich selbst. Sie erkannte, daß sie sich dem Baron gegenüber selbst durch ihre kindische Be— fangenheit den Respekt vergeben hatte. Sie spürte, sie imponierte dem alten vornehmen Herrn recht wenig und dafür hätte sie ihn am liebsten gleich wieder fortgeschickt. Doch das ging nicht an, denn sie selbst hatte ihn ja hergerufen, und so führte sie ihn denn nach den Räumen, die sie abzutreten ge— willt war.
Der Baron betrachtete mit kritischen Blicken die beiden Zimmer.
„Das sieht ja passabel aus“, sagte er dann mit einer wohlwollenden Anerkennung, die Frau Marianne das Blut in die Wangen trieb,„aber liebe Frau, wenn ich Besuch erhalte, wo soll ich den empfangen? Etwa in diesem Zimmer, das sie Wohnzimmer zu nennen belieben, und das wie ein kaufmännisches Komptoir mit Geldschrank und Schreib- tisch ausgestattet ist?“
Marianne schwieg. Die ironische Frage des alten Kavaliers hatte sie wieder ganz eingeschüchtert. Sie hatte sich das Vermieten doch einfacher gedacht.
Fortsetzung folgt).
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