Gießen, Dienstag, den 30. Juni
1896.
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Gießen.
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Redaktion: Kreuzplatz Nr. 4.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Preis der Anzeigen: 10 Pfg.
Tage nach Sonn- und Feiertagen. für die ZJspaltige Petitzeile.
Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.
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Die Viehmarktfrage
oͤffentlicher Bürgerver— sammlung.
Gießen, 29. Juni.
Seit Jahr und Tag hat kein kommunales Süiguis auch nur annähernd eine solche Er⸗ Aung in der Bürgerschaft,— man kann sogar (hemieiner sagen,— in der Bevölkerung unserer Sidt hervorgerufen, wie der am 18. ds. in der Sadtverordneten⸗Versammlung betreffs der Wer⸗ ung des Viehmarktes gefaßte Beschluß. dem Augenblicke an, wo das verhängnis— Abstimmungsresultat allgemein bekannt ide, gab es keine Tages⸗ und Abendstunde, der jener Beschluß nicht von Hunderten sorgen— besprochen, kritisirt und verworfen wurde.
entrückt sind den alltäglichen Mühen und die gern von Ihrem Geldschrank heruntergetragen der unbedingten Sicherheit ihrer materiellen süstenz, über die„spießbürgerlichen“ Schmerzen spötteln belieben, widmete man einige Minuten 5 kostbaren Zeit der Erörterung, ob die Ver— gung angebracht wäre oder nicht. In diesen isen fanden sich, nachdem statt der Gründe wistenteils Phrasen gewechselt worden, die dheunde der Verlegung; in diesen Kreisen und in in diesen fand die Stellungnahme der fünf⸗ Meer, n Stadtverordneten Billigung und Auerken⸗ mung.“ Uns dünkt, den fünfzehn Herren müßte Halls und in dem Maße, wie sie selbst von nrmem sozialen Empfinden beseelt sind, kalt ud frostig zu Sinne werden in der ausschließ⸗ hen enn unserer Großbourgeoise und des heren Beamtentums. Wenn sie sich hätten erwärmen wollen, sie itten in der Versammlung am Samstag 0 0 hend im Saale des Cafe Leib Gelegen⸗ E- 880 teagenug dazu erhalten. Indessen Alle, 55 le fehlten. Nicht ein Einziger hatte es mäfigung, it nötig gehalten, den Bürgern, ihren Wählern ich zu bethelge A zffentlicher Versammlung Rede und Antwort bis zum 4, J. i stehen und die Gründe zu entwickeln, die sie . im 18. ds. veranlaßt hatten für die Verlegung tand. i stimmen. Ein solches Verhalten ist nicht nur ung des Wa kann thun und lassen was ich will und neten iin niemand Rechenschaft schuldig!“ Das wollen bir doch nicht hoffen! Dergleichen kann im
kegeichnend, ist nicht nur charakteristisch; es muß e innerhalb der Schlagbäume
eit“.
dus, der den einzigen Paragraphen seiner Ver⸗ sssung dahin selbst niederschreibt:„Ich bin
uch entschieden verurteilt werden. Oder ehen jene fünfzehn Herren— was wir zu ihrer endaler Anschauungen auch heute noch wohl urkommen; auf Gießens Boden, der durch⸗
mittelalterliche konservirte Pflanze nicht gedeihen. Wahrscheinlich haben sich diese fünfzehn Herren gesagt, die Versammlung würde von lauter Geg⸗ nern der Versammlung besucht; da„nütze“ es doch nichts, wenn die für die Verlegung sprechenden Gründe entwickelt würden, denn von den Ver⸗ sammlungsbesuchern ließe sich sicherlich Niemand von dem Gegenteil überzeugen. Diese Entschul⸗ digung ist so billig wie sie nicht stichhaltig ist. Hat man eine Ueberzeugung, besitzt man aus⸗ schlaggebende Gründe— und von der Mehr- zahl der fünfzehn Herren müssen wir das an⸗ nehmen— so ist man als gewählter Vertreter der Bürgerschaft verpflichtet, sie auszusprechen, gleichgültig ob es Erfolg hat oder nicht. Wir kämen herrlich weit, wenn unsere Erwählten, gleichgültig welcher Gattung, nur dann erscheinen und den Mund aufmachen wollten, wenn fie des Erfolges sicher wären. Nicht um den Er⸗ folg oder Nichterfolg dreht es sich son— dernzum die Verpflichtung, sich, zu ver⸗ antworten und zu rechtfertigen für das, was zu thun man für gut befunden hat. Die fünfzehn Herren haben„das bessere Teil der Tapferkeit gewählt und die Bürgerschaft wird es in treuem Gedächtnis behalten.
** Nachdem wir uns im Vorstehenden mit einigen Abwesenden beschäftigt haben, geben wir nun⸗ mehr das Wort unserem Herrn Berichterstatter, der die Reden und Aussprüche der Anwesenden wie folgt skizzirt hat:
Die außerordentlich stark besuchte Versamm— lung wurde Abends gegen 9 Uhr durch das Kommissions Mitglied, Hrn. Fabrikanten Hanau, eröffnet. Die Bureauwahl erledigte sich dadurch, daß dem genannten Herrn der Vorsitz über— tragen wurde. Herr Hanau begrüßte die Er⸗ schienenen und erteilte dem Herrn Ad. Bieler das Wort zum Referate. Derselbe führte etwa folgendes aus: Die Frage der Verlegung des Viehmarktes ist eine alte. Schon seit Jahren ist sich an maßgebender Stelle vielfach damit be⸗ schäftigt worden. Eine vor Jahren von Großviehhändlern eingereichte Petition war die erste Veranlassung, dieser Frage näher zu treten. Diese Petition war damals von 53 auswärtigen Händlern und nur 2 Gieße⸗ ner In teressenten unterzeichnet. Die Stadtverordneten faßten jedoch den Beschluß, diese Angelegenheit nicht ins Auge zu fassen, vielmehr zunächst die Bahnhofsfrage zu erledigen. Damals wäre es geeignete Zeit gewesen, den Viehmarkt hinter das Schlachthaus zu verlegen. Wäre die Frage s. Z. nach dieser Richtung hin erledigt worden, brauchte heute kein Wort mehr über den Viehmarkt verloren zu werden. In der Neustadt erweckte es eine gewisse Be⸗ unruhigung, als die Anzeichen betr. Verlegung des Viehmarktes zutage traten. Daß diese Be⸗ unruhigung berechtigt war, hat die Stadtver⸗
die nötigen Schritte that und mit den städtischen Behörden verhandelte. Man wirkte dahin, den Viehmarkt nicht hinter die Bahnhöfe, sondern hinter das Schlachthaus zu verlegen. Die Not— wendigkeit eines Schienengeleises konnte man nicht anerkennen. Nachdem unn auch dann später die Bürgerschaft in einer Petition mit 1700 Unterschriften Stellung genommen, hätte man er⸗ warten dürfen, daß es anders gekommen wäre. Aber man hatte sich getäuscht. Von 29 Stimmen seien 15 für, 14 gegen die Verlegung des Viehmarktes abgegeben worden. Die Petition sei unbeachtet gelassen, die in derselben angeführten Gründe habe man nicht als vollwichtige ansehen wollen. Die Kommission habe es daher für nötig gehalten, eine öffentliche Bügerversammlung anzuberau men und den Dank dafür erblicke sie in dem zahl— reichen Erscheinen.(Großer Beifall).
Zu obigeu Ausführungen fügte sodaun Redner noch hinzu, daß der Stadtverordneteu-Versamm⸗ lungsbeschluß angefochten werden könne. Die nach der hessischen Städteordnung inne zu haltende Vorschrift, daß nämlich den Stadtverordneten die Ladung zur Sitzung zwei volle Tage vorher eingehändigt werden muß, sei nicht eingehalten worden. Bei einer neuen Abstimmung seien die Aussichten andere, manche Stimme würde dann sicherlich nach einer audern Richtung abgegeben.
Sodann nahm Herr Metzgerinnungsmeister Pirr das Wort und führte aus, daß der Zweck der Versammlung lediglich in der Beantwortung der Frage bestehe, ob man sich mit dem Stadtverodneten-Beschlusse über die eine so große Bedeutung in sich schließende Viehmarktfrage ein⸗ verstanden erklären wolle. Die Versammlung werde demselben ein entschiedenes„Nein!“ entgegen- sagen.(Bravo!) Daß der gegenwärtige Viehmarkt den heutigen Anforderungen nicht mehr entspreche, sei anzuer⸗ kennen, jedoch sei ein voller Beweis für die Unzuläng⸗
lichkeit des Marktplatzes noch nicht erbracht. Die Tiere würden zusammengepfercht, die Hälfte des Marktplatzes käme gar nicht mehr inbetracht, die Stände blieben un⸗ benutzt, trotzdem solche von der Veterinärpolizei vorge⸗ schrieben seien. Es sei nötig, daß hierin eine Aenderung eintrete und eine Marktordnung geschaffen werde. Die Frage, was dann eigentlich die hiesigen Märkte schädige, sei nach einer ganz andern Richtung zu beantworten. Von fachmännischer Seite sei ihm gesagt worden:„Wenn's die Gießener so fortmachen, ist der Markt in einem Jahre kaput!“ Hiermit seien die scharfen Kontrollvor⸗ schrften gemeint, die von den auswärtigen Vieh⸗ händlern gescheut würden. Ein Viehhändler aus dem Kreise Wetzlar, der in Oberhessen, Herborn und Wetzlar verkehrt, habe ihm erzählt, daß die dortigen Bestimmungen nicht so strenge seien. Es genüge dort die Vorlage eines Gesundheitsscheines. Vieh aus Preußen dürfe nicht aufgetrieben werden, was die Veranlassung sei, daß ca. 30 Handelsleute den Kirchhainer Markt besuchen. Daß durch solch außergewöhnliche Bestimmungen die Frequenz zurück⸗ gebracht werde, sei außer Frage. Der Hebel müsse da abgesetzt werden, wo es nötig sei. Hinter dem Schlachthaus, wo analog größeren Städten Vieh— hof und Schlachthaus zusammengelegt werden könnte, sei der richtige Platz für den Vieh- markt.(Bravo). Auch der Anschluß an den Bahnhof sei hier leicht herzustellen. Dann sei der Bürgerschaft
ordneten⸗Versammlung ergeben. Zunächst wurde
zlandpunkt eines— konstitutionellen Absolutis⸗ —
hre nicht annehmen wollen— gar auf dem 12 ist vom freien Bürgersinu, wird diese
eine Kommission aus 12 Herren gewählt, welche
Rechnung getragen.(Anhaltender Beifall).
Herr Kaufmann Werner führt aus, daß es nicht notwendig gewesen sei, diesen Keil in die Bürgschaft zu treiben. Man habe der Bequemlichkeit und dem Wohlbe⸗ finden einiger Personen, nicht aber deu Bürgern der Stadt gedient. Wahrscheinlich werde es unbequem empfunden, wenn ein Stadtverordneter auf die Neustadt ginge und auf ein Rindvieh stoße.(Heiterkeit!) Die Möglichkeit, den Beschluß der Stadtverordneter-Versammlung anzufechten, sei aus den in von Referenten bereits angeführten Gründen geboten. Man müsse dagegen protestieren, daß den Stadt⸗ verordneten die Möglichkeit genommen werde, sich bei einer solchen wichtigen Angelegenheit vorher mit ihren Wählern in's Einvernehmen zu setzen. Er empfehle, mit einer Massenpetition gegen den Stadtverordneten-Be⸗ schluß vorzugehen.
Herr Stadtverordneter Schmall betont, daß bei der Abstimmung nur eine schwankenden Stimme die folgenschwere Wirkung gehabt habe. Gufe: Petri!) Dieser Beschluß der Stadtverordneten-Versamm⸗ lung rufe die Kritik der Steuerzahler hervor. Die Ver⸗ legung des Viehmarktes sei eine Schädigung der ganzen Stadt. Das zu einem Viehmarkt nötige Terrain sei hinter dem Schlachthause vorhanden, die bequeme Anlage eines Schienengeleises sei unbestritten. Man brauche kein Gelände zu kaufen. Die Herren Gegner seien mit aller⸗ lei Ausflüchte gekommen. Wenn man glaube, daß die Marktverlegung eine Steigerung des Bodenwertes hervor⸗ bringe, so sei dies ein gewaltiger Irrtum. Ob man sich die Erbauung eines Villenviertels hinter dem Schlacht⸗ hause gedachthabe, könne er nicht sagen.(Heiterkeit!) Wolle man etwa behaupten, daß die Grundstücke der inbetracht kom⸗ menden Stadtteile nicht entwertet wünden und sei es etwa richtig, daß man den Bürgern aus ihren eigenen Säckefn Konkurrenz mache?(Lebhaftes Bravo!) Er resümiere sich dahin, daß gegen den Beschluß der Stadtver⸗ oroneten energisch Protest eingelegt und da⸗ hin gewirkt werden müsse, daß der Markt an einen Platz vorlegt werde, wohin er gehöre, nahe dem Zentrum der Stadt. SStürmischer Beifall.)
Herr Eichenauer giebt sodann das Antwortschreiben der städtischen Behörde auf die s. Z. eingereichte Petition bekannt. Dasselbe hat folgenden Wortlaut:
Auf die unterm 19. v. Mts. uns überreichte Pe⸗ tition hiesiger Interessenten, die Verlegung des Vieh⸗ marktplatzes betreffend, eröffnen wir Ihnen hierdurch, daß die Stadtverordneten⸗Versammlung in ihrer Sitzung vom 18. d. Mts. beschlossen hat,„unter Verlegung des Schweinemarktes auf dem Platz hinter dem Schlachthaus das ganze, nach deu Projekt des Stadtbaumeisters zur Anlage öffentlicher Lagerplätze und Lagerhäuser und zur Verlegung des Viehmarktes erforderliche, Gelände dem⸗ nächst— nötigenfalls auf dem Wege der Enteignung — zu erwerben.“
Maßgebend für diesen Beschluß war im Wesentlichen wohl die Erwägung, daß 1) eine Verlegung der Groß⸗ viehmarktes demnächst ebenso wegen seiner derzeit unzu⸗ reichenden Verhältnisse wie mit Rücksicht auf die Lage der geplanten Kleinbahn aus dem Bieberthal sich als un⸗ umgänglich nötig erweisen wird, 2) eine solche aber nach der Natur des in Betracht kommenden Handels zweckmäßig im Anschluß an den künftigen Güterbahn⸗ hof und am Besten so zu erfolgen habe, daß die Gleis⸗ verbindung mit dem Letzteren wie die ganze Anordnung und Verwaltung gemeinsam mit der gleichzeitig in Aus⸗ sicht genommenen Aulage öffentlicher Lagerhäuser und Lagerplätze geschieht, 3) auch der Schweinemarkt für
die Dauer nicht auf seiuer derzeitigen, den Ueberflutungen
ni 9 Das blaue Herz. F Roman von Karl Ed. Klopfer. 1 ö(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.) Der Fremde hatte auf dem nächsten Frisiersessel 0 klatz genommen und nach einer Zeitung gegriffen, sse auf dem zweiten Spiegeltischchen gelegen; aber ir las nicht, sondern behielt hinter dem Blatte die bantierung Dingelmanns fortwährend im Auge: pie dieser die Flasch aus dem Schrank hervor—⸗ angte, sie auswickelete und den Inhalt auf einen Schwamm goß, mit dus Haar der moskierten Dame auftrug. Dias Haar erlitt unter dieser Prozedur wirklich ur eine ganz unwesentliche Veränderung, eine Er⸗ heihung des Goldglanzes, winkt sie allenfalls auch
meibem fr. nittelst Pomade hätte bewi werden können.
Auelier Als Dingelmann das Geschäft der„Färbung“ 5* tollendet hatte, ging er daran, dieses bewunderus⸗
Jacdn. 5 lu bert reiche ein Haar ein kunstvolle Phantasiefrisur
olle ordnder die er sich zu dem ihm angedeuteten
obern kostüm dee Dame extra ausgedacht hatte.
Der Fremle legte indessen seine Zeitung weg, fand auf und langte nach der halbgeleerten Flaf the le der Frisuer llinter sich auf das Simsbrett des
hatte. Er drehte sie spielend J 1 1 pteisel,
Bchrankesdwmestt b unmandte und der vorgerückten Stunde wegen um e
wischen heu Fingern, betrachtete sich die Gebrauchs- waweisung auf der Etikette und wollte sie dann wieden einstellen, während er sich nach dem Friseur⸗ 0 heschleunigung seines Kunstwerkes bat. Dabei ge⸗ Aurdete er sich aber so unachtsam, daß die Flasche ntpte, zu Buben stel und zerbrach.
welchem er die Tinktur auf
„Zum Henker!“ lachte er ärgerlich auf, während Dingelmann und die Dame ob dem Lärm erschreckt umsahen.„Das nenn' ich ungeschickt!— Aber lassen Sie sich nicht stören! Der kleine Unfall soll uns nicht auch noch aufhalten.“
Jetzt erschien Nazi doch wieder auf der Bild— fläche. Er hatte den ganzen Vorgang von seinem Observationsposten aus genau beobachtet und hielt es für seine Pflicht, ordnend einzugreifen. Während er mit dem Wischlappen den Boden reinigte und die Scherben auflas, bemerkte er, daß der eine Pelz— ärmel des Herrn durchnäßt war; die offengebliebene Flasche mußte im Umstürzen einen Teil ihres rest⸗ lichen Inhaltes darauf ergossen haben. Nazi eilte dienstbeflissen auf den Fremden zu, und da ihm im Augenblicke nichts Anderes zur Hand war, riß er sein Taschentuch heraus, den befleckten Rockärmel des Mannes abzutrocknen.
„Erlauben Sie, mein Herr!“ Sie haben sich beschmutzt....“
„Ah, wahrhaftig! Danke, danke, mein junger Freund!“
Fünf Minuten später war Dingelmann fertig und nahm der Dame unter der üblichen Ehrfurchts— „bezeigung den übergeworfenen Frisiermantel ab. Da trat auch schon der Herr dazwischen, zog seiner Schwester mit galantem Eifer den zurückgeschlagenen Pelz wieder über die Schultern und reichte ihr zum Aufstehen die Hand, ihr abermals einige Worte i; der fremden Sprache zuflüsternd, die sie, wie bis⸗ her, nur mit einem stummen Neigen ihres Hauptes beantwortete. Sie hatte noch keine Silbe ge sprochen, und Nazis Sehnsucht, doch wenigstens die
Stimme dieses„holden Rätsels“ vernehmen zu dürfen, sollte auch durchaus unerfüllt bleiben. Während die Dame das schwarze Spitzenfichu umwarf, das ihr als Kopfbedeckung diente, legte ihr Begleiter ein Zehnmarkstück auf den Rand des nächsten Marmortischchens, dem in Demut sterbenden Friseur mitz einer vornehm⸗gnädigen Geberde bedeutend, daß er nichts herauszugeben brauche. Dann empfing anch Nazi ein nach seinen Begriffen fürstliches Trinkgeld, was ihn vollends berauschte, nachdem schon der feine Duft des an ihm vorbei— streifenden Pelzmantels der„märchenhaften“ Mas-
kierten eine ähnliche Wirkung auf ihn geäußert hatte. Er taumelte mehr als er ging, den Herr—
schaften draußen den Wagenschlag zu öffnen. In seiner Extase, der umschwärmten Vermummten, in der er„ein Gebild aus Himmelshöhen“ vermutete, diesen letzten Dienst zu leisten, hätte er seinem Meister gewaltthätigen Widerstand entgegengesetzt, wenn er es selber hätte übernehmen wollen, der illustren Kundschaft beim Einsteigen behilflich zu sein.
„Zum Hoftheater!“ rief der Herr dem Droschken⸗ kutscher zu— und Nazi war indessen so kühn, der Dame den Ellenbogen unter dem Mantel zu stützen, um ihr in's Innere des Wagens zu helfen, wobei er das Gefühl hatte, daß dies„der schönste Augen— blick seines Lebens“ sei.
Freilich— als der Wagen um die Straßen— ecke bog und ihn die nüchterne Prosa durch Meister Dingelmanns Stimme von der Ladenthür her an⸗ fiel:„Na, wird's bald, Du Schafskopf?!“ da wurde er sich's unter einem elegischen
Seufzer bewußt, daß diese aubetungswürdige Maske für immer aus seinem Gesichtskreis entschwunden sei, duß es Verrücktheit gewesen wäre, auf ein Wiedersehen zu hoffen oder gar auf eine Ent⸗
rätselung des sie umschwebenden, romantischen Geheimnisses. „Sie sind nach dem Hoftheater gefahren“,
stotterte er drinnen, die Ladenthür hinter sich zu⸗ macheud.„Dort ist heute der Armenball, nicht wahr?“
„Ja, der alljährliche Eliteball mit Maskerade. Da geht's nobel her.— Aber jetzt mach' flink, Bursch'! Wir wollen doch endlich schließen; es ist gleich Elf.“
„Sofort, sofort!“
Statt aber seine Mütze zu nehmen und dem Meister zu folgen, umtänzelte Nazi den Stuhl, auf dem sein maskiertes Ideal gesessen hatte. Er glaubte den Platz noch immer von jenem feinen, unendlich süßen Dufte umgeben, der ihm mit dem eigentlichen Wesen seiner Märchenfee identisch war.
„Was fällt Dir ein?“ zankte da jedoch aber— mals der gefühllose Prinzipal.„Zum Aufräumen hast Du wahrlich auch morgen Zeit im Ueberfluß. Marsch, lösch' das Licht aus, daß wir fortkommen!“,
Nazi mußte gehorchen. Wenn es 8 was gab seine elegische Stimmung mit einem schwachen Schimmer von Befriedigung zu durchleuchten, so war es höchstens noch die beglückende Gewißheit, heut' Nacht von der Schönsten der Schönen zu träumen, von dem Engel, der seiner Meinung nach zur selben Zeit die Ballgesellschaft im Hof— theater in Entzückungsaufruhr versetzen mußte.(F. f.)


