Gießen, Freitag, den 28. Angust
1896.
andeszeitun
Ausgabe
Gießen.
Redaktion:. Kreuzplatz Nr. 4.—
Erscheint täglich mit Ausnahme der Tage nach Sonn- und Feiertagen.
Preis der Anzeigen: 10 Pfg. für die Zspaltige Petitzeile.
pedition: Krenz kag Nr. 4.
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Lokales und Provinzielles. Gießen, 27. August. Der 34. Ver⸗ bandstag der hessischen Land wirtschaft⸗ lichen Genossenschaften findet Samstag 5. September d. Is., vormittags 10 Uhr be⸗ ginnend, zu Mainz im großen Saale der „Liedertafel“(Große Bleiche 56) mit folgender nor statt: 1. Jahresbericht des Ver⸗ bandsdirektors für 1895. 2. Vorlage und Ent⸗ lastung der Jahresrechnung für 1895. 3. Generalrevisionsbericht. 4. Bericht über den 12. Allgemeinen Vereinstag der deutschen landwirt⸗ schaftlichen Genossenschaften zu Stettin. Bericht⸗ erstatter Kreisrat Bichmann von Oppenheim, Nebeuberichterstatter Heinrich Hammann IV. von Biebesheim. 5. Neuwahl des Verbands⸗ direktors und seines Stellvertreters. 5. Er⸗ gänzungswahlen zum Verbandsausschuß.(Es scheiden aus durch Ablauf der Wahlperiode: den fahren un Jakob Biegler IV. in Dorndürkheim, August gafenardelkr v) Breidenbach in Dorheim, Wilhelm Grünewald haftet und a in Har eshausen, Heinrich Hammann IV. in iu Chart) un Biebesheim, Karl Hembes in Ober⸗Olm, Gustav Kammer in Bellersheim, Heinrich Keim in Wons⸗ —— beim, Gg. Fr. Fr. Ramge in Ueberau, Jakob Schmitt in Guntersblum, Philipp Stoll in Georgenhausen, Ernst Wernher in Nierstein; ferner der verstorbene Bürgermeister Jakobi in Rodheim.) Die Haftpflichtversicherung der Ge⸗ nossenschaften und der Genossen. Berichterstatter Direktor Dr. Kahlert. Rechtliche Stellung der landwirtschaftlichen Bezugsvereine nach der Konsum⸗Vereins⸗Novelle. Berichterstatter An⸗ waltschaftssekretär Dr. Thieß von Offenbach. Die Thätigkeit der milchwirtschaftlichen Versuchs⸗ station des Verbandes. Berichterstatter Vorsteher Dr. Uhl von Offenbach. Nach Schluß der Versammlung, wird ein gemeinschaftliches Mit⸗ tagessen in demselben Lokale abgehalten. a Gießen, 27. Aug. Ueber die anläßlich gugwär tigt des Radfahrerfestes am Sonntag im 97 Gießener Festsaal sich produzierenden Kunst⸗ itores fahrer Gebrüder Lippert schreibt das Wormser ö„Tageblatt“ unter Darmstadt, den 27. August ö 1894: Die Leistungen der beiden Knaben Georg und Rudolf Lippert aus Worms waren es, die das Publikum zur Bewunderung hinrissen. Es * fel zwar nicht üblich, sagte der Preisrichter, auf Kl. kapfahrerfesten Kinder zu prämiieren, indessen —ů eil das Kunstfahren der kleinen Gebrüder Lippert och so meisterhaft, daß man nicht anders könne, als
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denselben eine Auszeichnung zuzuerkennnen. Die kkleinen erhielten demzufolge die silberne Medaille. Das Publikum war enthusiasmiert und die aus bielen Orten zusammengeströmten Radfahrer überhäuften die kleinen Meisterfahrer mit Auf⸗ ede die ihnen den Tag unvergeßlich
achen werden. SGießen, 27. August. In der Straf⸗
sache gegen den Gerichts-Assessor Schimmel- pfenng, der wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt(nach Aussage des Schutzmanns Link hat er diesen im Corpshaus der Hessen angepackt und versucht die Treppe hinabzuwerfen) vom hiesigen Schöffengericht zu 150& Geld⸗ strafe verurteilt wurde, steht Ende Oktober Termin vor der Strafkammer an. Vom Ver⸗ urteilten sowohl wie von dem Vertreter der Staatsbehörde, der s. Zt. eine Strafe von 200 l. beantragt hatte, ist gegen das Urteil der Schöffen Berufung eingelegt worden.
* Gießen, 27. Aug. Zu dem gestern ge⸗ meldeten Brande in der Bahnhofstraße wird uns mitgeteilt, daß die Annahme, der Lehrling habe aus Unvorsichtigkeit das Feuer verschuldet, ganz und gar unhaltbar sei. Der Bube wird nämlich von seinem Meister als ein Mensch ge⸗ schildert, der im allgemeinen mit Licht mehr wie vorsichtig umgeht. Meister Wolf hatte von Hause aus gleich den Verdacht, daß Brand⸗ stiftung durch eine ihm feindlich gesonnene Person vorliegt. Er wolle jedoch ohne Grund Niemand beschuldigen. Heute in aller Frühe fand man auf dem Wolfschen Hofe einen Droh⸗ brief, des Inhalts, daß es in 8 Tagen wieder brennen werde, worauf der Bedrohte die Anzeige bei der Polizei erstattete. Es wäre zu wünschen, daß der ruchlose Thäter entdeckt würde.
Gießen, 27. August. Eine von jedermann leicht auszuführende Weinprobe dürfte ob der gegenwärtig stark zunehmenden Weinpantscherei allgemeine Verbreitung verdienen. Man fülle ein etwa! Glas Wein haltendes Fläschchen mit dem zu untersuchenden Wein, verschließe die Oeffnung mit dem Finger und bringe die Flasche umge⸗ kehrt in ein mit Wasser gefülltes Gefäß. Bei vollständiger Beruhigung des Wassers entferne man den Finger und lasse die Flasche in ruhiger Haltung etwa 10 bis 12 Minuten im Wasser. Letzteres saugt nach den Gesetzen der Attraktion sämtliche im Wein enthaltenen Fremd⸗ stoffe als Zucker, Farbe u. s. w. auf und der zurückbleibende Rest ist bei verfälschtem Wein reiner Essig. Vor dem Herausnehmen der Flasche muß selbstverständlich die Oeffnung wieder geschlossen werden. Der mit einem Glase„Burgunder“ ausgeführte Versuch ergab als Flaschenrest eine farblose gallertartige Masse. Reiner Wein bleibt unverändert.
* Darmstadt, 26. August. Der verdiente Münchener Anatom Professor Dr. Nikolaus Rüdinger ist in Tutzing gestorben. Am 25. März 1832 in Büdesheim(Rhein⸗ hessen) 5 studierte er in Heidelberg und Gießen Medizin und wurde 1855 Professor an der Universität München. 1870 wurde er zum ordentlichen Professor der Anatomie und zweiten Konservator der dortigen anatomischen Samm⸗ lungen ernannt. Rüdinger erfand eine neue
Konservierungsmethode, stellte vorzügliche Ner— ven⸗ und Gehörpräparate dar und benutzte als einer der ersten die Photographie als wichtiges Illustrationsmittel für anakomische Zwecke. Er veröffentlichte eine Anatomie des peripherischen Nervensystems des menschlichen Körpers, einen Atlas des peripherischen Nervensystems, einen Atlas des menschlichen Gehörorgans, eine Topo⸗ graphisch⸗chirurgische Anatomie des Menschen, Beiträge zur Anatomie des Sprachzentrums und anderer Organe ꝛc.
* Mainz, 26. August. Die Sozial⸗ demokraten entfalten eine eifrige Thätigkeit zu Gunsten der bevorstehenden Wahlen zum Landtag und Reichstag. Am kommenden Monkag findet in der Mainzer Markthalle eine Volksversammlung statt, in der der Landtags⸗ abgeordnete Ulrich, Redakteur Dr. David und Reichstagsabgeordneter Molkenbuhr sprechen werden.
Mainz, 26. August. Das Komitee für die im Jahre 1897 dahier geplante Interna- tionale Weinbau- und Weinaus⸗ stellung hat nunmehr beschlossen, die Aus⸗ stellung nicht abzuhalten; dieser Beschluß erging infolge der Erklärung des Mainzer und deutschen Weinhandels, er werde sich an der Ausstellung nicht beteiligen, da sie dem Weinhandel keinen Vorteil, sondern nur Nachteile bringen könne.
Vermischtes.
— Auch ein Druckfehler. Aus Karlsruhe schreibt man: Viel Kopfzerbrechen hat es dem Schreiber dieser Zeilen gemacht, als er dieser Tage ein aus der hiesigen Münz stätte(Münzzeicheng) hervorgegangenes neues Zweimarkstück in die Hand bekam, auf dessen Inschrift der Großherzog von Baden— mit einem ein⸗ zigen s geschrieben war. Eine Fülle von hochwichtigen Fragen drängt sich da unwillkürlich auf. Handelt es sich um einen weiteren Fortschritt unserer neuen Orthographie? Wenn nicht, dann hätten wir die interessante Thatsache, daß auch eine Stätte, die berufsmäßig mit so denkbar weitgehender peinlichen Genauigkeit arbeitet, wie eine Münz⸗ anstalt, vor dem unheimlichen Druckfehlerteufel nicht sicher ist. Was wird aber dann die Folge sein? Werden alle diese schönen glänzenden Geldstückchen des kleinen Druck⸗ fehlers wegen wieder eingezogen und der gründlichen Korrektur der Einschmelzung unterzogen? Die warschein⸗ lichste Folge wäre in diesem Falle, daß diese badische Münze von 1896 mit dem Druckfehler bei den Herrn Münzsammlern sich bald einer großen Beliebtheit erfreuen und erheblich im Werte steigen würde.
— Ein falscher Einjährig⸗Freiwilliger. Eine Täuschung der Militärbehörde zum Zwecke des rechts⸗ widrigen Dienens als Einjähriger ist einer Berliner Lokal⸗ korrespondenz zufolge jetzt zur Kenntnis der königlichen Staatsanwaltschaft gelangt. Der Sohn eines reichen Fabrikanten war in der Schule zurückgeblieben und konnte den Befähigungsnachweis zum Einjährig⸗Freiwilligendienst nicht erlangen. Die Zeit seiner Militärpflicht rückte näher, und einem Freunde, der in Berlin bei einem Rechtsan⸗
walt als Schreiber beschäftigt war, teilte er seinen Kum⸗ mer, daß er drei Jahre dienen müsse, gelegentlich mit. Der gute Freund wußte bald Rat. Er war stets ein begabter Schüler gewesen und wußte wohl, daß er, wenn er die nötigen Mittel dazu hätte, mit Leichtigkeit in Jahresfrist sich das einjährige Zeugnis holen würde. Jetzt wurde folgende Schiebung gemacht: Der Büreauschreiber meldete sich auf den Namen seines Freundes auf einem Berliner Gymnasium an, besuchte ein Jahr lang nochmals die Schule und wurde mit dem gewünschten Zeugnis ent⸗ lassen. Mit diesem aber meldete sich nun der reiche Fabrikantensohn beim Militär und diente auch, ohne daß Jemand eine Unregelmäßigkeit bemerkt hätte, bei einem Berliner Garde⸗Infanterle⸗Regiment nicht nur sein Dienst⸗ jahr ab, sondern machte auch die Reserveübungen mit. Einzelne Bekannte, denen die geringe wissenschaftliche Be⸗ fähigung des Reservisten bekannt war, erfuhren, wodurch die Berechtigung zum Einjährig⸗Freiwilligendienst erlangt wurde, und brachten den Fall zur Anzeige, nachdem sie vergeblich Erpressungsversuche bei dem Vater des„Ein⸗ jährigen“ versucht hatten. Der Reserveunteroffizier hat das Weite gesucht, während gegen den Büreauschreiber das Strafverfahren wegen intellektueller Urkundenfälschung ein⸗ geleitet ist.
— Dauer der eisernen Bahnbrücken. In England sind in den letzten Jahren eiserne Bahnbrücken ausgewechselt, um durch neue, dem gesteigerteu Verkehr ge⸗ nügende, ersetzt zu werden. Der Zustand, in dem die Objekte sich beim Abbruch befanden, giebt nach Mit⸗ teilung des Patent⸗Büreaus B. Reichhold in Berlin N. W. Luisenstraße 24 einen wichtigen Beitrag zur Frage der Dauer eisernen Brücken. So war die Hammershmith⸗ brücke in London 62 Jahre im Betrieb und fand sich in einem Zustande, der wie neu bezeichnet werden kann. Eine andere Brücke, die Bonarbrücke, welche achtzig Jahre im Gebrauch war, ist ebenfalls sehr gut erhalten. Diese Thatsachen sind um so beruhigender, als die betreffenden Brücken in Bezug auf Konstruktion und Material nicht auf der Höhe der Zeit stehen konnten. Heute weiß der Fachmann allerdings, daß eine richtig konstruierte und gut erhaltene Brücke nicht an Altersschwäche zu Grunde geht, wenn dieselbe nicht wegen Ansprüche des gesteigerten Verkehrs frühzeitig abgetragen werden muß.
— Zu der Auseinandersetzung über die Vor⸗ züge der englischen und deutschen Bahnen und insbesondere über die Durchschnittsgeschwindigkeit ihrer Züge werden nachstehende Angaben über die Schnelligkeit der Züge auf den in Berlin einmündenden Linien von In⸗ teresse sein: Ein Kilometer in der Minute oder 60 Kilo⸗ meter in der Stunde ist die Fahrgeschwindigkeit, mit der sich der D-Zug von Berlin nach Frankfurt a. M. bewegt. Er fährt 7 Uhr 40 Minuten vom Anhalter Bahnhof ab und ist 4 Uhr 30 Minuten in Frankfurt, gebraucht also 8 Stunden 50 Minuten, über 530 Minuten, um eine Strecke von 533,4 Kilometer zu durcheilen. Wer vom Anhalter Bahnhof aus sich mit dem schnellsten Zuge nach Dresden begiebt, hat 58,70 Kilometer in der Stunde zu durchfahren. Wer den schnellsten Zug von Berlin nach Magdeburg benutzt, durcheilt 54 Kilometer in der Stunde, nach Kreiensen ebenfalls 54 Kilometer, nach München 52,80, nach Bremen und Stralsund 52,20, nach Aschers⸗ leben 46,80, nach Rostock 42,60. Mehr als 60 Kilo⸗ meter in der Stunde durchfahren die schnellsten Züge der Bahnen Berlin-Köln, nämlich 60,30 Kilometer, Berlin— Posen 63 Kilometer, Eydtkuhnen 63, Stettin 63,60,
Zeitroman von Pieter Vryburg (Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Mit wachsendem Erstaunen hatte der Lauscher an der Wand dieser Rede des Goldgräbers zuge⸗ hört. Er hatte bemerkt, wie bei der Nennung von Morja's Namen dem schwarzen Tom das Blut jäh
in die bleichen Wangen geschossen war und er eine
maskierte Bewegung nach seinem Gurtmesser ge⸗
macht hatte, die für den Anderen nichts Gutes zu
bedeuten schien. Er hatte sich aber bezwungen und
Gleichgültigkeit geheuchelt. Nun entsann sich der
Deutsche auch, daß Marja's Vatersname, den er
vergessen hatte, Witborg hieß. Also auf dessen
Farm, die mithin nicht zu weit entfernt sein konnte,
war der schwarze Tom gewesen, um zu sehen, ob
alles„dicht“ war, das sollte wohl heißen, ob alle
schlefen? Was in aller Welt konnte das aber
diese Leute angehen? Waren sie hier vielleicht auf
Witborg's Grund und Boden, und war der Boer
l ein so grimmer Feind der Uitländer, daß er keinen all% Von ihnen auf seinem Lande dulden wollte?
i e das den übrigen Werten des Sprechers erkannte gung abo der Deutsche zur Genüge, wie die Dinge lagen, ut H und das bestätigte nur, was er schon in Johannes⸗ burg und nachher in Pretoria wahrzunehmen Ge⸗ legenhelt hatte: Boeren und Engländer lebten neben und nicht mit einander, sie besaßen beide
einen großen Nationalitätenstolz, der zu Reibereien
häufig Anlaß gab. Er hatte auch davon gehört, daß die Engländer, die in überwiegenden, Massen die Goldgruben bevölkerten, Einfluß auf die ihnen ungünstige Gesetzgebung des Landes zu erlangen uchten, daß sie aber außerdem auch nach der abso⸗ luten Herrschaft strebten, das hörte er hier zum ersten Mal äußern, und er wußte nicht, ob er
diesen großsprecherischen Worten des Engländers eine ernste Bedeutung beilegen sollte oder nicht. Der Boerenstaat schien ihm denn doch zu festgefügt und zu stark verteidigt, um an eine Umwälzung durch die wenig seßhaften Uitländer glauben zu können. Er sollte bald anderer Meinung werden.
Mürrisch, mit innerem Wiederstreben, hatte der schwarze Tom den ihm angebotenen Tabak— ein⸗ heimisches Erzeugnis des Boerenlandes— entgegen⸗ genommen. f
„Wir, die Herren des Landes“, sagte er mit blitzenden Augen,„ja, wenn wir es erst wären, Williams! Aber noch sind wir es nicht, noch sind wir nur Geduldete, denen man erst nach sech⸗ zehnjährigem Aufenthalt im Lande das Heimats⸗ recht gewährt. Das ist aber bei dem ewigen Kommen und Gehen unserer Landsleute gleichbe⸗ deutend mit gänzlicher Heimatslosigkeit. Wir sind immer nur die mit eifersüchtigen, mißgünstigen Blicken bewachten Fremden, und so mein Freund, — merke auf meine Rede— wird es auch wohl immer bleiben.“
„Immer bleiben?!“ schrie Williams erbost. „Und das sagst Du, ein Engländer? Ja, ja“, fügte er mit einem Umblick auf die aufhorchenden Genossen hinzu,„was nicht ein Paar schöne Weiber⸗ augen aus einem bis dahin ehrlichen Boerenfeinde alles machen können. Marja— verdammte Hexe!“
Abermals zuckte Toms Hand nach dem Gurt⸗ messer. Er sprang auf und schwang es über seinem Haupte. Williams war auch aufgesprungen. Er hatte seine Büchse gepackt bereit, dem Anderen den Schädel zu zerschmettern.
„Williams!“„Tom!“ schrieen die aufgeschreckten Genossen und sprangen hinzu, um die Gegner aus einander zu reißen.
In diesem Augenblick wurde die Thür aufge⸗ rissen, und herein trat ein Mann mit gebietender
Haltung, dem eine Anzahl uniformierter Soldaten der Chartered⸗Company nachdräugte.
„Halt, im Namen der Königin!“
Das Wort und wohl noch mehr die Erschei— nung des Fremden wirkten wie ein Zauberschlag.
Die Männer standen regungslos. Die Waffen der beiden Gegner sanken herab.
„Der Gouverneur!“ ging es mit halber Stimme von Mund zu Mund.
5. Kapitel. Der Gouverneur.
Wenn man den Mann genauer betrachtete, der da in Buschhemd, Jacke und Reithosen stand, den Calabreser auf der hohen breiten, eisenbarten Stirn, dann empfand man unwillkürlich das Gebietende dieser Erscheinung, trotzdem der Mann jedes äußeren Abzeichens seiner hohen Würde entbehrte.
Es war Dr. C. S. Jameson, Administrator von Britisch Betschuanaland, welches im Westen und Norden der Transvaal-Republik sich ausbreitet.
Das bleiche Gesicht mit den tief liegenden, tief— schwarzen Augen hatte sogar etwas unheimliches in seiner ehernen Rube. Mit hartem Griffel hatte die Natur diese Züge gezeichnet, die fast eckig er⸗ schienen. Der von einem kurzen, struppigen Schnurrbart bedeckte Mund schien nur geschaffen, um rauhe Worte herauszulassen. Das vorstehende Kinn zeugte von großer Willensstärke.
„Ist das die Art und Weise, wie Männer, Eng⸗ länder, einander begegnen, die sich zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind verschworen haben?“ sagte der Gouverneur streng.„Dann ist es besser, Ihr bleibt, was Ihr waret, die Sklaven der Boeren!“
Gemurmel des Unwillens lief durch die Schaar der Goldgräber.
„Euch fehlt die Einigkeit, der Corpsgeist, der jene so unüberwiudlich macht“, fuhr der Andere
unbekümmert fort.„Was bleibt ibnen noch zu thun, wenn Ihr Euch selber tötet? Der Kampf ist be⸗ endet, noch ehe er begonnen worden. Uneinigkeiten waren von jeher die Quelle aller Niederlagen.“
Die Goldgräber maßen den Sprecher mit un⸗ freundlichen, zum Teil feindseligen Blicken. Viele von ihnen sahen zum ersten Male den Mann, dessen Name in aller Munde war, und sie fühlten sich durch sein herrisches Auftreten in ihrem Frei⸗ heitsgefühl verletzt.
„Nun, zum Teufel, Gouverneur“, rief ein rot⸗ bärtiger Kampfhahn.„Wenn das Eure Meinung von uns ist, dann hättet Ihr besser gethan, Betschuanaland für die Boeren zu gewinnen, als uns zum Kampf gegen die Unüberwindlichen auf⸗ zufordern!“
Lärmende Zustimmung ertönte von allen Seiten. Gehässige, beleidigende und drohende Worte wurden laut. Der Tumult war unbeschreiblich. Nur der Gouverneur bewahrte seine Ruhe.
„Wer hat dazu aufgefordert?“ rief er, und seine gewaltige Stimme übertönte den Lärm.„Ihr habt Boten zu mir entsendet, die mir Eure Be⸗ schwerden und Wünsche in beweglichen Worten vor⸗ trugen. Ich empfand mit Euch die erlittenen Un⸗ gerechtigkeiten als ein freigeborener Engländer, der keinen Druck auf sich lasten fühlen kann. Ich scheute den weiten Weg nicht, um zu Euch zu kommen. Eure Sache war die Meinige. Und was finde ich? Kleinliche Streitigkeiten, persönliche Fehden, Engländer gegen Engländer! Wenn das der Aufang ist, was soll das Ende sein? Glaubt Ihr meinen Rat und Beistand entbehren zu können — gut. Wozu denn der Notschrei, wozu die Boten? Eines nur kann ich Euch sagen: Meine Augen sind so scharf wie meine Zunge. Ein Blick genügt mir, und ich kann nicht schön nennen, was ich tadels—⸗
wert finde.(Forts. folgt.)


