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Gießen, Donnerstag, den 30. Januar
1896.
Ausgabe
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Gießen.
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15 Redaktion: 5 Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen. 0 Expedition: Kreuzplatz Nr. 4.— Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Sspaltige Petitzeile. 1 Kreuzplatz Nr. 4. 8—————— 5 Erfüllung seiner Sehnsucht nicht mehr erlebt; seine Genehmigung dazu ertheile, diese sei aber][ Werkzeuges. Der Angeklagte hat in ange⸗
Der Sterbetage bedeutender Männer
muß man zuweilen, wenn ihr Beispiel vorbildlich auf die Zeitgenossen wirken soll, auch außer der Reihe gedenken, nicht erst bei der 50. oder 100. Wiederkehr. Heute vor sechsunddreißig Jahren, am 29. Januar 1860, starb in Bonn der große deutsche Patriot Ernst Moritz Arndt. Noch im Jahre zuvor hatte er unter begeisterter Teil⸗ nahme Alldeutschlands seinen neunzigsten Geburts— lag feiern können, und die Liebe und Verehrung seines Volks, vor allem der deutschen Jugend, folgte ihm bis übers Grab hinaus. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, das Leben und Schaffen des tüchtigen Mannes, der von der Wiege bis zur Bahre ein Deutscher von echtestem Schrot und Korn war, der nie um Haaresbreite von seiner Ueberzeugung, von deutscher Tugend und deutscher Vaterlandsliebe abwich, ausführlich dem Leser vor Augen zu führen; nur knappe Andeutungen gestattet uns der beschränkte Raum, nur in leichten Umrissen dürfen wir den Schatten des Toten heraufbeschwören. Er paßt so recht in den Rahmen der Gedenktage hinein, die wir 55 fünfundzwanzigsten Jubelfeier des Reiches egehen, und sein Bild, aus der Vergangenheit markig und kraftvoll zu uns herüberleuchtend, strahlt noch in ebenso frischen Farben wie einst, spornt noch genau so lebhaft zur Nacheiferung an. Damals, als er zuerst an die Oeffentlichkeit trat, war Deutschland ohnmächtig und zerrissen, und die eiserne Faust des welschen Eroberers lastete schwer auf ihm. Aber im Stillen, furchtlos und stark, reiften ihm die Männer heran, die das Schicksal erwählt hatte, um durch Schrift und Rede, durch Wort und That die Schar der Kleinmütigen und Verzagten wieder aufzurichten, an ihrem Gewissen zu rütteln und ihnen voran— zuschreiten in dem heiligen Kampf für Deutsch— lands Befreiung vom Joche der Fremdherrschaft. Arndt war einer der ersten Rufer im Streit; seine herrlichen Lieder vom deutschen Vaterlande, vom Gott, der Eisen wachsen ließ und keine Knechte wollte, griffen machtvoll in die jäh auf— lodernde nationale Bewegung ein und entfachten sie zum Strome, der alles, was fremd und un— deutsch war, rauh und rücksichtslos hinwegfegte. Auch später, als die großen Entscheidungsschlachten bei Leipzig und Waterloo geschlagen waren, ist Arndt, der in Bonn als Professor der Geschichte wirkte, seinen hohen Idealen allzeit treu geblieben. Die häßlichen Demagogenverfolgungen der 20 er Jahre konnten ihn aus dem Amte jagen, aber seinen Glauben an die bessere Zukunft Deutsch—⸗ lands nicht erschüttern; und als Friedrich Wil—
* 2705 IV. die Schmach, die man dem besten
eutschen Patrioten angethan hatte, wieder gut machte, da war es Arndt, der schon lange vor 1871 eifrig den Gedanken des deutschen Kaiser⸗ tums vertrat und dem König von Preußen die deutsche Kaiserkrone anbieten wollte. Er hat die
wir aber, die wir Zeugen gewesen sind der Zeit, da Wirklichkeit wurde, was unsere Vorfahren er— strebten, wir wollen in diesen Tagen mit Ehrfurcht des Mannes uns erinnern, der so sicher voraus— gefühlt hat, was die Zukunft uns bringen würde, der in so reicher Fülle alle Vorzüge besaß, die dem Deutschen zur Zierde gereichen: heiße Liebe zur Heimat und zur Freiheit, sittlichen Ernst, edle Mannhaftigkeit und ein weiches Gemüt für die Leiden seiner Brüder!
5—. a g 2 Lokales und Provinzielles.
Gießen, 28. Jan. Eine sehr interessante Rechtsfrage beschäftigte heute Vormittag unser Schöffengericht. Der Gerichtsvollzieher Geiß— ler von hier hatte im Auftrage mehrerer Gläu— biger die Habseligkeiten des Freiherrn von Rabenau hierselbst gepfändet, worunter auch mehrere Hand— feuerwaffen. Es kam im August v. J. zur Versteigerung der Pfandobjekte und erhielt der prakt. Arzt Dr. Felsing von hier als Höchst— bietender mit Mk. 10 eine Flinte zugeschlagen. Dessen Sohn, der Chemiker Felsing jr., verhan— delte diese Waffe an Ort und Stelle für Mk. 16 an einen Oekonomen, doch wurde dieser Handel, trotzdem Zahlung bereits erfolgt war, rückgängig gemacht, weil— wie der als Zeuge vernommene damalige Käufer heute unter Eid erklärte, die Waffe keinen Prüfungsstempel hatte. — Der Gerichtsvollzieher sowohl als auch der Chemiker erhielten nun einen Strafbefehl wegen Vergehens gegen§ 3 des Reichsgesetzes vom 9. Mai 1891(Feilhalten und in den Verkehr bringen von Handfeuerwaffen ohne Prüfungsstempel. Die Parteien beantragten dagegen richterliche Ent— scheidung. Daß die betreffende Flinte, welche als corpus delieti heute auf dem Gerichtstische lag, keinen Prüfungsstempel trägt, darüber gab es keinen Streit— Gerichtsvollzieher Geißler aber erklärte, die Pfändung dieser Waffe sei eine gesetzlich zulässige Amtshandlung gewesen, welche auch auf Antrag des Gläubigers den Verkauf bedinge. Er mußte das Pfandobjekt versteigern, ob dasselbe gestempelt war oder nicht, war nicht seine Sache. Er, der Gerichtsvollzieher unter— stehe als Vollstreckungsbeamter wegen seiner zu Recht vorgenommenen Amtshandlung nicht dem Gesetz vom 19. Mai 1891: Die Consequenz dieses Gesetzes für einen Gerichtsvollzieher sei die, daß er z. B. ganze Waffensammlungen, deren einzelne Stücke keinen Prüfungsstempel haben, überhaupt nicht pfänden und versteigern dürfe. Das hier in Frage kommende Gesetz enthalte überhaupt keinen Hinweis, daß es auf einen Gerichtsvollzieher anwendbar wäre. Er habe auch gar nicht untersucht, ob die gepfäudeten Waffen mit dem Prüfungsstempel versehen seien. Der Chemiker Felsing will die Waffe nur unter der ausdrücklichen Bedingung verhandelt haben, daß sein Vater, dessen Eigenthum dieselbe war,
nicht erfolgt, der Kauf sei darum überhaupt nicht perfect geworden und müsse er deshalb frei— gesprochen werden. Der Amtsanwalt erklärte, daß der Gerichtsvollzieher auf Grund seiner hessischen Instruktion gehandelt habe, aber das verletzte Gesetz von 1891 sei Reichsrecht, welches diese Instruktion aufhebe, soweit es mit dieser collidiere. Die Sache sei aber für den Beamten milde aufzufassen und dieser daher mit Mk. 3, event. 1 Tag Gefängniß zu strafen. Der An⸗ geklagte Felsing aber habe bewußt gehandelt und müsse deshalb härter bestraft werden; gegen diesen beantrage er Mk. 25 event. 5 Tage Ge— fängniß zu erkennen. Auch bitte er die Ein— ziehung des Gewehrs auszusprechen. Das Urteil wird am Freitag, den 9. Februar verkündet werden.
Gießen, 28. Jan. Heute hatte sich Peter Vetter von Niederdorfelden wegen Jag d— vergehen vor der Strafkammer als Be— rufsinstanz zu verantworten. Das Schöffen⸗ gericht zu Vilbel, welches in erster Instanz sich um dessentwillen mit dieser Sache befaßt hatte, weil Vetter auf hessischem Gebiet die Hasen—⸗ jagd ausgeübt haben soll, war zu einer Geld— strafe in Höhe von Mk. 60 aus§ 292 d. R.⸗Str⸗G. gekommen. Die Staatsbehörden sowohl, als auch der Angeklagte verfolgten hiergegen die Berufung. Der Hauptbelastungszeuge, der be⸗ schwor, er habe den Angeklagten und einen zweiten Mann, den er aber nicht gekannt, am 4. Sept. gegen 12 Uhr Mittags jagend getroffen, zwei Schüsse gehört und gesehen, wie Vetter einen Hasen in den Sack gesteckt, ist diesem auf das Aeußerste feindlich gesinnt. Vergeblich hat er den Vetter wegen Meineid und Unterschlagung mehrfach angezeigt. Ein weiterer Zeuge hat an demselben Tage um die gleiche Zeit zwei Schüsse gehört, auch 2 Männer im Felde gesehen, die er aber nicht erkannt hat. Und endlich ist einem dritten Zeugen das Benehmen des Vetter und eines Genossen im Felde aufgefallen; er hat aber weder Schüsse gehört, noch die von ihm beob— achteten beiden Männer jagen gesehen. Wohl aber hat er Vetters Todfeind, dem Hauptbe— lastungszeugen gesagt, er möge ein Mal nach- sehen, was dieser da draußen mache. Durch 5 Zeugen weist der Angeklagte nach, daß er gegen 12 Uhr unmöglich am 5. September gewildert haben kann. Die Strafkammer hebt das er— gaugene schöffengerichtliche Urteil gegen Vetter auf und verurteilte denselben aus§ 292,293 d. R.⸗Str.⸗G. zu 6 Wochen Gefängnis wegen gemeinsamer Wilderei, indem der Gerichtshof seine Ueberzeugung ausspricht, daß der Ange— klagte zwischen 11—12 Uhr Mittags gejagt hat und die Belastungszeugen in der Zeit ihrer Wahr— nehmungen sich geirrt haben müssen.— Ferner verhandelte die Strafkammer gegen den Schneider— gesellen Heinrich Sommer von Staufenberg wegen Körperverletzung mittels eines gefährlichen
trunkenem Zustande, nachdem er vorher durch seinen Gegner gereizt worden, diesen, den Fried⸗ rich Jung mit dem Messer bearbeitet. Trotz⸗ dem der Angeklagte nicht vorbestraft ist, lautete das Urteil auf 4 Monate Gefängniß.
Gießen, 29. Jan. In der heute Vor⸗ mittag im Hotel Prinz Karl stattgefundenen Ausschußsitzung des landwirtschaft⸗ lichen Vereins für die Provinz Oberhessen wurde vom Vorsitzenden dieses Vereins, dem Grafen zu Solms-Laubach, dem Provinzial⸗ direktor Freiherrn v. Gagern in Anerkennung seiner Verdienste um die Durchführung der im Jahre 1895 stattgehabten landwirtschaftlichen Ausstellung zu Gießen die goldene Medaille nebst einem in Aquarellfarben ausgeführten, auf Pergament gemalten Diplom überreicht. Letz⸗ teres, ein Kunstblatt allerersten Ranges, schließt sich in der Zeichnung genau den bei der land⸗ wirtschaftlichen Ausstellung erteilten Diplomen an, wobei zu bemerken ist, daß die Idee hierzu vom Freiherrn v. Gagern gegeben wurde und daß es besonders die Darstellungen der althessi⸗ schen Landestrachten auf diesen sind, welche den ureigenen Gedanken des Provinzialdirektors ent⸗ stammen.
Gießen, 29. Januar. Der Vorstand der Tabaksberufsgenossenschaft hat den Herrn Louis Emmelius, in Firma Karl Emmelius in Gießen, zum Vertrauensmann für die Provinz Oberhessen und den Herrn Louis Wallen⸗ fels, in Firma Fr. Bender und Cie., zu dessen Stellvertreter ernannt.
-t. Gießen, 29. Januar. Der Bezirks⸗ Verein Nord-⸗Ost hielt gestern Abend seine Geueralversammlung im Café Leib. Der Vorsitzende, Fabrikant Hanau, erstattete den Rechenschaftsbericht. Dem Kassierer wurde Decharge erteilt. In den Vorstand wurden wieder gewählt Fabrikant Hanau, Architekt Huhn, Brauereibesitzer Foertsch, Stadtver⸗ ordneter Loeber, Metzgermeister Klein, Oeko⸗ nom Kitz und Kaufmann C. H. Roth. Neu gewählt wurden Emil Müller, Schillerstraße, und Kaufmann Ludwig Loth. Wegen der Viehmarktsfrage fand eine lebhafte Meinungs⸗ äußerung statt. g
r. Gießen, 20. Januar. Beim Spengler⸗ meister Wallschmidt in der Wallthorstraße ist der Konkurs ausgebrochen und dessen Geschäft geschlossen.— Der Spezereiwarenhändler Heinrich Wallach am Markt soll seine Zahlungen ein⸗ gestellt haben.
Gießen, 28. Jan. Gestern Abend fand in der oberen Ludwigstraße ein Zimmer⸗ brand statt, den man aber ohne Hilfe der Feuerwehr zu dämpfen verstand.
Mg. Aus Oberhessen, 29. Januar. Wir erhalten folgende Zuschrift:„Der Ausschuß der freisinnigen Volkspartei für Süd⸗ westdeutschland tagt demnächst wieder in Mann⸗
——
Ein Nosenstrauß. Aus dem Leben einer Künstlerin. Von Zoé von Reuß. (Fortsetzung.) Ich nannte die verschiedenen Orte meiner Stu⸗ dienzeit und die Namen meiner Lehrer, die ihm teilweise bekannt waren und über welche er sich in charakteristischer Weile äußerte! Damit änderte sich das Gesprächsthema allmählig— nicht das Inte— resse! Durch meine Kunst war ich, trotz meiner einundzwanzig Jahre, bereits häufig in Verkehr mit gekommen und hatte manchen interessanten Mann reden hören, aber nie— mals erinnerte ich mich solch durchdringenden Ver⸗ stand wahrgenommen zu haben, solche Reife des Urteils, gepaart mit gewinnender Liebenswürdigkeit.
N Alles an diesem Manne schien Kraft, gezügelt durch
Einsicht, Erfahrung, Wohlwollen! Selbst das un— rrgelmäßige Antlitz erschien mir plotzlich schon. Wie schade, daß mein Weg mit ihm nicht bis zur Haupt⸗ stadt ging, die sein Ziel war, ich würde seinen
erusten, wie humorvollen Worten gern noch stunden lang lauschen— am liebsten lebenslang, denn ich
hatte ein Empfinden, als ob ich plötzlich dein Manne begegnet sei, der die Ergänzung meines eigenen Seins ausmache. Man warf mir Unempfindlichkeit, Herzenskälte, Hochmut vor, nicht einmal ohne Grund.
Ich hatte schon geuug von der Welt gesehen, um zu wissen, daß die Huldigungen, welche die Männer einer Künstlerin darbringen, selten mehr sind, als ein Sonnen der- eigenen Eitelkeit. Dazu hielt ich mich für ein Gut, das seinen Preis verdiene. Darum war ich keineswegs immer liebenswürdig, wollte es nicht einmal sein. Jetzt aber wäre ich lebeusgern liebenswert erschienen, denn ich hatte das
sichere Gefühl, daß meine Schönheit bei diesem Manne zu einem bleibenden Eindruck nicht ausreichen werde, trotzdem er sie bewunderte. Und sollte er mich vergessen! Schon weil ich sicher war, immer an ihn denken zu müssen. Da sagte er zu meiner unbeschreiblichen Freude:
„Sie erwähnten, daß München das Ziel ihrer Reise sei— ist es so? Wir haben es bald er reicht. Darf ich dann übermorgen bei meiner Rück— kehr bei Ihnen anklopfen, um mich von Ihrem Wohlergehen zu überzeugen Werden Sie zu Hause sein— für mich?“
„Ja, ich werde zu Hause sein!“ sagte ich mit ziemlich verhehlter Freude, indem ich auf ein Blätt chen meines Notizbuches meine Adresse schrieb und sie ihm gab. Ich nannte ein Verwandtenhaus, das ich auf der Durchreise zu besuchen versprochen hatte. Plötzlich fiel mir ein, daß ich ja den Namen des Mannes nicht einmal kannte, den meine Augen zu mir baten— als Spiegel meines Herzens. Er hatte ihn nicht genannt, anscheinend in glücklicher Selbstvergessenheit. Ich mußte ihn doch fragen— zuvor... Sonderbar, ich empfand plötzlich Scheu. Meine Frage, so natürlich, erschien mir in meiner hochgespannten Seelenstimmung plötzlich wie ein Mißtrauen, das ihn verletzen könne. Aber es war unumgänglich. Da fiel mein Blick auf den Rosen— strauß, zwischen dessen halbwelken Blüten etwas weißes hervorleuchtet— jedenfalls ein Brief oder wenigsteus eine Karte. Sie werden mir ja Aus— kunft geben— nein, ich frage nicht!
Wenige Stunden später stand ich allein in dem Gastzimmer, das mir meine Verwandten sehr be— haglich hergerichtet hatten. Selbst ein Piano fehlte
nicht. Nach einem herzlichen aber sehr geräusch—
vollen Gedankenaustausch hatte ich mich längst nach Einsamkeit gesehnt. Der Tag war wenig unter— schieden gewesen von den anderen meines begonnenen Nomadenlebens, dennoch schien er mir unendlich in— haltreicher! Durch die Reisebekanntschaft schien er ein Markstein meines Lebens werden zu sollen! Immer hatte ich gezweifelt, gespottet, gelacht über die Eindrucksfähigkeit meiner Kolleginnen. Nun—? Sehnsüchtig, aber ohne eifriges Interesse ziehe ich die Karte zwischen den Rosen hervor und lese: Dr. Alexander Hertel, Redakteur. Aber wie ist mir denn? So hieß ja der Verfasser der einzigen ungünstigen, nein abscheulichen Kritik, deren ätzendes, nur leicht überzuckertes Gift meinen jungen Ruhm bedrohte und vielleicht meine Existenz vernichtete. Und ich war auf dem Wege, ihn zu lieben, liebte ihn schon! War alles Traum? Ich starrte wie gebannt auf das zierliche Blättchen. Verletzte Eitel— keit und Leidenschaftlichkeit halfen mir indessen zu raschem Eutschluß: ich war fest entschlossen, Doktor Hertel niemals wiederzusehen und gab meiner zu— fällig eintretenden Kammerfrau sofort Bescheid, den Herrn ein für allemal abzuweisen.
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Jahre sind vergangen.
Ermüdet, blasiert, nervös, war ich noch zu Ende der Saison in eine jener kleinen Sommerfrischen verschlagen worden, die als„Bad Salzloch“ oder „Luftkurort Heuduft“ heute wie Pilze aus der Erde schießen. Es war schon fast leer von Sommer— fremden, nur Touristen gab es in Menge. Denn mit Recht gilt der September als die beste Reise— zeit für Harzreisen. Die Fernsichten sind köstlich und die Wirte liebenswürdiger.
Holz gezimmerten, schindelgedeckten Villa und sah frühstückend den Rest der Kurgäste und Sommer— fremden auf und ab wandeln, der gewissenhaft bis zum Schluß der Saison auszuharren entschlossen war. Ihnen voran trottete mit blumenumwundenen Hörnern Prinzessin Ilse, die stattliche Harzkuh, um getreu ihrer Mission ein paar nachzügelnden bleich süchtigen Großstädterinnen das wilde, schäumende Naß ihrer Euter in die bereit gehaltenen Becher zu spenden. Das Ganze war zum Einschlafen lang— weilig, und ich gähnte unverhohlen, als mir die Postsachen gebracht wurden.
Ungeduldig öffnete ich ein mächtiges Paket. Fast vier Wochen war ich ohne Noten gewesen, meine Nerven verlangten kategorisch Ruhe, Ausspannung, Erholung. Vor drei Tagen war aber der Bade— kommissar von„Heuduft“ zu mir gekommen, um mich„ebenso respektvoll als dringend“ um meine Mitwirkung bei einer Soiree zu bitten, welche für die Ortsarmen im Kurhause gegeben werden sollte. Ich konnte es nicht wohl abschlagen. Auch war ich dem kleinen Badeorte wirklich dankbar, wenn ich in den Spiegel sah, für die„Naturschminke.“ Darum hatte ich mir das riesige Notenpaket kommen lassen und schickte mich an, meine Wahl zu treffen. Meiner grünen, poetischen Umgebung Rechnung tragend, wählte ich schnell eine Arie Agathes aus dem Freischütz. Gewohuheitsmäßig blätterte ich weiter in den lang entbehrten Noten. Da fällt mir aus einem älteren Heft ein kleiner, vertrockneter Rosenstrauß entgegen und wie mit Zauberschlag sind die letzten fünf Jahre aus meiner Erinnerung hinweggewischt! Ich stehe in Gedanken plötzlich wieder an der Seite meines Impresario, und im Anfang meiner Laufbahn als Konzertsängerin.
Ich saß auf der Veranda meiner kleinen, aus
(Fortsetzung folgt.)


