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Gießen, Donnerstag, den 30. Juli
1896.
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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Fspaltige Petitzeile.
5 Expedition: 2 Kreuzplatz Nr. 4.
„ ö 151 Lokales und Provinzielles. 0* Gießen, 29. Juli. Erledigt sind: die mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Gadernheim, Kreis Bensheim, mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährl. Gehalt von 9001000 l. Dem Herrn Grafen zu Erbach-Schönberg steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ober⸗Hainbrunn, Kreis Erbach, mit einem jährl. Gehalt von 900 l. Dem Herrn Grafen zu Erbach-Fürstenau steht Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Pford, Kreis Lauterbach, mit einem jährl. 1 15 von 900 4. Mit der Stelle ist Organisten⸗, Kantoren- und Lektorendienst Dem Herrn Grafen zu Schlitz, ge— nannt von Görtz, steht das Präsentatiousrecht zu derselben zu. Eine mit einem ev. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Auerbach, Kr. Bensheim, mit einem jährl. Gehalt von 1000, Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Elmshausen, Kr. Bensheim, mit einem jährl. gehalt von 900% Dem Herrn Grafen zu Erbach⸗Schönberg steht das Präsentationsrecht zu derselben zu.
* Gießen, 29. Juli. In der gestern Abend in der Gastwirtschaft des Herrn Arnold(Bahn⸗ hofstraße) stattgehabten Vorstandssitzung der Ortskrankenkasse Gießen wurde be—
schlossen, den Familieun angehörigen der Mitglieder den Arzt wieder zu ge⸗ pähren. Dieser Beschluß bedarf noch der Genehmigung der Generalversammlung.
* Gießen, 29. Juli. Wir machen auch an dieser Stelle darauf aufmerksam, daß nach einer Bekanntmachung des städtischen Gas- und Wasser⸗ werks infolge Abschlags vom 1. August d. J. ab die Auerschen Glühlichtkörper zu 1,40. anstatt seither 1,80/ verabfolgt werden.
* Gießen, 29. Juli. Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu sorgen. Wir be⸗ richteten jüngst, wie ein Viehhändler aus Mainz⸗ lar einen unserer Wirte und Metzger mit minderwertigem Fleisch beglücken wollte. — Der Fuhrmann hatte am Thorhaus 3 Mk. 50 Pfg. Oktroi entrichtet. Dem Beamten kam aber die Gewichtsangabe für das Fleisch nicht richtig vor, und wurde deshalb zum Schlacht⸗ 1 geschafft, dort nachgewogen, wobei sich ein
ehrgewicht herausstellte. Der Absender in Mainzlar, dem seine minderwertige Ware zurück⸗ geschickt wurde, hat auch nachträglich die Rech⸗ nung über 19,50 Mark von hier aus zugeschickt bekommen, er hat nämlich den zehnfachen Betrag des hinterzogenen Oktrois zu zahlen, trotzdem das Fleisch wegen seiner Minderwertigkeit gar nicht einmal hier zur Einführung zugelassen ist. * Gießen, 29. Juli. Die Strafkammer ver⸗ handelte gestern gegen den in Strafhaft befindlichen Tag⸗
löhner Heinrich Renker von Lauterbach. Der erst
17 Jahre alte Angeklagte stand am 24. März d. J. vor demselben Gerichtshof, um wegen eines schweren Dieb⸗ stahls, den er im Januar in Dortelweil begangen, ab⸗
geurteilt zu werden. Er war damals nicht nur der ihm zur Last gelegten Strafthat geständig, sondern gestand bei dieser Gelegenheit auch ein, einen weiteren Einbruch in einen Laden vorgenommen zu haben, ohne aber Geld, das er suchte, darin zu finden. In einer offenen Schub lade fand er aber 70, die er mitgehen hieß. Der Angeklagte wurde im März zu 6 Monate Gefängnis ver⸗ urteilt und erhielt heute eine Zusatzstrafe von 3 Monaten. — Der 60 Jahre alte Taglöhner Lorenz Roth von Althattendorf, wegen Beleidigung und Körperverletzung vorbestraft, nimmt, aus der Haft vorgeführt, auf der Anklagebank Platz. Er trägt den blauen Kittel der Schwälmer Bauern und macht das unschuldigste Gesicht von der Welt. Er erklärt auch, kein Wässerchen trüben zu können, aber im vorliegenden Fall sei sein Gegner mit einem gezückten Messer auf offener Landstraße auf ihn zugekommen, er habe ihm aus Leben gewollt, und da habe er sich mit seinem, allerdings etwas derben Stock, ritterlich gewehrt. Allerdings werde sein Gegner, der heute als Zeuge erschienen sei, die Sache anders schildern, aber er nehme dessen Zeugnis nicht an. Hierauf wird der 74 Jahre alte Pumpenmacher und Landwirt Curt Frank von Hof-Afterod in den Saal gerufen und nach ernster Ermahnung seitens des Vorsitzenden vorerst unvereidet vernommen. Der Zeuge, welcher den besten Eindruck macht, erklärt, mit dem Angeklagten wegen einer gelieferten Pumpe einen Zivilprozeß geführt zu haben, den jener verlor. Am 23. Mai sei er, von Alsfeld kommend, auf der Landstraße in der Nähe von Eudorf dem Roth begegnet. Er habe ihm ausweichen wollen, weil er wußte, daß dieser ihm seit dem verlorenen Prozeß feindlich gesinnt sei und weil er dessen gewaltthätigen Charakter fürchtete. Aber mit den Worten:„Jetzt habe ich Dich, alter Spitzbube, nun sollst Du auch verrecken“, sei der Angeklagte auf ihn eingedrungen, er habe mit einem kräftigen Knüppel auf ihn eingeschlagen, sodaß er, aus vier Kopfwunden blutend, zusammenbrach. Als Roth selbst dann, als sein Gegner am Boden lag, nicht abließ, diesen auf den Rücken zu prügeln, bat das zerschundene Opfer mit den Worten: Unmensch, willst Du mich alten Mann denn tot schlagen? um Schonung. Der Angeklagte aber ging, sein Opfer liegen lassend, ruhig seiner Wege. Ein Messer bestreiset der Zeuge überhaupt in der Hand gehabt zu haben und zeigte seine steifen verkrüppelten Finger, um darzuthun, daß er überhaupt nicht fähig wäre, mit einem solchen angriffsweise zu hantieren. Der An⸗ geklagte verdreht bei dieser Darstellung des Sachverhaltes heuchlerisch die Augen und ruft ein über das andere Mal aus„Du lieber Gott, ei du lieber Gott“, ohne aber damit der Glaubwürdigkeit des Zeugen Abbruch zu thun, denn dieser wird vereidet. Katharine Frank von Eudorf bekundet, wie sie des Weges gekommen, den Ver⸗ letzten aus vier Kopfwunden blutend am Rain angetroffen und wie sie sich desselben dann angenommen. Staats⸗ anwalt Zimmermann betont die Brutalität, mit der der Angeklagte gehandelt, und beantragt gegen denselben auf 9 Monate Gefängnis zu erkenneu. Die Strafkammer erkannte jedoch nur auf 6 Monate Gefängnis und beschloß die sofortige Inhaftnahme des Angeklagten.
L. Gießen, 28. Juli. Edlem Sport, in welcher Form er auch auftrete, haben wir stets das Wort geredet. Heute sind wir leider genötigt, warnend und tadelnd unsre Stimme gegen Vorgänge zu erheben, die sich am letzten Sonntag in Halle abgespielt haben und die geeignet erscheinen, den Sport herabzuwürdigen und alle verständig denkenden Leute, so ihn bisher durch Rede und Schrift unterstützten, zu seinen entschiedenen Gegnern zu machen. In Halle fand am genannten Tage das erste deutsche Zwölfstunden⸗Radrennen statt, das nur von einem einzigen unsrer sogenannten„Dauerfahrer“ riskiert wurde. Der Herr, der sich den traurigen Ruhm dieses Wagnisses auf Kosten seiner Gesundheit erwarb, heißt Köcher. Einige Blätter ergehen sich, wie das so üblich zu werden be⸗
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ginnt, in spaltenlangen Schilderungen seiner Heldenfahrt, die ziemlich kläglich verlief. Das erste Viertel legte er, wie der technische Ausdruck lautet, in„bester Kondition“ zurück. Dann nahm er, wie bewundernd berichtet wird, um keine Zeit zu verlieren, das ihm von einem nebenher fahrenden Tandem in einem Napf gereichte Essen mit den Händen zu sich. Nach vierstündiger Fahrt kam die Maschine zu Fall, er stürzte über sie hinweg und zog sich unterhalb des linken Kniees eine tiefe Fleschwunde zu. Trotzdem setzte er nach halbstündiger Pause, in welcher er kunstgerecht verbunden wurde, die Fahrt fort. Natürlich „stürmischer Applaus“ des Publikums, das besser gethan hätte, durch energisches Zischen gegen ein so gesundheits⸗ widriges Wagnis Protest einzulegen. Der Fahrer, durch beständige„Bravos“ bis zur Tollkühnheit getrieben, fuhr noch weitere sechs Stunden, mußte aber endlich, da eine vollkommene Steifheit des verletzten Beines eintrat, sein Unternehmen aufgeben. Bis zum Abend wurde an ihm herumgedoktort; dann erschien er von neuem auf der Bahn und fuhr seine zwölf Stunden zu Ende. Nach dieser Leistung, die wiederum, statt mit Entrüstung, mit Enthusiasmus aufgenommen wurde, brachte man den Aermsten in ein Krankenhaus, wo die Aerzte ihn in der Narkose operierten. Er befindet sich, wie die letzten Nach⸗ richten lauten,„den Umständen nach wohl“ und wird zweifellos, wenn er mit dem Leben und heilen Glied⸗ maßen davonkommt, bei nächster Gelegenheit auf gleiche Weise neue Lorbeern zu sammeln trachten. Wenn solche Vorführungen weiterhin gestattet werden, so haben wir wahrlich kein Recht mehr, über die rohen Stierkämpfe der Spanier in moralischen Zorn zu geraten. Wir haben kein Recht mehr, gegen amerikanische Ringkämpfer und eng⸗ lische Boxer uns zu ereifern, die sich gegenseitig die Rippen im Leibe zerbrechen und die Nasenknochen einschlagen. Der deutsche Radfahrer, der halbtot vom Plotze getragen werden muß, bietet bei allem Eifer, den er für eine un⸗ würdige Sache an den Tag legte, ein so widerliches Schauspiel, daß jeder ehrliche Sportfreund sich voll Ab- scheu davon abwenden sollte, nicht aber durch vernunft⸗ losen Beifall seine Wiederholung heraufbeschwören. Aus Butzbach, 27. Juli, geht der„D. Ztg.“ eine Zuschrift zu, die im Hinblick auf die im Kreise Offenbach in Aussicht genommene Er— richtung von Pensions⸗, Witwen⸗ und Waisenkassen für niedere Gemeinde— beamten(Gemeindeeinnehmer, Polizeidiener, Feldschützen u. s. w.) auch einer solchen Ein⸗ richtung für die Bürgermeistereigehilfen der Landstädte unter Hinweis auf die größeren Anforderungen, die in heutiger Zeit an solche gestellt werden u. s. w., das Wort redet.
* Darmstadt, 27. Juli. Die hessischen
Eisenbahnbeamten haben, verbunden mit dem Eisenbahnbeamtenverein Darmstadt, die
Gründung eines hessischen Landesvereins beschlossen und sind in dieser Beziehung dem Beispiel ihrer Berufsgenossen der Nachbarstaaten gefolgt. Der Statutenentwurf wurde gestern von Delegirten der Interessenten im„Friedberger Hof“ dahier einer Beratung unterzogen. In einer weiteren, auf den 15. August anberaumten Versammlung der beiden Gesamtvorstände soll zur Wahl des Hauptvorstandes für den Landes— verein geschritten werden.
Mainz, 28. Juli. Der Reichstags- und Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete Franz Jöst richtet an seine Wähler folgende Erklärung: Als am 6. Mai 1893 der deutsche Reichstag wegen Ablehnung der Militärvorlage aufgelöst wurde, erklärte ich in einer an demselben Tage
stattgehabten Fraktionssitzung, daß es meine Zeit nicht erlaube, nochmals ein Mandat für den deutschen Reichstag anzunehmen. Dieses Vor⸗ haben wurde jedoch mit dem Bemerken bekämpft, daß jetzt Jeder auf seinem Posten bleiben müsse und jede Fraktion habe Mitglieder, die an den Sitzungen des Reichstags nicht teilnehmen können. Ich entschloß mich nunmehr zur An⸗ nahme der Kaudidatur. Ein Jahr nach meiner Wiederwahl erkrankte meine Frau, die mir im Geschäft ene unersetzliche Stütze war. Die Er⸗ krankung endete mit dem herbsten Verlust, der mich treffen konnte, indem ich seit dem Tode meiner Frau in allen geschäftlichen Dingen, die ich nicht selbst erledigen kann, auf fremde Hilfe angewiesen bin. Ich sehe mich nunmehr veran⸗ laßt, meine schon seit Monaten meinen Partei- genossen kundgegebene Absicht, sämtliche mir au⸗ getragenen Mandate niederzulegen, zur Ausführung zu bringen. Indem ich meinen Wählern für das mir geschenkte Vertrauen danke, teile ich denselben mit, daß mit dem Erscheinen dieser Erklärung auch den amtlichen Stellen die nötige Mitteilung geworden.
Vermischtes.
— Eine blutige That. Man schreibt aus Ba d Soden i. T.: Das am Sonntag hier abgehaltene Feuerwehrfest hat eine blutige That im Gefolge gehabt. Spät am Abend befanden sich im Restaurant zum Adler eine Anzahl junger Leute aus der Umgegend, die fleißig dem Trinken zusprachen. Schließlich gerieten sie in Streit, was den Wirt veranlaßte, sie aus dem Lokal zu weisen. Auf der Straße setzte sich der Streit fort und zog sich bis an den Wald zwischen Soden und Schwalbach, wo⸗ hin der 20 Jahre alte Weißbinder Schreibweiß aus Niederhöchstadt mit noch zwei Kollegen den Heimweg hatte einschlagen müssen. An dieser Stelle ging der Streit in Thätlichkeiten über. Schreibweiß erhielt dabei einen lebensgefährlichen Stich in den Kopf, der ihn sofort be⸗ wußtlos niederstreckte. Er soll dann auch noch mit Fuß⸗ tritten und Schlägen mißhandelt worden sein. Seine Begleiter eilten darauf nach Soden zurück, um eine Droschke zu holen, die den Schwerverwundeten nach Soden zurückbeförderte. Der zu Rat gezogene Arzt, Herr Dr. Hughes, erklärte den Zustand für sehr bedenklich, deshalb Schreibweiß noch in der Nacht nach Höchst ins Land⸗ krankenhaus überführt wurde. Dort ist er gestern Morgen gestorben. Vier junge Leute aus Kelkheim sind noch in der Nacht durch die Polizei nach Soden gebracht worden. Zwei davon, der Häfner Rüsch und der Schreinergeselle Bender, wurden nach Höchst in das Amtsgericht abge⸗ führt, während die beiden anderen als nicht betheiligt wieder entlassen wurden.“ J
— Messung von Sinnestäuschungen. Ueber experimentelle Messung von Sinnestäuschungen (Halluzinationen) hat C. E. Seashore einen bemerkens⸗ werten Aufsatz in den„Studies from the Vale ꝗsoy- chological Laboratory“ veröffentlicht. Von den Ver⸗ suchen, welche sich auf alle fünf Sinne erstreckten, seien nach einem Bericht des Berliner Börsenkouriers die wesent⸗ lichsten geschildert. Zunächst das Gehör: Diejenige Per⸗ son, an welcher der Versuch gemacht werden sollte und welche stets eine normale, gesunde Natur und außerdem über den Zweck der Untersuchung durchaus unterrichtet war, wurde in einem gewöhnlichen Zimmer des Hauses untergebracht und mit folgenden Anweisungen versehen: wenn eine Telegraphenglocke klingelte, so würde unmittel⸗ bar darauf ein ganz feiner Ton vernehmbar werden,
Das blaue Herz. Roman von Karl Ed. Klopfer. (Fortsetzung.)
„Wahrscheinlich“, entgegnete der Graf.„Es ist mir nur lieb, daß ich nun doch annehmen darf, Theklas Handschrift sei vor keine profanen Augen gekommen.“
Adele nickte.„Wir dürfen es zuversichtlich hoffen.— Ich kann mir überdies leicht Gewißheit davon verschaffen; der Bediente will ja nächstens wiederkommen, um anzufragen, ob sie das Medaillon als das Eigentum der Verstorbenen behalten hätten. Und Sie dürfen das selbstverständlich, da ja sein Juhalt keinen Zweifel mehr darüber zuläßt.“
„Freilich, freilich!— Und so bitte ich Sie, Adele, neben dem Notizblättchen, das durch Ihre Pietät so viel Wert gewinnt, auch seine Hülle als Andenken an die Verstorbene zu bewahren! Ich stönnte Beides nicht in besseren Händen wissen.“
Damit überreichte er ihr das blaue Berlok und küßte ihr dabei ehrfurchtsvoll die Fingerspitzen.
„Es soll mir ewig teuer sein!“
Der alte Freiherr war froh, die Sache end⸗ llich erledigt zu sehen und erinnerte daran, daß im Speisezimmer das Souper serviert sei, bei welchem unan sich zu einem Genießen der heiteren Gegenwart wereinen möge.
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* 1 Der nächste Tag war ein Sonntag; der Frei⸗ herr von Effenberg war also von den Büreau⸗
war, befreit. Die Familie war eben im Begriff, zu einem mittäglichen Visitenkarten-Abladen aus— zufahren, als sich wieder Graf Norbert anu— melden ließ.
Er mußte sich in der letzten Nacht wohl nach— haltig mit dem Gedanken an Theklas blaues Arm— band⸗Berlok beschäftigt haben, denn jetzt kam er gleich nach den flüchtigsten Begrüßungsformalitäten darauf zu sprechen— zum Erstaunen der Effen— bergs, die nach dem weiteren Verlauf des gestrigen Abends annehmen durften, daß er an die ganze An— gelegenheit nicht mehr erinnert werden wolle.
„Ja, eben weil ich die Sache aus Pflicht, mich der Vergangenheit zu entschlagen, für immer abge than wissen möchte, erübrigen mir vielleicht noch einige Schritte.— Adele, Sie sagten gestern, der Bediente des Attaches Fröden werde wieder vor— sprechen, um über den Verbleib des Medaillons Auskunft zu erhalten? In diesem Falle würde ich bitten, den Mann an mich zu weisen.“
„Ganz recht; es soll geschehen.“
„In der That“, ließ sich hier der Baron in seiner etwas bureaukratisch steifen Art vernehmen; „es würde mich an Ihrer Stelle ebenfalls inter⸗ essieren, von dem Burschen zu erfahren, auf welche Weise er in den Besitz dieses schon nach der materiellen Seite hin ziemlich kostbaren Gegenstandes
sstunden in dem Ministerium, dessen Sektionschef er! merksam zu machen,
gekommen ist. Ich hielt mich gesteen— angesichts der Wehmut, mit der Sie diese Reminiscenzen aufnahmen— nicht für berufen, Sie darauf auf⸗ daß das Medaillon möglicher-
weise gestohlen ist— und daß der Bediente, der letzte Besitzer, nun zu Bedenken über die Herkunft des Dinges bewogen wurde. Da Sie selbst zuge— standen, lieber Norbert, daß Sie den größten Teil des von Ihrer Gemahlin hinterlassenuen Schmuckes gar nicht kannten, so hätten diebische Domestiken auf Chlobonitz um so leichteres Spiel gehabt, als Sie erst geraume Zeit nach dem Trauerfalle auf Ihr Stammgut zurückkehrten. Wer weiß also, was da noch alles in unrechte Hände gekommen ist und ob nicht noch mehrere— eigenmächtig weggeführte „Andenken“ der Verstorbenen aufzutreiben sind!“
„Ach!“ brachte Degenstein da sehr hastig her— vor.„Sind Sie der Meinung, daß Thekla jene — Aufzeichnung noch anderweitig hinterlegt haben könnte?“
„Das wollte ich gerade dachte lediglich an WeiIlHHRNR
nicht sagen. Ich Gegenstände von pekuniärem
„Natürlich, natürlich!“ verbesserte sich der Graf jetzt ebenso rasch.„Und überdies— so weit ich mich des Wortlautes jener Zeilen entsinne— geht daraus ja deutlich genug hervor, daß Thekla es bei dieser— einmaligen Notiz bewenden ließ.“
„Wünschen Sie den Zettel vielleicht doch noch einmal zu lesen, Norbert?“ fragte Adele zuvor— kommend, da sie ein solches Verlangen aus seiner Miene zu erraten glaubte.
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„Nun denn— ja, ich würde Sie darum bitten, wenn ich Ihnen damit keine Umstände mache“
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Adele wollte schon gehen, wandte sich dann aber nochmals um.
„Da fällt mir ein— Thekla hat, wenigstens in ihrer Pensionszeit, recht emsig ein Tagebuch geführt. Haben Sie ein solches nicht unter ihrer Hinterlassenschaft gefunden, so wäre am Ende zu fürchten, daß auch dieses in unberufene Hände ge⸗ Fin fe
Degenstein fingerte an seinem Schnurrbart und zögerte einen Moment, ehe er erwiderte.
„Ich habe so ein Tagebuch wirklich gefunden.“
„Ah! Und erhielt es Einträge, die mit dem Inhalt des gestern entdeckten Zettels überein⸗ stimmen?“
„Nein“, sagte der Graf, wieder erst nach einer sekundenlangen Pause.„Es schien während der letzten Jahre nicht fortgeführt worden zu sein— seit Theklas Ehe...“
Man schwieg. Jeder erriet Degensteins erst neuerdings aufgetauchten Gedanken, daß Thekla der Periode ihres dreijährigen Ehestandes ein— be⸗ sonderes Tagebuch gewidmet haben könnte. Traf dies zu, hatte die junge Frau darin ihr ganzes, von so vielfachem Kummer beschwertes Gemüt ent⸗ lastet, und waren diese Blätter nach ihrem Tode in die wühlenden Finger der Dienerschaft gefallen — dann war auch viel von dem bösen Klatsch er— klärt, der hinterher noch über die gräfliche Ehe in Umlauf gekommen war.
Fortsetzung folgt.)


